Das Museum der Völker (ehemals Haus der Völker) in Schwaz in der Nähe von Innsbruck, feiert dieses Jahr ein zweifaches Jubiläum: Das 25-Jährige Bestehen und den 80igsten Geburtstag seines Gründers, Gert Chesi, der sich ja mittlerweile aus dem Museum zurückgezogen und seine Sammlung der Sadt Schwaz vermacht hat. Aufgrund dieser Anlässe gab es am 22. August 2020 eine Eröffnungsmatinee vor geschätzt über 100 Gästen und die Eröffnung der Jubiläumsausstellung im zweiten Stock.

Zu dem Museum der Völker habe ich eine ganz persönliche Beziehung: Als wir es zu Beginn meiner Tribal Art-Leidenschaft Ende der 1990er Jahre besuchten, hat es mich geradezu geflasht und mein ästhetisches Empfinden beeinflusst: Seit dem mag ich bunte afrikanische Figuren, seien es Colons oder Mami Wata, und seit dem bin ich Fanboy des verstorbenen togolesischen Voodoo-Schnitzers Agbali Kossi. Im Museum der Völker habe ich das erste Mal so richtig verstanden, das traditionelle afrikanische Werke Kunst sein können. Dies vorweg, um zumindest teilweise meine Enttäuschung über die Jubiläumsausstellung zu verstehen.

Eröffnung

In den Eröffnungsreden und in Vorgespröchen wurde deutlich: Gert Chesi hatte es nicht immer leicht mit der Stadt Schwaz und deren Bürger, und diese nicht mit ihm. Was solte man auch davon halten, wenn da einer nackte Frauen fotografiert, den Jazz (der damals noch als 'Negermusik' verunglimpft wurde) und sogar Afrika nach Schwaz brachte. Dinge, die viele Schwazer nicht gebraucht hätten. Chesi hat immer angeeckt, indem er Selbstgefälligkeit und Spießertum in Frage gestellt hat  Er war und ist der positive Geist, der Mauern einreißt.

Übrigens: Selbst am heutigen Tag gab es eine Kontroverse um den mittlerweile als Professor gerehrten Gert Chesi. Es wurde aus politischen Kreisen heftig kritisiert, dass auf dem Plakat für seine Fotoausstellung eine nackte Frau zu sehen war. Laut Chesi war ein Hauptpunkt der Kritik, dass es sich um eine ''schwarze' Frau handelt, denn: "Eine schwarze Frau könne ja gar nicht wissen, auf was sie sich da eingelassen hat". Sollte diese Aussage stimmen, wird deutlich, welch unterschwelliger Rassismus auch in Gut-Mensch-Kreisen herrscht, in denen das Bild des naiven Afrikaners verinnerlicht ist. Mich erinnert dies an die Missionarstätigkeit in den Kolonien. Da wurden die Afrikaner ebenfalls als brav, gut und fürchterlich naiv dargestellt. Die unschuldigen Kinder Gottes, die die starke und gütige Hand des Missionars benötigen.

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1 Eröffnung mit Jazz

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2 Museumsdirektorin und Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler; Bürgermeister Hans Lintner, der Chesi seit Jahren unterstützt hat; Gert Chesi

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3 Gert Chesi

Die Jubiläumsausstellung 

Die Jubiläumsausstellung fand im großen Raum im 2. Stock statt, der ab jetzt Prof. Gert Chesi Saal heißt. Ich war sehr neugierig auf die Ausstellung, da die Kuratorin Lisa Noggler-Gürtler bereits bewiesen hat, dass sie eine vorzügliche Ausstellungsmacherin ist. Siehe z.B. die Ausstellung Unvergessen machen zum Thema Begräbniskultur, bei der Parallelen zwischen verschiedenen Kulturen aufgezeigt und auch Beispiele aus Tirol integriert wurden.

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Das Schaudepot

Wenn man den großen Prof. Gert Chesi-Saal betritt, fällt als erstes ein 'Schaudepot' auf. Auf einer ganzen Seite sind unzählige afrikanischen Objekte, die Gert Chesi gesammelt hat, dicht an dicht zum Teil durcheinander in Regalen platziert. Zwar sind manche Themengruppen zusammengefasst, ich habe aber keinen roten Faden erkennen können, z.B. ein chronologische Aufbereitung der Sammlungstätigkeit. 

In meinen Augen erhalten die Werke, die keinen Raum zum Atmen haben, eine Art Ramsch-Charakter. Man entzieht ihren ihre individuelle ästhetische Anmutung, macht aus Kunstobekten gesichtslosen Trödel. Wenn ich nur daran denke, wie großartig der melancholische Blick der Baule-Maske ist, die eines der Ikonen des Museums war. Jetzt hängt sie seitlich und geht unter (Foto 18).

Ich habe Verständns dafür, wenn es bei Sammlern zu Hause oder in Museumsdepots so aussieht, weil man die überbordende Menge nicht mehr bewältigen kann - in meinem 'Sammlerzimmer' sieht es genauso aus. Oder wenn ein Flohmarkthändler die Dinge so 'arrangiert', weil er auf die Gier des Käufers spekuliert, im Chaos Funde zu machen. Wobei man auf dem Flohmarkt nah an die Objekte heran kann, was einem hier durch eine Absperrung vorenthalten wird. Aber als Herzstück einer Museums-Ausstellung? 

Fragt sich nach dem Warum dieser Präsentation. Bestenfalls kann man sagen, dass es dadurch gelingt, viele Schätze von Gert Chesi auf engem Raum zu präsentieren. Für mich sah es eher danach aus, als würde man im Museum den Abgesang auf eine Epoche anstimmen: 

  • Dass ein Museum der Völker in der heutigen Zeit nicht mehr die Aufgabe hat, anhand von Objekten Besucher zu begeistern und kulturelles Wissen zu vermitteln und auch junge Menschen an Kunst und Kultur heranzuführen. Sondern dass es eher um angeblich gesellschaftsrelevante Diskurse geht. Und dass Sammler sowieso von Gestern sind.
  • Aber auch, dass die Zeit eines Gert Chesi mit seinem offenen Blick und der Faszination für fremde Kulturen vorbei ist. Weg mit der Deutungshoheit der alten weißen Männern, hin zu... Ja, hin zu was? Das konnte ich leider nicht erkennen.
  • Und ich möchte nicht darüber nachdenken, was diese Präsentation darüber aussagt, was man von den afrikanischen Handwerkern und Künstlern hält, die diese lieblos ausgestellten Werke angefertigt haben.
  • Ein weiterer Gedanke: Warum zeigt man diese Ausstellung überhaupt? Wenn man mit der Vorepoche abrechnen möchte, kann man doch einfach die Tür verschließen und den Schlüssel wegwerfen. Dies käme billiger.

Eines der vielen Sinnbilder für diesen Teil der Ausstellung waren für mich die Nok-Figuren, die sich seit einigen Jahren in der Sammlung Schell befinden und als Leihgabe zu sehen waren: Eingesperrrt in Transportkisten versuchen manche scheinbar zu entkommen, während andere bereits resignativ aufgegeben haben.

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8 Die Baule-Figuren waren mal Stars des Museums

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10 Die Ewe-Gruppe von Adima Kokou

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15 Wurden von mir nachträglich aufgehellt, In Wirklichkeit gehen sie im Dunklen unter

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16 Was sollen die Zettel? Verkaufsausstellung? Leichenhaus?

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18 Die ikonische melancholische Maske der Baule. So seitlich aufgehängt, dass sie ja auch keine ästhetische Wirkung entfalten kann.

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21 Eine Maske ist der obere Teil eines Kostüms. Was hat dann so eine mächtige Maske auf dem Boden verloren?

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23 Gefangene Figuren der Nok

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24 Eine Nok will entfliehen

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25 Resignierte Nok

Studentische Ausstellung

Wenn ich es richtig verstanden habe, haben Studenten eine Art Zelt im Saal bespielt. Effektvoll ausgeleuchtet, habe ich mich gefagt, warum man einer für den Kunst- und Touristenmarkt hergestellten Benin-Bronze diesen prominenten Platz einräumt und warum der Pfosten im Stil von Olowe von Ise den Betrachter nicht anschauen darf.

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Gert Chesi und Albert Schweitzer

Ein weiterer Teil der Ausstellung befasst sich mit dem Aufenthalt von Gert Chesi Ende der 1960 bei Albert Schweitzer in Lambaréné.

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28 Maske die Albert Schweitzer darstellen soll

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Bücher von Gert Chesi

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31 Baga/Afrika und Indonesien

Rückblick auf die Sonderausstellungen im Museum der Völker

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Ich kann zum Abschluss nur hoffen, dass diese Ausstellung nicht als Dauerausstellung konzipiert ist und dass das Team um Lisa Noggler-Gürtler schon bald zu seiner unzweifelhaft vorhandenen Fähigkeit zurückkehrt, erstklassige Ausstellungen zu konzipieren.

Fotos: Ingo Barlovic

Zu meinem YouTube-Video über die Ausstellung: https://www.youtube.com/watch?v=6OwfGnH7I6A

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Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Jubiläumsausstellung 25 Jahre Museum der Völker-Bericht und eigene Fotos; Ingo Barlovic; 2020; https://www.about-africa.de/auktion-messe-galerie-ausstellung/1257-jubilaeumsausstellung-25-jahre-museum-der-voelker-bericht-und-eigene-fotos

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