Univ.Prof. i.R. Dr. Helmut Eberhart vom Wissenschaftlichen Kuratorium des Museums der Völker in Schwaz hat mir zu meinen kritischen Berichten (zum Fotobericht; zum Video) zur Jubiläumsausstellung 25 Jahre Museum der Völker eine Stelllungnahme gesendet mit der Bitte, sie auf about africa zu veröffentlichen, Dieser Bitte komme ich natürlich sehr gerne nach, da es soch lohnt, über die Zukunft dieses Museums und auch über die Zukunft von Museen in diesem Bereich überhaupt nachzudenken und sich auch kritisch auszutauschen.

Sehr geehrter Herr Barlovic!
Sie haben am 22. August d.J. eine Besprechung der Jubiläumsveranstaltung in Schwaz zu Ehren von Gert Chesi und aus Anlass des 25jährigen Bestehens des Museums der Völker ins Netz gestellt. Ihre grundsätzliche Kritik an der Ausstellung veranlasst mich doch zu einer Stellungnahme, nicht zuletzt auch als Mitglied des Wissenschaftlichen Kuratoriums des Museums.
Ich denke, dass die Ursache für Ihre negative Darstellung der dem Sammler Gert Chesi gewidmeten Ausstellung bereits aus Ihren einleitenden Zeilen herauszulesen ist. Hier tritt aber auch das grundsätzliche Missverständnis zu Tage, das Sie offenbar durch den Gang der Schau begleitet hat. Sie bezeichnen sich selbst als Liebhaber afrikanischer Kunst und vertreten die Meinung, dass Sie erst im Museum der Völker verstanden hätten, dass „… afrikanische Werte Kunst sein können.“ Nun, dass bestreitet heute ohnehin kein vernünftiger Mensch. Auch KennerInnen der europäischen Kunstgeschichte wissen um den starken Einfluss traditioneller afrikanischer Kunst auf die europäische Szene. Dieser Einfluss ist auch schon seit mehr als 100 Jahren sichtbar. Denken wir nur an Picassos Schlüsselgemälde Les Demoiselles d’Avignon aus dem Jahre 1907. Es wird als Wendepunkt in der Geschichte der abendländischen Malerei bezeichnet. Picasso verlieh den Gesichtern der Frauen Züge aus unterschiedlichen Kulturen u.a. ist auch deutlich eine afrikanische Maske zu erkennen! Doch afrikanische Kultobjekte als Kunst zu sehen, ist nur eine Seite der Medaille. In erster Linie sind es Objekte des alltäglichen bzw. des rituellen Gebrauchs in den verschiedensten afrikanischen Gesellschaften. Und so sind sie auch heute in den verschiedensten Völkerkundemuseen (um hier bei diesem veralteten Begriff zu bleiben) zu behandeln und auszustellen. Dies unterscheidet diesen Museumstyp auch von Kunstmuseen, wo immer wieder Objekte außereuropäischer Kulturen als reine Kunstobjekte mit europäischer Kunst dargestellt werden.
Nur: Ist das Museum der Völker ein Kunstmuseum? Die klare Antwort heißt: Nein!
Diese Antwort bedeutet natürlich auch einen sehr spezifischen Zugang zum Thema bzw. zur Sammlung Chesi und damit auch zur Ausstellung. Wie sollten Lisa Noggler und ihr Team also an das Thema herangehen? Einzelne Highlights hervorholen und in ihrer künstlerischen Bedeutung betonen? Ich bin überzeugt, dass dies der falsche Weg gewesen wäre! Sie schreiben in Ihrer Kritik, dass Sie Verständnis dafür haben, „wenn es bei Sammlern zu Hause oder in Museumsdepots so aussieht …“ Damit treffen Sie ohnehin den Punkt und sprechen der Ausstellung ein unbewusstes Lob aus: Der Charakter der Schau sollte genau dies spiegeln. Die Ausstellung nennt sich ja auch „Schaudepot“. Ich bin selber Sammler und weiß, wie es bei Sammlern oft aussieht. Nun, eine Schau, die Gert Chesi zum 80sten Geburtstag gewidmet ist, tut gut daran, einmal das Thema „Sammeln“ in die Öffentlichkeit zu übertragen und genau das hat das Museumsteam wunderbar geschafft! Die Materialfülle ist es, die Objekte von hohem künstlerischem Wert neben scheinbar banalen Gegenständen des Alltags zeigt und damit ein buntes Kaleidoskop der Kulturen bietet. Hier Ramschcharakter zu vermuten, wie Sie dies tun, geht völlig am Sinn der Darstellung vorbei. Bewusst sollte hier ein wissenschaftliches Kontextualisieren vermieden und die Sammlung als solche in ihrem Eigenwert dargestellt werden. Dass die Ausstellungsmacher sich dennoch von aktuellen wissenschaftlichen Zugängen nicht ganz frei machten und der aktuellen Provenienzforschung Platz gaben, spricht für sie!
Sie stellen die Frage nach dem Warum dieser Präsentation und beantworten diese Frage mit der Feststellung, dass es für Sie eher danach ausgesehen hat, „als würde man im Museum den Abgesang auf eine Epoche einstimmen“. Ich will im Einzelnen auf Ihre Punkte eingehen und Sie jeweils zitieren:

1. „Dass ein Museum der Völker in der heutigen Zeit nicht mehr die Aufgabe hat, anhand von Objekten Besucher zu begeistern und kulturelles Wissen zu vermitteln und auch junge Menschen an Kunst und Kultur heranzuführen. Sondern dass es eher um angeblich gesellschaftsrelevante Diskurse geht. Und dass Sammler sowieso von Gestern sind.“
Nun, eine Aneinanderreihung von ästhetisch hochwertigen Objekten ohne Kontextualisierung ist in einem einschlägigen Museum heute tatsächlich indiskutabel. Was sollen die Objekte zeigen, wenn sie nicht dazu dienen, eine Geschichte zu erzählen. Ein gutes Beispiel ist das Wiener Weltmuseum, in dem man sich entschlossen hat, viele Objekte jeweils mit ihrer Sammlungsgeschichte zu verknüpfen. Aus diesem Zugang ist eine spannende Erzählung geworden. Eine andere Erzählung könnte auch den alltäglichen bzw. den rituellen Gebrauch von Sammlungsbeständen erzählen. Dass man dabei auch einen allfälligen ästhetischen Wert sichtbar machen kann, dem ist ja nicht zu widersprechen … nur das alleine ist tatsächlich eine museologische Auffassung des 19. Jhs., wo man in einschlägigen Museen europäische Volkskunst als Vorbilder für das Kunsthandwerk präsentierte und noch dazu außereuropäischen Kulturen oft noch die Fähigkeit zur künstlerischen Ausdrucksweise absprach!

2. „Aber auch, dass die Zeit eines Gert Chesi mit seinem offenen Blick und der Faszination für fremde Kulturen vorbei ist. Weg mit der Deutungshoheit der alten weißen Männer, hin zu … Ja, hin zu was? Das konnte ich leider nicht erkennen.“
Dazu folgende Worte: Die Zeit für einen offenen Blick ist Gott sei Dank nicht vorbei. Gerade der offene Blick hilft uns, die „Deutungshoheit der alten weißen Männer“ zu verhindern. Unter dieser Deutungshoheit hatten Generationen von „Nicht-Europäern“ genug zu leiden. Sie fragen „Hin zu was?“ Die Antwort liegt auf der Hand!! Es gibt inzwischen in allen afrikanischen Ländern genügend WissenschaftlerInnen, die die eigene Kultur besser zu deuten verstehen, als wir dies können. Das sollten Sie einfach nur zur Kenntnis nehmen. Wir können selber auch deuten, vor allem, wenn es um die historischen Beziehungen der Menschen in diesen Ländern zu Europa geht. Aber daraus eine Deutungshoheit abzuleiten, wäre einfach völlig daneben. Ja, diese Zeit ist vorbei …

3. Und ich möchte nicht darüber nachdenken, was diese Präsentation darüber aussagt, was man von den afrikanischen Handwerkern und Künstlern hält, die diese lieblos ausgestellten Werke angefertigt haben.
Sorry, aber diese untergriffige Äußerung ist nun völlig daneben! Sie unterstellen damit dem Museumsteam, es würde afrikanische Handwerker und Künstler und damit wohl AfrikanerInnen generell geringschätzen. Dies beinhaltet einen unterschwelliger Rassismusvorwurf, der sich wohl selbst richtet.

4. Ein weiterer Gedanke: Warum zeigt man diese Ausstellung überhaupt? Wenn man mit der Vorepoche abrechnen möchte, kann man doch einfach die Tür verschließen und den Schlüssel wegwerfen. Das käme billiger.

Gottlob entwickeln sich Wissenschaft und damit die entsprechenden Museen weiter. Es ging und geht nicht darum, mit der „Vorepoche“ abzurechnen! Vielmehr geht es darum, unseren eigenen Umgang mit Museumsobjekten immer neu zu hinterfragen und zu prüfen, ob die erzählten Geschichten (wenn sie überhaupt existieren) noch der realen Lebenswelt der Betroffenen entsprechen oder je entsprochen haben. Würde man heute noch, wie einst, in „Völkerkundemuseen“ der ästhetischen Reduktion frönen und Dinge nur nach diesem Gesichtspunkt ausstellen, wäre dies tatsächlich ein Grund, den Schlüssel wegzuwerfen ….

Nein, das Museum der Völker hat absolut keinen Grund, den Schlüssel wegzuwerfen! Wie aktuell und auch international im Trend liegend das Haus in Schwaz mit seinen Beständen umgeht, zeigt ein Blick über die Grenzen: Vor wenigen Tagen eröffnete das Kölner Rautenstrauch-Joest-Museum die Ausstellung „Die Schatten der Dinge #1“ und beginnt damit, die Geschichte der eigenen Sammlung zu hinterfragen. In der Ausstellung zu Ehren Chesis zeigt das Museum der Völker eine eigene Abteilung unter dem Motto „Die langen Schatten der Provenienz“!! Aktueller kann man nicht sein … Wenn Sie abschließend die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Objektzusammenstellung im Zelt stellen, so hätte ein genauerer Blick auf die Texte bei der Beantwortung Ihrer Frage geholfen.

Auch jenseits des Atlantiks beginnt man die Sammlungen zu hinterfragen und schließt sich dem internationalen Diskurs an: Das Metropolitan Museum in New York zeigt mit einer neuen Ausstellung die Notwendigkeit des kritischen Zugangs zu den eigenen Beständen und bezieht sich dabei auch auf den Umgang mit der kolonialen Vergangenheit des Westens und somit auf die Geschichte eines Teiles seiner Bestände. Vor diesem Hintergrund war die Schwazer Präsentation mit einer enormen Objektfülle verbunden mit einer kleinen kritischen Abteilung der richtige und aktuellste Weg, dem Sammler und dem Museum gerecht zu werden.

Abschließend möchte ich festhalten, dass die Ausstellung der Präsentation einer Sammlung auf ihre originelle Art absolut gerecht wird. Gerade ein für seine Widerspenstigkeit bekannter Mann wie Gert Chesi kommt hier auch gut rüber. Was er selber geleistet hat, ist ja ohnehin in zahlreichen Ausstellungen dokumentiert, ebenso im Hochglanzmagazin „A4“. Ich habe sowohl mit Gert Chesi (Indonesische Textilien, 2012) als auch mit Lisa Noggler („Richtig guter Stoff“, 2019/20) Ausstellungen gemacht. Jede dieser Ausstellungen hatte ihre Zeit und ihre Richtigkeit, so unterschiedlich sie auch waren.

Noch ein ergänzender Kommentar: Sie schreiben zu Beginn, dass es am Eröffnungstag eine Kontroverse um Chesi gegeben hätte und er für das Plakat seiner Fotoausstellung kritisiert worden wäre, das eine schwarze Frau nackt zeigt. Sie zitieren Chesi, der die Kritik mit den Worten wiedergab, dass „eine schwarze Frau (…) ja gar nicht wissen (könne), auf was sie sich da eingelassen hat“. Zurecht üben Sie an dieser Auffassung Kritik, wenn sie denn so gefallen ist, was sie ja auch selbst hinterfragen. Allerdings geht es um einen ganz anderen Punkt: Zweifellos sind die Fotos hochästhetisch und zweifellos hat die afrikanischen Frauen niemand zu diesen Aufnahmen gezwungen. Aber: Darum geht es gar nicht. Wir müssen einfach darüber nachdenken, ob die Fotos mit einem gegenwärtigen Blick nicht etwas fortschreiben: Nämlich den alten fotografischen Blick der europäischen Reisenden des 19. und frühen 20. Jahrhunderts, die zahlreiche Abbildungen von meist (halb-) nackten Frauen mit nach Hause brachten. Die frühen Expeditionsberichte und Museumsarchive sind dafür ein beredtes Zeugnis. Und damit sind wir auch bei einem dunklen Kapitel afrikanischer Kolonialgeschichte. Keinesfalls will ich dem von mir sehr geschätzten Gert Chesi dieses Gedankengut unterstellen, es gilt aber, sich mit dieser Frage auseinanderzusetzen. Vielleicht hätte auch hier eine entsprechende Kontextualisierung der Bilder mancher Kritik den Wind aus den Segeln genommen.

Graz, 20. September 2020

Für das Wissenschaftliche Kuratorium:

Univ.Prof. i.R. Dr. Helmut Eberhart
Institut für Kulturanthropologie und Europäische Ethnologie
Universität Graz

Vielen Dank an Univ.Prof. i.R. Dr. Helmut Eberhart.

Autor
Univ.Prof. i.R. Dr. Helmut Eberhart
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Stellungnahme von Univ.Prof. i.R. Dr. Helmut Eberhart zu dem Bericht über die Jubiläumsausstellung 25 Jahre Museum der Völker in about africa; Univ.Prof. i.R. Dr. Helmut Eberhart; 2020; https://www.about-africa.de/auktion-messe-galerie-ausstellung/1277-stellungnahme-von-univ-prof-i-r-dr-helmut-eberhart-zu-dem-bericht-ueber-die-jubilaeumsausstellung-25-jahre-museum-der-voelker-in-about-africa

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