Ein Besuch in Ulm ist ein Erlebnis. Die ehemalige Reichsstadt, die viele nur als ICE-Station kennen, bietet nicht nur eine schöne Altstadt und das Ulmer Münster, die Kirche mit dem höchsten Kirchturm der Welt. Sondern auch das Ulmer Museum, dessen Qualität einen staunen lässt. Es hat großen Raum für Sonderausstellungen, der auch vorzüglich genutzt wird. Aktuell wird noch bis zum 12.07.2015 ein monumentaler Flügelaltar gezeigt, der sich in der Stiftskirche St. Michael zu den Wengen befand.

Und es beinhaltet eine permanente Ausstellung mit Kunst der Spätgotik, Beispiele der Ulmer Möbelproduktion und des Uhrmacher- und Goldschmiedehandwerks, sowie moderner Kunst. Zusätzlich ist es über eine Brücke mit der kunsthalle weishaupt verbunden, die eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Werke zeigt.

Dem ethnologisch Interessierten liefert das Ulmer Museum zwei Highlights: Zum einen der sich in der umfangreichen archäologischen Abteilung befindende Löwenmensch, eine über 35.000 Jahre alte Mensch-Tier-Plastik aus Mammutelfenbein. Sie wurde im Lonetal gefunden, weniger als 30 Kilometer von Ulm entfernt. Mehrfach aufwändig restauriert gehört sie zu den bedeutendsten und eindrucksvollsten Steinzeit-Funden überhaupt.

Um zum anderen, gelegen in zwei kühlen Räumen, die Kunst- und Naturalkammer des Ulmer Kaufmanns Christoph Weickmann. Der 1617 in Ulm geborene und im gleichen Ort 1681 verstorbene Weickmann stellte ab 1653 eine Kunst-und Naturalkammer zusammen - eine der letzten erhaltenen Beispiele für bürgerliche Sammeltätigkeit in Deutschland aus dem 17. Jahrhundert. Darin befinden sich - neben Naturalia - Arbeiten, die zu den ältesten bekannten Werken aus West-Afrika gehören. Der Katalog dazu wurde 1659 veröffentlicht.

Das erste Stück, das man sieht, wenn man den Aufzug verlässt, ist eine Tunika, ein Männergewand, heute bekannt als Boubou. Fast neu sieht es aus - und das bei einem Alter von über 350 Jahren. Zusammen mit einem weiteren Ulmer Gewand ist es laut Adam Jones das älteste in Afrika südlich der Sahara angefertigte Kleidungsstück, das die Zeit unbeschadet überstanden hat.

Wohl von dem Augsburger Patrizier Abraham Haintzel erworben, sticht im kleinen zweiten Raum vor allem ein vielfach publiziertes Orakelbrett hervor, das von manchen Fachleuten dem Ifa-Kult der Yoruba zugeschrieben wird. Es stammt wohl aus Ardra, einem Königreich in der heutigen Republik Benin mit der Hauptstadt Allada, damals bewohnt von den Aja und den Fon. Ardra stand unter der Herrschaft der Yoruba.

In einer sorgfältigen Stilanalyse zieht Enzo Bassani bzgl. der umlaufenden Bänder und dem geschnitzten Vogel, der eine Schlange pickt, Parallelen zur Yoruba-Ikonografie. Andererseits erinnert die Darstellung einer Frau, die eine Schüssel über ihrem Kopf trägt (linke Seite des Brettes), mit ihrer strengen Geometrie an Figuren der Ewe. Solche Figuren wurden zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Tokpli Region in Togo gesammelt.

Bassani stellt die Hypothese auf, dass es bereits früh regen interkulturellen Austausch zwischen den Aja und den Yoruba gab, der dann aber über Togo hinaus sogar noch bis in die Fanti-Region in Ghana reichte. Denn dort finden sich Vergleichsobjekte. Ein früher Beleg für Monica Visonàs Aussage aus der african arts 4/1987: "Interaction, not isolation seems to characterize much of the production and distribution of traditional art forms."

Von herausragender Qualität sind die 5 Elfenbeinlöffel mit Tierdarstellungen - in der Literatur sind solche Kunstwerke bekannt als afro-portugiesisches Elfenbein. Frühe Auftragsarbeiten, die wohl bereits  im 16. bzw. Anfang des 17. Jahrhunderts nach Europa kamen.

Zu den weiteren Höhepunkten gehören ein altes Raphia-Gewebe, Schmuck und Waffen.

 

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Der Löwenmensch nach Abschluss der Restaurierung 2013 in drei Ansichten Landesamt für Denkmalpflege im RP Stuttgart/Ulmer Museum Foto: Yvonne Mühleis
Ifa-Brett AB 1486 Foto: Bernd Kegler, Ulm
Afrikanisches Männergewand Tunika Vorderseite Sammlung Weickmann D 41 Foto: Oleg Kuchar, Ulm
5 Elfenbeinlöffel mit versch. Tierdarstellungen Foto: Armin Buhl, Ulm
Armreifen Foto: Bernd Kegler, Ulm
Kalebassenflasche mit Streifen von Palmrippen umflochten Foto: Ingeborg Schmatz, Ulm
Raphiaplüschdecke Vorderseite_AV D.48 Foto: Bernd Kegler, Ulm

 

Ulmer Museum 
Marktplatz 9 
89073 Ulm 
Tel. 0731/161 43-30 


Die Informationen zu Christoph Weickmann stammen aus dem Ulmer Museumsführer 'Kunst- und Naturalkammer des Christoph Weickmann', Text von Michael Roth

Enzo Bassani veröffentlichte seine Stilanalyse des Orakel-Brettes (u.a.) in: R. Abiodun, H.J. Drewal, J. Pemberton III - The Yoruba Artist, Smithsonian 1994

Adam Jones liefert eine sorgfältige Beschreibung der Exponate aus Afrika im Ulmer Museum in: african arts, 2/1994, S. 28-43.

Informationen zu den Männergewänden gibt es im Ausstellungskatalog Gewebte Identitäten. Afrikanische Textilien und Fotografien aus den Sammlungen und Weickmann 

Vielen Dank an Antonia Buning, Öffentlichkeitsarbeit und Museumspädagogik im Ulmer Museum, für die Fotos und weitere Informationen

 

 

 

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Die Kunst- und Naturalkammer des Christoph Weickmann im Ulmer Museum; Ingo Barlovic; 2015; https://www.about-africa.de/auktion-messe-galerie-ausstellung/490-die-kunst-und-naturalkammer-des-christoph-weickmann-im-ulmer-museum

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