Einführung in das Thema: Aufruf zur Diskussion zur Sammlung Reinhard Klimmt in Osnabrück und deren Rezeption

Die deutsche Szene für afrikanische Kunst liefert sogar der Zeitschrift Focus Gesprächsstoff: In der Ausgabe 26/2010 wird die aktuelle Ausstellung der Sammlung von Reinhard Klimmt unter dem Titel „Das ist ein peinlicher Witz“ geradezu abgewatscht.

‚Untermauert’ von Aussagen u.a. von Galerist Henricus Simonis, Autor Udo Horstmann, Sammler Jean Paul Barbier-Mueller oder dem Züricher Galeristen Patrick Fröhlich wird der Ausstellung des ehemaligen Verkehrsministers, die derzeit in Osnabrück Station macht (150 Figuren, Masken, Kopfbedeckungen und Türen; es folgt u.a. St. Petersburg), unterstellt, sie würde viele Fälschungen und Kopien enthalten.

Eine Kurzfassung des Artikels war zu finden unter:

http://www.focus.de/magazin/kurzfassungen/focus-26-2010-experten-stufen-afrikanische-kunstobjekte-aus-klimmt-sammlung-als-faelschung-ein_aid_523901.html

[Leider ist der Artikel nicht mehr verfügbar. Deshalb hier einige Zitate aus o.g. Artikel:

Ohne Angabe der Quelle: "...unter anderem ... Balafonspieler und eine Ambete aus Gabun ... dass allein diese beiden Stücke einen Wert von mehreren Millionen Euro hätten..."

Henricus Simonis: "Wäre nur die Hälfte ... echt, ... eine der wertvollsten Sammlungen der Welt."

Udo Horstmann: "... Frechheit ... solche plumpen Fälschungen ... peinlicher Witz ... billige Flohmarkstücke"

Jean Paul Barbier-Mueller: " nicht Kunstwerke, sondern Spaß"

Klimmt: "Neidhammel", "Er verfüge über ein „geübtes Auge“ und befolge beim Kauf den Rat von Spezialisten."]

Nachtrag der Red.: Ah, Kurzversion des Artikels doch noch gefunden:
http://www.focus.de/politik/deutschland/deutschland-das-ist-ein-peinlicher-witz_aid_524192.html (Autorin: FOCUS-Redakteurin Katrin Sachse)

Dieser Artikel sollte Anlass sein, nicht nur über die Ausstellung, sondern auch über das Klima innerhalb der deutschen Szene nachzudenken.

Aus diesem Grund wird hier ein Aufruf gestartet: Schreiben Sie uns Ihre Meinung zu der Ausstellung und zu ihrer Rezeption, damit sie auf der about-africa Site veröffentlicht wird. Überlassen Sie die Diskussion nicht alleine an Auflage und Schlagzeile orientierten Journalisten, die sich darauf verlassen müssen, dass stimmt, was ihnen eingeflüstert wird.

1. Beitrag

Es lag etwas in der Luft: Mehrmals wurde ich als Saarländer darauf angesprochen, der ehemalige saarländische Ministerpräsident Reinhard Klimmt würde in seiner von Steuergeldern unterstützen Ausstellung seiner Sammlung ("Habari Afrika. Schönheit und Magie in der Kunst Afrikas") in Osnabrück auch Kopien und Fakes zeigen. Nun ist solcher Insidertalk üblich in unserer Szene und nichts Besonderes: So gut wie jedem Sammler wird von anderen Sammlern unterstellt, er hätte auch Fälschungen unter seinen Stücken. Da aber meistens niemand fundiert nachweisen kann, ob ein Stück wirklich im Kult genutzt wurde oder nicht, sind solche Aussagen äußerst unverbindlich: Wer möchte sich beispielsweise öffentlich mit einem Galeristen (vor Gericht) anlegen, in dem er ihm den Verkauf von Fakes unterstellt?

Doch diesmal verlief es anders: Klimmt muss für seine Ausstellung öffentliche Prügel einstecken. Unter dem Titel „Das ist ein peinlicher Witz“ hat der Focus einen zweiseitigen Artikel veröffentlich, in dem er an der Ausstellung kein gutes Haar lässt: „Die Ausstellung ist ein peinlicher Witz. Das meiste sind billige Flohmarktstücke, keine 100 Euro Wert“ lässt sich darin Udo Horstmann vernehmen. Dazu blasen Galeristen, Händler und Museumsleute wie Simonis, Barbier-Mueller oder auch Patrick Fröhlich in das gleiche Horn - wenn auch etwas dezenter.

Dass es dem Focus nicht darum ging, mit diesem Artikel eine seriöse Diskussion zur Authentizität afrikanischer Kunst loszutreten, ist klar. Ihm ging es darum, mit Hilfe von pointierter Aussagen von Kronzeugen Aufsehen zu erregen – schließlich sind an diesem Skandal? echte Prominente beteiligt - neben Klimmt auch Altkanzler Gerhard Schröder, Schirmherr der Ausstellung.

Fragt sich aber: Welche Schlussfolgerungen zieht ein Sammler daraus? Ist er froh, dass ‚weiße Ritter’ eine Schlacht um Authentizität schlagen? Oder wundert er sich über diese öffentliche Schlammschlacht, die das Klima der Szene mal wieder so richtig schön vergiftet?

Natürlich kann Klimmt ein gewisses Maß an ‚Naivität’ unterstellt werden: So war er der Meinung, es würde als Authentizitätsbeleg reichen, wenn er von Händlern und manchen ausländischen Experten Echtheitsbestätigungen von Stücken erhält und die Sammlung von Till Förster [Ethnologieprofessor und Direktor Zentrum für Afrikastudien in Basel, wissenschaftlicher Mitarbeiter bei Ausstellung und Katalog] begutachten lässt, ohne vorher weitere maßgebliche Player der Afrika-Szene zu befragen.

Nur: Wer sollen diese Player sein? Anbieter mit monetärem Eigeninteresse wie Simonis oder Fröhlich? Eine schillernde Figur wie Udo Horstmann, Händler, Sammler, Tausendsassa mit guten Kontakten zu Museen?

Museumsleute, die sich davor hüten würden, sich mit einem Galeristen anzulegen – wer möchte schon Rechtsstreitigkeiten?

Afrika bereisende Händler, denen eh unterstellt wird, sie würden nichts mehr qualitativ Hochwertiges aus Afrika bringen können - auch wenn sie wohl mehr Echtes und Falsches gesehen haben als die meisten Galeristen und Wissenschaftler. Oder gar Sammler, die fürchten müssen, dass sie als nächstes vom Schwert irgendeines Scharfrichters getroffen werden?

Kurz: Es fehlt zumindest in Deutschland eine anerkannte Instanz, die man fragen könnte und deren Urteil Gewicht hat (David Zemanek ist dafür noch zu jung und braucht noch seine Zeit).

Daneben glaubte Klimmt, er würde für eine Handvoll Tausend Euro Stücke erwerben können, die anderswo eine Million kosten. Wie kann er nur? In einem Markt, der die Preise nicht nur über Qualität, sondern mehr noch über die Provenienz (des Sammlers, der Galerie) definiert, kann diese Aussage gar nicht stimmen – sonst würde das ganze Preisgefüge aus den Fugen geraten.

Und schließlich nahm er wohl an, die deutsche Afrika-Szene hätte auf eine Ausstellung von ihm, unterstützt durch Steuergelder, nur gewartet. Als wäre das eine liebe Community von guten Freunden...

Mein persönliches Fazit: Ich weiß nicht, ob Klimmts Stücke echt oder falsch sind. Und natürlich hätte es Sinn gemacht, wenn er die Meinung von weiteren Experten eingeholt hätte - vielleicht hätte es dann manches umstrittene Stück weniger gegeben. Aber ganz davon abgesehen, wie gut oder schlecht Teile der Sammlung wirklich sind, bleibt: Anstatt zu versuchen, Sammlernachwuchs zu gewinnen, anstatt die Faszination für die afrikanische Kunst zu vermitteln, versucht sich die deutsche Szene im Hauen und Stechen - diesmal mit Schweizer Hilfe – und verunsichert damit die Öffentlichkeit.

Damit sind wir alle, die wir diese Kunst schätzen, die Verlierer.

Vielen Dank an Ingo Barlovic!

Weitere Fundsachen der Redaktion

  • Presseinformation/Ankündigung der Ausstellung in der Kunsthalle Dominikanerkirche, Osnabrück

  • Auf osnabrueck.de, mit Audio-Einführung: Habari Afrika! Schönheit und Schrecken in der traditionellen und zeitgenössischen Kunst Afrikas, http://www.osnabrueck.de/68225.asp [Artikel nicht mehr verfügbar]

  • „Die Stadt Osnabrück steht hundertprozentig zu der Ausstellung ,Habari Afrika‘“ (Kulturdezernentin Rita Maria Rzyski)

    http://neue-oz.de/_archiv/noz_print/feuilleton/2010/06/20100701-klimmt-ausstellung-kein-zweifel-an-echtheit.html

  • "...ist davon überzeugt, dass es für 10000–15000 Euro keine echten Figuren zu erwerben gibt. Zumindest nicht in der Größe, wie sie Klimmt gesammelt hat..."

    http://neue-oz.de/_archiv/noz_print/feuilleton/2010/06/0107-feu-habari.html

  • "...wird auch darauf hingewiesen, dass es vor 30 Jahren möglich gewesen sei, kostbare Kunstwerke aus Afrika auf dem Flohmarkt zu kaufen..."

    http://www.ad-hoc-news.de/klimmt-weist-zweifel-an-echtheit-afrikanischer-kunstwerke--/de/News/21445102

  • "...Kunsthändler und Sammler hätten die Diskussion entfacht, um ihre Stücke auf- und seine abzuwerten..."

    http://nachrichten.t-online.de/klimmt-weist-zweifel-an-echtheit-afrikanischer-kunstwerke-zurueck/id_42136146/index

  • "...weil diese "großen Durchblicker"... sich im wahrsten Sinne benehmen wie "Primitivlinge", sobald sich eine Gelegenheit bietet, sich selber auf Kosten anderer in Szene zu setzen..."

    http://wolfgang-jaenicke.blogspot.com/2010/06/wie-sie-mit-sie-mit-ihrem-wissen.html

  • "Die Sammlung Gunter Péus hält ein engagiertes Plädoyer für die Gegenwartskunst, die sich über alle nationalen Traditionen hinweg vor der Aufgabe sieht, mit künstlerischen Mitteln Afrikas Weg aus der nachkolonialen Unabhängigkeit in eine selbstbestimmte Zukunft zu begleiten."

    Aus der Ankündigung zur Ausstellung. Kein Nachwort zu diesem Anliegen der Ausstellung ohne langwierige Recherche auffindbar.

  • „Habari Afrika“ ist eine gelungene Werkschau über Künste, Religion und Alltagskultur des schwarzen Kontinents. Und „Habari Afrika“ verrückt unser Bild vom „naiven“ Geschick fremder Stammeskulturen. Mit viel Geschrei und Polemik schlagen Autorin [Katrin Sachse] und Expertenteam auf die Sammlung Klimmt und die Osnabrücker Ausstellung ein. Auch wenn das eine oder andere Stück vielleicht nicht ganz authentisch sein mag. Wer kann dies feststellen? ... Klimmt will seine Sammlung der Öffentlichkeit zeigen, will Geschichten erzählen. Vor allem will er ein Stück Afrika der Nachwelt bewahren, das längst auch durch das Einwirken der westlichen Welt verloren gegangen ist!

    Silke Grob am 2. Juli 2010, OSRADIO, http://osradio-podcast.de/2010/07/02/habari-afrika-werke-aus-der-sammlung-klimmt-einer-falschung-aufgesessen/


    osradio-podcast.de/wp-content/uploads/2010/07/Faelschung-Habari.mp3
  • "Die Deutsche Woche in St. Petersburg trägt das Motto Toleranz. Mit der Ausstellung ... soll ein Impuls gegen Fremdenfeindlichkeit und Rassismus gesetzt werden, indem sie einen tiefen Einblick in die schöpferische Vielfalt und Kraft der zumeist anonymen Künstler Afrikas gibt."

    Aus Produktbeschreibung zum Katalog zur Ausstellung.

  • Fotoserie zur Ausstellungseröffnung in St.Petersburg auch mit Bildern von ausgestellten Stücken

    www.spzeitung.ru/2010/03/habari-afrika-habari-bundeskanzler-habari-deutsche-woche/ ("Habari Afrika! Habari Bundeskanzler! Habari Deutsche Woche!". Markus Müller im Sankt-Peterburger Herold. Das Sankt Petersburg Portal in deutscher Sprache.)

  • Diese Webadresse eines Focus-Artikels ("Wertvoll wie Brennholz - Kenner halten die Exponate einer deutschen Sammlung für Fälschungen" vom 30.09.2002) nimmt nicht Bezug auf die o.g. Ausstellung! Er scheint der Redaktion aber erwähnenswert hinsichtlich der selben Autorin (FOCUS-Redakteurin Katrin Sachse) als auch der Ausdrucksweise einiger Zitate.

    http://www.focus.de/politik/deutschland/afrika-kunst-wertvoll-wie-brennholz_aid_208184.html

  • http://galerie-herrmann.com/arts/art6/Afrika_Szene/Udo_Horstmann.html

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Habari Afrika! Hallo Afrika! - Habari Europa! Hallo Europa!; Ingo Barlovic; 2010; https://www.about-africa.de/auktion-messe-galerie-ausstellung/reinhard-klimmt/15-habari-hallo-afrika-europa

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Autor
Ingo Barlovic

Geschäftsführer eines Meinungsforschungsinstituts (iconkids & youth). Sammelt seit über 15 Jahren ‚Tribal Art‘, wobei er unkonventionellen Stücken besondere Aufmerksamkeit schenkt. Mitglied der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur e.V. Verantwortlich für www.about-africa.de. Redaktionelle Mitarbeit bei "Kunst und Kontext". Schreibt für "Kunst und Auktionen" und "Weltkunst".  Wohnt in Eching/Ammersee. i.barlovic@gmail.com