"Unser Raubgut - Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte" von Moritz Holfelder

Die Schere im Kopf 

Man muss beim Lesen des Buches ‚Unser Raubgut‘ im Hinterkopf haben, wie der 60-jährige Autor Moritz Holfelder seine schönen Filmkritiken auf BR2 vorträgt: Mit jung klingender, allerdings fast monotoner Stimme ohne größere Emotionen. Genauso ist der ruhige Schreibduktus seines Buches ‚Unser Raubgut‘, das eben etwas nicht ist: “Eine Streitschrift zur kolonialen Debatte“, wie der Untertitel suggerieren möchte. Denn dafür fehlt es seinem aufwändig recherchierten Buch über die Restitution zum einen an Emotionalität und ist es zum anderen zu vorausschaubar. Durch den einseitigen Blick pro mehr oder weniger vollständige Restitution führt es zum Kopfnicken bei deren Anhängern und zum Schulterzucken bei denen, die es differenzierter sehen. Dies sind keine Voraussetzungen für einen ‚Streit‘. Vor allem fehlt es an überraschenden Wendungen, an neuen Einsichten, die zumindest einer der beiden  Seiten ein Aha-Erlebnis bzw. zumindest Ansätze zum Grübeln bescheren könnte.

Holfelder beginnt sein Buch, den Filmkritiker nicht verleugnend, mit einem Bezug auf den eindrucksvollen Film ‚Les Statues meurent aussi‘ aus dem Jahr 1953, als Frankreich noch seine Kolonien hatte. In ihm inszenieren die beiden großen Filmemacher Alain Resnais und  Chris Marker zum Beginn ihrer Karrieren afrikanische Masken und Skulpturen geradezu mystisch und geben in einem pathetischen Text eine kritische Haltung zum Kolonialismus wieder. Dies macht zumindest mich neugierig, eine Neugierde die dann aber spätestens auf S. 22 geradezu erlischt: „Deren (Savoy und Sarr) zweihundertseitiger Restitutionsreport lässt keine Zweifel daran, dass ein großer Teil der afrikanischen Sammlungen in den ethnologischen Museen Europas im Zuge des Kolonialismus gewaltvoll oder durch Übervorteilung von Einheimischen angeeignet wurde“. Natürlich wurde der größte Teil der Objekte in kolonialer Zeit  gesammelt. Natürlich gibt es eindrückliche Belege für gewaltvolle Aneignung. Wer aber die von Savoy und Sarr angeführten Einzelbeispiele in ihrem schnell geschrieben Text verallgemeinert und das damalige Sammeln unter Generalverdacht steht, der wird in seinem Buch wohl kaum eine differenzierte Sicht zur Restitution einnehmen. Der wird nur wenig Verständnis haben für die deutsche Haltung, zuerst eine umfangreiche Provenienzforschung zu betreiben, ob ein Objekt im Museum  wirklich 'geraubt' wurde. Hohlfelder wird hier zum Fanboy des Savoy/Sarr-Textes, was sich in seinem gesamten Buch durchzieht.

Alleine schon das Wort ‚übervorteilen‘. Darin schwingt der Tenor mit, dass die Afrikaner so dumm waren, für billigen Ramsch ihre Kulturgüter einzutauschen, weil sie nichts von dessen Wert wussten. Nein, so einfach war es nicht: Wer eine Maske, weil sie nicht mehr getanzt wurde, beispielsweise für europäische Perlen eingetauscht hatte, der hat dafür etwas bekommen, was in seiner Gemeinschaft natürlich viel wert war. Genauso hanebüchen wäre es  jemand in Deutschland zu belächeln, weil er für Objekte gedrucktes Papier bekommt, das vom Material her kaum etwas wert ist. Man darf nicht alles vom Standpunkt des Europäers sehen.

Diese Schere in seinem Kopf führt dazu, dass Holfelder zwar mit vielen Seiten spricht und durchaus interessante Gedanken wiedergibt, er aber seinen eigenen Standpunkt nicht in Frage stellt. Am deutlichsten wird dies bei dem Text über den berühmten perlenbestückten Königsthrones Mandu Yeni. König Nyoja von Bamoun hatte ihn Kaiser Wilhelm II. zu seinem Geburtstag geschenkt, mit der Hoffnung, im von den Deutschen beherrschen Kamerum noch mehr Macht zu erlangen bzw. seine Macht nicht zu verlieren. Es ist ein Beispiel dafür, dass Afrikaner auch während der Kolonialzeit handelnde Personen waren mit Eigeninteresse und eben keine gesichtslosen Opfer - auch wenn es natürlich einseitige Machtverhältnisse gab. Dazu kommt, dass der Nachfahre von König Nyoja bereits mehrmals seinen Verzicht auf den Thron ausgesprochen hat: Ein Geschenk sei schließlich ein Geschenk. Führt dies dazu, dass Holfelder seine ‚Raubgut‘-These etwas differenzierter betrachtet? Nein, er ist in diesem Kapitel geradezu arrogant eurozentrisch: Nyoja bekam von den Deutschen Fantasie-Uniformen, mit denen er sich stolz zeigte. Und was schreibt der Autor zu diesen Fotos: „War er sich seiner Lächerlichkeit und Ohnmacht bewusst?“ Lieber Moritz Holfelder, bitte gehen Sie davon aus, dass er darin für seine Untertanen und auch seine Feinde nicht lächerlich erschien sondern als starker Führer, den die Deutschen unterstützen.

Dieses Kapitel ist auch interessant, weil es auf längere Gespräche mit dem Filmemacher Peter Heller basiert. Dessen differenzierte Meinung wird zwar wiedergegeben, verändert aber nichts im Denkschema von Holfelder, der es eher als persönliche Geschichte der Person Peter Heller sieht und dazu anmerkt: „Bis heute kolonialisiert der Geist des Kolonialismus nicht nur die Köpfe der Kolonialisierten“. Die Restitutionsdebatte als Nabelschau.

Dies fällt öfters auf: Holfelder spricht nicht nur mir den bedingungslosen Verfechtern der Restitution, sondern auch mit der anderen Seite, z.B. mit Andreas Schlothauer über die von Berlin zurückgegeben Grabbeigaben aus Alaska. Aber auch hier nimmt er nur das wahr, was in die Schemata in seinem Kopf passen.

Dementsprechend zitiert er auch Flower Mansase vom Nationalmuseum von Tansania in Daressalam, die der Meinung ist, es gehe der Restitutionsdebatte eher um Europa und deren Museen und eben nicht um Afrika: “Wer hat uns eigentlich gefragt, was wir Afrikaner wollen‘. Holfelder gibt auch die Kritik wieder, dass Bénédicte Savoy Afrika gar nicht kenne. Aber: Er leitet daraus eben nichts für sein eigenes Denken ab und bleibt eurozentriert. Auch nicht daraus, dass sich Macron aus der Debatte zurückgezogen hat, wohl weil er bemerkt hat, dass dieses Thema für die der Mehrheit der afrikanischen Mächtigen weniger relevant  ist als chinesische Yen und chinesische Infrastruktur. Und damit kaum etwas dazu beiträgt, die französische Macht in Afrika zu festigen. Nein, er ist bis zuletzt Macron-Fan.

Das Buch mündet in ‚Sieben Vorschläge zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit" wie z.B. „Es ist an der Zeit sich stärker mit Afrika auseinanderzusetzen‘, ‘Gebt alles, was geraubt wurde, zurück und am Ende „Es ist längst fällig, die Idee des gemeinsamen Welterbes umzusetzen. Das bedeutet einen anderen Umgang mit Besitz und Eigentum‘. Sicherlich alles irgendwie gutgemeint. Und natürlich sollte m.E. eigentlich jeder Graichen/Gründers Buch ‚Deutsche Kolonien‘ gelesen (das Holfelder im Literaturverzeichnis erstaunlicherweise nicht aufführt) oder zumindest die dazugehörende TV-Serie gesehen haben, um zu begreifen, was Deutschland mit und in seinen Kolonien angerichtet hat.

Aber wo sind denn Vorschläge wie: Versuche die heute real existierende wirtschaftliche Ausbeutung von Teilen des Kontinents durch nicht-afrikanische Unternehmen (mit Hilfe von afrikanischen Herrschern) zu bekämpfen. Thematisiere das Abschlachten der Zivilbevölkerung durch Gotteskrieger, das mittlerweile auch Burkina Faso erreicht hat. Ein Thema, bei dem deutsche Medien oft schweigen. Nimm Afrika differenziert wahr, denn es gibt nicht das eine Afrika, denke z.B. daran was der Äthiopischer Ministerpräsident Abiy Ahmed, der aktuelle Friedensnobelpreisträger in die Wege geleitet hat…

Natürlich würden solche Vorschläge zu weit gehen. Aber dass Holfelder auf den heutigen kapitalistisch oder ideologisch (Saudi-Arabien!) getrieben Kolonialismus so wenig eingeht, habe ich nicht so ganz verstanden.

‚Unser Raubgut‘ ist eine ehrbare Fleißarbeit, die kaum neue Erkenntnisse bietet, das Lagerdenken weiter verstärkt und bei der es der Autor nicht schafft, sich aus seinem eigenen Korsett zu befreien. Schade.

Kapitel des Buches:

  • Geraubt und gut? Die Gier nach dem Besitz des Fremden
  • "Koloniale "Amnesie" oder bewusste Verleugnung
  • In alle Welt verscherbelt: Die legendären Bronzen aus Benin
  • Kann Restitution funktionieren? Na klar!
  • Was wollen "die Afrikaner"? Zwischen Postkolonialismus und Afrofuturismus
  • Ich bin's mal wieder, euer Humboldt Forum!
  • Ausstellungskonzepte der Zukunft: Eine Reise zu Museen, die es hinbekommen
  • Sieben Vorschläge zum Umgang mit der kolonialen Vergangenheit
  • Epilog

Cover Unser Raubgut

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

"Unser Raubgut" von Moritz Holfelder - Buchbesprechung; Ingo Barlovic; 2019; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1152-unser-raubgut-von-moritz-holfelder-buchbesprechung

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