Der Comic ‚Salzhunger‘ von Matthias Gnehm, der vom schmutzigen Rohstoffhandel in Nigeria handelt, macht es einem nicht leicht.

Die Hauptperson Arno Beder taugt weder als Identifikationsfigur noch interessiert man sich wirklich für ihn, er lässt kühl.

Dies liegt zum einen an seinem Verhalten: Er agiert die meiste Zeit wie somnambul mit seinen großen, von Schlaflosigkeit gezeichneten Pupillen und lässt sich über weite Strecken von der Handlung treiben. Der Grund für seine Schockstarre: Seine Freundin hat sich von ihm getrennt - hier gibt es gegen Ende des Buches noch eine Auflösung .  

Zum anderen liegt es daran, wie Beder gezeichnet ist, mit seiner Alterslosigkeit und seiner Knollennase.

Nicht einfach sind auch die Personen, die keine Schwarz/Weiß-Charakterisierung besitzen. In der Geschichte geht es um eine NGO, Erzfeind, die sich gegen einen Rohstoffriesen und seine Machenschaften in Nigeria auflehnt. Die Mitglieder von Erzfeind werden als Menschen gezeichnet, die fast ebenso korrumpierbar sind wie die ‚Bösen‘ des Rohstoffunternehmens Boromondo oder auch wie Nigerianische Behörden. Jeder versucht seine eigenen Interessen durchzusetzen und selbst ein mächtiger Boromodo-Chef ist erpressbar. Ethisch ‚gut‘ handelnde Menschen gibt es wenig, und welche dies sind, wird auch erst nach langer Zeit deutlich.

Sogar Nebenpersonen wie Züricher Freunde von Arno werden zwiespältig beschrieben: Während Arno so fertig ist, dass er nah am Suizid wandelt, ist ihre Hilfe, dass sie über seine Situation reden und ihn fragen, ob einen Vegi-Burger mitessen möchte. Der Vegi-Burger als Symbol einer oberflächlichen westlichen Gut-Mensch-Bourgeoisie.

Die Story selber ist so komplex und ausweglos wie die Wirklichkeit in Lagos. Man möchte Beweise für die umweltschädigenden Machenschaften von Boromondo gewinnen, was aber scheitert. Dies liegt erneut an den scheinbar ‚Bösen‘ genauso wie an den ‚Guten‘, für die PR wichtiger ist als die Wahrheit.

Und schließlich ist der Zeichenstil nicht wirklich gefällig und leicht konsumierbar. Es gibt gedämpfte, geradezu monochrome Farben und einen filmischen Stil mit detaillierten Totalen urbaner Landschaften - der Autor Matthias Gnehm ist Architekt - und Großaufnahmen der Protagonisten.

Bedeutet dies alles aber, dass Salzhunger nicht lesenswert ist? Nein, das Gegenteil ist der Fall! Denn warum sollte es einem ein Comic mit dieser Thematik leicht machen? Bei dem um den von korrupten Politikern und Behörden in Nigeria erlaubtem Raub der Bodenschätze durch westliche Rohstoffriesen geht, auf Kosten der dort lebenden Bevölkerung und der Natur. Und um den Egoismus des Einzelnen. Kurz: Um eine Wirklichkeit, die sich eben nicht mal schnell durch mutige, ethisch einwandfreie Helden beeinflussen lässt. Salzhunger ist schließlich kein Märchen oder ein Marvel-Comic.

Immerhin gibt es am Ende dieser Graphic Novel so etwas wie einen Hoffnungsschimmer. Arno Breder ist aufgewacht und hat seinen ‚Salzhunger wieder gewonnen: sein Appetit auf das Leben. Und so fliegt er erneut er nach Nigeria, um sich zu engagieren. Vielleicht ist er auch wieder in der Lage, zu lieben.

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cover salzhunger

Vielen Dank an die Edition Moderne für die Zusendung eines Rezensionsexemplars

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Matthias Gnehm: Salzhunger - Buchbesprechung des Comics; Ingo Barlovic; 2019; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1175-matthias-gnehm-salzhunger-buchbesprechung-des-comics

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