Von der „dunklen Seite des Kunstmarktes“ berichten Stefan Koldehoff und Tobias Timm in ihrem 2020 im Galiani Verlag erschienenen Buch ‚Kunst und Verbrechen‘. Es ist ein Thema, das den beiden Autoren, Koldehoff ist Kulturredakteur beim Deutschlandfunk, Timm Autor für die ZEIT, vertraut ist: Sie haben bereits das preisgekrönte Werk ‚Falsche Bilder, echtes Geld‘ zum Fall Beltracchi veröffentlicht.

In ihrem neuen Buch behandeln sie das Thema Verbrechen und Kunst sehr breit. In der Einführung weisen sie explizit darauf hin, dass der Kunsthandel nicht unter Generalverdacht stehen darf. Danach beleuchten sie in 6 Einzelkapiteln mit prominenten Einzelbeispielen unterschiedliche Facetten dieser Thematik.

Es beginnt mit dem Raub und dem Artnapping (Kunstwerke werden gestohlen und als 'Geisel' genommen, d.h. man verlangt für die Rückgabe Lösegeld) von Objekten. Darin belegen sie, wie sehr sich dieses Metier verändert hat: Früher waren es noch Gentleman-Ganoven vom Schlage der Mona Lisa-Diebe um Eduardo de Valfierno. Heutzutage sind es dagegen gewaltbereite Schwerverbrecher oder gut organisierte Banden, die ein Kunstwerk danach beurteilen, wie leicht es zu Geld machen ist. Und so ist eine Goldmünze, die man einschmelzen kann, oder Juwelen, lohnender als das teure Gemälde, das daneben hängt.

Das zweite Kapitel handelt von Fakes: Wie bereits Modigliani-Objekte von seinen Freunden systematisch gefälscht wurden oder wie in kleinen Auktionshäusern teilweise bewusst mit massenhaft gefälschten Drucken berühmter Künstler den Unbedarften das Geld aus der Tasche gezogen wird. Zusätzlich berichten sie über den unappetitlichen Handel mit Nazi-Reliquien. Beim Lesen überfällt einen durchaus Schadenfreude, wenn Käufer gefälschten Hitlerbildern o.ä. auf den Leim gegangen sind. Leider sind Fakes von Tribal Art kein Thema.

Recht ausführlich gehen die Autoren auf das internationale Geschäft mit dem Schmuggel von illegal ausgegrabenen Antiken ein. Sie vertreten den Standpunkt, dass der Handel bisher zu intransparent war und unterstützen das Gesetz zum Schutz der Kulturgüter, das ihrer Meinung in erster Linie EU-Recht umsetzt und beispielsweise eine Export-Erlaubnis vom Herkunftsland verlangt. Immerhin weisen sie darauf hin, dass es bei Antiken, die seit vielen Jahren im Besitz eines Sammlers oder seiner Familie sind, kaum möglich wäre, Ausfuhrpapiere zu besitzen. Deshalb könnten sie nicht mehr leicht verkauft werden, was als problematisch angesehen wird. Hier muss natürlich auch der Tribal Art-Sammler hellhörig werden, für den mehr oder weniger das gleiche gilt.

Detailliert befassen sich Koldehoff und Timm in diesem Zusammenhang mit dem ILLICID-Bericht. ILLICID, initiiert von der Stiftung Preußischer Kulturbesitz (SPK) gemeinsam mit dem Fraunhofer-Institut für Sichere Informationstechnologie (SIT), Darmstadt, und GESIS – Leibniz-Institut für Sozialwissenschaften, Mannheim, versuchte mittels „Dunkelfeldforschung“ innerhalb von drei Jahren Informationen über den illegalen Handel mit antiken Kulturgütern in Deutschland zu gewinnen. In dem Abschlussbericht wurde zwar betont, wie großartig und innovativ die Forschung war, die Ergebnisse hinterließen bei mir dann aber ein ‚Viel Lärm um nichts-Gefühl'.

Exkurs: ILLICID-Bericht

  • Innerhalb von 3 Jahren wurden im Handel 386.5000 Lose gesichtet, wobei nur 6.133 potentiell dem Teilbereich AKOM zuzurechnende archäologische Kulturgüter waren. Und diese Objekte erbrachten 1,7 Millionen Euro Umsatz, also wohl kaum genug, um beispielsweise in größerem Maße Terror zu finanzieren. Die Finanzierung des IS wurde zu Beginn als wichtiger Grund aufgeführt, dass die Gesetzgebung verschärft wurde. Die dreijährige Forschung hatte übrigens ein Budget von 1,2 Millionen Euro. Von den wenigsten Objekten konnte die Provenienz ermittelt werden - was bei Objekten mit einem durchschnittlichen Verkaufspreis von weniger als 300 Euro auch irgendwie verständlich ist.
  • Aus dem Bericht: „Abschließend wissenschaftlich analysiert wurden 4.259 Objekte (70 % des Objektaufkommens). Unter den analysierten Objekten sind 24 % (sehr) wahrscheinlich authentisch. Die Authentizität der verbleibenden Objekte war entweder mit den zur Verfügung gestellten Informationen nicht zu klären (61,5 %) oder es besteht ein Fälschungsverdacht (12 %) bzw. die Objekte waren durch den Anbieter fälschlicherweise als AKOM klassifiziert (2,5 %). Bei Kulturgütern aus den vorderasiatischen Kulturen liegt der Fälschungsverdacht besonders hoch (24 %).“
  • Für 42,8 % der angebotenen Kulturgüter fehlten Provenienzangaben, die die Vorgaben des deutschen Kulturgutschutzgesetzes erfüllten, für 56,2 % (Irak) bzw. 38,1 % (Syrien) der potentiell aus Irak oder Syrien stammenden Objekte fehlten entsprechende Angaben in Bezug auf die jeweiligen Stichtage der EU-Verordnungen. Nur 2,1 %, bei der Irak-Verordnung 0,4 % und bei der Syrien-Verordnung 9,6 % der Angebote erfüllten nachweislich und prüfbar die Vorgaben beim KGSG.
  • Damit sind viele  Objekte angeboten worden, ohne die neuen gesetzlichen Bestimmungen zu erfüllen, was die Autoren deutlich kritisieren. Meiner Meinung nach müssen zweifelsohne die antiken Stätten geschützt und den Räubern und besonders ihren Hehlern das Handwerk gelegt werden. Andererseits ist das Handelsvolumen so gering, dass man überlegen muss, ob es dafür die umfassende Gesetzgebung in dieser Form gebraucht hätte, die ja weit über den Antikenhandel hinausgeht und auch den 'kleinen Sammler' schnell in eine kriminelle Ecke drängen kann.

Im Kapitel „Wenn Diktatoren sammeln“ geht es vor allem um die Machenschaften von Imelda Marcos und wie Herrscher in die eigene Tasche wirtschaften. Afrikanische Beispiele werden nicht aufgeführt.

Den verurteilten Kunstvermittler Helge Aschenbach sehen die Autoren als „beispielhaft für die fortschreitende Kommerzialisierung der Kunst zum Ende des 20. Jahrhunderts“. Achenbach hatte seine reiche Klientel, darunter der Aldi-Erbe Berthold Albrecht, abgezockt, indem er ihnen nicht nur Vermittlungsgebühren berechnete, sondern falsche Einkaufspreise für Kunstwerke in Rechnung stellte. Zu Beginn ersetze er einfach mal ein Dollarzeichen durch ein Eurozeichen und verdiente dadurch ohne viel Aufwand 200.000 Euro. Danach kaufte er ein Bild für 1,3 Millionen Euro, nannte Abrecht aber als Einkaufspreis 1,8 Millionen Euro. Schnell verdiente 500.000 Euro! Und das waren die kleineren Fälle.

Dass solche Gaunereien passieren können, läge an der Undurchsichtigkeit des Kunstmarktes. Dies werde dadurch verstärkt, dass es für Kunst eben nur fiktive und keine objektiven Werte gäbe, was auch ein Grund für das Scheitern vieler Kunstfonds sei.

Und warum erscheint Achenbach den Autoren so typisch für den Kunstmarkt? Weil Kunst zu einem Statussymbol für große Unternehmen und deren Manager wurde, die immer teurer werdende, zunehmend belanglose Werke einkauften und Achenbach den Verkauf dieser Kunst nach US-Vorbild perfekt beherrschte.

Im Anschluss zeigen die Autoren mit Beispielen, wie der Kunstmarkt durch seine Intransparenz, positiv ausgedrückt: Diskretion, bei dem große Geschäfte auch mal schnell mit Handschlag und Bargeld abgewickelt werden, der Geldwäsche dient. Ihrer Ansicht nach haben Freihäfen, in denen Kunst zollfrei und ohne Kontrolle eingelagert werden kann, einen gewissen Anteil.

Am Ende treten sie dafür ein, dass sich alle am Kunstmarkt Beteiligten bei zum Kauf angebotenen Objekten zehn Fragen stellen sollten, die v.a. um die gesicherte Provenienz/Herkunft  des Werkes kreisen und darum, ob unabhängige  Experten die Echtheit bestätigt haben.

‚Verbrechen und Kunst‘ ist ein eindrückliches Plädoyer dafür, dass der Kunstmarkt transparenter werden muss. Dies kann man unterschreiben! Andererseits fehlte es mir etwas an umfassender Analyse, das Buch ist eine gut geschriebene, lesenswerte Aneinanderreihung von bekannten Einzelfällen. Es bringt recht wenig neue Erkenntnisse.

Anhänger der Tribal Art bleiben leider etwas ratlos zurück, da die Autoren das Kulturgutschutzgesetz in der derzeitigen Form nicht in frage stellen und als notwendig ansehen, um EU-Gesetz zu befolgen. Auf seine Schwächen und Folgen für den ‚kleinen Sammler‘ gehen sie nur Rande ein. Dieser ist aber auch kaum im Fokus des Buches, bei dem es um große Player geht.

328 Seiten, als Buch 25 €, als eBook 19,99 €, erschienen im Galiani Verlag.

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cover kunst und verbrechen

Vielen Dank an den Galiani-Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars als eBook-Link

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

'Kunst und Verbrechen' - Buchbesprechung; Ingo Barlovic; 2020; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1209-kunst-und-verbrechen-buchbesprechung

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