Heute ist sie fast vergessen: Die Forschungsexpedition der drei Bayerischen Brüder Schlagintweit, die diese zwischen 1854 und 1857 bis nach Indien, Tibet und auf den Himalaya brachte. Den Erdmagnetismus sollten sie erforschen und so viele Erkenntnisse und Material und Bilder wie möglich sammeln. Inwieweit die Expedition auch zu Spionagezwecken für die britische Ostindien-Kompanie gedient hatte, dem Auftraggeber, ist bis heute nicht vollständig klar. Ein großer Fürsprecher der Expedition war Alexander von Humboldt. Am Ende sind nur zwei Brüder nach Berlin zurückgekehrt.

Der in Neu-Dehli und Berlin lebende deutsche Autor Christopher Kloeble erzählt die Geschichte der Expedition in seinem Buch „Das Museum der Welt“ aus der Sicht eines zu Beginn der Geschichte „mindestens 12 Jahre“ alten Waisenkindes aus Bombay. Bartholomäus kann mehrere Sprachen und wird von den Brüdern als Dolmetscher auf der Reise engagiert. Gefördert von dem Pater eines Waisenhauses ist es sein Traum, auf den Spuren von Alexander von Humboldts zu wandeln. Er hat „das erste Museum Indiens“ gegründet, das ‚Museum der Welt‘: Eine Holzkiste mit Gegenständen und einem Notizbuch, indem er alltägliche und besondere Beobachtungen festhält.

Kloeble setzt bei seinem Roman den Schwerpunkt auf die fiktive Figur des Bartholomäus. In der Ich-Form erzählt, geht es primär um seine Gedanken und Gefühle und seine Versuche, in der Welt seinen Platz und sich sich zu finden. Bartholomäus ist ein Suchender: Nach seiner Herkunft. Seiner Bestimmung. Und später muss er sich entscheiden, ob er sich zu seinen deutschen oder seinen indischen Wurzeln bekennt bzw. auf welche Seite er sich schlägt: Die der Europäer, die in Form der Ostindien-Kompanie weite Teile Indien unterworfen haben, oder die der Kämpfer für ein freies Indien.

Da der Roman durch die Augen von Bartholomäus erzählt wird, erfährt man von den Brüdern und der Expedition nur das, was der Jungs erlebt oder ihm gesagt wurde. Dementsprechend wird nicht deutlich, was die Schlaginweits überhaupt wollen oder vorhaben. Sie reisen, messen, sammeln, fotografieren, zeichnen, aber was sie genau machen oder mit welchen Zielen sie das tun, ist zumeist unklar. Darüber hinaus belieben einem die drei Brüder auch bis zum Ende eher fremd.

Dagegen beschreibt Kloeble ohne Holzhammer, aber dennoch eindrücklich, das Leben unter der englischen Zwangsherrschaft: Den (zumindest unterschwelligen) Rassismus die Europäer, aber auch das Phänomen des Cultural Brokers, des kulturellen Mittlers zwischen unterschiedlichen Kulturen. Dazu schreibt der Historiker Moritz von Brescius in seinem lesenswerten Aufsatz „Cultural Brokers: Nain Singh und das Innenleben der Schlagintweit-Expeditionen“: „Das in sich extrem diverse britische Weltreich im 19. Jahrhundert kann als Paradefall dafür gelten, wie Prozesse imperialer Expansion und Herrschaft (…) auch für eine Vielzahl anderer europäischer und nicht-westlicher Akteure Möglichkeiten für den Handel, aber auch zur militärischen, diplomatischen, missionarischen oder wissenschaftlichen Betätigung boten.“

Bei Kloeble wird deutlich, wie wichtig einheimische Teilnehmer von Führer über Dolmetscher bis zur Köchin für den Verlauf einer Expedition sind und dass sie eigene Interessen verfolgen. En passant erfährt man auch, wie Mächte aus England, Russland und China um die Vorherrschaft kämpfen.

Waisenkind. Indien. Spionage. Suche nach den Wurzeln. Natürlich denkt man da an „Kim“ von Rudyard Kipling und sicherlich kennt auch der Autor dieses Buch, dennoch ist sein Buch absolut eigenständig.

„Das Museum der Welt“ ist die Story einer abenteuerlichen Expedition, die Beschreibung eines Indien unter der Herrschaft der Ostindien-Kompanie, eine Spionage- und Revolutionärsgeschichte, Road Movie, vor allem aber ein Entwicklungsroman, d.h. ein Coming of Age über einen Jungen, der seine Stellung in der Welt sucht, hin- und hergerissen zwischen den Kulturen.

Das Buch wird den enttäuschen, der sich vor allem eine detaillierte Dokumentation über die Schlaginweit-Expedition wünscht. Zusätzlich fehlt es an Action, da das Geschehen ja durch die Augen von Bartholomäus gefiltert wird. Eine Ausnahme sind intensiv erzählten Geschehnisse am Traill’s Pass, an dem der Junge die Expeditionsteilnehmer vor dem Tod bewahrt. Des Weiteren werden die Landschaft, die Natur, teilweise aber auch die Städte nicht sehr plastisch dargestellt. Kloebel ist kein bildgewaltiger Erzähler.

Dennoch ist „Das Museum der Welt“ lesenswert: Man lernt das Indien der 1850er Jahre kennen, gesehen durch die Augen einer vielschichtigen und spannenden Figur, von der man wissen möchte, wie es mit ihr und ihrem ganz persönlichen Museum nach dem Ende der Expedition weitergeht. 

526 Seiten, als Hardcover und Audio Disc 24 Euro, als eBook 19,99 Euro, 2020 erschienen bei dtv

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Cover museum der welt

Vielen Dank an den dtv-Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars als eBook-​Link

 

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

"Das Museum der Welt' - Buchbesprechung; Ingo Barlovic; 2020; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1214-das-museum-der-welt-buchbesprechung

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