Als Nestbeschmutzer wurde Uwe Timm beschimpft, als 1978 sein Roman „Morenga“ erschien. Timm machte darin deutlich, dass die damals noch häufig verklärte deutsche Kolonialzeit in Deutsch-Südwestafrika keine heile Welt war, in der man Afrikanern half, am deutschen Wesen zu genesen und sie mit Religion und Tugenden wie Fleiß und Kultur beglückte. Vielmehr sei sie geprägt gewesen von Rassismus, Ausbeutung, Gewalt und von deutschen Soldaten, die nicht sehr ehren- oder heldenhaft waren.

Der dtv-Verlag hat das Buch anlässlich des 80igsten Geburtstages von Uwe Timm in diesem Jahr neu herausgebracht. Lohnt es sich heute noch, den Roman zu Lesen? Also in einer Zeit, in der der von General Lothar von Trotta angeordnete Völkermord an den Herero und Nama fast schon Allgemeingut ist und kaum noch jemand leuchtende Augen bekommt, wenn er an deutsche Kolonien denkt?

In „Morenga“ geht es vordergründig um die Erlebnisse des fiktiven Oberveterinärs Gotschalk. Dieser kam 1904 in Afrika an Land und erlebte mit den deutschen Truppen den Kampf gegen Jacobus Morenga, dem er sogar persönlich begegnen wird. Morenga war einer der wichtigsten Anführer im Aufstand der Nama gegen die deutschen Besatzer. Ein weiterer Anführer der Nama war Hendrik Witbooi aus dem Clan der Witbooi.

Gotschalk hat seine „Sehnsucht nach dem Neuen“ nach Afrika zu der deutschen Schutztruppe geführt. Im Laufe des Romans vollzieht er eine Wandlung und fühlt sich inmitten des deutschen Kolonialwesens immer stärker fehl am Platz. Er erkennt, warum die „aufständischen Eingeborenen“ kämpften: „um ihr Überleben als Menschen“. Er geht in eine innere Immigration, schafft aber nicht den letzten Schritt: zu den aufständischen Afrikanern über zu laufen. Dafür erlebt Gottschalk deren Mentalität und Kultur als zu unterschiedlich. Dementsprechend nimmt er am Ende zwar Abschied von der Armee. Als funktionierendes Rad im Getriebe trägt er aber noch kurz davor dazu bei, dem Kamel als Reittier der Truppe den Weg zu ebnen - und damit die kolonialen Truppen zu stärken.

Das Buch ist weit mehr als die Entwicklungsgeschichte Gotschalks: In „Morenga“ hat Timm seinen Montagestil zu einer ersten Perfektion getrieben. Neben Fiktionalem streut er Originaldokumente ein, beispielsweise Schriften des Deutschen Generalstabes. Somit schafft er ein authentisch wirkendes Kaleidoskop von deutscher Kolonialherrschaft und Soldatentum.

Diese Originaldokumente erlauben Einsichten in die Überlegungen der deutschen Militärführung, die Verwicklung der deutschen Wirtschaft, die Diskussionen in Deutschland, den alltäglichen Rassismus und darin, wie pervers scheinbar logisches kolonialen Denken sein kann: In einem Text geht es geradezu wissenschaftlich darum, ob eher eine Flusspferdpeitsche oder ein Tauende das „humanere Züchtigungsinstrument“ ist.

Zeitlich spielt die Handlung kurz nach dem Vernichtungsfeldzug des v. Trotta, der damit eigentlich in der Handlung immer mitschwingt und natürlich auch erwähnt wird: Timm schreibt, „von ehemals etwas 80.000 Herero überlebten 15.130.“

In diese Rahmenhandlung streut der Autor Anekdoten vom Beginn der deutschen Kolonialzeit ein. Wie der Händler Klügge versucht, mit Branntwein im „größten Faß, das jemals durch die Steppen und Wüsten des südlichen Afrikas geschleppt worden war“, sein Glück zu machen. Schon bald bemerkt er, dass er auf keine „unverbildete Wilde“ traf, sondern auf Menschen, die „überall genau den Wert eines Ziegenbocks, eines Schafes oder Rindes“ kannten. Dass der Missionar Groth von den Einheimischen voller Begeisterung empfangen wird, was er als Zeichen Gottes deutet. In Wirklichkeit war es deren Reaktion, dass sein Gesicht so sehr dem eines Schafs ähnelte. Wie ein Fotograf berichtet, dass der Fotografierte sich auf dem Foto nicht erkennen kann. Sein Bildband wird später nicht erscheinen, da er dem Präsidium der Kolonialherrschaft „etwas Resignatives, Tristes anhafte.“ Oder wie wichtig es beim Landkauf war, trinkfest zu sein, um den Verkäufer unter den Tisch saufen zu können. Die Episoden sind manchmal Schenkelklopfer von teilweise surrealer Qualität.

Dass „Morenga“ vor über 40 Jahren geschrieben wurde, bemerkt man v.a. an zwei Aspekten. Zum einen versucht er selten, die Kolonialzeit aus der Sicht der Afrikaner zu zeigen. Präsentiert wird der deutsche Blick - wenn auch ein kritischer. Dementsprechend werden Morenga und Witbooi durch die Augen von Gotschalk gesehen und anhand von Originaldokumenten näher gebracht. Sie bleiben aber eher Mythen, nur wenig fassbar. Die einheimische Bevölkerung wirkt vor allem in den Anekdoten fast wie Theaterpublikum. Sie scheint dem deutschen Treiben geradezu amüsiert zuzuschauen - und wenn es Branntwein gibt, wird halt gerne mitgetrunken. Timm vermeidet also Opferstereotypen, versucht andererseits aber nicht wirklich, Afrikaner in der Kolonialzeit zu verstehen.

Zum zweiten trifft die ‚Originalsprache‘ Uwe Timms den heutigen Leser unvorbereitet und lässt sofort Political Correctness-Gedanken aufkommen: Darf man davon schreiben, dass Gottschalk „von einem Neger an Land getragen“ wurde? Ist es noch angebracht, von den Nama als von den Hottentotten zu sprechen - nur weil um 1900 so gesprochen wurde?

„Morenga“ von Uwe Timm ist ein kraftstrotzender Monolith: Er macht nachdenklich, ist manchmal komisch, manchmal langatmig und immer interessant. Und er ist auch heute noch auf alle Fälle lesenswert, um die deutsche Kolonialzeit zu begreifen.

480 Seiten, als Softcover 2020 mit einem Nachwort von Robert Habeck für 12,90 € bei dtv Verlagsgesellschaft erschienen

Als Softcover ohne Nachwort von R. Habeck in der 2000 erschienen Ausgabe von Kiepenheuer & Witsch für 10,90 Euro

Als eBook in der Fassung von 2015 ebenfalls ohne Nachwort für 9,99 € bei Kiepenheuer & Witsch 

Wer das Buch kaufen und about africa einen Gefallen tun möchte, kann es versandkostenfrei über Lehmanns bestellen. Natürlich kann man sich über diese Links auch informieren, ohne zu bestellen.  (Beim Draufklicken auf das Link wird ein Cookie gesetzt)

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Cover Morenga dtv

Vielen Dank an den Kiepenheuer & Witsch Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars als eBook-​​Link

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

"Morenga" von Uwe Timm - Buchbesprechung; Ingo Barlovic; 2020; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1220-morenga-von-uwe-timm-buchbesprechung-2

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