Der 1943 in Mannheim geborene Ethnologe und Kulturhistoriker Hans Peter Duerr beschäftigt sich seit Jahrzehnten mit Religion und naturreligiösen Traditionen. Sein vor 5 Jahren erschienenes Buch ‚Die dunkle Nacht der Seele – Nahtod-Erfahrungen und Jenseitsreisen‘ fand breite Beachtung.

Sein neuestes Werk ‚Diesseits von Eden - Über den Ursprung der Religion‘ sieht Duerr in seinem Vorwort als eine Art Fortsetzung und Ergänzung zu seinem letzten Werk. Dies ist eine Untertreibung: Diesseits von Eden ist wesentlich mehr als ‚nur‘ eine Fortsetzung und kann natürlich auch gelesen werden, ohne dass der Vorgänger bekannt ist.

Zum Buch

Duerr möchte mit dem Buch zwei Ziele erreichen. Zum einen aufzeigen, dass es keine spezifischen religiösen Empfindungen gibt, sondern dass all diese Erlebnisse „zwar religiös gedeutet werden können, aber genauso gut auch völlig anders“. Zum anderen belegen, dass „… überall auf der Welt ursprünglich all das, was den Menschen nicht ‚ganz geheuer war‘, (…) den Religionen zu Grunde liegt“. Parapsychologen würden das heute als „Anomalien“ bezeichnen. „Was wir nicht verstehen, ist größer als wir“ lautet dementsprechend ein haitianisches Sprichwort.

Und so macht sich Duerr in 32 Kapiteln auf die weltweite Suche nach Belegen für seine Thesen. Er liefert dazu Hunderte von Beispielen, die er in den Kapiteln aneinander reiht. Zu Beginn geht es um mysteriöse Orte, die die Menschen fesseln und Gefühle des Numinosen (Göttlichen) wecken: Von Wasserfällen in Haiti über Landschaften in der Nähe des Grand Canyons bis hin zu düsteren Wäldern in Indien oder dem Keltischen Heiligtum Rabenfeld.

In einem weiteren Kapitel beschreibt Duerr die Jenseitsvorstellungen der Völker, wobei das Jenseits von „so gut wie allen vormodernen Gesellschaften“ geografisch lokalisiert wird. So wurde eine Ethnologin von den Kaliai in Neubritannien geben, auf einer Weltkarte die Lage des Totenreichs zu zeigen und ihnen das Foto und die Adresse einer verstorbenen Frau zu zeigen, wenn sie wieder dort sei.

Sehr intensiv berichtet Duerr über Sexualität im Zusammenhang mit religiösen Empfindungen. Über die Kraft des Spermas, bzw. über die Schwächung des Mannes, wenn es auf eine Frau oder auch andere Männer übergeht. Oder über die Kraft der primären Geschlechtsorgane, die für die Reproduktion lebenswichtig sind. Dementsprechend waren im Fiji-Archipel die gekochten Genitalien der getöteten Gefangene sehr gesucht. Bis hin zu Besessenheit, die oft mit gefühlter oder befürchteter Penetration von Geistwesen einherging. „Sex mit Jesus‘ heißt ganz lapidar eines der Kapitel.

Natürlich lässt Duerr auch Schamanismus nicht aus und er geht auf den (afrikanischen, kubanischen oder auch brasilianischen) Vodou und den Mami Wata-Kult ein, wobei er sich u.a. auf Gert Chesi und Henning Christoph beruft.

Immer wieder integriert Duerr Erscheinungen der ‚modernen‘ westlichen Welt. Seien es New Age-Erfahrungen (Stichwort Channeling) oder auch Geistermedien, bei denen er Parallelen zu Multiplen Persönlichkeiten, also Menschen mit dissoziativer Identitätsstörung, zieht. Dabei schreibt er von bekannten Personen wie dem Medium Helena Plavatsky, dem Satanisten Szandor La Vey ein oder Channeling-Apologeten wie Jane Roberts oder Judith Zebra Night. In letzteren melden sich uralte Wesen oder Außerirdische und geben ihre Weltsicht preis. Night hatte viele Anhänger unter den Hollywood-Promis.

Als Ursache für Besessenheit bzw. dem scheinbaren Eindringen fremder Wesen sieht Duerr häufig traumatische Erlebnisse in der Kindheit, z.B. sexuelle Gewalt. Der Text endet mit Geistheilungen, z.B. innerhalb der Pfingstkirchen, und -natürlich- mit „Geisttaufe und Sexualität“.

Bewertung.

Ist das ein faszinierender Parforce-Ritt duch die Kulturen der Welt! Duerr hat so viel interessante Beobachtungen zusammentragen, das man kaum dazu kommt, das Buch in einem durchzulesen: Zumindest ich habe immer wieder auf Wikipedia oder auch YouTube geschaut, um das, was Duerr nur anreißt, noch weiter zu vertiefen.

Wie spannend ist es beispielsweise, sich die Verwandlungen von Roberts oder Night auf YouTube anzuschauen! Wenn sie ihre Haltung verändern und beginnen, mit einer tiefen Stimme und seltsamem Akzent zu sprechen. Oder wie der sinister aussehende La Vay, der Gründer der Church of Satan, in einem Video voller Spaß an der Freud ein Orgel-Medley spielt. Bei meiner Lektüre lag das Smartphone immer neben dran.

Mindestens genauso interessant empfand ich das Kapitel über multiple Persönlichkeiten. Duerr erwähnt  den Fall der Eve White, der unter dem Titel ‚The three faces of Eve‘ verfilmt wurde (Oskar für Joanne Woodward). Auf YouTube gibt es Originalaufnahmen von Eves Sitzung mit dem Psychiater und Ausschnitte des Films. Dabei fand ich das Thema Multiple Persönlichkeit auch aus anderen Gründen wichtig: Wenn eine Person mehrere Geschlechter sein kann, was sagt dies aus für die Gender Forschung bzw. die Geschlechteridentität. Stichwort Geschlecht als soziales Konstrukt.

Es ist aber nicht zwingend notwendig, sich zu den Themen mittels Internet weiterzubilden: Dazu genügen fürs erste auch die 130 Seiten mit Anmerkungen. Dabei ist das Buch immer gut lesbar: Die Anmerkungen sind ein freiwilliges Angebot, auf das man nicht eingehen muss, der Text kann auch alleine bestehen. Wer eine gute Bibliothek in der Nähe hat, der kann auch die ca. 3000 Literaturangaben abarbeiten …

Ich habe mir bei Büchern, die ich besprechen möchte, angewöhnt, mit einem Bleistift interessante Stellen zu markieren. Bei den 360 reinen Text-Seiten führte dies - ich habe es nicht gezählt - zu mindestens 150 Strichen. Anders ausgedrückt: Dieses Buch bietet genügend Inhalt, um Dutzende Vorträge zu Religion oder Ethnologie mit Beispielen, die das Publikum packt, anzureichern. Oder um sich ein Leben lang oder zumindest für die Dauer eines Lockdowns damit zu befassen.

Aber natürlich ist dieses Buch nicht perfekt. So ist es eine sehr gut lesbare Aufzählung ohne viel Fachtermini, es fehlen mir aber teilweise (naturwissenschaftliche) Begründungen für das Verhalten und manchmal wird das Duerrsche Trommelfeuer etwas zu viel. Ich habe selten mehr als 30-40 Seiten am Stück gelesen, um der Gefahr zu entgehen, beim Lesen der unzähligen Einzelbeispiele den Verstand abzuschalten. Portionierung tut gut.

So war ich richtig froh, als Duerr mal langsamer erzählte und auch Phänomene erklärte. Beispielsweise führt er die Temporallappen-Epilepsie als eine Ursache dafür an, dass manche Menschen das Gefühl haben, Gott würde zu ihnen sprechen.

Etwas geschluckt habe ich, als der Autor bei Aspekten wie Besessenheit oder religiöse Empfindungen bemerkt, sie kämen viel häufiger bei Frauen vor und unkommentiert die Ansichten mancher Ethnien wiedergibt, es läge daran, dass Frauen eben schwächer seien als Männer. Natürlich verstehe ich Duerr: Er will nicht bewerten, sondern aufzeigen und vergleichen - auch wenn er bei den Pfingstkirchlern und Charismatikern gefühlt ziemlich draufschlägt. Aber…

Dann wurde mir etwas zu viel anal, oral oder vaginal penetriert. Irgendwann hat man es gelernt, das Thema empfindet Duerr aber wohl ziemlich faszinierend, so dass er es immer wieder aufgreift.

Schließlich hätte man sich gewünscht, Duerr würde den Leser etwas mehr an der Hand nehmen und Dinge noch klarer in einen Gesamtzusammenhang einordnen. Vor lauter Bäumen verliert man etwas die Übersicht über den Wald. Vielleicht ist dies ja in seinem Vorgängerbuch stärker der Fall?

Fazit

‚Diesseits von Eden‘ von Hans Peter Duerr ist ein gigantischer Steinbruch, der einem die religiösen Empfindungen der Kulturen der Welt nahe bringt und 'erdet'. Dazu macht er deutlich, dass unsere westliche Kultur hierbei nicht singulär ist, sondern nur eine unter vielen und kaum anders als andere.

Hans Peter Duerr: Diesseits von Eden - Über den Ursprung der Religion. 

751 Seiten. 2020 | Insel Verlag. 32 S/W und 8 Farbfotos

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Vielen Dank an den Insel-Verlag für das Rezensionsexemplar

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Diesseits von Eden von Hans Peter Duerr - Buchbesprechung von Ingo Barlovic; Ingo Barlovic; 2020; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1314-diesseits-von-eden-von-hans-peter-duerr-buchbesprechung-von-ingo-barlovic

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