Der englische Historiker H. Glenn Penny setzt sich seinem Buch Im Schatten Humboldts mit dem Untertitel ‚Eine tragische Geschichte der deutschen Ethnologie‘ aus dem Jahr 2019 mit der deutschen ethnologischen Forschung auseinander und beschreibt, wie die Sammlungen in den deutschen Museen entstanden sind. Sein Schwerpunkt liegt auf dem Berliner Museum.

Inhalt

In seiner Geschichte der deutschen Ethnologie befasst sich Penny in einer ausführlichen Einführung mit Albert Bastian, dem Gründungsdirektor des Museums für Völkerkunde in Berlin, als dessen Fan er sich outet.

Bastian, ein Weltreisender, ging von der Prämisse einer einheitlichen Menschheit aus - „ein Volk aus einer Welt“. Er war geradezu besessen darauf, so viele Materielles und Nicht-Materielles wie möglich über die verschiedensten Kulturen zu sammeln, um ihre Weltanschauungen zu erforschen. Dadurch wurden seiner Meinung nach Gemeinsamkeiten und Unterschiede zwischen den Kulturen erfassbar. Für ihn und auch für Penny sind Völkerkundemuseen keine Kunstmuseen, sondern „Werkstätten, in denen Daten gesammelt und Wissen produziert werden konnte“.

Bastian ging es damit nicht primär um die Gegenstände selbst, nicht um Trophäen oder um Möglichkeiten, den eigenen guten Geschmack zu dokumentieren, sondern darum, was sie über ein Volk aussagten. Um „Abdrücke ihres Volksgeistes“. Logischerweise wurden europäische Kulturen mit einbezogen.

Dabei waren er und seine Mitstreiter Mitte/Ende des 19. Jahrhunderts zutiefst überzeugt, es gäbe „keine rassistischen oder kulturellen Hierarchien und keine angeborenen geistigen Unterschiede zwischen Menschen“.

Das Sammeln stand für Bastian unter Zeitdruck: Nicht nur durch die Konkurrenz aus anderen Ländern, sondern weil sich traditionelle Gesellschaften durch Industrialisierung und Eroberungen nach und nach auflösten. Dieser Zeitdruck hätte dazu geführt, dass er ein „Teufelspakte“ mit Beamten und Militärs einging.

Die Völkerkunde Bastianscher Prägung änderte sich im 20. Jahrhundert, als Ausstellungsstücke Geschichten erzählen sollten, die „den Erfordernissen der nationalen Politik“ forderten.

Nach dieser ausführlichen ‚Einleitung‘ beschreibt Glenn die Geschichte der deutschen Ethnologie in 5 Kapiteln, die jeweils ethnologische Artefakte als Aufhänger nutzen.

Das Sammeln von Ursprüngen geht von hawaiianischen Federumhängen und Maya-Skulpturen aus. Im Fokus stehen Albert Bastian und seine Art des Sammelns, vor allem in Süd-und Mittelamerika. Und wie er für ein ethnologisches Museum kämpft.

Bastians Bemühen um Zeugnisse der Kultur in einer Zeit radikaler kultureller Umwälzungen führte zu einer Art Hypersammeln, das beispielsweise von Johan Jacobsen in Nordamerika und Alaska betrieben wurde, der den berühmten Haida-Totempfahl und die Nootka-Adlermaske für Berlin - friedlich - erwarb. Jacobsen war aber nur ein Mitglied eines „globalen Netzwerks von Helfern“, das Bastian aufzubauen versuchte. Das Hypersammeln führte dazu, dass das 1886 eröffnete Berliner Königliche Museums für Völkerkunde bereits zu diesem Zeitpunkt zu klein war für die Sammlungen. Wichtig: Obwohl das Museum 2 Jahre nach dem Erwerb der ersten deutschen Kolonie öffnete, wehrte sich Bastian, den Kolonialgedanken in seinem Museum zu verherrlichen. Sein Anliegen hatte laut Penny nicht mit Kolonialismus zu tun. Aber natürlich „überschwemmten Objekte aus den frisch erworbenen Kolonien das Museum ebenfalls“.

Schon bald nach Bastians Tod 1905 übernahm Wilhelm von Bode als Direktor der Königlichen Museen und versuchte das Völkerkundemuseum in sein Berliner Gesamt-Museumskonzept zu integrieren: Es wollte sich an den Kunstmusseen orientieren mit „repräsentativen Objekten und didaktische Präsentationen“, was Penny eher ablehnt.

Kolonialismusfragen erörtert Penny anhand der Benin-Bronzen. Darin beschreibt er u.a. die Anstrengungen von Felix von Luschan, der diese Objekte für „die Wissenschaft retten“ wollte und den dazu einsetzenden „Sammelrausch“. Für Luschan waren dies Zeugnisse, dass „Afrikaner nicht weniger kompetent waren als Europäer“. Damit untergrub Luschan auch „koloniale Ideologien, die auf biologische Rassenlehren beruhten“. Andererseits war von Luschan „aber auch ein Imperialist, der Deutschlands Annexionen in Übersee als selbstverständlich ansah“ und als Arzt und Anthropologe ein begeisterter Schädelsammler. Er lehnt Kolonialismus nicht ab, glaubte aber, dass, indem die Würde von kolonialisierten Völkern geachtet werden sollte, ein „Kolonialregime mehr Gutes als Schlechtes bewirken“ könne.  

Beginnend mit Bastian gibt es eigentlich bis in die Neuzeit Dauerhafte Sammelnetzwerke, die Penny anhand deutscher Gemeinschaften in Guatemala erörtert. Eine wichtige Rolle spielte dabei Franz Termer, 1935 bis 1962 Direktor des Museum für Völkerkunde Hamburg (jetzt MARKK).

Und was meint Penny mit Die Vergangenheit in der Zukunft? Hier geht es vor allem um die Zeit nach dem 2. Weltkrieg, als Museen wieder aufgebaut wurden, wobei manche enorme Verluste durch die Kriegszeit, durch Zerstörung und Raub u.a. sowjetischer Truppen erlitten. Und es geht um Ethnologen in der NS-Zeit, zum Teil NS-Anhänger, die aber schon bald wieder „in die wissenschaftliche Gemeinschaft“ übernommen wurden. Der Autor berichtet aber auch, dass seit den 1970er Jahren Wissenschaften wie die Ethnologie als „Dienerinnen des Kolonialismus“ kritisiert wurden. Dis führe auch dazu, dass „Museumsdirektoren und Kuratoren in der BRD Strategien des Hinhaltens, Ablenkens und des direkte Zugangsverbotes“ entwickelten.

Dabei würde aber vernachlässigt werden, dass „die riesigen Sammlungen der materiellen Kultur (…) noch heute seit langem versteckte Schlüssel zu dem enthalten, was Bastian Weltanschauungen nannte“. Ausdrücklich begrüße Penny dementsprechend Aktivitäten, diese Schlüssel zu nutzen, beispielsweise in Zusammenarbeit mit Herkunftsgesellschaften.

Dementsprechend plädiert Penny dafür, auf Schausammlungen und die Präsentation von Objekten als Kunst zu verzichten: „Es ist Zeit, die Sammlungen zu befreien und überkommende Vorstellungen von Räumlichkeit in Museen zu überdenken.“

In einem Epilog berichtet Penny über die Auseinandersetzungen um das Humboldt Forum und bedauert, dass „Debatten über die kolonialen Hintergründe in Übertreibungen versanken“.

Und welchen Ausweg sieht Penny? „Durch eine Kombination von zeitgenössischer Technik (…), neuen Informationen, die indigene Mitwirkende den Museen bringen und einer neuen Generation von Direktoren und Kuratoren (…) haben die Museen vielleicht das erste Mal das Potenzial, ein Gutteil der Humboldschen Ziele zu erreichen, die ihre Gründe motivierten (…) und die Chance, einen Teil von Bastians Visionen zu erreichen.“

Bewertung

Im Schatten Humboldts von H. Glenn Penny ist zuallererst ein gut lesbares Wohlfühlbuch für den Liebhaber traditioneller außereuropäische Kunst in den deutschen Museen. Denn es gibt ihm das ruhige Gewissen, dass die Sammlungen nicht aufgebaut wurden, um koloniale oder rassistische gesellschaftliche Entwicklungen zu unterstützen, sondern aus einem hehren Ziel: Um mehr über die  Weltanschauungen gleichberechtigter Völker zu erfahren.

Dabei verschweigt Penny nicht, dass Ethnologen mit dem Kolonialapparat oder manche später mit dem NS-Staat zusammengearbeitet haben. Dies tritt aber stark zurück hinter seiner Begeisterung über Männer wie Albert Bastian und warum sie die deutschen Museen füllten.

Und hier beginnt meine Kritik: Penny wischt vielleicht zu sehr über koloniale und NS-Verstrickungen hinweg. So erwähnt er zwar, dass der ehemalige Museumsdirektor der Leipziger Museen, Lothar Stein, ihm gegenüber angibt, es läge am Kolonialismus, dass so viele Deutsche im 19. Jhd. die Museen gegründet und unterstützt hätten. Penny relativiert dann aber solche Behauptungen, schließlich seien nach „ostdeutschen Narrativen“ die Wissenschaftler des Kaiserreichs Unterstützer der imperialen Eroberer gewesen - was seiner Meinung nach nicht zutrifft.

Und warum er beim Thema Kolonialismus mit Benin aufmacht, und nicht mit Beispielen, die die deutschen Kolonien betreffen?  Er erwähnt sie, aber eher klein im hinteren Teil des Kapitels. Dem Buch hätte meines Erachtens eine unaufgeregte, aber dennoch stärkere Auseinandersetzung mit der deutschen kolonialen Vergangenheit und mit Aspekten wie Raubkunst bzw. dem kolonialen Erwerb und damit auch der Restitution gut getan.

Ganz zustimmen möchte ich Penny bei einem weiteren Punkt nicht: Ja, es ist toll, dass es heutzutage durch die digitale Revolution und durch die Zusammenarbeit von Indigenen möglich ist, mit Hilfe der Sammlungen die Weltanschauungen von Kulturen zu erforschen. Andererseits möchte ich ehrlich gesagt auf Präsentationen von außereuropäischen Werken als Kunst und als Anstoß für Storytelling nicht verzichten. Und es fragt sich natürlich, inwieweit sich im Zeichen des kulturellen Wandels mit Objekten aus dem 19. Jahrhundert die Kulturen von heute tatsächlich noch erklären lassen. Ein Punkt auf den Penny nicht eingeht.

Trotzdem: Im Schatten Humboldts von H. Glenn Penny ist in meinen Augen ein Pflichtbuch für jeden, der gerne deutsche ethnologische Museen besucht - und sei es nur, um bei der nächsten Diskussion Futter zu haben gegen das Museums-Bashing, das derzeit en vogue ist.

Penny, H. Glenn - Im Schatten Humboldts. Eine tragische Geschichte der deutschen Ethnologie. Verlag C. H. Beck

2019, 287 Seiten, 37 Abildungen

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Vielen Dank an den Verlag C. H. Beck für das Rezensionsexemplar

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Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

H. Glenn Penny - Im Schatten Humboldts. Buchbesprechung von Ingo Barlovic; Ingo Barlovic; 2021; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1337-h-glenn-penny-im-schatten-humboldts-buchbesprechung-von-ingo-barlovic

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