Der 1988 verstorbene Nikolaas ‚Niko‘ Tinbergen war ein herausragender Verhaltensbiologe, der 1973 zusammen mit Konrad Lorenz und Karl von Frisch mit dem Nobelpreis ausgezeichnet wurde. Noch vor seiner Zeit als Professor in Leiden und Oxford hielt er sich zusammen mit seiner Frau Elisabeth Amélie ‚Lis‘ 1932-1933 im südöstlichen Grönland bei den Inuit auf - zu einer Zeit als diese Dänische Kolonie noch weitestgehend abgeschottet war. Sein Reisebericht ‚Eskimoland-Ein Bericht aus der Arktis‘, der 1934 erschienen ist, wurde 2019 erstmals in einer deutschen Übersetzung herausgegeben.

Tinbergen wollte damals die Tierwelt Grönlands studieren und lieferte auch beispielsweise bemerkenswerte Einsichten in das Sozialverhalten der Schlittenhunde. Sein Bericht wurde dann aber in erster Linie die Dokumentation einer Kultur im Umbruch: Die Inuit nahmen immer mehr einen ‚westlichen‘ Lebensstil an, was Tinbergen sehr bedauerte. So fand er es als Verlust, dass die Wasser und Kälte schützende Pelzkleidung zunehmend ersetzt wurde durch westliche Kleidung. Andererseits lebten sie noch alte Traditionen, beispielsweise bei der Jagd auf Robben und beim Fischfang.

Dass Tinbergen und seine Frau tiefe Einblicke in das Leben der Inuit bekam, lag daran, dass sie integriert wurden: Sie eigneten sich Fertigkeiten der Inuit an und waren damit auf Dauer nicht vollständig von ihnen abhängig. Ganz stolz ist er beispielsweise darauf, das er sogar die für das Überleben nach dem Kentern wichtige Eskimo-Rolle mit seinem Kajak schafft. Aber natürlich gelang ihm dies nur mit von den Inuit konstruierten Booten und nicht mit dem Klepperfaltboot, das die Tinbergen mithatten.

Aber: Auch wenn man viel über das Leben der ‚Eskimos‘ erfährt, neben der Jagd beschreibt der Autor beispielsweise intensiv den Hausbau, ist dies kein ethnologisches Werk - auch wenn die Tinbergens ethnografische Gegenstände für ein Museum sammelten. Dafür bleibt es bei kulturellen Riten und Gebräuchen eher vage. Und es ist es kein Kunstbuch. Zwar liest man davon, dass Inuit geschickte Schnitzer waren, aber es werden nur wenige kunstvolle Objekte gezeigt.

Man darf daher nicht vergessen, dass es ein Reisebericht ist, zu dem auch gehört, dass Tinbergen die Landschaft beschreibt. Hierbei erweist er sich als sehr guter Erzähler: „Wohin unsere Blicke auch schweiften, trieben die meterdicken Eisbrocken auf der trägen Dünung; trotz der trüben Nebelstimmung funkelten die Schollen in tiefblauen und grünen Farbtönen. Winzige Alkenvögel saßen in kleinen Gruppen darauf und schwammen zischen den Schollen und tauchten ab, wenn da Schiff in die Nähe kam.“ (S. 21)

Gibt es etwas, was mir weniger gefallen hat? Ja, vereinzelt sieht man dem Buch an, wann es geschrieben wurde: Tinbergens Charakteristik der Inuit, die immer etwas kindlich und gutmütig erscheinen und z.B. nicht für die Zukunft planen, ist zwar nicht kolonial, aber recht stereotyp („ machten (…) Bekanntschaft mit der gutmütigen Art der Eskimos und ihrer angebotenen Heiterkeit.“ S. 27). An anderer Stelle ist von ihrer „kindlichen Unbekümmertheit“ die Rede.

Schön ist allerdings sein Beschreibung der Inuit-Haltung zu europäischen ‚Wunderwerken‘ der Technik wie Ferngläser oder Fotoapparate: „“(…) das Erste, was sie fragen, ist: ‚Hast du das selber gemacht?‘, und wenn die Antwort (…) verneinend ausfällt, geht die Bewunderung zuerst in Verwunderung und dann in eine Art mitleidiges Schulterzucken über.“(S. 52)

Dazu hätte ich gerne in dem Buch noch viel mehr von Kârale erfahren, Tinbergens Gastgeber, der vorkoloniale Bärenabenteuer erzählt und dessen Zeichnungen wunderbare Einblicke in das reale und das spirituelle Leben der Inuit geben. Sie handeln beispielsweise von dem Tupilaq, aus unbelebten Teilen von Menschen und Tieren zusammengebaute Wesen, die dem persönlichen Feind Leid zufügen sollen. Sie können sich aber auch gegen ihre  Erschaffer richten. Viele von Kârale Arbeiten sind heute im Dänischen Nationalmuseum.

Fazit

Eskimoland von Niko Tinbegren ist ein auch und gerade heute äußerst lesenswerter Reisebericht, der einem die Kultur und mit Abstrichen auch das Wesen der Inuit näher bringt. Eine schöne Lektüre für Zwischendurch. Lohnend ist auch das Nachwort von Verena Traeger und Peter Schweitzer, eine gute Mischung aus Zusammenfassung des Buches und Kontextualisierung, die sich nicht über den Autor und den Text erhebt.

Eskimoland. Ein Bericht aus der Arktis von Niko Tinbergen 

240 Seiten, 67 Abbildungen, 2019, C.H.Beck (Verlag)

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Vielen Dank an den Verlag C. H. Beck für das Rezensionsexemplar

Cover eskimoland

Autor

  • Ingo Barlovic

Verpflichtende Zitierweise und Urheberrechte

  • Nennung der Quelle: Niko Tinbergen-Eskimoland. Buchbesprechung von Ingo Barlovic; Ingo Barlovic; 2021; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1342-niko-tinbergen-eskimoland-buchbesprechung-von-ingo-barlovic
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