Buchbesprechung: Dorothea Arnold-Die Ägyptische Kunst

Ich weiß nichts über die Kunst der Antike. Da aber bei wichtigen Messen wie BRAFA, Tefaf, Parcours des Mondes oder Bougogne Tribal Show Galerien für Tribal Art und antike Kunst nebeneinander ausstellen, habe ich beschlossen, in das Thema hineinzuschnuppern. Nur: womit beginnen?

Ein Einstieg könnte die Reihe von schmalen Büchern sein, die der C.H. Beck Verlag für 8,85 Euro anbietet. Sie haben etwas mehr als 100 Seiten und befassen sich mit Kunstepochen wie der griechischen und der römischen Kunst. Könnte also ein Werk wie ‚Die Ägyptische Kunst‘ von Dorothea Arnold aus dem Jahr 2012 solch einen Einstieg ermöglichen? Und warum Ägypten? Ägypten ist eben auch Afrika und ich finde zumindest im Moment diese Kunst spannender als die aus anderen antiken Regionen.

Tatsächlich ist das schmale Kompendium der 1935 geborenen ehemaligen Leiterin der Ägypten-Abteilung des Metropolitan Museum of Art in New York für einen Laien wie mich eine spannende Entdeckungsreise. Sie nähert sich dem Thema in 6 Kapiteln und in jedem gibt es bemerkenswerte Erkenntnisse.

In dem zu Beginn etwas spröden Anfangskapitel geht sie u.a. kurz auf die Umwelt der ägyptischen Kunst ein und postuliert beispielsweise, dass die Gegenwart der lebensbedrohenden Wüste dazu beigetragen hat, dass sich die Ägypter so intensiv mit dem Tod auseinandersetzen. Das dennoch vorhandene Leben in diesem Habitat wurde als ein Symbol des Lebens, das den Tod überwindet, erfahren. Dementsprechend gab es die Vorstellung, dass die Sonne in der Nacht das Totenreich besucht.

Einen breiten Raum nimmt das Kapitel Ägyptische Bauwerke als Räume der Kunst ein. Es geht um die Gebäude, die, zumindest bei Palästen, häufig axial angeordnet sind, die einzelnen Gebäude liegen also hintereinander. Ein einziges Palastgebäude hätte z.B. nicht ausgereicht, da ein König „von Gebäude zu Gebäude“ wechseln musste, um „seinen vielfachen Rollen gerecht zu werden.“ Primär geht in diesem Kapitel aber darum, welche Funktionen Kapellen, Tempel oder Gräber haben und wie und warum sich Bildwerke in ihnen befanden.

Arnold beschreibt hier auch die Funktionen von Kunst, so unterscheidet sie bei Statuen zwischen Kultstatuen, Ritualstatuen, Serdab-Statuen, d.h. ‚lebende Vertreter des Verstorbenen im Grab‘, Kultempfängerstatuen, ritusempfangende Statuen, Kultteilnehmerstatuen, Wächter- und Schutzstatuen und tragbare Bildwerke.

Im kurzen Kapitel ‚Werkstätten und Arbeitsweisen‘ macht die deutsche Autorin deutlich, dass die Werke in Arbeitsteilung hergestellt wurden, wobei es aber eine strenge Hierarche gab. Dabei nahmen Bildhauer und Maler eine Sonderstellung ein. Übrigens ist es eine Legende, dass die Pyramiden von Sklaven erbaut wurden. Es waren im Gegenteil ‚angestellte‘ Arbeiter.

Im für den Kunstinteressierten fast zentralen Kapitel geht es um Statuen. Bereits aus der vorgeschichtlichen Epoche, dem 4. Jahrtausend vor Christi, sind Bildwerke erhalten, die Ansätze zu Formungen und Themen der Pharaonenzeit erkennen lassen. In der 1. bis 3. Dynastie, d.h. von der Frühzeit bis zu der ersten Phase des alten Reichs, also bis 2575 vor Chr., reift dann die altägyptische Kunsttradition heran. Es ist eine Zeit des Experimentierens mit der dreidimensionalen Form. Die Standbilder haben noch eine geradezu pfahlartige Grundstruktur, die Beine stehen zumeist nebeneinander oder tragen zumindest gleichmäßig das Gewicht, die Arme sind anliegend.

Nach diesem Kapitel über die Frühstufen geht die Autorin ausführlich auf Götterbilder-Herrscherbilder ein. Da geht es zwar zu Beginn vor allem um das alte Reich, aber für mich war ein wenig der rote Faden gerissen: Sie fokussiert sich nicht mehr primär auf die im Zeitverlauf sich verändernden Stilarten.

Die Götterbilder waren vielschichtig: Es gab Götter in Tier-und in Menschengestalt und in Mischformen, beispielsweise menschliche Gestalten mit Tierköpfen  - oder umgekehrt. Sie sind vielleicht die typischste Form ägyptischer Kunst. Dabei gab es häufig eine enge bildliche Verbindung von Gottheit und König.

Aber natürlich gab es auch Herrscherbilder, häufig überdimensional. Die Könige sahen aus wie Schwerathleten, das Ideal des Männlichen. Dagegen wurden bei den Frauen das Weibliche/Fruchtbare herausgestellt, mit den eng anliegenden, fließenden Kleidern, die die weiblichen Formen betonten.

In der späten 12. Dynastie, also im mittleren Reich ab ca. 1890 vor Christi, wurden „das traditionelle Bild des Pharaos als starker Mann“ hinterfragt. Es finden sich individuelle Züge in den Gesichtern, die nicht nur vorteilhaft waren, wie hängende Wangen. Und unter Echnaton = Amenophis IV im 14. Jhd. vor Chr. gab es geradezu hässliche unproportionierte Formen. Doch schon bald wurden die Werke ‚ansehnlicher‘ und mündet in dem berühmten, wunderschönen Porträt seiner Frau Nofretete.. Es scheint sich dabei um eine „zum Abmessen und zur Nachahmung bereitgestellte Werkstattvorlage“ zu handeln.

Bei nicht-königlichen Statuen geht Arnold auf die unterschiedlichen Typen ein: Standbilder, d.h. zumeist Schreit-Standbilder, Dienerstatuetten, Sitzstatuen, Schreiberstatuen und Würfelhocker. Es ist eine erstklassige Einführung für mich Laien, aber auch hier hätte ich gerne mehr über z.B. zeitlich unterschiedliche Stile erfahren, dies lies aber der geringe Raum wohl nicht zu.

Es folgt das Kapitel Relief und Malerei. Bei Figuren auf Flachbildern sind die Schultern zumeist frontal wiedergegeben, Körper, Kopf und Glieder im Profil und die Hände in Aufsicht. Spannend fand ich auch die Unterscheidung in Enblem-und Erzählbilder. Erstere sind eine geschlossene Darstellung von Figuren in einer gemeinsamen Handlung, Die anderen sind dagegen Kompositionen mit Handlungsfolgen, also quasi Comics.

Im letzten Kapitel geht Arnold darauf ein, dass es in der ägyptischen Kunst immer einen Bezug zur Vergangenheit gab. So wurden Statuen nachgebildet, ohne sie aber neu zu interpretieren. Und warum dieser Blick auf das Vergangene? „Weil jeder die bildlich übermittelten Botschaften verstand, konnte an dem Text immer weiter geschrieben werden, konnten die Botschaften immer neu interpretiert werden."

‚Die Ägyptische Kunst‘ von Dorothea Arnold ist eine lesenswerte und anschaulich geschriebene Einführung in diese Kunst, die für den Einsteiger und wohl auch für Fortgeschrittene auf engem Raum eine Fülle an Insights bietet. Ich habe viel gelernt! Allerdings ist es mir teilweise fast zu kompakt, ich hätte mir manchmal etwas mehr Möglichkeiten zum Atemholen gewünscht - selbst auf Kosten des einen oder anderen Inhalts.

Dazu ist es ein Grundlagenwerk und keine Einführung, mit der der angehende Sammler in der Lage ist, unterschiedliche Stilrichtungen zu identifizieren. Hier wird weitere Literatur benötigt.

Die Ägyptische Kunst von Dorothea Arnold

128 Seiten, 49 Abbildungen, 2012, C.H.Beck Verlag

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Vielen Dank an den Verlag C.H.Beck für das Rezensionsexemplar

Aus der Reihe Wissen des Verlages sind in der gleichen Aufmachung und ebenfalls für 8,95 Euro u.a. erschienen Die Römische Kunst und Die Griechische Kunst 

Autor

  • Ingo Barlovic

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  • Quellen-Nennung: Buchbesprechung: Dorothea Arnold-Die Ägyptische Kunst ; Ingo Barlovic; 2022; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1507-dorothea-arnold-die-aegyptische-kunst-buchbesprechung
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