Buchbesprechung: Karin Guggeis-Star oder Loser

Objekte in Museen haben mehrere Leben: Bevor sie ins Museum kamen, also in ihren Herkunftsländern und auf den Wegen in das Museum. Im Museum selber. Und manchmal auch in einer Nach-Museums-Zeit, wenn sie aus dem Museum heraus getauscht oder verkauft wurden. Spätestens durch die aktuelle Raubkunstdebatte steht die Erwerbsgeschichte ethnologischer Objekte im Mittelpunkt der Provenienzforschung, also ein Teil des ersten Lebens. Wie Stücke Museen wieder verlassen haben, darüber hat Markus Schindlbeck sein bahnbrechendes Werk ‚Gefunden und verloren‘ geschrieben. Aber: Die Kariere eines Werkes innerhalb des Museums wurde bisher vernachlässigt.

In diese Lücke stößt Karin Guggeis mit ihrer Dissertation ‚Star oder Loser – Zum Making-of von Objektkarrieren in einem ethnologischen Museum‘. Und eines vorweg: Das Buch ist wirklich spannend und sehr gut lesbar.

Für Guggeis werden Stars (und Loser) nicht geboren, sondern gemacht. Talent (oder Qualität) alleine genügt nicht. Dies gilt für Schauspieler genauso wie für Museumsobjekte. Anhand von Fallbeispielen untersucht die Autorin, wie es bestimmte Werke geschafft haben, auf Ausstellungen präsent zu sein und gefeiert zu werden, während andere als „Magazinhüter“ im Depot geradezu vergessen werden. Dies beschreibt sie anhand ausgewählter Objekte im Museum Fünf Kontinente in München.

Inhalt

In einem theoretischen Teil liefert Guggeis einen Bezugsrahmen zur Arbeit, der aber zum Verständnis der darauf folgenden Fallbeispiele nicht zwingend notwendig ist – sehr wohl aber zum Beleg der Wissenschaftlichkeit der Arbeit. Immerhin lernt man Begriffe wie ‚Communtiy of Practice‘, ‚Skilled Vision‘ oder ‚Skilled Practice‘ und kann dann im Gespräch wissenschaftlichen Buzzword-Bingo spielen. Ich kenne Ähnliches im Marketing-Sprech. Die Begriffe werden aber gut erklärt und sind durchaus nachvollziehbar.

Interessant ist ihre Unterscheidung von Big-Names, No-Names, Good-Names oder Bad-Names. Sie sind relevant dafür, um Objektkarrieren zu verstehen. Beispielsweise erscheint ein wichtiges Buch oder ein anerkannter Händler als Big-Name, ein Galerist, der angeblich Fakes verkauft, dagegen als Bad-Name.

Im Hauptteil des Buches beschreibt Guggeis die Objektkarrieren von 9 verschiedenen Stücken. In den Fallbeispielen hinterfragt sie „die Dynamiken ihrer Wahrnehmung, Deutung und Schätzung“. Sie geht darauf ein, wie und warum sie zum Star oder auch zum Loser wurden, aber auch, zu welchen Preisen sie von wem von Museum gekauft wurden.

Erstes Fallbeispiel sind zwei Pfosten des berühmten Yoruba-Schnitzers Olowe von Ise als „Aktuell gehypte Superstars“. Sie wurden 1998 für 320.000 DM von Gert Stoll gekauft, ein Big-Name für die Kunst der Yoruba. Einen Karriereschub erhielten sie, als sie zu einer Sonderausstellung über Olowe nach Washington reisten. Einer der Pfosten gilt heutzutage sogar als Ikone der Afrikanischen Kunst: Der Architekt David Adjaye hat ihn als Inspiration für sein Design des National Museum of African American History and Culture genannt. Dabei ging es vor allem um die dreizackige Form an seinem oberen Ende.

„Ein klassischer Star“ ist das Panther-Paar, Benin-Bronzen, das 1952 für 18.500 DM von der deutschen Händler-Ikone Ludwig Brettschneider gekauft wurde. Dabei wurde nicht nur von Brettschneider gekauft, sondern es wurde auch mit ihm getauscht: Die zweite Figur wurde bereits 1955 gegen 5 Gegenstände aus Asien wieder abgegeben. 

Damit wird deutlich, wie sehr Brettschneider und die Museumsdirektionen miteinander verbunden waren, wie intensiv sie miteinander Handel trieben. Dementsprechend  taucht sein Name häufig in den Fallbeispielen auf.

Der Münchner Händler spielt auch bei „Das gefallene Sternchen“ eine wichtige Rolle: Für 9.000 DM verkaufte er dem Museum 1974 ein Elfenbein-Blasrohr. Die Karriere des Objektes erlitt einen „Total-Crash“, als der Fotograf (!) des Museums meinte, es würde sich um eine Fälschung handeln. Brettschneider nahm das Objekt zurück, seinem Ruf als Big-Name-Händler hat es nicht geschadet.

Spannend ist auch die Geschichte einer kleineren Uli-Figur, die die Besitzer „Waldo“ genannt haben. Diese „Comebacker im Museum“ wurde vor dem 2. WK mehrmals ausgestellt, 1952 aber herausgetauscht – natürlich an Brettschneider.

Jedoch: 2006 hat das Museum die Figur für 132.000 $ bei einer Sotheby’s -Versteigerung zurückgekauft. Waldo wurde danach kurzfristig in Veröffentlichungen und Sonderausstellungen und sogar als Bild auf einem Merchandise-Produkt des Museums, einem Mousepad, hochgeschätzt. Derzeit fristet die Skulptur aber ein Dasein „auf der Hinterbühne des Museumsdepots“.

Rührend ist die Geschichte eines „verstoßenen Hinterbänklers“, einem Amulett aus dem Ogobe-Gebiet. Als ungeliebtes Geschenk 1888 ins Museum gekommen, wurde es immerhin öfters Personen im Speicher des Museums gezeigt. Bis es 1933 als „total zerfressen“ ausgesondert wurde.

Die weiteren Fallbeispiele befassen sich mit einer Maske aus der Ware-Region, die der „aktuelle Coverboy“ des Museumskatalogs ist und dem „aktuellen Museumsliebling“, dem sprechenden Schuh des Künstlers Amazou Glikpa. Er wurde 2010 für 4.000 Euro von der Galerie Peter Hermann gekauft und belegt das frühe Interesse des Afrika-Kurators Stefan Eisenhofer an zeitgenössischer Kunst.

Besprochen werden schließlich die Karrieren eines „Fetischs“ aus der Lonaga-Küste und eines Speers aus Ostafrika.

Bewertung

‚Star oder Loser‘ von Karin Guggeis hat mir richtig Spaß gemacht:

  • Es liefert spannende museumsinterne Informationen, z.B. zu Kaufpreisen oder wichtigen Playern wie Brettschneider und seinem Verhältnis zum Museum und Direktoren wie Lommel. Häufig wird auch das Beziehungsgeflecht innerhalb des Museum deutlich, wenn beispielsweise der Direktor Entscheidungen über den Kopf des zuständigen Kurators hinweg trifft.
  • Es erscheint als innovativ und nahezu bahnbrechend: Zumindest mir ist kein vergleichbares Werk über die Objektkarrieren in ethnologischen Museen bekannt.
  • Es ist flüssig zu lesen und verständlich geschrieben. Einzig das affektierte Gender-Sternchen stört den Lesefluss, aber es kommt zum Glück nicht zu häufig vor.
  • Last but not least werden die Objekte, um die es geht, durch Bezeichnungen wie Star, Sternchen oder Hinterbänkler geradezu personalisiert. wodurch sich eine emotionale Nähe zum Leser aufbaut.

Und hat das Buch Schwächen? Zum einen hätte ich mir gewünscht, noch tiefer in Einzelaspekte steigen zu können: Wie viele und welche Objekte hat beispielsweise Brettschneider mit dem Museum gehandelt? Oder: Warum gibt es keine Übersicht über alle zum Beispiel nach 1945 erworbenen Objekte und ihre Kaufpreise? Natürlich hätte dies den Rahmen der Arbeit gesprengt, aber vielleicht wird sie ja von anderen Autoren fortgeführt, die von dem Werk so angefixt wurden wie ich.

Zum anderen bedient das Buch nicht den derzeitigen Wissenschafts-Mainstream. Es geht eben nicht um In-Themen wie die Art des Erwerbs im Herkunftsland oder um den Austausch mit indigenen Communities, sondern um „Feldforschung“ im Museum. Damit ist es wohl im Moment eine Art ‚Hinterbänkler‘. Ich hoffe aber sehr, dass dieses erfrischende und ideologiefreie Werk in Zukunft zu einem "Star" wird.

Star oder Loser? - Zum Making-of von Objektkarrieren in einem ethnologischen Museum von Karin Guggeis

Herausgegeben von der Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern

208 Seiten, 58 Abbildungen, 2022, Deutscher Kunstverlag, 49,90 Euro

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Vielen Dank an die Landesstelle für die nichtstaatlichen Museen in Bayern für das Rezensionsexemplar

Autor

  • Ingo Barlovic

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  • Quellen-Nennung: Buchbesprechung: Karin Guggeis-Star oder Loser ; Ingo Barlovic; 2022; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1515-buchbesprechung-karin-guggeis-star-oder-loser
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