Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen. Rezension von Ingo Barlovic

Die Holländerinnen heißt der Roman, mit dem die Schweizer Autorin Dorothee Elmiger 2025 den Deutschen Buchpreis gewonnen hat. Da er am Amazonas spielt, ist er für diese Website von besonderem Interesse.

Inhalt

In indirekter Rede berichtet eine Schriftstellerin während einer Lesung von den Ereignissen einer Expedition im lateinamerikanischen Urwald. Sie war Teil eines Theaterprojekts, mit dem der Regisseur auf den Spuren der „Holländerinnen“ wandelt, um eine Art „hypnotischen Realismus“ zu entwickeln. Dabei bezieht sich das Buch auf den tatsächlichen Fall zweier junger Frauen aus den Niederlanden, die 2014 im Dschungel von Panama verschwanden – erst sehr viel später tauchten vereinzelte menschliche Überreste auf.

Im Roman geht es jedoch nicht um die Aufklärung dieses Falles, sondern um Themen wie Wahrheit, Erinnerung, Kolonialismus und das Theatermachen. Wir erfahren, wie die Protagonistin im Dschungel in eine Krise gerät und ihr zunehmend der Boden unter den Füßen entgleitet.

Elmiger lässt dafür verschiedene Mitglieder der Theatertruppe (sowie eine fiktive französische Autorin bzw. deren Tochter) zu Wort kommen, die sich an einschneidende Erlebnisse aus ihrem Leben erinnern:

  • Eine Frau berichtet vom Zusammenleben mit einem schwierigen Künstler und einem Brand in der Wohnung über ihr, bei dem zwei zurückgezogen lebende Menschen starben.
  • Ein Kameramann ist traumatisiert, nachdem er ein Filmprojekt über gefangene Wildpferde begleitet hat.
  • Eine französische Schriftstellerin verzweifelt an drei Episoden ihres Lebens, in denen es ihr an Menschlichkeit fehlte.
  • Ein Bewohner erzählt die Geschichte zweier Schwestern und eines Deutschen im Urwald von Panama, die in einem Albtraum endet.

Der Text steckt voller Anspielungen auf Werner Herzog (insbesondere Filme wie Aguirre, der Zorn Gottes) und erinnert an Joseph Conrads Herz der Finsternis, in dem sich der Protagonist ebenfalls im tiefen Urwald verliert. Am Ende begibt sich die Truppe tatsächlich auf die Spuren der verschwundenen Frauen im Urwald, was für die Schriftstellerin zu einem inneren Nachtmahr wird. Eine klassische Auflösung gibt es jedoch nicht – man erfährt letztlich nicht einmal, was aus dem Projekt des Theaterregisseurs wurde.

Bewertung

Meine Inhaltsangabe macht es bereits deutlich: Dies ist kein „normaler“ Roman. Aufgrund der reduzierten Handlung und der konsequent indirekten Erzählweise hängt das Gefallen stark davon ab, wie sehr man sich als Leser darauf einlassen kann.

Wer tief in der Literatur verwurzelt ist, wird in dem Werk sicherlich eine spannende Reflexion über das Erinnern finden. Auf mich wirkte hingegen besonders stark, wie die Protagonistin nach und nach den Halt verliert. Trotz der erzählerischen Distanz entwickelt man beim Lesen ein ähnliches Gefühl der Entfremdung wie sie. So wird der Roman – ganz im Geiste von Herzog/Kinski oder Joseph Conrad – zu einer geradezu hypnotischen Reise in die Finsternis, und zwar in die des eigenen Ichs der Berichterstatterin.

Im Verlauf der Lektüre fühlte ich mich zudem an H.P. Lovecraft erinnert, in dessen Werken sich das Grauen zunehmend des Erzählers bemächtigt. Während das Grauen bei Lovecraft jedoch oft eine äußere Entsprechung findet, spielt es sich bei Elmiger fast ausschließlich im Inneren der Protagonistin ab.

Hat mir der Roman gefallen? Ja. Ich habe ihn sogar zweimal gelesen und diese Entdeckungsfahrt in ein zunehmend traumatisiertes Ich wirklich genossen. Aber wer nicht in einen Leseflow hinenkommt oder in einem Roman einen spannungsgeladenen Plot möchte, der wird eventuell enttäuscht.

Ingo Barlovic

Die Holländerinnen von Dorothee Elmiger

Wer das Buch kaufen und mir einen Gefallen tun möchte, kann versandkostenfrei über Thalia bestellen. Ich nehme an deren Partnerprogramm teil und erhalte pro über den Link verkauftem Buch eine kleine Provision. Für den Käufer bleibt der Preis gleich. 

160Seiten, 2025, Carl Hanser Verlag

Zum  Thalia-​Link zur gebundenen Ausgabe für 23 Euro

Zum Thalia-​Link zum eBook für 14,99 Euro

Vielen Dank an den Carl Hanser Verlag für die Zusendung eines Rezensionsexemplars

Autor

  • Ingo Barlovic

Verpflichtende Zitierweise und Urheberrechte

  • Beachten Sie die Rechte des/der Urheber! Wenn Sie größere Teile von Artikeln übernehmen wollen, fragen Sie zuvor nach!
  • Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.
  • Quellen-Nennung: Dorothee Elmiger, Die Holländerinnen. Rezension von Ingo Barlovic ; Ingo Barlovic; 2025; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/1699-dorothee-elmiger-die-hollaenderinnen-rezension-von-ingo-barlovic
Diese Seite teilen
©2005-2026 ° About-Africa.de
Programmierung, technische Umsetzung, Wartung G@HService Berlin GHSVS.de