Der 2015 erschienene Band 64 des Tribus, das Jahrbuch des Stuttgarter Linden-Museums, beinhaltet neben museumsinternen Beiträgen wie den Übersichten über Sammlungszugängen, Ausstellungen und Veranstaltungen auch einen wissenschaftlichen Teil mit Artikeln aus verschiedenen Themengebieten.

In Fuchskopf, Königsmaske und Standarte: eine Neubetrachtung der Funde aus der Huaca de la Luna, Peru geben Peter Kaulicke und Doris Kurella den neuesten wissenschaftlichen Stand über zu Beginn des 20. Jahrhunderts in der Mondpyramide in der Nähe der heutigen peruanischen Stadt Trujillo gesammelte Stücke. Sie stammen wohl aus den Moche-Perioden I-II und sind heute im Linden-Museum. Unter den Objekten befinden sich neben Keramikobjekten auch 4 Masken aus Metall, darunter eine faszinierende Fuchsmaske.

Fuchskopf Stirn oder Ruckenschmuck Moche Kultur Peru 4. bis 5. Jh. Foto Anatol Dreyer Copyright Linden Museum Stuttgart InvNo 119.154

Fuchskopf, Stirn- oder Rückenschmuck, Moche-Kultur, Peru, 4. bis 5. Jh., Foto Anatol Dreyer, Copyright Linden-Museum Stuttgart, InvNo 119.154

Eike de Vries befasst sich in Hugo Schauinsland und seine ethnographische Sammlung aus Amerika mit den insgesamt 54 Ethnografika von der amerikanischen Nordwestküste und aus Alaska, die der erste Direktor des heutigen Übersee-Museums in Bremen 1896/1897 für dieses Museum gesammelt hat. Dabei erscheint sein Erwerb eher als Beifang während einer seiner Weltreisen: Zu wenig hat sich Schauinsland um die Herkunft und die ethnologische Bedeutung der einzelnen Stücke gekümmert und zum Teil scheint er nahezu touristisch gesammelt zu haben. Dementsprechend sind wohl recht wenige Stücke wirklich von Indigenen für den eigenen Gebrauch angefertigt worden. Schauinsland scheint auch Amerika nicht wirklich gemocht zu haben. Den Artikel selbst empfand ich als etwas zwiespältig: Zwar werden die einzelnen Objekte beschrieben, mit Ausnahme v.a. von einigen Renommierstücken fehlt es aber an Bildmaterial oder Verweise auf Datenbänke. Damit sind auch keine vergleichenden Studien möglich.

Monika Zin zeigt in ihrem Beitrag Nur Gandhara? Zu Motiven der klassischen Antike in Andhra (einschließlich Kanaganahalli) auf den Spuren von Rosen Stone, dass es in der Kunst der Amaravati-Kunstschule auf dem Gebiet des heutigen Andhra Pradesh in Indien kurz vor und nach unserer Zeitrechnung Motive gab, die aus der mediterranen Welt übernommen wurden. Die Kunst in Andhra lässt sich damit mit Worten wie multi-, trans- oder interkulturell bezeichnen. Interkulturalität ist ja auch für die Tribal Art ein äußerst spannendes Thema und wurde schon öfters auf about africa thematisiert (u.a. durch einen Text von Volker Galperin, der das Motiv des Löwenkämpfers in unterschiedlichen Kulturen und Epochen nachweist oder meinen Vortrag zur 'chromatischen Kunst', der später leicht gekürzt in der Kunst&Kontext veröffentlicht wurde).

Weitere Artikel befassen sich mit einem Terrakotta-Paneel aus dem Gupta-Reich (Indien), japanischen Lack-Porträtmedaillons nach europäischen Kupferstichen (auch hier geht es um eine Art Austausch zwischen Kulturen) und um Möglichkeiten und Grenzen der Restaurierung von im Schattentheater genutzten Figuren.

Was leider bis auf eine Ausnahme nicht vorkommt: Sowohl museumsinterne Beiträge als auch Artikel zu Afrika. Das Referat ist derzeit nicht besetzt. Dafür ist die Ausnahme etwas seltsam: Der ehemalige Referatsleiter Afrika, Hermann Forkl, wehrt sich darin gegen im Tribus 61 erhobene Vorwürfe bzgl. einer Objektbeschriftung und eines Internet-Textes zu einer Miniaturmaske der Edo/Benin. Und er endet mit dem Satz: "Es wäre hilfreich gewesen, wenn die Schriftleitung der "Tribus" mir den Bericht von Fromm/Schulz/Schierle vor der Drucklegung zur Ansicht vorgelegt hätte." Dass solch eine Diskussion öffentlich ausgetragen wird (Sonja Schierle war bis 2015 Kuratorin für die Nordamerika-Sammlung des Linden-Museums), lässt entweder auf eine hausinterne Politik der Transparenz schließen - oder darauf, dass es im Linden-Museum ziemlich gebrodelt hat…

Inhaltsverzeichnis als pdf.

243 S.; zahlr. farb. Abb.; 19,90 Euro, Bezug u.a. über den Shop des Linden Museums.

Nachtrag vom 3.1.2016

Dr. Sandra Ferracuti wird ab Montag den 4. Januar 2016 die Stelle des Afrika-Referats besetzen. Lieben Dank an Martin Otto-Hörbrand vom Linden-Museum, der uns heute darüber informiert hat.

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Tribus Band 64, 2015, Jahrbuch des Linden-Museums; Ingo Barlovic; 2016; https://www.about-africa.de/buch-publikation-internet/641-tribus-band-64-2015

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