Vorbemerkung: Mit Rücksicht auf nicht-christliche Leser / Länder habe ich neutralere Zeitbezeichnungen gewählt: die lateinischen Wörter  ante und  post.

In anderen Abhandlungen über Westafrika habe ich zum Ausdruck gebracht, dass ich an eine oder auch mehrere Migrationen von Nordostafrika, vielleicht und zusätzlich auch aus Nordafrika, nach Westafrika glaube. Diese Auffassung deckt sich durchaus mit schwarzafrikanischen, z.B. wird dies in der Herkunftssage der Yoruba deutlich (s. b. mein entsprechender Vortrag: Nahmen Nimrods Nachfolger Nigeria?). Ich glaube, dass solch Migrationen nach 400 post (Zerfall von Kusch), nach 534 post (Zerstörung des Vandalenreiches in Nordafrika) und / oder nach 700 post (Zerfall von Aksum; Eroberung Nordafrikas durch muslimische Araber) stattgefunden haben können. Möglicherweise direkt, über auch zeitlich lange Wege, möglicherweise auf Umwegen, z.B. über die historischen schwarzafrikanischen Feudalreiche Ghana / Mali / Songhai: Letzteres könnte dann zwischen 1100 bis 1500 post gewesen sein, mit Zerfall genannter Reiche. Gegen ausschließlich letztere Migrationen ab 1100 post sprechen die Reiche von Ife und Benin, die – Ife – zu dem Zeitpunkt bereits in ihrer Blüte standen.

Bekanntlich gibt es das große Problem, dass das animistische Schwarz-Afrika vor dem intensiven Kontakt mit Europa, also ab dem 15. Jahrhundert post, nicht geschrieben hatte, uns folglich Tontafeln oder in Stein gemeißelte Nachrichten fehlen, von solchen auf Holz oder Papier – Lieblingsnahrung der weißen Ameise – ganz zu schweigen! Wir sind somit auf Aufzeichnungen außerhalb der Region des bilad es sudan (Land der Schwarzen), also der Sahara samt ihren Anrainerstaaten in Ost, Süd und West, angewiesen bzw. auf Artefakte oder Hinweise aus Mythen oder Riten: Geschichtliche Dokumente zu dem hier angesprochenen Mythos (oder den nachfolgend kurz gelisteten Auffälligkeiten) kenne ich nicht; Artefakte ja, wie ich meine, wie auch Ähnlichkeiten in Mythen.

Ohne hier näher auf die zu erwähnenden Ähnlichkeiten eingehen zu können, meine folgenden Beobachtungen (ohne Wertung in der Reihenfolge!):

  • Die Ashanti Ghanas kennen den ‘heiligen‘ sechsten Tag (nennen ihn allerdings nicht Sabbat-shabbat-shabbes): onyangkopong KwameOny: Gott, der am sechsten Tage geboren wurde. Sie erinnern sich an Kwame Nkru-mah: Kwame steht für unseren Samstag
  • Die Fulbe und andere Völker des Sahel schminken ihre Augen mit Antimon, wie die geschichtlichen Ägypter dies taten
  • Die Könige und Häuptlinge der Ashanti dürfen mit ihren Füßen nicht den entweihenden Boden berühren
  • Bei den Ashanti ist der für die Twi-Sprache auffällige Name Koufour (lautmalerische Schreibweise durch Missionare) verbreitet: die Orte Kufûr el Ghâb liegen in Ägypten, Kufra im Libanon, Kufayr in Syrien
  • Zwillinge, da halb göttlich, sind unbesiegbar. Siehe Dioskuren: Castor und Polydeukes in der griechischen Mythologie bzw. und vermutlich mit Ursprung in der sumerischen Mythologie: Dumuzi, der Gottheit für Fruchtbarkeit und damit Vegetation; er ging folglich in der Trockenperiode (bei uns: Winter) in die Unterwelt, um mit der wieder erwachenden Natur, dem jungen Grün, zurück zu kehren; siehe Weihnachten, siehe Ostern
  • Bei Königen, z.B. in Ife, ist die getrennte Beisetzung von Körper und Körperteilen berichtet; siehe antikes Ägypten
  • Die Yoruba kennen im Mythos des Donnergottes das ihnen sonst unbekannte Zweiklingenbeil / die Doppelaxt als Symbol für diese Gottheit sango; siehe Addad der sumerischen, Thor /Donar der germanischen Mythologie; schon Addad hielt einen Blitz in seiner rechten, eine Axt in seiner linken Hand
  • Der akua-bà genannte Fruchtbarkeitsfetisch der Ashanti erinnert sowohl in Form als auch Bedeutung frappierend an das ankh-Zeichen für das Leben des historischen Ägyptens
  • Die Yoruba Nigerias, die Fon Abomeys-Dahomeys (der heutigen Republik Benin) und die Ashanti /Ghana) und ihr Schwestervolk der Baule (Elfenbeinküste) kennen den Bronzeguß / Gelbguß und das Verfahren per cire perdue / lost wax / verlorene Form; sie sind die einzigen Völker Westafrikas, die dies seit etwa 1000 post beherrschten 
  • Die Phönizier ließen den Tempel der Aschera um das göttliche Zeichen, den ‘vom Himmel gefallen Stein‘ erbauen: Die Ashanti gründeten ihr Reich auf dem göttlichen Zeichen des ‘vom Himmel gefallenen goldenen Throns‘; siehe auch muslimischer Glaube: Felsendom / Qubbàt Al-Sakhra: der Fels, auf dem Mohammed aus dem Himmel zurückkehrend mit seinem Ross landete.
  • Die phönizische Gottheit Baàl durfte nie direkt, nur über untergeordnete Götter angesprochen werden: Häuptlinge in Ghana, Togo, Nigeria (Westafrika) sprechen mit ihrem Besuch nur über ihren Linguisten (siehe auch: katholische Heilige). 

Warum schreibt sich Ghana, das geschichtliche wie das zeitgenössische (das Nkrumah ja gern als Folgestaat betrachtete) mit einem h vor dem a? Keine westeuropäische Sprache würde diesen Namen ohne h anders aussprechen: Gana. Was also soll der Buchstabe? Kann es sein, dass westeuropäische Missionare oder Gelehrte nur die Buchstaben des arabisch geschriebenen historischen Ghana übertrugen, nicht jedoch die arabische Aussprache berücksichtigten? Zu dem Zeitpunkt, als Westeuropäer Westafrika erforschten, pflegten die Araber dort nicht nur langjährige Handelsbeziehungen, sondern teils auch diplomatische Kontakte: Im 5. Jahrhundert post z.B. hatte Byzanz zunächst das afrikanische Vandalenreich diplomatisch anerkannt. Dies hielt einen Belisar jedoch nicht davon ab, das Reich 534 post zu zerstören. Wir wissen aus arabischen Aufzeichnungen aber auch von solchen Kontakten mit den schwarzen Feudalreichen: Spätestens 1235 post, mit der Niederlage der Soso im alten Ghana entstand das muslimische Mali. Zu dem Zeitpunkt hatten die Europäer Westafrika nicht einmal per Schiff angelaufen: Die Portugiesen ‘entdeckten‘ Senegal und Sierra Leone erst 1445 post.

Es muß also arabische Schriftdokumente über das geschichtliche Ghana gegeben haben. Die lateinische Buchstabengruppe g und h wird im Arabischen wie ein stimmhaftes ch ausgesprochen: Geschrieben müsste ich hier Ra-na setzen, weil wir diesen Laut in unseren westeuropäischen Sprachen nicht haben. Ra? Hieß nicht der ägyptische Sonnengott so (jedenfalls in unserer europäischen – verfälschenden? – Schreibweise: Sprechen die ägyptischen Hieroglyphen für Ra wirklich den Buchstaben R an? Oder wird damit von den Ägyptologen nur der Laut des stimmhaften ch ausgedrückt?)? Ist nicht nana noch heute in Ghana die Bezeichnung für den Häuptling, also den Obersten? Hatten die geschichtlichen Ghanaer – Verzeihung: Ranaer? – ihr Land 400 post vielleicht dem ‘mitgewanderten‘ Sonnengott geweiht? Rana: dem Obersten Ra? Dem Höchsten Ra?

Es mag weitere Hinweise geben, die mir nicht bekannt sind. Wie gesagt: Dies sind nur mögliche ‘Indizien‘, keinerlei Beweise, können reine Zufälligkeiten sein, auch falsche Auslegungen von mir. Sie sind m.E. jedoch wert, eingehend betrachtet zu werden!

Was hat mich auf die Idee der von außen nach Westafrika hereingetragenen Einflüsse gebracht? An einem Sonntag im März 1967 erstand ich in Lagos eine Bronzegruppe (Abb. 1), offensichtlich der Fon des geschichtlichen Königreiches Abomey. Sie stellt den Heros im Kampf mit dem Löwen dar. Die Gruppe entspricht in ihrem Aufbau bekannten Darstellungen der Fon zu diesem Thema, durchwegs älter, aus dem 18. Jahrhundert stammend und damals noch aus einem Stück (!) gegossen. Eine spätere Begutachtung durch Christian Merlo † in Paris, im Januar 1968, dem wohl anerkanntermaßen da führenden Experten für die Kunst Abomeys / Dahomeys, datiert meine Gruppe auf die Zeit zwischen 1880 und 1895: aufgrund ihrer Zweiteilung: Man hatte inzwischen verlernt, die, die beiden Körper verbindenden, dünnen Gliedmaßen nach dem Guß warm zu halten, weil sie sonst gegenüber den größeren Massen der Körper früher erkalteten und damit reißen mußten. (Bei meiner Plastik sind Heros und Löwe elegant miteinander vernietet.) Inzwischen wurde dieses Zeitfenster sowohl vom Rathgen Labor, Berlin, als auch von Monsieur Manuel Valentin, Musée de l’Homme, Paris, als bis jüngstens 1905 bestätigt.

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Abb. 1 Löwenkämpfer der Fon (ex Sammlung V. Galperin)

Erst sehr viel später, bei meinen ‘hausbackenen‘ Studien zum Zwillingskult, stieß ich in einem Buch über u.a. die Sumerer (Hartmut Schmökel: Ur, Assur, Babylon) auf die Darstellung eines abgerollten Rollsiegels (Abb. 2), das mich in seinen Bann zog! Die dort mit dem Löwen (dem Sonnensymbol, hier stehend für seine vernichtende Kraft) kämpfende Gottheit Dumuzi tut dies in sehr ähnlicher Pose wie mein Löwenkämpfer aus Abomey!

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Abb.2 Sumerisches Rollsiegel

Schmökel nennt die Pose: Knielauf. In diesem Punkt streite ich mit ihm. Nicht nur, weil mir diese Wortschöpfung unbekannt und unverständlich ist, sie ist m. E. auch unsinnig. Ohne Kniebewegung können wir gar nicht laufen: Das Verb beschreibt schnelles Gehen; ohne bewegliche Knie nicht denkbar! Es würde also genügen, vom Lauf oder schnellen Lauf oder Angriffslauf zu sprechen. Jedoch: Würde ein Held gegen einen Löwen anlaufen!? Quasi ‘blindwütig‘? Wäre dies eines Helden würdig? Und auf den Knien läuft auch niemand, allenfalls kann er so rutschen.

Sodann müssen wir bei der Betrachtung an die Rollsiegelminiatur denken: nur 2,7 Zentimeter hoch, mit einem Durchmesser von etwa 2 Zentimetern: gemäß Pi nur ca. 6,3 Zentimeter Flächenbreite, auf der der Künstler die kämpfende Gruppe neben Inanna, einer weiteren Gottheit, und den Namen des Verwalters in Keilschrift meisterlich unterbrachte. Dumuzi ‘läuft dort nicht Knie‘, sondern es handelt sich schlichtweg und logischerweise um die kniende Pose: Sie unterstreicht den Mut des Heros; in dieser Stellung ist er dem übermächtigen Tier noch mehr ausgeliefert. Der Aufbau der Fon-Bronze ist letztlich der auf dem Rollsiegel identisch, das Motiv sowieso, da von der Wiedergabe unabhängig.

Schauen wir kurz auf die iberische Halbinsel, auf die im Ursprung aus dem frühen östlichen Mittelmeerraum (u.a. Mykonos) stammenden Stierkämpfe (siehe Sprünge längs über das Tier): Manch Torero kniet gegen Ende des Kampfes in dieser Pose, auf einem Knie, vor dem Stier! Eine Stellung, die ihn theoretisch hilflos macht. Eine vermeintliche Ergebenheitsgeste: In Wirklichkeit ist der Stierkämpfer zu dem Zeitpunkt dem da bereits geschwächten Tier überlegen: show business! Wirklich ergeben, sich unterwerfend, kniete Heinrich IV. vor Papst Gregor VII., also auf beiden Knien. Aber Krieger beim Ritterschlag vor ihrem Dienstherrn, Feldherren vor dem segnenden Kirchenmann am Morgen einer Schlacht knieten wie Dumuzi: auf einem Knie. Wie auch Brautwerber vor der Angebeteten, wenn sie um ihre Hand anhielten. Früher.

Der Kniefall wird also bei religiösen und nichtreligiösen Handlungen geübt; in letzterem Fall zumeist auf einem Knie wie in meiner Fon-Plastik. Diese Pose deutet m. E. nicht die volle, bedingungslose Unterwerfung an. Sie läßt Stolz erkennen oder eben Wachsamkeit, Bereitschaft: Es ist also mehr eine Geste, show business. Beachtenswert jedenfalls, dass diese “sumerische“ Pose sich über die Jahrtausende erhalten hat, denn: das Europa des Mittelalters, ja bis ins 20. Jahrhundert hinein!, hatte keine Kenntnis der sumerischen Rollsiegel oder der mykenischen Artefakte (hier: Petschaft)! War die Pose dann über Mythen verbreitet worden?

Bedenken wir bitte, dass unser Glaube, wie auch der Islam, mit dem jüdischen verwurzelt ist, dieser wiederum mit babylonisch-sumerischen Elementen bzw. ägyptischen: siehe Amenophis IV (“Saulus“), der sich zu Echnaton (“Paulus“) wandelte und m.W. als erster Mensch den Einen Gott erkannte, den er ausschließlich über das Sonnensymbol darstellen ließ. Und der Kniefall dürfte weit vor den Sumerern geübt worden sein, mit ihnen jedoch wurde er ‘dokumentiert‘! Der sich aus Angst vor dem zürnenden Donnergott in den Staub werfende oder kniende Mensch ist gut vorstellbar. Nicht abwegig, dass diese Pose in die frühen Heldendarstellungen eingeflossen war, dann variiert auf einem Knie, um eben ihre heroische Aussage zu steigern? Show business

Es wurde auch auf Monumentalplastiken und Reliefs der den Sumerern zeitlich nachfolgenden Hethiter auf einem Knie gekniet (Abb. 3). Hier hält ein adlerköpfiger Mensch (vermutlich unter schützender Maske im Angesicht der Gottheit) für seinen Gott zwei Löwen: Er kniet, was nicht notwendig wäre, es sei denn, er darf in Anwesenheit der Gottheit nicht stehen; aber er kniet auf nur einem Knie! Wird damit “à la Torero“ bzw. Dumuzi seine Überlegenheit gegenüber den Tieren ausgedrückt? Jedenfalls verehrten die indogermanischen Hethiter, so gut militärisch organisiert und kriegerisch diszipliniert sie auch waren, offenbar nicht die sinnlose Gewalt, wie wir aus ihren zahlreichen Texten und Darstellungen schließen dürfen. Der Löwe wird also nicht durch Axt oder Speer getötet, er, sogar gleich in doppelter Ausführung!, läßt sich an der Mähne vorführen, womit zugleich (und wohl in erster Linie) das Heldenhafte unterstrichen wird!

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Abb. 3 Hethitisches Relief: Heros hält zwei Löwen an den Mähnen 

(Abb. 4) In diesem Relief packt ein auf einem Knie kniender Mensch den Löwen scheinbar mühelos am Hinterlauf: auch hier kein ‘Blut‘! Auch keine Gottheit, doch er kniet: show business? Die weiteren Tiere sollen wohl anzeigen, wen der Held schützt bzw. welche nutzbaren Tiere er für sein Volk beschützt. Beide hethitischen Darstellungen um 1600 ante.

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Abb. 4 Hethitisches Relief: Heros hält den Löwen am Hinterlauf

Das Motiv hatte sich also über Jahrhunderte, Grenzen, Gebirge und Meer erhalten (Abb. 5). Dieses goldene Siegel stammt aus Mykene, aus der Zeit 1500 bis 1000 ante. Zwar hat das griechische Kurzschwert die Axt des Dumuzi ersetzt, der Held packt den Löwen bei dessen Mähne (nicht afrikanisch-pragmatisch, oder auch afrikanisch-schalkisch!, an der Zunge wie mein Held aus Dahomey: Beißen Sie mal zu, wenn Ihre Zunge draußen ist!), und das Untier drückt seinem Widersacher nicht die rechte Pranke auf die Brust, sondern umfaßt ihn damit. Dieses kleine goldene Kunstwerk kommt in seiner Darstellung meiner Bronzegruppe wieder sehr nahe, ist aber rund 3000 Jahre älter!

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Abb. 5 Goldenes Siegel aus Mykene

Ähnlich (Abb. 6), doch wieder durch den gegeben Raum (11,7 cm Höhe) eingeengt, diese frühgriechische, cypro-mykenische Elfenbeinschnitzerei: ein Spiegelgriff, 1300-1100 ante. Leider sind Details die Waffe oder Armhaltung betreffend nicht mehr auszumachen. Motiv und Darstellung jedoch erstaunlich nahe zu meiner westafrikanischen, rund 3000 Jahre jüngeren Plastik!

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Abb. 6 Cypro-mykenischer Spiegelgriff (Elfenbein)

Es gibt dieses Motiv auch in anderer Gestaltung (Abb. 7): Eine zum Schöpfen verwendete Kalpis, ein rotschwarzes Tongefäß aus dem 5. Jahrhundert ante: Herakles tötet den Nemeischen Löwen. Die mächtige Gottheit braucht natürlich keine Waffe – sie macht es mit bloßen Händen! Hier haben die Griechen durch ihre Variante der Darstellung dem Heldenmythos des Dumuzi eine Steigerung aufgesetzt! Oder kannten sie das - zu zeigende - Gilgamesch-Relief ?

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Abb. 7 Griechische Kalpis (Schöpfgefäß) 

Etwas jünger ein Fußbodenmosaik aus Kieselsteinen, etwa 400 ante, aus Pella in Makedonien (Abb. 8): Es stellt (ort- und zeitbezogen) Alexander d. Gr. dar, hier als den Helden, der die Raubkatze mit Speer und Kurzschwert bekämpft. Man darf unterstellen, dass ‘Alexis‘ den panthera leo besiegen konnte, um – nachdem er den gordischen Knoten auf seine Weise gelöst hatte – ‘erst‘ 323 ante nur 33-jährig in ‘seinem‘ Babylon zu sterben, aber eben nicht unter der Pranke eines Löwen! Das Mosaik erinnert stark an andere heroisierende Darstellungen von Königen, Kaisern, Diktatoren: M.W. hat König Alexander nie den König der Tiere eigenhändig bezwungen. Dem Künstler dürfte dieses Werk jedoch wohlwollende Beachtung eingetragen haben! 

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Abb. 8 Makedonisches Fußboden-Mosaik

Darius, Xerxes, oder ein anderer der Achaemeniden (Abb. 9) packt den Löwen à la Hethiter am Hinterlauf, hat zur Vorsicht jedoch sein Schwert in der Rechten parat! Nun, er ist auf dem Rollsiegel ja auch gut 1000 Jahre ‘jünger‘, lies: mit der Zeit ‘klüger’ geworden. Spaß beiseite: Die Perser, ebenso wie ihre nicht-indogermanischen Nachbarn, hatten zum Tier im allgemeinen eine andere, wenig partnerschaftliche Einstellung und zeigten dies sowohl in Literatur als auch Bild. Da waren die uns sprachlich verwandten Hethiter ganz anders geartet. Der Perserkönig hatte den Löwen vielleicht schon mit dem Schwert getötet und hält auf dem Rollsiegel siegreich dessen Kadaver hoch? Oder schickt sich an zuzustechen?

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Abb. 9 Persisches Rollsiegel

Gilgamesch, der möglicherweise unserem Siegfried über griechisch-römische Umwege Vorbild war, darf natürlich in der Reihe der Helden, die mit dem gewaltigen Löwen kämpfen, nicht fehlen (Abb. 10). Dieser Ausschnitt aus einem babylonischen Relief datiert von etwa 1800 ante. Gilgamesch übertrumpft in seinem Wuchs das Tier um ein Mehrfaches: Dem babylonischen Betrachter war damit klar, dass dieses stärkste und gefährlichste aller Tiere seines Umfelds gegen einen Gilgamesch mal eben ein - ‘Hauskätzchen‘ war!

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Abb. 10 Babylonisches Relief: Gilgamesch

Dieses getriebene Goldblech (Abb. 11) entspricht meiner Plastik wieder fast ‘sklavisch‘: Es ist eine awarische Schwertdekoration, die in Ungarn gefunden wurde. Die Arbeit selbst schreiben die Gelehrten allerdings Künstlern aus Antiochia zu. Sie datieren die Arbeit auf etwa 300 ante. Vermutlich trieben da noch Löwen in Kleinasien ihr Unwesen. In einer mythischen Darstellung spielt dies nicht unbedingt eine Rolle. Für mich und meine Studien ist dieses Kunstwerk wegen seiner großen bildhaften Nähe zu meinem von großer Bedeutung.

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Abb. 11 Awarische Schwertdekoration 

Wenden wir uns wieder Afrika zu, nun den Masai im Osten. Noch gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, also in den 1980ern, drängte der junge Krieger danach, einen Löwen zu töten. Er war nur mit seinem Speer und dem kleinen Lederschild bewaffnet. In kleiner Gruppe, vier bis fünf Krieger, kreisten sie das Raubtier ein. Wessen Speer das Tier zuerst traf, hatte Anspruch auf die Mähne des Löwen: Sie zierte ab da seinen Kopfputz und zeugte von seinem Mut. Andere Erzählungen behaupten, der junge Masai hätte kniend darauf gewartet, dass ihm die Großkatze von seinen Stammeskriegern vor deren Lanzenphalanx zugetrieben würde. Erst, wenn das Raubtier zum Sprung auf den für es vermeintlich schwächsten Widersacher ansetzte, hätte der Masai seine, in einem kleinen Erdloch als Widerlager steckende Waffe aufgerichtet: Das Tier spränge in den Speer, tötete sich quasi selbst durch sein Gewicht. Noch mehr ‘Löwenmut‘ hätte diese Kampfesweise auf Seiten des jungen Mannes erfordert, doch – der Kulturattaché der kenianischen Botschaft belächelte diesen Bericht: Masai knien nicht, es sei unter ihrer Würde! 

Man darf zu Recht fragen, ob meine Plastik bzw. der sie schaffende Künstler wahrhaftig von zugewanderten Fremden und deren mitgebrachten Mythen beeinflußt worden war, de facto seine Vorfahren und dann bereits hunderte von Jahren vor seinen Lebzeiten. Oder ob ‘mein‘ Künstler nicht z.B. von einem portugiesischen oder französischen Missionar, Offizier oder Verwaltungsbeamten mit dem Motiv, mehr noch: mit seiner Darstellung auftragsbezogen konfrontiert worden war, auf Basis von Abbildungen ausgegrabener Fundstücke.

Dies ist jedoch vollkommen auszuschließen! Zunächst: Der europäische Auftraggeber hätte sein Kunstwerk ganz sicher mit nach Europa genommen. Sodann: Es gab diese Darstellung des Löwenkämpfers bereits in der Blütezeit Abomeys, also im 18. Jahrhundert post (man datiert die Gründung auf 1708 post): Mein Kunstwerk folgt zeitlich mit irgendwas um 100 bis 150 Jahren.

Sodann: Die ersten Besuche in Niniveh und Nimrod hatten zwar um 1820 stattgefunden, durch den Engländer Claudius James Rich, allerdings ohne begleitende Ausgrabungen! Diese begannen erst mit dem Franzosen Paul Emile Botta ab 1842, denen erste öffentliche Ausstellungen ab 1846 im Louvre folgen sollten: Dies waren assyrische Reliefs; keines gibt den hier angesprochenen Löwenkampf wieder. Ab 1851 begannen planmäßige archäologische Feldforschungen und Ausgrabungen durch Franzosen und Engländer. Wesentliche Erkenntnisse über Sumer sind erst durch Ausgrabungen ab 1899 (die Amerikaner in Nippur, Robert Koldewey und andere in Assur und Babylon), von 1922 bis 1934 die Engländer in Ur etc. etc. gewonnen worden. Die für meine Überlegungen wichtigeren frühdynastischen Zeiten sind in ihrer Masse erst in den 30ern von den Amerikanern ans Tageslicht gegraben worden. (Seit Ende des 2. Weltkriegs graben fast alle großen Industriestaaten dort – sogar Japan! –, inzwischen auch die Iraker selbst. Ein Ende der Grabungen ist nicht abzusehen.)

Und Griechenland, Mykene? Mit den Berichten der französischen Expedition nach dem Peloponnes und Mykene, 1822, kannte man die Ruinen bei Argos näher. Doch erst 1876/77 mit Schliemanns Ausgrabungen und späteren haben wir Details zu Gesicht bekommen. Also ebenfalls weit nach den Vorgängern meines afrikanischer Künstlers, die wie gesagt ihre Bronzen bereits im frühen 18. Jhdt. aus der sie umgebenden Terrakottahülle befreit hatte.

Ich suche nach weiteren Darstellungen aus der Region und den Zeiten, die meine These unterlegen. Wie gezeigt, erweiterte ich den Kreis über Sumer hinaus ins Reich der Hethiter, nach Mykene, bis Makedonien hinauf, Persien (sogar in Indien findet sich dieses Motiv!), und über die awarische Schwertdekoration nach Ungarn. Sehr wahrscheinlich könnte man auf den Spuren des Heldenmythos den Bogen noch weiter spannen! Mir kommt es jedoch darauf an, der Darstellung meiner Plastik möglichst nahe zu bleiben. Alle Herosmythen dieser Art gehen letztlich wohl auf den sumerischen zurück, wie so einiges andere, vermeintlich Griechische oder Römische auch, bzw. Jüdische und Christliche: Sicher dürfen wir den Hl. Marcus mit seinem Löwen hier einordnen. Natürlich hat er das Untier auf christliche Weise befriedet. (Die Hethiter hätten an dem friedlichen Nebeneinander sicher ihre Freude gehabt!)

Mein Zeitraum reicht also von der akkadischen Zeit Mesopotamiens, etwa 2.500 ante, bis ins französisch kolonialisierte Dahomey des 18./ 19. Jahrhunderts post: Länder, die gut 5.000 Kilometer bzw. Epochen, die rund 3.400 Jahre voneinander trennen!

Was leider fehlt, sind die Zwischenglieder zwischen dem nordöstlichen Afrika bzw. dem historischen Nahen Osten, evtl. auch dem direkt nördlichen (den heutigen Algerien und Tunesien), die den oder die Wanderwege belegen würden. Aufzeichnungen Dritter dazu scheint es nicht zu geben. (Selbst der Karthager Hanno interessierte sich offensichtlich nicht für diesen kulturellen Teilaspekt, als er Westafrika 500 ante (!!) besucht hatte: Sehr wahrscheinlich, weil es gut 500 Jahre zu früh gewesen war!) Aber – es scheint, als ob ursprünglich sumerische Mythen auf zeitlichen und räumlichen Umwegen bis nach Westafrika gelangten: Ich glaube fest daran! 

Bildrechte: 
Abb. 2: Staatliche Museen zu Berlin – Preußischer Kulturbesitz; Abb. 4: British Museum, London, und Arkeoloji Müzesi, Ankara; Abb. 5: Arkeoloji Müzesi, Ankara; Abb. 6: National Archaeological Museum, Athens; Abb. 7: the Director, Dept. of Antiquities, Cyprus; Abb. 9: the Director of the Ephorate/Ministry of Culture and Tourism.
Bezugsliteratur (und Bildrechte):
  • Rev S Johnson / Dr O Johnson The History Of The Yorubas (London, George Routledge & Sons, Ltd.,1921),
  • Elsy Leuzinger Africa, The Art Of The Negro People (London, Methuen, 1962)
  • Ekpo Eyo Two Thousand Years Nigerian Art (Lagos, Federal Dept. of Antiquities, 1977)
  • Frank Willet Ife in the History of West African Sculpture (London, Thames & Hudson, 1967)
  • Pierre Demargne Die Geburt der griechischen Kunst (München, Verlag C.H. Beck, 1965)
  • Hartmut Schmökel Ur, Assur und Babylon (Stuttgart, Gustav Kilpper Verlag, 1958)
  • Lucienne Laroche Mesopotamien (Wiesbaden, Ebeling Verlag, 1975)
  • Leonard Cottrell Verschollene Königreiche (Stuttgart, Diana Verlag, 1959)
  • Margarete Riemschneider Die Welt der Hethiter (Stuttgart, Gustav Kilpper Verlag, 1955)
  • Johannes Lehmann Die Hethiter (München, C. Bertelsmann Verlag,1975, 3-570-02610-8)
  • Morgan J. Roberts Mythologie der Griechen und Römer (Kettwig, Athenaion Verlag, 1997, 3-88851-246-8)
  • J. de Menasce Persia: Cosmic Dualism, Larousse World Mythology (London, Paul Hamlyn, 1965)
  • Pierre Grimal Greece: Myth and Logic, Larousse World Mythology (ibid)
  • Helmut Uhlig Die Sumerer (Bergisch Gladbach, Gustav Lübbe Verlag, 1989)
  • Gyula László Steppenvölker und Germanen (Herrsching, Pawlak Verlag, 1974)
  • Friedrich Matz Kreta, Mykene, Troja (Stuttgart, Gustav Kilpper Verlag, 1957)
  • M. Andronicos / M. Chatzidakis / V. Karageorghis Die Museen Griechenlands (Köln, DuMont, 1976)

 

Vielen Dank an Volker Galperin.

Autor
Volker Galperin
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Der Löwenkämpfer: Sumerischer Heldenmythos in Westafrika?; Volker Galperin; 2015; https://www.about-africa.de/diverses-unsortiertes/470-der-loewenkaempfer-sumerischer-heldenmythos-in-westafrika

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