Diese häufig allerliebsten Zwillingsfiguren der Yoruba (also Seelengefäße für verstorbene Zwillinge, zumeist im Babyalter) haben weltweit eine große Anhängerschaft. Ihre vergleichsweise große Zahl in Sammlungen dürfte auch darin ursächlich sein, dass mit dem Tod des überlebenden Zwillings (nach den Zwillingseltern!) die Verehrungspflicht nicht mehr gegeben war, das Seelengefäß somit obsolet wurde. Die vermutlich größte Sammlung von ibeji hat eine Niederländerin, Mefrouw Heijs-Voorhuis, die weit über 600 Stück zählt!

Das Yoruba-Wort ibeji ist ein zusammengezogenes. Es vereinigt: ibi meji = geboren zwei oder auch: ibi omo meji = geboren Mensch zwei. (Die “sprachliche Verbindung“ zu lat. homo ist nur akustisch gegeben!) Die schon sehr frühe Verehrung von Zwillingen (und ihrer Eltern), da göttlichem Seitensprung entstammend, hat geradezu eine “Zwillingszucht“ im Laufe der Jahrhunderte zum Ergebnis (nachfolgende Zahlen gem. Wikipedia): weltweit ist jede 40. Geburt eine Zwillingsgeburt, in Japan jede 100., in Deutschland jede 64. und bei den Yoruba jede 6. (!!). (Übrigens: Die auch zu lesende Schreibweise ibedji gibt nur die englische Aussprache wider.)

Der göttliche Herkunftsmythos bei den Yoruba mag seinen Ursprung in Sumer haben: Inanna und Dumuzi, uns besser bekannt als die griechischen Dioskuren Kastor und Polydeukes, also die mythologische (und dramaturgische) “Verarbeitung“ des Wiedererwachens der Natur im Frühling (was im christlichen Glauben als Wiederauferstehung zu Ostern gefeiert wird). Und richtig: Die Yoruba-Geschichte berichtet von den aus Nord-Osten eingewanderten Vorfahren; freilich wird sich nicht auf die Sumerer bezogen, oder Dumuzi, doch ist șango (gesprochen: schango) auch wie jener die Fruchtbarkeits- und Donnergottheit (!!). (Interessanterweise wurde șango mit dem in Schwarz-Afrika nicht gebräuchlichen Zweiklingenbeil symbolisiert [siehe auch: Mykene, Thor]. Diese Einwanderer – anzunehmend um 1000 ndZ – brachten auch die Technik des Gelb- oder Bronzegusses mit und mit ihm den Gedanken des l’art pour l’art; siehe weiter unten.)

Der erstgeborene Zwilling – Taiwo (aus: to-aiye-wo = der die Welt als erster sah) ist wie bei den Dioskuren der nichtgöttliche. Der göttliche ist der Zweitgeborene – Kehinde (aus: ko-ehin-de = der nach einem anderen kommt), und er hilft seinem menschlichen Geschwister auf dem so beschwerlichen Weg ins Leben. Beide werden auch ejire genannt = zwei Freunde.

Wie die Zwillinge wurden auch die Eltern verehrt, da mit șango verschwägert, und bekamen verehrende neue Namen: yaa-ibeji für die Mutter, baba-ibeji für den Vater.

Diese Abhandlung soll jedoch nicht vertiefend auf den Animismus eingehen, der hier eben auch schon einem gestorbenen Neugeborenen eine Seele zuspricht, jedenfalls bei Zwillingen, nur bei ihnen, für die ein Behältnis, ein sog. Seelengefäß, geschaffen werden muss: Da ein Zwilling ja mit șango verwandt ist, hätte die “winzig kleine“ Seele durchaus die Macht, bei mangelndem Respekt Unheil über seine Eltern kommen zu lassen!

Wie schon andernorts in einigen Vorträgen von mir in Bremen, Pforzheim oder Syke erwähnt, stellt eine ibeji nicht etwa ein Portrait dar (wie in Schwarz-Afrika nur bei den Bronze gießenden Völkern bekannt – ife! – vor allem auch der L’art-pour-l’art-Gedanke!). So sind also pralle Brüste keineswegs Hinweis darauf, dass der Zwilling im reifen Alter verstarb; es ist schlichtweg als Symbol für “weiblich“ zu verstehen, aber auch für die über allem anderen stehende Fruchtbarkeit. (Darum wurden auch bei einem Seelengefäß für die verstorbene Mutter pralle Brüste geschnitzt, selbst wenn sie in hohem Alter schlaffe Brüste hatte; aus vorgenanntem, letztlich verehrendem Grund.) Obendrein glaubte der animistische Afrikaner, dass die Seele “nicht mehr so gut sehen kann“, so dass das Seelengefäß deutlich das Geschlecht zeigen musste. Diese Auffassung wird bei den ibeji der Gbongan deutlich, deren ibeji zwar große aber geschlossene Augen haben; für mich sind diese ibeji besonders ausdrucksstark.

Woran also können wir die örtliche Herkunft bzw. den Stamm einer ibeji erkennen? Dazu füge ich 14 Zeichnungen an. Unterscheidende Merkmale sind: Haartracht – Stammesmale (hier im Gesicht) – Form der Ohren – Augenform; bis auf die ibeji aus dem Raum Abeokuta (westlich von Lagos), die die ibeji mit nach unten gestreckten Armen darstellen, finden wir sonst die Arme an den Oberschenkeln anliegend (fast militärisch “an der Hosennaht“); eine in Schwarz-Afrika auch sonst häufig verbreitete Form (neben der Platzierung der Hände am Leib, beiderseits des Nabels). Ursächlich dürfte wohl sein, dass solche Darstellung stabiler ist. Wenn wir bedenken, dass die ibeji bei Festen für den überlebenden Zwilling (aber auch bei Verehrung für șango!) bewegt wurde, kultisch gewaschen, mit Kettchen, Muscheln (Fruchtbarkeitssymbol!) oder Armreif verziert, mancherorts sogar ein winziges Gewand (Stoff, Perlen) angezogen bekam, dann ist solche Armhaltung schon empfehlenswert! Sodann auch Verehrung beim Ritual-Schlachten eines Hahnes oder Widders. Die ibeji wurde durchaus auch in den aus der Kehle schießenden Blutstrahl gehalten: eine besondere Verehrung! Das angetrocknete Blut samt dem sich anlegenden Staub – Tanzzeremonie! – wurde folglich nicht abgewaschen! Manche Sammler schätzen diese Opferpatina; wie der Ethnologe. Andererseits gibt es – s.b. oben – auch die Ritualwaschung der ibeji (deutlich auf manchen der folgenden Fotos ).

Aber Achtung: Wie deutlich bei den zwei ibeji aus Ede oder Abeokuta zu sehen, können durchaus abweichende Stilelemente vorkommen! Bei meinen ibeji aus Gbongan und Abeokuta ist die Zuordnung jedoch ohne Zweifel. Da aber ja doch – es kann nicht immer derselbe Schnitzer sein! – Variationen vorkommen, sind Fehlzuordnungen leider nicht auszuschließen! Und: Es gibt Stilvermischungen wie bei anderen Plastiken Schwarz-Afrikas auch, wann immer Stammesgrenzen keine wirklichen waren, was mit der Kolonialisierung in der Regel unterdrückt wurde, im Laufe der Jahre sich dann “verwaschen“ hat. Dies wirft generell immer wieder Probleme bei der Zuordnung auf, hatte aber ja reizvolle Variationen geschaffen.

Touristen werden ibeji häufig als Zwillingspaar verkauft! Natürlich starben auch mal beide, doch war/ist dies keineswegs die Regel. Hier zeigt sich schon eine Verkennung des Zwillingskults bei manchen zeitgenössischen Afrikanern, vielleicht auch nur, weil der Tourist so leichter zu “fangen“ ist. Es sind “Paare“ aber verdächtig oft in Museen zu sehen!

Ich verdanke die Zeichnungen einem Mitarbeiter am Museum in Lagos (1966). Leider ist mir sein Name bei einem meiner vielen Umzüge abhanden gekommen und mein Versuch, ihn über das Museum herauszufinden, ging ins Leere. Danken wir also einem ungenannten Nigerianer für die Hinweise.

Ort/Stamm: Ilorin (1)

Bild 60

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Fotogalerie Galperin Ilorin Ibejis 2015

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1 Ilorin
2 Ilorin
3 Ilorin
4 Ilorin

Ort/Stamm: Iwo (2)

Bild 61

Ort/Stamm: Oyo (Shaki) (3)

Bild 62

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1 Oyo
2 Oyo
3 Oyo

Ort/Stamm: Abeokuta (4)

Bild 63

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Fotogalerie galperin abeokuta ibejis 2015

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1 Abeokuta
2 Abeokuta
3 Abeokuta
4 Abeokuta
5 Abeokuta
6 Abeokuta

Ort/Stamm: Ede (5)

Bild 64

Ort/Stamm: Okitipupa (6)

Bild 65

Ort/Stamm: Ibadan (7)

Bild 66

Ort/Stamm: Ibadan (8)

Bild 67

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Fotogalerie Galperin Ibadan Ibejis 2015

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1 Ibadan
2 Ibadan

Ort/Stamm: Ede (9)

Bild 68

Ort/Stamm: Egbado (10a)

Bild 69

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Fotogalerie Galperin Egbado ibejis 2015

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1 Egbado
2 Egbado
3 Egbado

Ort/Stamm: Illa (10b)

Ort/Stamm: Ogbomosho (11)

Bild 70

Ort/Stamm: Ijebu (12)

Bild 71

Ort/Stamm: Gbongan (13)

Bild 72

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1 Gbongan
2 Gbongan
3 Gbongan

Ort/Stamm: Oshogbo (14)

Bild 73

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1 Oshogbo
2 Oshogbo
3 Oshogbo
4 Oshogbo
5 Oshogbo
6 Oshogbo

Anmerkungen zu den Fotos

1 Abeokuta: Diese ältere ibeji weist eine ganz andere, traditionelle Haartracht auf als 3 Abeokuta, eine rezente ibeji: moderne Haartracht, Sandalen. Sie mag durchaus von bereits christianiserten Yoruba in Auftrag gegeben worden sein.

Auffällig sodann bei 6 Abeokuta die beiden “Hörner“, eins leider abgebrochen: Wer hat evtl. eine ähnliche ibeji? Und dann wohl auch aus Abeokuta. Dies sieht nicht nach einer besonderen Stammesnarbe aus.

Bei 9 Ede fällt die Haartracht auf, die an die typische Mützenform der Yoruba erinnert, die die Ohren bedeckt (hochgeklappt, wenn es heiß ist!).

Typische Opferpatina weisen 1 Oshogbo/5 Oshogbo, 3 Oshogbo/6 Oshogbo und 1 Ilorin/3 Ilorin auf; die sonst erkennbaren rotbraunen Reste sind vermutlich im Laufe der Zeit in mehreren Lagen haften gebliebener Lateritstaub (Handschweiß, hohe Luftfeuchtigkeit >86%, Tanzzeremonie), den ich bewusst nicht entfernt habe.

Vielen Dank an Volker Galperin.

Autor
Volker Galperin
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Zuordnung von ibeji; Volker Galperin; 2015; https://www.about-africa.de/diverses-unsortiertes/594-zuordnung-von-ibeji

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