Einleitung

Da ich der letzte Referent in Erbach war, stand ich wegen meines Abreisetermins nach Afrika ein wenig unter Zeitdruck. Ich hielt den Vortrag daher frei, gekürzt und vor allem auf die Bilder bezogen. Anbei das handschriftliche Skript in seiner ursprünglichen Fassung.

Grundlage des Vortrages sind Auszüge aus meinen Tagebüchern, die eine Zeitspanne von acht Jahren umfassen.

Startbild; Collage by G@HService Berlin, V.Schlothauer
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Bildquelle: Wolfgang Jaenicke

Der schwere Koffer auf der Busstation in Segou, Mali, eine Galerie in NY und meine Sehnsucht nach einem Diplomatenköfferchen

Baba Diarra auf seinem Bett sitzend
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Baba Diarra auf seinem Bett sitzend,
vor ihm Reiterskulpturen aus "afrikanischem Eisen"

Ca. 50 kg wiegt der Koffer, der jetzt vollgepackt ist mit "ferre noir" - dem schwarzen Eisen von Baba Diarra, den geschmiedeten Bamana- und Dogonskulpturen. Da steht er nun zwischen einem Dutzend Ziegen, die in Plastiktaschen stecken aus denen nur Hals und Kopf herausschauen, Motorrädern aus China mit der Aufschrift Yamaha, Hühnern, die an den Beinen zusammengebunden sind, und allen möglichen undefinierbaren großen und kleinen Gepäckstücken vor dem klapperigen Bittar-Trans-Bus Richtung Bamako, der schon seit zehn Minuten im Leerlauf vor sich hinröhrt und nun von seinem Fahrer mit dem Gaspedal traktiert wird, sodass das Viech aufheult und schwarzer, rußiger Dieselrauch aus dem schrottreifen Untier quillt. Undenkbar dass ein afrikanischer Busfahrer sein Gefährt ohne dieses "Anwärm-Ritual" starten würde. Schließlich muss das Feuer angeblasen werden, damit es dann auch gut brennt im Inneren des Ungetüms bevor das Tier seinen Dienst zu verrichten hat. Vor mir baut sich ein bekittelter Typ auf und brummelt was von 4.000 FCFA für die Bagage. Aber ich hab schon 6.500 für das Busticket bezahlt und keiner würde hier was für sein Gepäck bezahlen. Selbst die Ziegen in den großen Plastiktüten würden keine Gepäckgebühr kosten von den chinesischen Motorrädern ganz zu schweigen. Nein das Gepäck sei im Preis nicht inbegriffen und das hier sei ein großes Gepäckstück, dafür müsse extra bezahlt werden.

Der schwere Koffer... (2)

Figur aus Eisen
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Dabei weiß der Typ noch nicht einmal wie schwer der Koffer ist. Allein die Größe hat ihn veranlasst, diese horrende Gepäckgebühr zu verlangen. 3.000 sei das mindeste, was er verlangen müsse für solch einen Koffer. Inzwischen sind zwei Drittel der Gepäckstücke verladen. "Niemand hat hier etwas für sein Gepäck bezahlt. Ich steh hier seit einer halben Stunde. Da ist niemand, der Dir Geld gegeben hat. Nur weil ich "Tubabo", ein Weißer bin, soll ich hier bezahlen. Kein "Farafin", kein Schwarzer, bezahlt hier etwas für sein Gepäck. Der Bekittelte zuckt mit den Schultern..."das hier ist ein großer schwarzer Koffer. Der kostet eben Geld." Ich steig in den Bus, such mir einen Fensterplatz, um mein Gepäck mit dem schwarzen Eisen im Auge zu behalten.

Alle Gepäckstücke sind nun verstaut nur mein Koffer steht noch neben der Öllache vor einem der Staufächer des Busses. Jetzt wird er erst einmal umgedreht, sodass ein Teil des Öls auf dem Asphalt dem Schatten entrinnt und changierend in der Sonne glänzt. "Also gut 1.000 FCFA, ein Euro fünfzig, weil er so schwer ist, der Koffer!" Ich hab einfach nicht die Nerven das hier durchzustehen. Obwohl ich wirklich mal wissen möchte, ob der Bus ohne meinen Koffer losfahren würde...Diese Schufterei mit dem irrsinnigen Gepäck, das man hier in Afrika wie die Eisenkugel eines Gefangenen mit sich herumschleppt.

Als man mich 2003 nach der Auktion in der Yorck Ave Manhattan - wohl eher versehentlich - zur Vernissage in jene Galerie einlud, die in den 60iger Jahren von einem Afrikanischen Künstler gegründet wurde, kamen sie alle ... diese Händler, die mitgeboten hatten, mit ihren Köfferchen, in denen neben dem Auktionskatalog wohl nur ein paar Papiere mit Provenienz-Zertifikaten verstaut waren und bestenfalls noch ein paar Cohiba Zigarren ... easy und soft in NY und heavy and hardcoremäßig hier auf der afrikanischen Busstation.

Der schwere Koffer... (3)

Figur aus Eisen
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Himmelhebers Songye aus seinem Büro hatte mehr als 500 000,- USD gebracht, obwohl das Stück wie man munkelte "in Wirklichkeit doch höchstens 200 000,- USD wert war". Aber Himmelhaber war eben seit einem Jahr tot und da gibt´s eben postmortem Aufschlag. Tja mein Koffer mit dem schwarzen Eisen, was werd ich für das Zeugs bekommen, wenn man mich fragt, wann es gesammelt sei, welche Provenienz es habe und ich auf Baba Diarra verweise, dem Typen da, der da auf dem geblümten Bett sitzt und mir den Unterschied zwischen europäischem und afrikanischem Eisen erklärt ... nicht unbedingt in Form eines wissenschaftliches Gutachtens.

Kunststück ... mit Provenienzen, müsste man handeln und wie Felix Glückselig in Manhattan wohnen: Dieser alte jüdische Africana-Händler, der noch mit dem Rucksack über die grüne Grenze geflüchtet war als die Nazis in Österreich einmarschierten.

Jetzt hupt der Busfahrer zum zweiten Mal. Alle Blicke scheinen auf mich geheftet zu sein, denn jeder weiß, wessen Gepäckstück noch nicht verstaut ist. Ich reich dem Bekittelten nen 1.000 FCFA Schein aus dem Fenster. "1.500 dann kommt er mit!" Der Bus hupt zum dritten Mal. "Last Call!" Ich schmeiß dem Typen noch einen 500 Franc Münze aus dem Fenster. Ich weiß nicht wohin sie rollt, aber mein Koffer mit meinem ferre noir verschwindet in der Luke des Busses.

Was mag Felix Glückselig - Glückselig und Söhne Kunst- und Antiquitätenhandel Wien - bezahlt haben als man ihn über die grüne Grenze in die rettende Schweiz eskortierte.

Geschmiedetes Eisen wird er nicht im Rucksack gehabt haben. Vielleicht waren es ein paar glitzernde Steine, ein paar Zertifikate, die als Eigentumsnachweis dienten...aber vor allem konnte er sich selber retten. Und ich reg mich über 2 Euro fünfzig auf, diese homöopathische Verdünnung von "Rassismus" oder was ich mir in diesem Augenblick darunter vorstellte. Aber ist es im Kern das Gleiche oder bin ich nur hypersensibel, wenn mir die Spuren dieses Virus begegnen? Wie lange noch werde ich den Rassismus meiner Eltern, dieses entsetzliche Schweigen, mit mir rumschleppen. Hier in Afrika bin ich eben der Jud, der seine Hautfarbe - seinen "Stern" - mit sich herumträgt. Zwei Euro fünfzig für den Weißen ... immerhin meine 50 kg Eisen - erworben im Jahr 2007 – sind jetzt auf dem Weg nach Bamako.

Der schwere Koffer... (4)

Figur aus Eisen
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Ich habe einen kleinen Film gemacht, indem Baba Diarra den Unterschied zwischen afrikanischem und europäischem Eisen erklärt. Die alten Stücke sind noch aus afrikanischem Eisen und deshalb von bester Qualität. Für die neuen hat man europäisches Eisen verwendet. Aber das sei eben lange nicht so gut. Nur die besten Stücke seien noch aus afrikanischem Eisen. Das sei das Eisen das er mir verkaufen würde..."aber rosten tut auch das afrikanische, nicht wahr?!" - "Ja, schon, aber doch eben ganz anders und viel langsamer!" Er würde den Unterschied sofort sehen .. Das afrikanische Eisen würde eben nicht so blättern wie das europäische .. "schau nur diese kleine Gwandusu, die ist doch wunderschön, die kommt wirklich aus Afrika!"

Ich erzähle Bouctou - meinem Führer - die Geschichte von der Busstation in Segou und kommentiere wie "rassistisch" es doch in Afrika zugehe. "Nur wegen meiner Hautfarbe, sollte ich zahlen!" - "Nein, nicht wegen Deiner Hautfarbe. Aber ein Weißer ist eben reich und der kann mehr bezahlen als die Leute hier. Deshalb fragt man Dich nach ein wenig Geld." Tja, die "Gerechtigkeit". Unsere Justitia trägt eben eine Augenbinde, so wird Recht gesprochen "ohne Ansehen auf die Person"...und wenn es dann eben doch um die Person und nicht um die Sache geht ... schon fühlen ich mich auf den Schlips getreten. Bin in meiner geliebten Opferrolle. Kaum war der Bus nach Bamako losgefahren, bekam ich Orangen und Sesamcookies rübergereicht, weil einer der mitfahrenden Bozo-Leute etwas zu essen dabei hatte, von dem wie selbstverständlich alle in Nähe Sitzenden etwas abbekamen. In diesem Augenblick war der Bozo aus Segou der "Reiche", der etwas abzugeben hatte und er verteilte es eben unter den Mitfahrenden in seiner Nähe. Dennoch! Trotzdem! Es ist zwar kein Prinzip, aber inzwischen ein fest etabliertes Ritual für mich, dass ich um die Extra-Transportkosten meines Gepäckes bis auf´s Letzte feilsche, sodass alle mit Spannung darauf warten, ob der Bus nun mit oder ohne meinem Gepäck losfährt und was vor aller Augen letztendlich aus meiner Hosentasche in die des bekittelten "Geldeintreiber" fließt. Eine Szene, die an theatralischer Komik kaum zu überbieten ist und oft mit einem Lachen und freundlichen Zuwinken der Kontrahenten endet. So gehört es schon fast dazu, dass ich mich wegen der rassistischen Negerauf den afrikanischen Busstationen schrecklich aufrege, denn wie sonst könnte ich mich mit diesen grausam-herzhaften Menschen auf diesem Kontinent immer wieder versöhnen.

Der schwere Koffer... (5)

Wolfgang Jaenicke und ?
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Andreas Schlothauer kommt in der Berliner Schlossstraße vorbei. Wir gehen Essen beim Italiener und unterhalten uns über den Lobi-Event in einem Jahr. Ich erzähle von meinem Besuch bei Binaté und dem Fetischeur von Quequere. Binaté - einer der bekanntesten Persönlichkeiten des Lobilandes - und Sib der berühmte Fetischeur waren vor einigen Jahren von Klaus Schneider - Rautenstrauch-Joest Museum - zu der Ausstellung "Altäre der Welt" nach Düsseldorf eingeladen. Dort gab´s Ärger mit einer Tierschutzorganisation, weil Sib ein paar Hühnern bei lebendigem Leibe den Hals abgeschnitten hatte, um das Blut auf dem errichtet Lobi-Altar zu opfern. Seitdem ist Sib unter Lobikennern in Deutschland bekannt und das Lobi-Buch von Gottschalk mit seinen Fotos hat das seine dazugetan. Inzwischen ist eine Art von Tourismus zu dem Zauberer von Quequere entstanden. Filmaufnahmen kosten 150.000,- FCFA (220,- Euro) Verhandlungsbasis. Bei 100,- Euro gibt´s dann den "Zuschlag" für die Filmrechte einer bei Gottschalk beschriebene Wahrsager-Session.

Der schwere Koffer... (6)

Figur aus Eisen
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Es ist schwer abzuschätzen, von wem diese Preise ausgehen: die Führer, die ihre Kunden zum Zauberer führen oder vom Zauberer selber, denn natürlich bekommt jeder lokale Führer eine Vermittlungs-Provision und man weiß nicht genau, was zwischen den beiden abgemacht wird. Wenn man nicht will, dass ein Europäer mithört spricht man eben Lobrini, Bambara oder Senari und in meinem Fall reicht schon Französisch aus, dass ich nicht mehr durchblicke. Ich habe viele Jahre Bilder von dem Anwesen des Zauberers gemacht. Einiges hat sich verändert, einiges Neue ist hinzugekommen. Er selber läuft rum wie eh und je: seine Hosen hängen in Fetzen, sein Hemd voller Löcher.. aber immer warten etliche Ratsuchende vor seinem Haus, um ihn zu konsultieren. Da ist nichts gestellt. Er macht seine Arbeit seit eh und je - ob mit oder ohne filmende Touristen.

Der schwere Koffer... (7)

Eisenfiguren, -masken, -gegenstände
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Dennoch man muss manchmal "Nein" sagen, sonst wachsen die Preise, die man zu zahlen hat, ins Unermessliche...egal ob auf der Busstation oder hier beim Zauberer. "Ein Weißer ist reich!" sonst wäre er nicht weiß. So ist das eben und während er seine Klienten kostenlos bedient - er arbeitet nebenher nach wie vor auf dem Feld - wird bei den Touris eben abkassiert. Warum auch nicht! Nur fühle ich mich eben nicht immer als Tourist und dann hab ich keine Lust zu zahlen und veranstalte ein endlos langes Palaver im afrikanischen Stil über die Höhe des Preises, der dann zu den Worten führt, "bei solch einem hohen Preis, müsste ich mir die Sache noch einmal überlegen". Oft bin ich dann erstaunt, auf welchem Preisniveau wir uns dann einigen. Aber es kostet Nerven und Zeit und man muss schon sehr "afrikanisch" drauf sein, um das immer durchzuhalten.

Die Großmutter von "Pascal de la Falaise"* und ihre Vorstellung von einem Flugzeug

Binathé
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Binathé mit einer Terracottaschale
aus dem Besitz seiner verstorbenen Mutter.

Mein Führer Pascal hatte bei einer Fallschirmeinheit an der Grenze von Mali nach Burkina gedient und versuchte seiner Großmutter, die in einem kleinen Dorf des Dogonlandes in der Janenke-Region lebte, zu erklären, was ein Flugzeug sei. Dabei deutete er auf ein kleines Linienflugzeug, dass gerade hoch am Horizont über das Dorf flog. "Siehst Du.. und das dort ist ein "Flugzeug", dass ist ein großer Koffer mit Flügeln, in den die Menschen hineingehen können und wie ein Vogel fliegen sie dann von einem Ort zu anderen." Doch bevor er noch erklären konnte, was er als Fallschirmspringer mit einem Flugzeug zu tun habe, fiel ihm seine Großmutter ins Wort: Er könne ihr viel erzählen...dass, was dort am Himmel zu sehen sei, sei kein "Koffer mit Flügeln", das sei ein Vogel. Man könne zwar Skulpturen von Vögeln machen, wie sie es einmal bei den Bozo am Niger gesehen habe, aber da könne man nicht reingehen und fliegen können diese hölzernen Vögel schon gar nicht. Er solle doch aufhören, sie zum Narren zu halten. Nein, so etwas gäbe es nicht. Das könne sie ihm nicht abnehmen. Geschehen im Dogonland vor ein paar Jahren, der angeblich touristisch meist besuchten Region Westafrikas. Aus meiner Erfahrung kein ungewöhnliches Vorkommnis, denn ich habe Dörfer besucht, in denen seit über zehn Jahre kein Weißer mehr war. In denen die Kleinkinder bei meinem Anblick schrien, weil sie noch nie ein solch "weißes Monster" gesehen hatten.

Am Abend Bushcamping bei den Peul in der Nähe von Kampti

Gehöft des Zauberers von Quequere
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das Gehöft des Zauberers von Quequere, über
das bereits Burkhard Gottschalk ausfürhlich berichtete
in seinem heutigen Zustand

Links neben meinem Sitz in der Ablage des Jeeps der Mündungslauf einer Kalaschnikow. Hinter mir ein Soldat der ehemaligen Rebellenarmee. Wir sind auf dem Weg nach Korhogo. Zwei Stunden haben wir auf den Militärkonvoi gewartet, der uns eskortieren und vor Überfällen auf der Strecke von Paga nach Korhogo schützen sollte. Dann hieß es, wir könnten auch einzeln weiterfahren, wenn wir jeweils einen Soldaten mitnehmen würden. Statt weitere Stunden zu warten haben wir uns nach langem Hin und Her für den Typen mit der Kalaschnikow entschieden. Ob er nicht auf dem Dach des Jeeps sitzen könne statt hinter mir, hatte ich gefragt. Dort habe er doch einen viel besseren Überblick, wenn Straßenräuber auftauchen. Natürlich will er es bequem. So sitzt er hinter mir neben Bouctou - meinem Führer. Was ein Soldat wohl ausrichten würde, wenn fünf oder sechs bewaffnete Banditen auftauchen würden? Völliger Schwachsinn aus strategischer Sicht: No chance im Falle eines Überfalls! Aber die ganze Aktion hat eben - wie jeder weiß - einen ganz anderen Sinn. Der Soldat kostet Geld, schließlich "beschützt" er uns, so die offizielle Version. Das Geld ist eben der Grund, warum er ein paar Kilometer mit uns fährt bis das Hoheitsgebiet des nächsten Warlords erreicht ist und eine neue Schutzgeldsperre - in welcher Form auch immer - auf uns wartet. Mal sei die Straße in Richtung Korhogo an dieser Stelle für Privatfahrzeuge gesperrt und nur auf der Gegenseite befahrbar, d. h. zurück von wo wir gekommen waren, dann wieder sei es verboten Gepäckstücke im Inneren des Fahrzeuges statt auf dem Dachgepäckträger zu transportieren, dann würde die Beleuchtung unseres Nummernschildes nicht funktionieren und und und - die absurdesten Gründe und immer wieder mussten wir Maut bezahlen.

Am Abend Bushcamping... (2)

Gehöft Binathés
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das von Klaus Schneider untersuchte Gehöft Binathés
in seinem heutigen Zustand.

Bis hin zu der Geldzahlung ohne jeden Grund. "Nein, es gibt keinen Grund, weshalb ihr Strafe bezahlen müsstet, wir brauchen einfach nur Geld. Wir sind zwanzig Leute hier und deshalb brauchen wir von jedem Fahrzeug 10.000 FCFA d. h. 15.- Euro. Aber dies hier sei ein LKW, deshalb müssten wir 15.000,- FCFA bezahlen. Unsere Papiere hatte man uns weggenommen vor unseren Reifen lag das obligate Nagelbrett. Links und rechts Typen - der Kleidung nach von den marodierenden Rebellentruppen - Schnellfeuerwaffen im Anschlag. So ging das alle 5 - 20 Kilometer von der Grenze bis hin ins Landesinnere in Höhe von Bouake, wo Susan Vogel seinerzeit Feldforschung bei den Baule gemacht hatte. Wir waren früh Morgens mit dem Jeep von Bamako aufgebrochen und über Sikasso und Paga in die Elfenbeinküste eingereist. Nun war es längst dunkel und dies erhöhte das Risiko immens. Wir hätten Station in Bougouni oder Sikasso machen sollen, sodass wir noch vor Einbruch der Dunkelheit Korhogo erreicht hätten.

Am Abend Bushcamping... (3)

Skizze des Gehöfts Binathés
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Grundrissskizze des Gehöftes Binathés

Endlich - gegen 21 Uhr waren wir am Ziel unserer Reise. Vor uns eine Beerdigungszeremonie der Senufo ... gespenstisch, schemenhaft die riesige doppelköpfige Tiermaske und der kostümierte Tänzer, dazu das dumpfe Schlagen der Trommeln. Zu müde, zu erschöpft waren wir um dem Treiben nachzugehen, obwohl - wie mir klar war - am Ende der Zeremonie die Rhythm Pounder - die Deble - zum Einsatz kommen würden. Aber dies war offensichtlich der erste Tag der Zeremonie und Morgen und Übermorgen würde eine Fortsetzung stattfinden. Wir ahnten zu diesem Zeitpunkt nicht, dass dies um ein Haar in einer Schlägerei mit uns enden würde. Erschöpft und müde ließen wir uns in die Betten des Hotels Cigata fallen.

Natürlich die einzigen Gäste, denn der Bürgerkrieg in der Elfenbeinküste war gerade einmal fünf Tage zu Ende, deshalb überall noch die marodierenden Rebellentruppen. Wo sollten sie auch hin. Mehr als fünf Jahre Krieg, hatte den Krieg wie überall in der Dritten Welt zur Existenzgrundlage vieler junger Männer gemacht. Demokratisierung im westlichen Sinne für ein Land wie die Elfenbeinküste? ... Eine absurde Idee, die nur im Kopfkino völlig realitätsfremder Politiker stattfinden kann. Eine Schizophrenie und Ignoranz der Realitäten, die ich nicht mehr hören kann. Wer über Afrika reden will, soll herkommen und sich anschauen, was hier abläuft.

Am Abend Bushcamping... (4)

Binathé
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Der junge Binathé im Haus seines Vaters

Alles andere ist bestenfalls Smalltalk oder endet in den Camps der Blauhelmsoldaten, der 5000 Franzosen, die hier bei Bouake mit modernsten Waffen stationiert sind. Kein Franzose, den ich in Bamako kurz vor unserer Abreise auf die Elfenbeinküste ansprach, war bereit auch nur einen Schritt in dieses Land zu tun. Zu aktuell waren die Bilder im Gedächtnis, wie Franzosen vom aufgebrachten Mob durch die Straßen getrieben wurden, wie sie alles zurücklassen mussten, ihre Wohnungen brannten und wie tagelang 2000 Weiße der verhassten Kolonialmacht auf dem Flughafen eingeschlossen waren, bevor sie von Militärmaschinen ausgeflogen wurden.

Am Abend Bushcamping... (5)

Binathés Ziehmutter
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Binathés Ziehmutter Anfang der 1980er

Am nächsten Morgen...Frühstück an der Ecke beim Libanesen und die ersten Antiquitätenhändler, die auf uns warten. Wir hören wieder Klänge der Beerdigungszeremonie. Ich habe richtig vermutet..es geht über mehrere Tage. Von Ferne sehen wir wieder den Tänzer mit der Wanyugo-Maske. "Magst Du ein paar Bilder machen?" frage ich meinen Führer Bouctou und drücke ihm meine Digi-Kamera in die Hand.

"Na, klar!" Aus ungefähr 150 Meter Entfernung drückt er das erste Mal auf den Auslöser, um die Menschenmenge und den winzigen Tänzer auf dem großen Platz im Bild festzuhalten. Es sollte das letzte Bild sein. Ich weiß heute noch nicht, woher sie kamen, aber in sekundenschnelle war Bouctou von mehreren Männern umringt, die drauf und dran waren ihn zu verprügeln. Nur mit Mühe gelang es Bouctou und meinem Fahrer die Aufgebrachten zu beruhigen, eine Schlägerei zu verhindern und zum Glück auch die Kamera zu retten.

Am Abend Bushcamping... (6)

Handzeichnung von Binathérs Haus
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eine Handzeichnung von Binathérs Haus
Klaus Schneider Anfang der 1980er

In Bouake habe ich eine Maske erworben, die mir etwas seltsam erschien als ich sie entdeckte. Es ist wohl eine alte Guro-Maske mit Resten von verwaschenen rötlichen und blauen Farbpigmenten, die mit scheußlich schwarzer Lasur überpinselt wurden, damit sie - so vermute ich - zu den anderen "Touristic-Art" Stücken in dem Laden passt, wo ich sie fand. Abends im Hotelzimmer in Abidjan habe ich die linke Hälfte mit Alkohol gereinigt und meine Vermutung, dass sich hinter der schwarzen Tünche eine alte Maske verbirgt, hat sich bestätigt.

Am Abend Bushcamping... (7)

Klaus Schneiders Arbeit über Binathés Haus
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Klaus Schneiders Arbeit über Binathés Haus

Nicht nur Kopien sondern auch so etwas gibt es - eine authentische Maske, die in der Absicht, sie besser verkaufen zu können, verändert wurde - ich habe ein halbes Dutzend davon - und es zeigt, dass wir auch in Afrika wohl nur das zu Gesicht bekommen, was der Handel, in diesem Fall der Touristic-Handel, erwartet. Pasolini hat einmal gesagt, "Das, was nicht geliebt wird, ist unweigerlich zum Untergang verdammt". Doch manches, was bereits in unmittelbarer Nähe der "Falaise", der Abbruchkante, liegt und dabei ist, herabzustürzen und zu zerschellen, lässt sich retten.

Am Abend Bushcamping... (8)

Binathés Vater und Sohn
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drei Generationen: Binathés Vater und Sohn

Gerade bei Stämmen, die, wie die Baule, Lobi oder Senufo kulturell noch aktiv sind, lässt sich noch manches aufspüren, vorausgesetzt, wir schenken ihm unsere Aufmerksamkeit. Damit meine ich vor allem das kulturelle Umfeld, aus dem heraus diese Kunst entstanden ist. "Anonyme Schnitzer der Lobi" heißt der Titel eines kürzlich erschienen Buches, das bemüht ist, eine Zuordnung von Lobi-Werke zu den jeweiligen Künstlern herzustellen. Ein guter Wegweiser, der weiter gegangen werden könnte. Nicht nur die künstlerische Zuordnung ist möglich, auch die Menschen, die diese Werke geschaffen haben, lassen sich in vielen Fällen noch identifizieren. Noch wäre es möglich, neben der künstlerischen Zuordnung auch etwas über ihr individuelles Schaffen und ihre Lebensumstände zu erfahren. Kunst stünde dann nicht isoliert und losgelöst da, sondern könnte in seinem individuellen, kulturellen Umfeld gezeigt werden. Die Frage ist nur, ob hierfür ein aufrichtiges Interesse besteht. Solange der Kunstbetrieb lieber europäische statt afrikanische Provenienzen inwertsetzt, wird es kaum eine Chance geben. Solange wir kein Interesse an den Menschen haben, die diese Werke geschaffen haben, wird etwas verloren gehen, bevor es noch entdeckt werden könnte. Es liegt an uns etwas zu bewahren, was unmittelbar bedroht, aber z.Zt. noch vorhanden ist.

CAMEROON 2001

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Aber zurück in die großen Städte, die wohl kaum unterschiedlicher sind als man es sich vorstellen könnte, verglichen mit den Regionen, in denen die Menschen zum Teil noch in tiefstem Mittelalter leben. Hier eine Tagebuchaufzeichnung, die inzwischen nahezu 10 Jahre alt ist.

Da saß ich nun in meinem "fliegenden Koffer" von Berlin über Paris nach Yaounde, Cameroon. Im Gepäck 32 Handys, die ich mitbringen sollte und die mir am Flughafen von einem hochrangigen, grau melierten Militär abgenommen werden sollten, um sie am Zoll vorbeizuschmuggeln. Eingeladen hatte mich ein leibhaftiger afrikanischer Prinz, ein Abkömmling des legendären König Njoya aus Foumban, dem Grasland Kameruns. Kennen gelernt hatte ich Amadou Njoya auf dem Flohmarkt in Berlin, wo er auf einem handtuchgroßen Stand ein halbes Dutzend Masken und Statuen feilbot. Nun war ich seiner Einladung gefolgt und vor mir stand freundlich lächelnd ein älterer, großgewachsener Afrikaner, der eine kakifarbene Felduniform ohne Rangabzeichen trug. Es war klar, dass ich ihm die Tasche mit den Handys zu übergeben hatte ... und so tat ich es. Während ich durch Pass- und Zollkontrolle schritt, wanderte meine Reisetasche voll Handys vorbei an salutierenden Uniformierten und verschwand im Menschengewimmel hinter einer entfernten Glaswand, von der aus mir Ibraihim, den ich erst jetzt entdeckte, zuwinkte. Aber es war nicht nur Ibraihim, der dort auf mich wartete, sondern ein Begrüßungskomitee bestehend aus einem halben Dutzend Mitgliedern, alles afrikanischer Hochadel. Darunter drei schokoladenbraune, bildhübsche, groß gewachsene Prinzessinnen, von denen ich mir später - als meine zukünftige Frau - eine aussuchen sollte.

CAMEROON 2001 (2)

Binathé mit Frau
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Binathé mit seiner ersten Frau, Anfang der 1980iger Jahre

Dann ging's in zwei klapprigen Mercedes Limousinen in die City von Yaounde. Bis wir vor einer Ansammlung von Blechhütten mit riesiger Parabol-Antenne im Vorgarten hielten. Einem Vorgarten, der mit seinen herumliegenden Motorteilen und anderen Autowrackteilen eher wie ein verlassener Schrottplatz aussah. Ich traute meinen Augen nicht ... neben den bestgekleideten, schönen Prinzessinnen, die sich inzwischen noch auf zehn Exemplare vermehrt hatte, war ich statt in einem erwarteten standesgemäßen Anwesen offensichtlich im Slum-Viertel von Yaounde gelandet. In der ersten Nacht drückte ich kein Auge zu, denn in der Zwischendecke meines Zimmers schienen sich Dutzende von Ratten zu tummeln, die einen unbeschreiblichen Lärm veranstalteten. Jeden Augenblick rechnete ich damit, dass die Viecher über mein schmuddeliges Bettlaken huschen würden, sobald ich auch nur ein Auge schließen würde. Wo war ich nur gelandet? In dem Grimms Märchen vom "fliegenden Koffer" brauchte man sich nur hineinzubegeben und man landete am Ort seiner Wünsche. Irgendetwas jedenfalls schien schiefgegangen zu sein mit meinem "afrikanischen Wunsch", dem König, den Prinzen und Prinzessinnen, die offensichtlich zu den Ärmsten der Armen hier zählten.

CAMEROON 2001 (3)

gekacheltes Grab
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das gekachelte Grab von Binathés Mutter

Wie stolz war ich als ich Adamou Njoya kennen lernte. Einen Afrikaner mit solch einem berühmten Familiennamen. Wusste ich doch, dass im Völkerkunde Museum in Berlin jener legendäre Perlen-Thron seines Großvaters stand, den er Kaiser Wilhelm II seinerzeit geschenkt hatte. Monate später, nachdem wir uns entschlossen hatten Afrikanische Kunst vor Ort zu sammeln, besuchte ich ihn in seinem Land. In der ersten Woche in Yaounde - der Hauptstadt Cameroons - traf ich eine Menge Leute, von denen die meisten Kunsthändler waren. Nach einigen Tagen fragte mich Aissatou - eine Schwester Adamous - ob mir diese Leute gefielen.

"Ja, natürlich, sie sind interessant, aber ich habe eine Frage: All diese Leute, diese Antiquitätenhändler, die ich in der letzten Woche kennen lernte, wurden mir mit Deinem Familiennamen "Njoya" vorgestellt und zwar ohne jede Ausnahme."

"Mein Großvater hatte mehr als 500 Frauen und eine Unzahl an Kindern, weil er der König von Bamum war. Ich habe nur 10 Brüder und 9 Schwestern, weil mein Vater nur zwei Frauen hat. Unsere Dynastie ist ungefähr 600 Jahre alt. Das bedeutet wenigstens 20 Generationen. Kannst Du Dir vorstellen, wie viel Mitglieder der Familie wir hier haben...und nicht nur in Cameroon!"

CAMEROON 2001 (4)

gekacheltes Grab
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das Grab von Binatés Mutter.
Mit einem Speisegedeck für die Ahnen.

"Oh ja es muss eine riesige Anzahl von Leuten sein mit dem Namen "Njoya" in ganz Afrika. Aber wie auch immer, es ist schon seltsam, dass jeder Kunsthändler, den ich traf, ebenfalls Deinen Namen trug."

"In Kamerun haben die meisten Menschen eine Menge Vornamen und es ist gängige Praxis, dass einer dieser Namen "Njoya" lautet, weil die Bedeutung dieses Wortes in der Bamum-Sprache "Schau mich an!" heißt. So wurde der Name zu einer gewissen Form von Werbung und wenn Du ein Antiquitätenhändler in diesem Land bist, musst Du eben ein "kleiner Njoya" sein. Auf diese Weise dokumentierst Du, dass Du gute Beziehung zum Schatzhaus der königlichen Familie hast. Wenn Du sagst - und das ist sehr wichtig - "Ich bin ein Njoya" - weiß keiner, ob es Dein Vor- oder Nachname ist, die Aussage ist "Schau mich an!"

"In Europa sind die Adelsnamen geschützt. Jeder sieht den Unterschied zwischen einer adligen und einer bürgerlichen Person!"

"Ja, ich weiß" sagte Aissatou: "Als mein Vater dies erfuhr, hatte er eine gute Idee: "In Zukunft - so sagte er - sollten unsere Leute ihren Kindern nicht nur einen aristokratischen Namen zum Vornamen geben, sie sollten ihnen auch einige andere Namen geben, die ihnen in der Welt außerhalb Afrikas weiterhelfen..."

CAMEROON 2001 (5)

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"An was für Namen hat er dabei gedacht?"

"Es tut mir leid - sagte er - aber ich bin zu alt jetzt noch Kinder zu machen, aber heutzutage würde ich ihnen als Vorname auch "Doctor" oder "Professor" oder beide Namen geben, sodass sie einen guten Start haben in der westlichen Welt und gesund, reich und weise werden."

Nun, die Irritation war schon groß solch "anarchistische Worten" zu hören, zumal ich ja hergekommen war, um Afrikanische Kunst zu kaufen.

Waren das hier leibhaftige Karikaturen jenes westlichen Adels, der ja in großen Zügen den europäischen Kunst- und Antiquitäten-Markt repräsentiert? Kaum ein großes, internationales Auktionshaus, dem nicht hochrangiger Adel vorsteht. Aber das hier, war einfach unglaublich.. wie ein Irrgarten auf dem Jahrmarkt, ausgestattet mit Spiegeln, die all das, was sich an Seriosität und adliger Aura um Kunst und Antiquitäten rankt auf den Kopf stellt, bis zur Absurdität verzerrt und doch so selbstverständlich auftritt, dass man es für Realität halten könnte. Ich kam mir vor wie "Alice hinter den Spiegeln", wie jemand, der ein seltsames Schattenreich betreten hatte, das Reich der "Schwarzen", die wohl auch irgendwie Menschen waren, aber es verstanden, mir meine eigene, europäische Welt der Eitelkeiten wie in einem Theaterstück vorzuführen.

CAMEROON 2001 (6)

Binathé mit einer Figur "des Schnitzers von Bouna"
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Binathé mit einer Figur "des Schnitzers von Bouna".

Ich rieb mir die Augen: Da saß sie vor mir in meinem schmuddeligen Kabuff von Zimmer im "Njoya-Palast"... Aissatou, war ihr Name, eine wunderschöne, groß gewachsene Bantufrau, die jedem Pariser Laufsteg zur Ehre gereicht hätte, langbeinige und schlaksig wie Naomi Campell und die jetzt die Rolle spielte, die man ihr zugewiesen hatte. Von den 10 Schwestern Adadous hatte man mir die drei jüngsten - von 17 bis 21 - mit dem Hinweise vorgestellt, ich solle mir doch eine aussuchen. Sie lächelte, als sei es ihre freie Wahl, ausgerechnet mich - den fast dreißig Jahre älteren, angeglatzten, weißen Bäuchling zu ihrem Geliebten zu machen. Ich saß auf der Bettkante und sie vor mir auf einem schwankenden, weißen Plastikstuhl und ihre Augen schienen abwechselnd mich und dann meine armselige Lagerstätte von einem Bett im Auge zu haben. Ich weiß nicht mehr wann, aber irgendwann streckte sie mir eines ihrer unendlichen langen Beine entgegen, sodass ihr Fuß nun auf meinem Schoß ruhte. "Siehst Du, da" an der Fußsohle "bist Du auch weiß..wie ich! Magst Du, dass ich Dir Deine Füße massiere?" Aissatou gluckste vor Lachen...so etwas hatte sie wohl noch kein Mann gefragt. Ich war froh an irgendetwas "Halt zu finden" in dieser präkeren Situation, die so absurd war wie alles andere, was mir in diesen Tagen begegnete..und so widmete ich mich ihren Füßen bis sie anfing es zu genießen, was nicht lange dauerte.

CAMEROON 2001 (7)

zwei Figuren von "bekannten" Schnitzern
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zwei Figuren von "bekannten" Schnitzern.

Am nächsten Tag sollte es endlich losgehen. Auf ins Kameruner Grasland. Doch am Morgen ereilte uns eine Hiobsbotschaft: Ismaels jüngstes Kind seiner zweiten Frau - einer Schwester von Adamou - war in der Nacht gestorben. Kein Fieber, nichts, es hatte am Morgen einfach tot auf seinem kleinen Lager gelegen. Nun lag es eingewickelt in einem abgedunkelten Abstell-Raum und nur sein kleines, schwarz-bläuliches Gesichtchen schaute aus den Tüchern. Rotgerändert waren die Augen von Ismael als ich ihm die Hand reichte und ihn - dem coolsten von allen Händlern - umarmte. Seine Frau schien viel gefasster, diskutierte bereits die Frage, was nun zu tun war. Natürlich konnte ein "Njoya" - es zählt die mütterliche Provenienz - nicht in Yaounde beerdigt werden. Man musste in den Heimatort der Familie der Mutter - also Foumban - zurückkehren. Mehr als Dreihundert Kilometer und das mit mindestens zwei Dutzend Familienmitgliedern aus Yaounde. Der größte Teil der Sippe lebte noch immer in der Gegend um Foumban und es würden wohl hundert Leute sein, die dann das kleine, nur wenige Monate alte Kind zu Grabe tragen würden. Aber es müsste sofort geschehen, denn die Beerdigung müsste noch am gleichen Tag stattfinden. So ist das moslemische Gesetz. Da gibt es keine Ausnahme. Aber solch ein Aufwand für ein Kind, das nur wenige Monate alt ist? Könnte man nicht versuchen, in Yaounde eine Begräbnisstätte zu finden? Die Mutter - obwohl eine Njoya - denkt pragmatisch, der Vater will unbedingt nach Foumban. Nach langem hin und her entscheidet man sich, es in Yaounde zu versuchen.

CAMEROON 2001 (8)

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"Versuchen" deshalb, weil es nicht allein die Entscheidung der Angehörigen ist, wo die Bestattung stattfindet, sondern auch die der Friedhofsverwaltung. Nach endlosen Gesprächen zwischen den Angehörigen entscheidet man sich, es in Yaounde zu versuchen.

Schließlich fahren die beiden klapprigen Mercedes-Limousinen mit zehn oder zwölf der nächsten Angehörigen über die rote Piste kilometerweit hinaus auf´s Feld. Weil Trockenzeit ist, haben die meisten Anoraks oder Militärjacken übergezogen mit hochgezogenen Kapuzen, sodass nur die ovalen Gesichter herausschauen. Der feine Staub, der einem wie eine rote Wolke entgegenweht, wenn ein Fahrzeug aus der Gegenrichtung kommt, nimmt nicht nur die Sicht, sodass wir die Fahrt erheblich verlangsamen oder sogar für eine Weile anhalten müssen, er dringt auch - trotz geschlossener Fenster - ins Wagen-Innere. Und zwar mit solch einer Penetranz, dass er trotz der beschriebenen Vermummung bis in die intimsten Körperritzen dringt. Staub überall und der hilflose Versuch, unseren Körper und unsere Kleider doch irgendwie zu schützen. Wir erreichen eine Baracke - Eingang des Friedhofs - vor der sich ein paar Schwarze auf hölzernen Liegestühle lümmeln. Eine Scheibe wird heruntergekurbelt. Ein Totenschein oder ein paar FCFA werden herausgereicht. Ich kann es nicht genau erkennen. Doch dann kommt es zum Eklat. Man will uns nicht hineinlassen. Dies hier sei ein "Njoya", ein Njoya müsse in Foumban beerdigt werden. Hier könne er nicht beerdigt werden. Die Männer, immer noch eingemummt, steigen aus. Lautstark wird diskutiert. Dies hier sei ein kleines, noch nicht einmal einjähriges Kind, das sei noch kein richtiger "Njoya", den könne man doch hier beerdigen. "Nein" das ginge nicht, hier können nur Leute aus Yaounde beerdigt werden: egal wie alt sie sind, sie müssen aus Yaounde sein. Auch der Imam, der mit uns gefahren ist, und seine Autorität als moslemischer Geistlicher spielen lässt, kann daran nichts ändern. Wieder einmal prallen Religion und uralte, animistische Tradition aufeinander.

CAMEROON 2001 (9)

Schnitzer
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ein auch im Lobiland sehr bekannter Schnitzer der "1990 oder
1992 gestorben ist" und der" in der Umgebung von Bouna
gearbeitet hat" Binaté

Dann fließt Schmier-Geld und die schwarzen Totengräber greifen zu ihren Spitzhacken und Schippen, zwängen sich zu uns in die Autos. Vorbei an einem Autofriedhof erreichen wir ein Feld wie ich es seltsamer noch nie gesehen habe. Soweit man blicken kann ragen seltsame Gegenstände aus der Erde. Als wir näher kommen erkenne ich, was da aus dem Boden sprießt. Es sind Autoteile die hier aus den Gräbern zu wachsen scheinen. Dort ein Stoßdämpfer, hier eine Radkappe und dort drüben eine Starrachse. Es sind die Kennzeichen der Gräber. Denn in Ermangelung von Steinen hat man Teile von dem nahen Autofriedhof zur Markierung der Gräber verwandt. Kein Baum, kein Strauch: Soweit der Blick reicht, nichts als Autoteile auf dem knochenharten, roten Lehmboden, in den die Typen mit den Spitzhacken jetzt bemüht sind ein kleines, rechteckiges Loch zu schlagen als gelte es den Asphalt einer Straße aufzubrechen. Wieder eine rote Staubwolke. Diesmal ein plötzlich auftauchender Windstoß, der wieder alles in roten Staub hüllt und die kurzen Kraus-Haar der Anwesenden hennafarben färbt. Nur vierzig Zentimeter ist der rechteckige Aushub tief, in das Ismael jetzt das kleine Bündel "Kind" legt. Es hat eine halbe Stunde gedauert, um es aufzubrechen und der moslemische Geistliche hat aus dem Koran gelesen. Jetzt hüllt man sich wieder in die Anoraks und die Militärjacken und zieht die Schnüre der Kapuzen zu. Während einer der Totengräber zur Schippe greift, legt Ismael einen faustgroßen runden Stein auf das Kopfende.

CAMEROON 2001 (10)

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Er hatte ihn aus Yaounde mitgebracht. Ein Stein und kein Autoteil. Unter all den Autoteilen auf den Gräbern wohl der einzige auf dem Friedhof von Yaounde, ein mitgebrachter Stein für ein Grab, das eigentlich in Foumban und nicht in Yaounde hätte sein sollen.

Am nächsten Tag mache ich vor dem Frühstück einen kleinen Gang um den Block, um mal zu sehen, wo ich denn hier überhaupt gelandet bin. Dabei reiht sich eine Blechhütte an die andere, überall stehen Autowracks herum, Berge von Plastik und ausrangierten Fernsehern, Kühlschränke und schwere Motorblöcke säumen die Straße. An vielen Stellen ist der rote Lehmboden von ausgelaufenem Maschinenöl oder undefinierbaren Chemikalien schwarz gefärbt. Dazwischen Ziegen, die offensichtlich auch schwarze Plastiktüten in ihre Nahrungspalette aufgenommen haben.

CAMEROON 2001 (11)

Nach einer Weile merke ich, dass ich von einem Typen verfolgt werde, der immer freundlich lächelt, wenn ich mich nach ihm umdrehe. Offensichtlich scheint er keine böse Absichten zu haben. Aber er rennt ständig 5 oder 6 Meter hinter mir her. Schließlich fasse ich den Mut und spreche ihn an, was er denn von mir wolle. Er sei von den Njoyas engagiert, um auf mich aufzupassen. Schließlich sei es gefährlich, als Weißer hier durch die Straßen zu gehen. Hier seien so gut wie nie Weiße und es gibt immer Leute, die sich dadurch irritiert fühlten. Seltsam denke ich, einen Bodyguard zu haben, ohne es zu wissen. Meine Lust alleine ein wenig vor die Tür zu gehen, hat einen erheblichen Dämpfer erhalten. Später sollte ich erfahren, wie gefährlich es tatsächlich ist, sich ohne Führer in bestimmten Vierteln der großen Städte Afrikas zu bewegen.

Statuette
photo: tribalartforum.com/ identification no. 9929003424.jpg, einige der Statuetten aus einer Garage mit mehreren hundert Lobifiguren

 

Statuette
photo: tribalartforum.com/ identification no. 99290034249.jpg, einige der Statuetten aus einer Garage mit mehreren hundert Lobifiguren

 

Statuette
photo: tribalartforum.com/ identification no. 992900342491.jpg, einige der Statuetten aus einer Garage mit mehreren hundert Lobifiguren

CAMEROON 2001 (12)

Wohnzimmer
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das Wohnzimmer eines Kunsthändlers, in dem gewöhnlich
auch die Präsentation der "Schätze" stattfindet.

Am nächsten Morgen sollte es endlich Richtung Grasland gehen. Der Gegend wo man mich als Antiquitätenhändler aus Deutschland schon angekündigt hatte und - so sagte man mir - auf mich wartete. Mannshohes Gras säumte den Feldweg, den wir entlangfuhren bis wir eine Ansammlung von Strohhütten erreichten. Ein steinaltes Männchen, das offensichtlich blind war und kaum noch hören konnte, wurde mir als ‚Chief de Village' vorgestellt. Ihm oblag es zu entscheiden, ob und wie viel mir von den "Schätzen", die im Besitz der Dorfgemeinschaft waren, verkauft würden. Im abgedunkelten Raum der hintersten Hütte erblickte ich einige am Sockel stark angefressene Bangwa Statuen. "Wahnsinn - so etwas hier noch zu finden!" ich war begeistert. Wenn nur das Männlein bereit wäre, mir diese auch zu verkaufen. Lautstark wurde ihm mein Begehren mitgeteilt. Dennoch schien er nichts zu verstehen und meine Begleiter baten mich um Verständnis. Schließlich sei das Männlein bereits an die 130 Jahre alt.

CAMEROON 2001 (13)

Wohnviertel
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im Wohnviertel der Kunsthändler

Ich tippte eher auf 90. Doch Adamou bestand darauf, dass er weit über hundert Jahre alt sei. Hier in der Gegend würden einige der Menschen halt sehr alt. Dieser hier könne sich noch genau daran erinnern wie Kamerun in seiner Jugend eine Deutsche Kolonie gewesen sei und entsprechend alt seien natürlich auch die Stücke in seiner Hütte. "Hmm", reduzieren wir die Altersangaben, zumindest die der Skulpturen um 50 Prozent, so waren es in meinen Augen dennoch Objekte der Begierde. So wurde verhandelt und dem Alten mein Angebot ins Ohr gebrüllt. Irgendwann nickte er dann und der Deal war perfekt. Wir luden die Skulpturen in unseren Jeep und fuhren zum nächsten Dorf. Am Abend hatten wir dann eine stattliche Sammlung aus Bangwa, Bamum, Fang, Oku und Dowayo zusammengetragen und ich war 5.000,- DM ärmer.

CAMEROON 2001 (14)

Natürlich war nahezu alles "knack-falsch", was ich auf meiner ersten Afrikareise erwarb. Ohne meine geringste Ahnung, hatte man mir im wahrsten Sinne des Wortes "potemkinsche Dörfer" vorgeführt. So hatte man - wie ich ein Jahr später erfuhr - Händler aus Foumban engagiert, jüngst geschnitzte, auf alt getrimmte Stücke in verschiedenen abgelegenen, möglichst ursprünglich aussehenden Dörfern zu verstecken. Bis hin zu dem alten, blinden und fast tauben Männlein, das ein Nji - ein afrikanischer Herzog sein sollte, der noch dem deutschen Gouverneur die Hand geschüttelt hatte - war alles inszeniert. Es war wie Eiersuchen zu Ostern. Nur waren die "Eier", die ich fand, letztendlich nicht das Gelbe vom Ei ... sondern wohl eher ein wenig "faul".

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CAMEROON 2001 (15)

Natürlich kann ich mich post festum dem Vorwurf von Naivität nicht entziehen. Wer aber glaubt, dass nur ich es war der hier von "Blindheit" geschlagen war, der täuscht sich ebenfalls. Viele Kunden, die in dieser Zeit - es ist gut 10 Jahre her - Sachen aus Cameroon erworben hatten, ließen damals ihre Stücke von namhaften deutschen Völkerkundemuseen begutachten. Zwar nur mündlich und nicht schriftlich. Doch keiner der dortiger Leiter der Afrikaabteilungen war in der Lage, ein eindeutiges Urteil abzugeben. Gab es tatsächlich noch Fang-Skulpturen in Afrika? Vom Preis her konnten es keine "Originale" sein. Aber was waren das für Stücke? Wie alt waren sie? Waren sie von Mitgliedern des Fang-Stammes geschnitzt worden? Fragen über Fragen ... dazu afrikanische Prinzen, vermehrt wie die Karnickel.

Aber Aissatou, die schwarze Prinzessin, war ohne Zweifel wunderschön, wenn auch ohne eigenen Willen ...natürlich beschnitten und natürlich total abhängig von dem, was man ihr zu tun vorgab ... und sei es sich solch einem Exotikum zuzuwenden, wie ich es nun einmal war und mit Sicherheit für die meisten Afrikaner immer sein werde.

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Vielen Dank an Wolfgang Jaenicke.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Menschen in Afrika, Reisebilder eines Händlers; Wolfgang Jaenicke; 2007; https://www.about-africa.de/elfenbein-weisses-gold-afrikas/60-menschen-afrikas-reisebilder-eines-haendlers

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