A.Böck am Rednerpult während ihres Referats. Im Hintergrund an der Leinwand ein Beispiel (Maske und Portrait) ihrer Forschungsarbeit.
Angelika Böck, Tagung der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur e.V., München, 2008

Audiomitschnitt des Vortrags

STILLEPOST (Angelika Böck)

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Am Anfang von STILLEPOST steht eine einfache Frage: würde das geschnitzte Porträt einer Europäerin, das nacheinander von mehreren afrikanischen Bildhauern kopiert wird, schließlich mehr afrikanische als europäische Züge aufweisen?

Ich entschloss mich, der Frage anhand der typisch europäischen Form des skulpturalen Porträts, der Büste, die in der afrikanischen Kunst keine Entsprechung kennt, nachzugehen.

Meine erste Anlaufstelle in Afrika war der Bildhauer Dramane Coulibaly, der an der Elfenbeinküste lebt und dessen Aufgabe es ist, alle profanen und rituellen Gegenstände aus Holz anzufertigen, die die Gemeinschaft von Boundiali benötigt. Die lebensgroße Porträt-Büste, die Dramane von mir schnitzte, brachte ich nach Mandine, und bat dort den Bildhauer Amadou Coulibaly eine exakte Kopie von Dramanes Skulptur herzustellen. Amadous Kopie gab ich an Dosso N'Gouamué in Biamkouma weiter und dessen Skulptur wiederum an Gboungué Louna Pascal der in Kabakouma lebt. Von dort aus ging es nach Abidjan zu Bidije Goure der die letzte Porträt-Kopie anfertigte.

Ursprünglich hatte ich vermutet, dass es zwischen 7 und 10 Porträts brauchen würde bis man kulturspezifische Wahrnehmungsmuster deutlich erkennen könnte, es ging jedoch wesentlich schneller als ich dachte. Meine typische Hakennase war bereits ab dem zweiten Kopf deutlich begradigt und meine schmalen Lippen hatten an Volumen zugelegt. Bei der nächsten Skulptur schob sich mein Unterkiefer vor und meine hervorspringenden Backenknochen waren weichen Rundungen gewichen. Der Bildhauer der vierten Skulptur hatte mein mandelförmigen Augen in stilisierende Augenschlitze verwandelt und meine schulterlangen Haare der traditionellen afrikanischen Haartracht für Frauen angeglichen. Das auffallendste Merkmal jedoch ist die Brust. Ich beginne die Reihe angezogen mit einem T-Shirt und beende sie als Nackte, mit hervorstehenden Brustwarzen.

Ich verließ Afrika mit 5 handgreiflichen Beispielen dafür, wie kulturspezifisch unterschiedlich sich Sehende und Schaffende in der Welt einrichten.

MASKENPORTRÄTS (Hans Himmelheber)

Hans Himmelheber initiierte 1970/71 in der Republik Elfenbeinküste eine Versuchsreihe für die er sich selbst zum Modell machte. Er wollte überprüfen und möglicherweise den Nachweis führen, dass Afrikanische Bildhauer in der Lage seien Porträts anzufertigen. Denn Himmelheber meinte, anhand einzelner Darstellungen von Gesichtern an Alltagsgegenständen, Skulpturen und Masken die individuelle Züge einzelner Gruppenzugehöriger ausmachen zu können. Himmelhebers Vermutung stand in deutlichem Kontrast zu der damals gängigen Meinung seiner Fachkollegen. Für sein Experiment wählte er bewusst Bildhauer unterschiedlicher Schnitztraditionen, denn er hatte die Absicht gleichzeitig gruppenpezifische Unterschiede herauszustellen.

1972 veröffentlichte Hans Himmelheber die Untersuchung im Baesseler-Archiv, Neue Folge 20 (1972), S. 261-312 unter dem Titel "Das Porträt in der Negerkunst" übrigens ein Titel, indem nicht nur heute, sondern auch damals ein Wort als störend empfunden wurde. Heute ist es das Wort "Neger", zur damaligen Zeit war es das Wort "Kunst" in Verbindung mit Neger. Alle folgenden Fotos und Zitate sind diesem Bericht entnommen.

Himmelhebers Fragestellung war der Grad der Ähnlichkeit mit der porträtierten Person Hans Himmelheber. Er wählte bewusst die Maske, nicht eine Figur "weil die Künstler sich dabei auf den wichtigsten Träger der Ähnlichkeit, das Gesicht, konzentrieren konnten…"


Bild 1: Hans Himmelheber mit der Maske des Senoufo-Bildhauers Abou Coulibaly sowie einer traditionellen Senoufo-Maske


Bild 2: Hans Himmelheber mit der Maske des Dan-Bildhauers Jean Don Gba, sowie einer traditionellen Dan-Maske


Bild 3: Hans Himmelheber mit der Maske des Baule- Bildhauers Asa Kouakou, sowie einer traditionellen Baule-Atutu-Maske


Bild 4: Hans Himmelheber mit der Maske des Baule-Bildhauers Tano Ndri, sowie einer traditionellen Baule-Maske


Bild 5: Hans Himmelheber mit allen o.g. Masken

"Zu der Hauptfrage, wie weit Ähnlichkeit erreicht wurde, ist zunächst zu berichten, dass die Afrikaner, die bei der Entstehung der Kunstwerke zugegen waren oder die fertige Maske sahen, bei allen vier Masken eindeutig die Ähnlichkeit konstatierten. (..) Weder ich noch die Schnitzer hatten die Leute um ihr Urteil gefragt; sie hatten sich spontan geäußert. Sie konnten ja auch nicht wissen, dass es wegen des Stammesstils für mich schwieriger sein könnte als für sie, die Ähnlichkeit zu erkennen. (..) Europäische Betrachter in Afrika und in Deutschland, welchen ich die Masken zeigte, ohne zu sagen, um was es sich handelt, erkannten die Ähnlichkeit bei der Senufo-Maske im allgemeinen sofort; allerdings gab es auch Leute, welche die Ähnlichkeit erst bemerkten, wenn ich sie darauf aufmerksam machte. Ebenfalls erkannt wurde meist jene Baule-Maske, die ganz in meiner Abwesenheit geschnitzt worden war. Meine Frau, die allerdings wusste, was beabsichtigt war, und die die Kunst dieser Stämme sehr gut kennt, so dass der Stammesstil für sie keine allzu hohe Barriere bildet, sieht Ähnlichkeit bei allen vier Masken."

Hans Himmelheber bewertet die Untersuchung selbst

"Will man eine Gesamtbewertung vornehmen, so hat Dje, der Senufo-Schnitzer, sicherlich die eindrucksvollste Leistung vollbracht. Vergessen wir nicht, dass es die Aufgabe war, eine Maske zu schnitzen, die mir ähnlich sieht, nicht etwa "eine schöne Maske". Wäre das letztere der Fall gewesen, so würde ich Jean, dem Dan, den Preis zuerkennen. Dje, der Senufo, aber hat mich absolut porträtähnlich geschnitzt, hat die besonderen Eigenheiten meines Gesichts trefflich erfasst. Obgleich seine Maske eineinhalb mal so groß und aus härterem Holz ist als die andern, hat er das Werk in der halben Zeit, welche die andern benötigten, geschaffen. Eindrucksvoll ist auch die Leistung des Baule-Schnitzers Tano, der ganz ohne meine Anwesenheit ebenfalls mein Gesicht getroffen hat. Bei der Maske des Dan-Schnitzers Jean halte ich es für möglich, dass sich mir die Ähnlichkeit offenbart, wenn ich die Maske noch länger bei mir habe. Jetzt sehe ich darin mehr den festliegenden Typ dieser Dan-Masken, insbesondere bei Augen und Mund. Nur die Nase weicht deutlich von diesem Typ ab, zugunsten einer europiden Formung."

Himmelhebers Beobachtungen werfen nicht nur überaus interessante Fragen bezüglich unserer Wahrnehmung und der Erkennbar-, bzw. Beurteibarkeit von Kunstwerken aus anderer Kulturen auf, es fasziniert auch, wie Himmelheber das Wesenhafte einer Person im Porträt zwischen Anwesenheit und Abwesenheit ausrichtet.

" Vielleicht aber handelt es sich um eine grundsätzlich andere Auffassung von dem was das Abbild eines Menschen ist. Möglicherweise gelingt es den Negerkünstlern, eine innere Schau vom Wesen eines Menschen zu gestalten, die nicht oder nur wenig in seinen sichtbaren Zügen zum Ausdruck kommt, so dass es belanglos ist, ob der Künstler das Modell vor sich sieht oder es nicht sieht…"

Hier drückt sich zum einen die (bis heute) geltende europäische Anforderung an ein Bildnis, über die bloße Abbildung der physischen Eigenheiten ein Mehr, das Wesen, den Charakter eines Menschen zu zeigen, aus. Zum anderen scheint sich die Sehnsucht danach anzudeuten, diese Fähigkeit, die selbst für die Begabtesten europäischen Porträtisten sehr schwer zu erreichen ist, unter den afrikanischen Künstlern in einer reinen und ursprünglichen Form aufzufinden.

Nachwort

STILLEPOST entstand ohne Kenntnis Himmelhebers Untersuchung und 29 Jahre danach. Im Jahr 2004 wurden beide Arbeiten, deren Korrespondenz Tobias Wendl und Stefan Eisenhofer auffiel, in einer gegenüberstellenden Ausstellung im Iwalewahaus Bayreuth, im Kunstverein Aalen und im Völkerkundemuseum in München gezeigt.


Zur Ausstellung erschien ein Katalog:

Stille Post. Versuchsanordnungen in Kunst und Wissenschaft - Angelika Böck und Hans Himmelheber (Taschenbuch)
von Stefan Eisenhofer (Autor), Angelika Böck (Autor)
ISBN-10: 3927270466
ISBN-13: 978-3927270466

@ amazon.de

 

Falls vergriffen, finden Sie die Texte von Stefan Eisenhofer, Randi Gunzenhauser, Clara Himmelheber, Reinhard Spieler und Tobias Wendl auch auf der Webseite von Angelika Böck unter:

www.angelika-boeck.de

Scrollen Sie dort im rechten Fensterteil runter bis "StillePost, 1999" und klicken Sie dann auf "zeigen".

Folienpräsentation

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Vortrag bai Frühjahrstagung 2008 der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur in München (Staatliches Museum für Völkerkunde), 30. Mai bis 1. Juni 2008 - Ulrike und Hans Himmelheber - Leben und Schaffen

Vielen Dank an Angelika Böck.

Autor
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

StillePost und MaskenPorträts; Angelika Böck; 2008; https://www.about-africa.de/hans-ulrike-himmelheber/84-stille-post-masken-portraets

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