AFRIKA IN GÖTTINGEN

Was verbindet Carl Einstein, ein Benin-Kopf, Adolf Bastian, ein Fang-Löffel, eine Yombe-Figur?
Ergebnisse einer digitalen systematischen Sammlungsbearbeitung

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Ente oder Zukunft?

Naja, die Meldung stimmt natürlich nur teilweise.

Es waren keine berühmten europäischen Künstler, sondern es sind nur anonyme Werke des Afrikanischen Kontinents.

Die Medien berichteten nicht.

Die politisch Verantwortlichen waren und sind gleichgültig.

Die Universitätsleitung und der Museumsfreundeskreis wissen von nichts.

Und Geld für Weltkultur aus Afrika in Deutschland?

Wissensstand bis 2008

Der Wissensstand in Göttingen bis zum Jahr 2008 ist belegt durch zwei Bücher: "Verzeichnis der Völkerkundlichen Sammlungen Afrika", 1993 und "Afrikanische Plastik" 1994.

Das Letztere erschien anlässlich einer Ausstellung. Hier heisst es über die Stücke, die auf dem Titelbild dieser Zeitschrift zu sehen sind:

  • Benin-Kopf: "Benin Edo Bronze erworben von Speyer o.J." (Abb.6 und Kat.Nr.34)
  • Kongo-Figur (groß): ""Nagelfetisch", Yombe Bafi oti/Gabun", "erworben vom Völkerkunde-Museum Berlin 1939" (Abb.10, Kat.Nr.49)
  • Kongo-Figur (klein): ""Spiegelfetisch", Baule/Gabun", "gesammelt von der deutschen Expedition, erworben vom Völkerkunde-Museum Berlin 1939" (Kat. Nr 23)
  • Fang-Figur: "Ritueller Löffel, Batanga/ Äquatorial Guinea", "erworben 1884 N. N." (Kat.Nr.48)
  • Der Kameruner Türrahmen (Sammlung Carl Einstein) wird in diesem Buch nicht erwähnt, jedoch im ‚Afrika-Verzeichnis': "Tor, Bamum Kamerun, (Schlitter), 1932". In der Ausstellung war er nicht zu sehen, jedoch soll das Stück mindestens in den 1980iger Jahren im Eingangsbereich des Museums aufgebaut gewesen sein. Auch den zahlreich das Museum besuchenden Experten ist das Stück nicht aufgefallen.


Benin-Kopf ehemals Völkerkundemuseum Berlin, Af932

Natürlich sind die Texte je Figur deutlich länger, jedoch entweder nur das beschreibend, was jeder selbst sehen kann, oder zu allgemein. Falsch ist es die Baule nach Gabun zu verlegen, diese sind ein Volk der Elfenbeinküste. Auch die Yombe leben nicht in Gabun, sondern im Kongo. Der Ort Batanga oder das Volk der Batanga hat mit Äquatorial-Guinea nichts zu tun. Der Ort Groß- Batanga ist an der Kameruner Küste in der Nähe von Kribi und das Volk der Batanga ist eine Abspaltung der Duala. Wichtiger als solche Details war den verfassenden Wissenschaftlern damals die korrekte ethnologische Schreibweise: Gänsefüsschen "Nagelfetisch" und "Spiegelfetisch".

Außerdem wurde weder in der Ausstellung, noch im Buch ein Versuch unternommen, einzelne Stücke zu bewerten hinsichtlich der Qualität im Vergleich mit anderen bekannten Stücken der Region/Ethnie, oder zu unterscheiden in Fälschungen für den Sammlermarkt, Belegstücke für Museen, Reisemitbringsel von Ethnologen, sowie Port- und Airportart.

Hinsichtlich des Benin-Kopfes höre ich immer noch die Worte während der Ausstellungsführung: "Das ist ein später Nachguß der 1930iger Jahre und nur einige tausend Euro wert. Wäre der echt, könnte der hier nicht so in der Glasvitrine stehen." Der Kopf steht auch im Mai 2011 in der gleichen Glasvitrine. Diebstahlsicherheit ist teuer, dafür hat der fi nanzielle Träger (Universität) kein Geld.

MEINE ERGEBNISSE 2008

Benin Gedenkkopf einer Königin vor 1897

Der Göttinger Kopf GÖ-Af932 wurde von dem Berliner Händler Arthur Speyer erworben, der denselben 1932 aus dem Berliner Völkerkundemuseum tauschte. Der Kopf

  • ist identisch mit der ehemaligen Berliner Nummer IIIC08184.
  • wurde 1898 von Consul Schmidt erworben.
  • ist einer von 28, bei Felix LUSCHAN erwähnten Benin-Gedenkköpfen dieses Typs

(Detailnachweis siehe: http://www.about-africa.de/sammeln-bewahren-forschen-vermitteln/151-benin-frauen-kopf-bronze-goettinger-sammlung)

Kamerun-Türrahmen aus der ehemaligen Sammlung Carl Einstein

Das Stück GÖ-Af1556 ist identisch mit dem Türrahmen der Bangu, einer den Bamileke zugerechneten Gruppe, und ist im Buch ‚Afrikanische Pastik' von Carl Einstein (Verlag Orbis Pictus, Band 7, Berlin, 1921) auf S. 20 beschrieben und auf Tafel 19 abgebildet ist. Der Türrahmen war zum Zeitpunkt der Veröffentlichung in der Sammlung Carl Einsteins. Erworben hat Einstein das Stück wohl von Umlauff, auf einem Verkaufsfoto des Handelshauses J.F.G. Umlauff vor 1914 ist das Stück zu sehen. Ab 1932 ist das Stück nachweislich in Göttingen.

(Detailnachweis siehe: http://www.about-africa.de/sammeln-bewahren-forschen-vermitteln/152-berliner-schenkung-nach-goettingen-1939)

Bangu-Türrahmen GÖ-Af1556b-3

Schenkung des Staatlichen Museums für Völkerkunde Berlin im Jahr 1939

In Göttingen wurden die Berliner Figuren und Masken bisher mit den Angaben "Museum für Völkerkunde Berlin 1939" katalogisiert. Durch Abgleich mit den Berliner Akten sind jetzt die Sammlernamen und das Jahr des Sammlungseinganges im Berliner Museum bekannt, z.B.

Sammlung Kohrs-Freckmann

Im Jahr 1884 erwarben die ethnologischen Museen Berlin und Göttingen Sammlungen aus dem Ogowe-Gebiet und aus Kamerun, die ein H. Freckmann aus Hamburg einlieferte. Göttingen erhielt im Jahr 1886 weitere Stücke. Diese Sammlungen zählen zu den ältesten aus dem Ogowe-Gebiet, darunter sind auch Stücke der Akelle-(Kale) und der Fang. Falsch ist die Bezeichnung in Göttingen und Berlin als Sammlung H.Freckmann. Dieser war nur Einlieferer. Sammler waren ein Herr J. Kohrs aus Stade (Kiste I) und anonyme Herren (Kiste II). Die Gegenstände in Kiste I wurden von J. Kohrs im Ogowe-Gebiet gesammelt, die Stücke in Kiste II in Kamerun.

Mehrere Stücke, die bisher mit "1884 N.N" gekennzeichnet waren, konnten über die Berliner Sammlungslisten eindeutig der Kohrs-Freckmann-Sammlung zugeordnet werden, z.B. zwei Figuren aus dem Küstengebiet des Kongo, wohl von den Vili:

  • "Spiegelfetisch" Bavili, Yombe, Vili/Kongogebiet", "erworben 1884 N.N." (Kat.Nr.51) •
  • "Fetisch" Bafi oti/Angola", "erworben 1884 N.N." (Kat.Nr.61)

(Detailnachweis siehe: http://www.about-africa.de/sammeln-bewahren-forschen-vermitteln/153-sammlung-ogowegebiet-loangokueste-ethnologische-museen-goettingen-berlin)

ARBEITSWEISE

Bei meiner Untersuchung habe ich mich auf Masken, Figuren, figurativ verzierte Gegenstände und Elfenbeinarbeiten konzentriert. Die systematische Gesamterfassung und Bewertung erfolgte in mehreren Schritten:

  1. Schritt: alle Figuren und Masken, d.h. ohne Auswahl nach Qualität, fotografi eren; in der Regel sechs Bilder, vier Seiten, oben und unten;
  2. Schritt: schriftliche Sammlungsunterlagen zu den Stücken fotografi eren (Generalkatalog/Inventarbuch, Karteikarten, Sammlungsakten);

An vier Tagen (12 bis 13. August + 16. September + 24. Oktober 2008) habe ich etwa 15 Stunden in Magazin und Ausstellung fotografi ert und später - mindestens die dreifache Zeit - die Sammlungsangaben eingegeben.

Bei meiner Auswahl von Unter-Sammlungen und Einzelstücken für diesen Beitrag waren Kriterien der Bewertung:

- Herkunft und Sammlungseingang (‚Ethnologische Provenienz')

- Seltenheit

- Erhaltungszustand

- Qualität und Ästethik im Vergleich mit anderen Stücken der Region/Ethnie

- heutiger Marktwert als ein Maßstab westlicher Ästethik

Es gibt in Göttinger Sammlung noch weitaus mehr interessante Stücke, auf die ich hier nicht eingehen kann, die aber zum grössten Teil auf der Internetseite zu sehen sind.

FAZIT:

Zwei Jahre liegen zwischen der Tagung in Göttingen, der Erstveröffentlichung im Internet (about-afrika.de) und heute. Ich habe diesen Beitrag nicht geschreiben, um die Qualität meiner Arbeit herauszustellen, sondern vielmehr um zu zeigen, wie wenig Lehre und Forschung bislang die Herkunft der Sammlungsbestände untersucht hat (Provenienzforschung). Die Sammlung in Göttingen ist sehr gut sortiert, ein systematisches Buch (Sammlungsverzeichnis) ist vorhanden, die wichtigsten Hinweise standen auf den Rückseiten der alten Karteikarten und die Verknüpfung mit dem Berliner Archiv wäre für jeden anderen Wissenschaftler vor mir möglich gewesen.

Und die Arbeitsbedingungen in Göttingen waren und sind hervorragend, die Offenheit gegenüber Gastwissenschaftlern ist sehr groß.

Vielen Dank an Dr. Gundolf Krüger für die grosse Unterstützung, (ohne ihn gäbe es weder die Bearbeitung der Cook/Forster-, noch der Baron von Asch Sammlung)!

Verfasser: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

AFRIKA IN GÖTTINGEN; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-01-2011/226-afrika-in-goettingen

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