In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) erschien am 12. Januar 2011 der Beitrag von Karl-Heinz Kohl: "Die Ethnologie verspielt ihre grösste Chance".

Als eifriger Nichtleser der FAZ ist mir zwar der Artikel entgangen, aber im März sah ich denselben auf dem Schreibtisch eines befreundeten Museumskurators. So gelangte ich zu einer Kopie. Die Suche im Internet ergab, daß die Internetseite des Berliner Schlosses "Ethnologische Selbstzerfl eischung" meldete und die FR (Frankfurter Rundschau) etwas ratlos der Meinung war "Es geht (irgendwie) auch um die Ethnologie". Der Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz Hermann Parzinger äusserte sich in einem Leserbrief, veröffentlicht in der FAZ am 15.1.2011: "Völkerkunde ist ein kleines Fach geblieben, das lange über keine nennenswerte Lobby verfügt, schrieb Karl-Heinz Kohl am 12.01 in der FAZ. Wenn man seinen Artikel liest, dann vesteht man auch, warum das so ist. Die Art und Weise, wie er die Direktorin des Berliner Ethnologischen Museums auch persönlich attackiert und dabei das gesamte Projekt Humboldt- Forum und die große Chance für die Ethnologie diskreditiert, sind unwürdig und unerträglich."

Was war geschehen?

Karl-Heinz Kohl

Karl-Heinz Kohl ist seit 1996 Professor für Ethnologie an der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main mit den thematischen Schwerpunkten: Allgemeine Ethnologie, Religionsethnologie, Wissenschaftsgeschichte, Xenologie und den regionalen Schwerpunkte Ost-Indonesien, Melanesien. Außerdem noch ordentliches Mitglied der Wissenschaftlichen Gesellschaft an der Goethe-Universität und der Berlin-Brandenburgischen Akademie der Wissenschaften, "Principal Investigator" des Exzellenzclusters "Die Herausbildung normativer Ordnungen" an der Goethe-Universität, Herausgeber der Zeitschrift "Paideuma Mitteilungen zur Kulturkunde" und der Religionsethnologischen Studien des Frobenius- Instituts und Vorsitzender der Deutschen Gesellschaft für Völkerkunde.

Ohne Konzept zum Lottogewinn - Kohl gendert König

In wenigen Worten zusammengefasst ist Kohls zentraler Vorwurf, daß die Direktorin Viola König (ebenfalls Professorin) und die Kurator(inn)en des Berliner Museums den "Lottogewinn" Museumsneubau, Humboldt-Forum und Umzug auf die Berliner Museumsinsel nicht durch eigene Konzepte für die Ethnologie nutzen: man "wartet auf ein Konzept, doch die Museumsseite versagt." Vor allem die Direktorin sei Schuld: "Die im Jahr 2000 neu berufene Museumdirektorin Viola König hatte zwar während ihrer Zeit im Bremer Überseemuseum Ausstellungen über Mumien, Geister und Dinosaurier, über die chinesische Heilkunde, die Piraten der sieben Meere und die Allgegenwart Entenhausens organisiert. Die Kunst indigener Gesellschaften lag ihr wohl eher fern." Im folgenden steigert sich der wissenschaftlich geschulte Geist, die Sprache wird zur Keule: "Allgegenwart von Disney- Produktionen geschulter Blick ... Sprechblasen ... kryptische Schimpftiraden Entenhausener Figuren ... pixelhafter Designerschleim", so unterhaltsam kann Wissenschaft sein. Was kann diese Frau nur getan (oder nicht getan) haben, daß diesen Mann so aufgebracht hat?

Allerdings ist schwer zu sagen, ob einzelne Vorwürfe von Karl-Heinz Kohl falsch oder richtig sind, denn leider ist vieles nur angerissen und nicht detailliert ausgeführt. Durch Einseitigkeit ungerecht sind mindestens seine Bemerkungen, die sich auf die Tätigkeit von Viola König als Direktorin des Bremer Überseemuseums von 1992- 2000 beziehen. Es gab z.B. auch Ausstellungen mit den Themen "Kunst aus Afrika" (1995), "Goldkammer und Kulturen des Andenraumes" (1996), "Musik aus Afrika" (1996). Viel wichtiger jedoch: das Bremer Überseemuseum hat in diesem Zeitraum eine (fast vollständige) digitale Sammlungserfassung durchgeführt und im April 1999 ein riesiges Schaumagazin mit tausenden von Stücken eröffnet. Beides auch mehr als 10 Jahre später noch einzigartig in Deutschland, kein ethnografi sches Museum hat diese Arbeit seitdem geleistet! Kein Ethnologie-Lehrstuhl sich mit diesen wichtigen zukunftsweisenden Museumsthemen (Schaumagazin, Digitale Sammlungserfassung) ernsthaft befasst! Das hätte Kohl auch erwähnen können.

Von Paris lernen - aber was?

So wie Karl-Heinz Kohl die Versager identifi ziert, so ist für ihn das Erfolgsmodell eindeutig: das 2006 eröffnete Pariser Musée du quai Branly. Damals das Prestigeprojekt des sammelnden Staatspräsidenten Frankreichs Jacques Chirac. Mitgeformt durch eine kleine französische Sammler- und Händler-Elite. Nach Kohl der Beleg, "welche großartigen Effekte sich mit ethnographischen Artefakten erzielen ließen, wenn man bei ihrer Präsentation die üblichen Wege nur ein wenig verlässt." Neu ist die Präsentation des Museums übrigens keineswegs, diese war bereits seit Jahrzehnten, z.B. bei Verkaufsausstellungen von Galerien und Händlern, üblich. Allein die Menge der gezeigten Stücke und die Grösse des Raumes ist neu. Die Qualität der Präsentation äusserst unterschiedlich; so ist der Federschmuck des Amazonasgebietes weder gut ausgesucht, noch besonders "effektvoll" präsentiert. Was Kohl offensichtlich begeistert, ist, daß durch diesen Museumsneubau die Ethnologie in Frankreich in bisher unbekanntem Ausmass zu gesellschaftlicher Aufmerksamkeit gelangte.

Das Modell Paris ist jedoch sicher nicht nach Berlin importierbar. Denn unsere derzeitige Regierungschefi n (Angela Merkel) sammelt nicht. Kunstsinnige Ästethen sind unter deutschen Politikern selten, von außereuropäischer Kunst und Kultur versteht kaum einer was. Auch fehlen in Deutschland international geachtete Händler- Sammler vom Format eines Jacques Kerchache. Wenn wichtige Teile der wirtschaftlichen und politischen Elite selbst sammeln, ist verständlich, daß auch die mediale Aufmerksamkeit bereits vor der Eröffnung sehr hoch und die Ausstrahleffekte auf die, ohnehin kulturbegeisterten, Franzosen stark war. Nicht ohne Grund fi nden seit ein paar Jahren die "Tribal Art"- Auktionen von Sotheby's und Christie's auch in Paris statt. Ähnliches können wir für Berlin nicht vermelden. Wir sind ethnografi sche Provinz und die deutsche Ethnologie hat in den letzten Jahrzehnten ihren Beitrag dazu geleistet.

Wesentliche Neuerungen des Musée du quai Branly sind Karl-Heinz Kohl in seiner Argumentation entgangen:

  • die digitale Erfassung der Sammlungen, jedes Stück ist mit Foto und Sammlungsdokumentation im Internet für jeden erreichbar;
  • die Möglichkeiten für wissenschaftliche Forschung, die in einem eigenen Gebäudeteil des Museums angesiedelt ist (Départment de la Recherche et de l'Einseignement, Médiathèque).

Klar Paris kann in einigen Bereichen ein Vorbild sein und hat einen Standard gesetzt, den man genau studieren sollte (War Karl-Heinz Kohl länger als einen Tag im Musée du quai Branly?).

Kunst oder Kontext - Kohls späte Erkenntnis

Mindestens seit 2008 beobachtet Kohl das Versagen des Ethnologischen Museums Berlin und hat als gründlicher Wissenschaftler in der Zeit sicher ein umfassendes eigenes Konzept erarbeitet. Statt dieses, wenigstens auszugsweise vorzustellen, bleibt es in seinem FAZ-Beitrag allgemein:

"Der entscheidende Anstoß (für das Humboldt-Forum) ist denn auch gar nicht von ihnen (den Ethnologen), sondern von Kunsthistorikern ausgegangen. Sie hatten erkannt, welche ästethischen Meisterwerke in den Völkerkundemuseen schlummern, ... Neben Hans Belting, der 2001 in seiner ‚Bild-Anthropologie' die Gleichrangigkeit afrikanischer und ozeanischer Artefakte mit den großen Werken moderner wie auch klassischer europäischer Kunst betonte, ..."

Na, so ganz auf dem laufenden kann der Herr Professor da nicht sein, diese fruchtbare Diskussion zwischen Ethnologen und Kunsthistorikern begann doch schon um 1900? In Zeiten eines Leo Frobenius, Carl Einstein, Eckart von Sydow, Paul Germann, Felix Luschan, Augustin Krämer, Paul Guillaume, Ernst Vatter, Voldemar Matvei (genannt Vladimir Markov) usw.? Seitdem hat sich in Deutschland die lehrende und forschende Ethnologie aus diesem Bereich schleichend verabschiedet, sodaß heute vielen Universitätsethnologen selbst das nächstgelegene Museumsmagazin unbekannter ist, als die Länder aus denen die Stücke einst kamen. Aber warum nicht 2001, ausgehend von Hans Belting einen Neuanfang wagen? Ist doch sehr zu begrüssen, daß sich die universitäre Ethnologie wieder ihren Wurzeln nähert.

"Die Kustoden ethnologischer Museen wussten zwar vom künstlerischen Eigenwert der Artefakte indigener Kulturen. Sie stellten ihn aber zugunsten einer Ausstellungsdidaktik zurück, die grösseren Wert darauf legte, die Objekte im Kontext ihres Gebrauchs zu zeigen."

Das ist komisch, bei meinen Besuchen der Dauer- und einiger Sonderausstellungen des Ethnologischen Museums in Berlin der letzten Jahre fand ich im Gegenteil, daß teilweise eher zu wenig Kontext gezeigt wurde. Kunstvoll besonders die Afrika-Ausstellung: jedes Stück einzeln präsentiert, künstlerisch exponiert, individuell ausgeleuchtet. Auch die gemeinsame Sonderausstellung "Weltsprache Abstraktion" mit der Neuen Nationalgaleries im Jahr 2007 zeigte, daß mindestens der Afrika-Kurator Peter Junge durchaus den gehobenen Ansprüchen eines Karl-Heinz Kohl genügen könnte.

"Denn eingestellt worden sind sie nicht als als Ausstellungsmacher und Eventmanager, sondern als Wissenschaftler und Sammlungsverwalter."

Na endlich, hier lässt sich der Ansatz eines eigenen Konzeptes erahnen: "Eventmanager"! Mit den Events ist es so eine Sache. Wer zu faul ist oder zu wenig Zeit hat, Inhalte zu ergründen, macht ein Event daraus. Schnelllebige Verblödung, Inhaltsvermittlung im Dauerlauf, Anglizismusterror, jetzt endlich auch in ethnografi schen Museen? Die feierlich-suchende transzendierende Ruhe vor einem fremden Gegenstand soll durch Deutungsfeuerwerke und billige Inszenierung ersetzt werden? Erziehung der Museumsbesucher durch kollektive Blödelei á la Privatfernsehen?

Kohlröschen wachgeküsst? Museumsneubau weckt Ethnologie?

Die grösste Neuigkeit des FAZ-Artikels war für mich das erwachte Interesse von Karl-Heinz Kohl an ethnografi schen Museen. Der jungfräuliche Neubau eines preussischen Stadtschlosses hat also einen weiteren Streiter aus dem Dornröschenschlaf erweckt. Das Humboldt-Forum als Aufputschmittel, als Aphrodisiakum für alte Männer? (Da zähle ich mich mit Anfang 50 durchaus schon dazu, ist also nicht beleidigend gemeint.) Oder ist es bei Kohl lebenslanges Interesse für Museen und Sammlungen?

Letzteres kann wohl ausgeschlossen werden. Im Internet habe ich die Veranstaltungen und Veröffentlichungen des Lehrstuhls durchsucht. Da gibt es Arbeiten zu Körper-, Friedens-, Religions-, Wirtschafts- und Verwandschaftsethnologie, Geschichte der Ethnologie, politische Ethnologie, orale Traditionen, visuelle Anthropologie, Medienethnologie und kulinarische Ethnologie. Modethemen wie Migration und Gender sind vertreten. Das Wort Museumsethnologie oder ethnografi sche Sammlung habe ich vergebens gesucht.

Karl-Heinz Kohl ist seit 15 Jahren Professor in Frankfurt am Main. Dort gibt es das Museum der Weltkulturen. Welche gemeinsame Projekte der Zusammenarbeit von Museum und Universität gab es in dieser Zeit?

Verdienste von Karl-Heinz Kohl sind sicher vorhanden, aber liegen sie ausgerechnet auf dem Glatteis, auf welches er sich wagte?

  • Und ein letztes, im Artikel schreibt Karl-Heinz Kohl von einem "Hermann Parchinger", der Präsident der Stiftung Preussischer Kulturbesitz sein soll. Dies ist ein (Schreib)-Fehler. Der Präsident heisst Hermann Parzinger - mit einem Z wie Zorro.

FAZIT:

Ein ethnologischer Essay mit emotionalem Tiefgang, aber kaum neuen Inhalten. Karl-Heinz Kohl scheint selbst kein Konzept für das Humboldt-Forum zu haben. Jedenfalls stellt er keine Details vor. Hat er sich mit diesem Beitrag als ernstzunehmender Diskussionsteilnehmer verabschiedet? Dies wäre schade. (Wir hoffen auf einen Beitrag in einer unserer nächsten Ausgaben). Und noch eine Frage habe ich mir während des Lesens immer wieder gestellt: Mit welchem Recht spricht die deutsche Ethnologie, sprechen deutsche Ethnologen, für indigene Gemeinschaften? Ist das Fach Ethnologie die legitimierte Vertreterin aller Außereuropäischen? Ist diese versteckte Abart des Eurozentrismus nicht peinlich, da in der heutigen Welt innerhalb von 24 Stunden die lebenden Vertreter von indigenen Gemeinschaften selbst kommen und sprechen können?

NEU:

Im Dezember 2010 wurde der Schweizer Kulturmanager Martin Heller zum Projektleiter für das Beraterteam des Humboldt- Forums berufen. Daß kein Einziger Ethnologe in dieser Expertengruppe ist, ist wohl ein Glückfall. Haben die Ethnologen doch schon in der Vergangenheit durch Streit und Feindschaften die Gegenwart ihres Faches verspielt.

Verfasser: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

HUMBOLDT-FORUM BERLIN - KOHL VERSPIELT MIT; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-01-2011/229-humboldt-forum-berlin-kohl-verspielt-mit

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