Anlass zu dieser Publikation ist die Faszination des Autors für die Kunst der Lobi einerseits und andererseits die Neugier, die jeden Forscher treibt, die Hintergründe und Ursprünge der interessierenden Gegebenheit zu verstehen. Die Kunst der Lobi besticht dabei in erster Linie durch die Vielfalt der Ausdrucksformen – wie sie sonst wohl bei keinem andern afrikanischen Stamm anzutreffen ist – und deren Bezug zum alltäglichen Leben, insbesondere zum sozio-religiösen System. Dieser Bezug wurde schon mehrfach untersucht – die Arbeiten von Piet Meyer und Daniela Bognolo sind nebst vielen anderen zu erwähnen – und stellt auch die Grundlage für verschiedene Klassierungssysteme der Lobi-Ikonographie dar, die allerdings auf den ersten Blick sehr unterschiedlich und auch widersprüchlich erscheinen. Ziel der jetzt publizierten Arbeit war, das bestehende Wissen zu erfassen, die Übereinstimmungen und Widersprüche herauszuarbeiten, und so die Basis für weitergehende Forschung zu schaffen.

Da Feldforschung nicht möglich war, basiert die Arbeit auf einem detaillierten Literaturstudium zur Lobi-Ikonographie und deren sozio-religiösem Umfeld. Die Problematik der bisher zu diesem Thema publizierten Studien – aus wissenschaftlicher Sichtweise – zeigte sich schon bald: Mit Ausnahme von rein ethnologischen Forschungsarbeiten werden in den wenigsten Fällen die Quellen der Erkenntnisse genannt und deren Zuverlässigkeit und statistische Relevanz geprüft oder diskutiert. Meist wird auf Einzelaussagen von Wahrsagern oder Schnitzern abgestützt und dann auf die Gesamtheit extrapoliert. In Anbetracht der Vielfalt und Heterogenität der Lobi- Kulte, wie sie u.a. von Labouret und Père eindrücklich geschildert wurde, können deshalb die bisherigen Erkenntnisse, aus rein wissenschaftlicher Sicht, nicht als gesichert beurteilt werden.

Die Betrachtung der einzelnen Arbeiten aus statistischer Sicht hingegen – als Stichproben einer Gesamtmenge – erlaubt einige signifikante Schlussfolgerungen zu ziehen. Diese Schlussfolgerungen werden in der Publikation herausgearbeitet und betreffen die Bereiche: Rolle der Ahnen und Buschwesen in der Ikonographie, Angemessenheit von Klassierungssystemen, Einordnung in die Ikonographie der Afrikanischen Kunst, sowie Authentizität und künstlerische Qualität. Die Erkenntnisse können dabei wie folgt zusammengefasst werden:

KK012011-Seite32 01Rolle der Ahnen:

Die Rolle der Ahnen in der Ikonographie wird sehr widersprüchlich beurteilt. Bognolo – nach über die Jahre mehrmaligen Änderungen ihrer Sichtweise – stellt in ihrem letzen Werk (2007) einen direkten Zusammenhang zwischen Ahnen und der gesamten Ikonographie her, ohne geographische Einschränkung. Sie unterscheidet dabei zwischen nahen, entfernten und unvollendeten Ahnen, die alle direkt durch Statuen unterschiedlicher Haltung repräsentiert werden. Im Gegensatz dazu schliesst Meyer eine Repräsentation von Ahnen durch Statuen ausdrücklich aus, beschränkt die Aussage aber auf sein Aufenthaltsgebiet. Er räumt auch ein gehört zu haben, dass in anderen Gegenden nahe Ahnen – höchstens ein bis zwei Generationen entfernt – in gewissen Fällen durch Statuen repräsentiert werden. Letztere Sichtweise wird von mehreren Autoren geteilt (Antongini&Spini, Goody, de Rouville, Père, Pirat, etc.). Diese sich teilweise widersprechenden Ansichten lassen sich nur mit der schon eingangs erwähnten, offenbar kleinräumlich vorhandenen Heterogenität der Kulte erklären.

Rolle der Buschwesen:

Die Mehrheit der Autoren (Bosc, Labouret, Meyer, etc.) unterscheidet die Geistwesen Thila, Buschwesen sowie Ahnen und räumt betreffend Buschwesen ein, dass diese auch durch Statuen repräsentiert werden. Gemäss Antongini&Spini werden eines unnatürlichen Todes Verstorbene zu Buschwesen. Bognolo äussert sich zu Buschwesen erstaunlicherweise erst 2007 (nebst der Erwähnung in einem Nebensatz 1993) und bringt sie mit den buthiba Statuen in Verbindung, die sie andererseits den unvollendeten Ahnen zuordnet. Unvollendete Ahnen, im Weiteren, ergeben sich nach Bognolo, unter anderem, aus einem unnatürlichen Tod. Bei Einordnung all dieser Informationen stellt sich die Frage, ob Buschwesen nicht auch (unvollendete) Ahnen darstellen. Wiederum in Anbetracht der Heterogenität des sozio-religiösen Systems ist dies nicht auszuschliessen.

Klassierungssysteme der Ikonographie:

Nebst anderen werden zwei auf den ersten Blick sehr unterschiedliche Klassierungssysteme von Meyer und Bognolo vorgeschlagen. Beide basieren auf dem sozio-religiösen System und ordnen unterschiedliche Körperhaltungen, Gesten und physische Formen spirituellen Funktionen zu. Die Publikation zeigt auf, dass die Systeme an sich nicht sehr verschieden sind, nur die Zusammenfassung in Gruppen und Untergruppen unterscheidet sich. Klar zeigt sich auch, dass eine genaue Zuordnung einer Körperhaltung oder Geste zu einer einzigen Funktion nicht möglich ist. Eine bestimmte Geste, z.B. erhobene Arme, kann mehrere sehr unterschiedliche Funktionen erfüllen. Dies zeigte schon Meyer, der bezogen auf dieses Beispiel sowohl eine Funktion der Abwehr (ti puo Klassierung) als auch einen Ausdruck der Trauer (yadawora Zuordnung) erwähnt. Auch ist die geographische Verteilung unterschiedlicher Haltungen nicht homogen, Kopfskulpturen (ti bala yuo), beispielsweise, sind nicht überall verbreitet. Bognolo geht in der Klassierung noch weiter als Meyer und defi niert gar unterschiedliche Stile, obwohl sie einräumt, dass dies aufgrund der Durchmischung der Völker und häufi gem Ortswechsel schwierig sei. Ihre Stil-Klassierung erscheint entsprechend subjektiv und kann nicht überzeugen.

Körperhaltung, Gesten und Grösse der Skulpturen werden in der Regel durch den Wahrsager vorgegeben, dem dadurch eine Schlüsselposition in der Entwicklung der Ikonographie zukommt. Grundsätzlich kann jedermann die Funktion des Wahrsagers ausüben – Bedarf und entsprechend Anzahl sind gross. Dies erklärt auch die grosse Heterogenität in der Zuordnung der spirituellen Funktionen zu den unterschiedlichen Haltungen und Gesten der Statuen. Die Ikonographie ist demzufolge auch nicht statisch und wird sich mit der Gesellschaft weiterentwickeln, solange die animistische Tradition noch aufrechterhalten bleibt.

Einordnung in die Afrikanische Kunst:

Die Publikation zeigt auf, dass die zahlreichen unterschiedlichen Körperhaltungen, Gesten und physischen Formen der Lobi-Ikonographie nicht einzigartig sind, sondern alle in der Ikonographie der übrigen Afrikanischen Kunst auch zu fi nden sind. Einzigartig hingegen ist, dass dieser Variantenreichtum in der Ikonographie eines einzigen Stammes vorkommt.

Authentizität und künstlerische Qualität:

Das Eine beinhaltet nicht das Andere. Der Bedarf an Skulpturen im Kult war früher sehr gross und jedermann – mehr oder weniger begabt – durfte sie schnitzen und tat dies auch. Die künstlerische Qualität der authentischen (für den Kult hergestellten und gebrauchten) Skulpturen ist im Mittel deshalb gering, künstlerisch hervorragende authentische Skulpturen sind sehr selten. Wie in ganz Afrika ist die animistische Tradition aber stark rückläufi g (bei den Lobi nur noch auf dem Lande zu fi nden). Der Bedarf an Skulpturen für den Kult nimmt ab – der Bedarf für den westlichen (und vermehrt auch östlichen) ≤Kunst≤- Markt hingegen nimmt stark zu. Davon profi tieren vor allem begabtere Schnitzer, die heute fast ausschliesslich für den Markt produzieren und davon leben können. Interessanterweise nimmt dadurch die mittlere künstlerische Qualität zu – bei abnehmendem Anteil authentischer Stücke. Die Publikation ist reich bebildert – zur Dokumentation und Unterstützung der Ergebnisse der Studie. Sie ist auch die Erste einer Reihe von vergleichbaren Publikationen. In Arbeit ist eine Studie zu den Skulpturen der Fon und Ewe (Vodun Statuary) und der Grabskulpturen von Madagaskar (Madagascar Statuary).

Verfasser: Thomas Keller

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Verlag Keller Tribal Art, Lully VD, Schweiz, 2011 60 Seiten, 30 Farbabbildungen, Format 16.5x16.5cm, Englisch, ISBN 978-2-8399-0824-5, Verkaufspreis 15.- Euro

Vielen Dank an Prof.Dr. Thomas Keller.

Autor
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

LOBI STATUARY - Neue Publikation zur Kunst der Lobi; Prof.Dr. Thomas Keller; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-01-2011/234-lobi-statuary-neue-publikation-zur-kunst-der-lobi

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