In der Sammlung des Frankfurter Museums für Weltkulturen befindet sich unter der Nummer 25818 eine sehr gut erhaltene Rassel (maracá) mit den Sammlungsangaben: "Ostbrasilien Tupinamba, Rassel, Speyer, 1928" Die Rassel, in der Tupi-Sprache maracá, ist ein typisches Instrument und wichtigster ritueller Gegenstand des südamerikanischen Tieflandes. In der Hand des "piaje" oder "piai" (Heiler, Schamane) ist sie Medium, um mit den Geistern in Verbindung zu treten, Stimme der Geister und kraftvermittelndes Instrument.

Arthur SPEYER II

Die meisten deutschen und auch viele ausländische Völkerkundemuseen haben von der Händler- und Sammlerfamilie Speyer Stücke erworben. Arthur Karl Hans Friedrich August Speyer I (1858- 1923) begann etwa in den 1880iger Jahren mit dem Sammeln und Handeln von Ethnografi ca. Ihm folgte sein Sohn Arthur Max Heinrich Speyer II (1894- 1958) und in der dritten Generation Arthur Johannes Otto Jansen Speyer III (1922-2009?).

Verkäufer der Rassel war Arthur Speyer II, der die Stücke sowohl von Privatpersonen, als auch von Völkerkundemuseen erwarb. Im letzteren Fall wurden meist Hinweise auf die Herkunft der Stücke, wie z.B. Sammlungsnummern, ganz oder teilweise beseitigt, die ursprünglichen Sammlungsangaben zu den Stücken jedoch in vielen Fällen mündlich und/oder schriftlich korrekt weitergegeben. Speyer erwarb einen Teil seiner Nordamerika-Sammlung aus altem Adelsbesitz. Es ist daher möglich daß auch die Rassel ursprünglich aus einer Kunst- und Wunderkammer stammt.

Zuordung der Rassel zu den Tupinamba durch Otto ZERRIES

Der Südamerikanist Otto Zerries hat die Rassel in einem Paideuma-Beitrag 1938/40 den Tupinamba zugeschrieben:

"STADEN ... überliefert für eine der unsrigen aufs engste verwandte Rassel der Tupinamba ... gleichfalls die Bezeichnung 'Tammaraka' ..." und " ... nach Mitteilung von Herrn Th. Thomsen, Direktor des Kopenhagener Völkerkundemuseums, ist auch das Alter des betreffenden Etiketts der Schrift nach kaum jünger als das 17. Jahrhundert zu datieren." (Zerries 1938/40,S.279)

Das alte Etikett, bei Zerries abgebildet und damals folglich noch vorhanden, ist heute verschwunden. Aufgeklebt war dieses auf der Rassel auf ein weiteres, jünger erscheinendes Etikett, Zerries vermutet: "Vielleicht hat man den älteren Zettel lose vorgefunden und ihn später erst aufgeklebt." (Zerries 1938,S.279) Da das Stück aus dem Handel stammt, sollte auch die Möglichkeit nicht ausgeschlosssen werden, daß (verkaufsfördernd) ein, irgendwo anders gefundenes, altes Etikett aufgeklebt wurde.

Technik und Material der Frankfurter Rassel

Die hohle Frucht des Kürbisbaumes (Crescentia Cujete) wurde durchbohrt, durch beide Öffnungen ein Holzstab gesteckt und der Klangkörper mit Steinen oder Samen gefüllt, d.h. die Rassel besteht aus vier Elementen:

  • Kürbis-Klangkörper
  • Holz-Stab
  • Steinen oder Samen im Innern des Klangkörpers
  • Baumwoll-Gewebe mit eingearbeiteten Federn am Mast-Teil

Da in den europäischen Museumsbeständen bisher keine vergleichbare, sicher zugeordnete Rassel der Tupinamba vorhanden ist, wurden die Abbildungen und Texte von Autoren des 16. Jahrhunderts, Jean de Lery, Hans Staden und André Thevet, herangezogen, sowie weiterhin Technik und Material des Stückes untersucht. Die Bearbeitung kann der Interessierte nachlesen: Eine Rassel (maracá) der Tupinamba/Ostbrasilien oder der Arawak/Guayana

Hier nur das Ergebnis: Es sprechen zwei Merkmale gegen eine Zuordnung der Frankfurter Rassel zu den Tupinamba. Das Fehlen der halbmondförmigen Öffnung im Klangkörper und der senkrecht stehenden Federn.

Vergleich mit Rasseln der Lokono des Guayana Küstengebietes

Auch diesen Nachweis kann der Interessierte im Internet nachlesen. Das Ergebnis:verglichen mit Rasseln anderer Gruppen Amazoniens fällt die Frankfurter Rassel vor allem durch den farbigen Federschmuck des Mastteiles auf. Grün-gelb-orange Federn von kleinen Papageien (Amazona sp.) sind kunstvoll in ein Baumwoll- Gewebe eingearbeitet, welches um den oberen Teil des Holzstabes spiralig gewickelt ist. Vor allem diese einmalige Technik ermöglicht die eindeutige Zuschreibung zu den Lokono.

Bisher sind elf Rasseln dieses Typs in Museumssammlungen nachweisbar (Amsterdam 1, Berlin 1, Frankfurt 1, Herrnhut 1, Leiden 6, Stockholm 1). Der dort dokumentierte Eingangszeitaum ist zwischen 1755 bis 1955. Die Frankfurter Rassel ist in Technik, Material und Qualität mit zwei Rasseln in Herrnhut (66775) und Leiden (360.7049) vergleichbar, daher vermute ich einen Sammlungszeitraum zwischen 1755 und 1850. Das schliesst nicht aus, daß das Stück noch älter ist.

Es ist damit zu rechnen, daß sich in England (z.B. Canterbury) weitere Rasseln befi nden. Der Missionar William Henry BRETT schrieb 1868: "Five of those magical implements thus came into my possession at different times, some of which were hung up in the Missionschool, that the young people, by familiarity with them, might learn to despise their pretended power. ... The other gourds were sent to England, and two of them presented to the Missionary College of St. Augustine at Canterbury." BRETT 1868,S.411 Da auch der Südamerikanist Walter ROTH eine Rassel abbildet, wird auch in seinen Sammlungen in Georgetown (Guayana) mindestens ein Exemplar zu finden sein.

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Foto: Purcy Martin mit einer Rassel der Lokono, Leiden 2010

Lokono und Wayana in Leiden 2010

Während des Besuches einer vierköpfi gen Gruppe von Lokono und Wayana Surinams im Museum Voolkenkunde Leiden Anfang August 2010 wurde auch eine Rassel der Sammlung de Goje (2063.103, vor 1938), bearbeitet. Spontan erkannte der Lokono Purcy Martin aus dem Ort Cassipora das Stück, konnte Verwendung und Bestandteile beschreiben. Die Ergebnisse sind noch nicht vom Museum Leiden veröffentlicht, daher vorerst nur eins meiner Fotos, die ich während dieser spannenden Tage gemacht habe.

Die Worte von Purcy könnten berücksichtigt werden (Übersetzung aus dem Niederländischen, AS): "Die maraca muss mit Respekt behandelt werden. Sie benötigt eine angemessene Aufbewahrung und hatte sie bisher (in Leiden) nicht. Das geschieht durch Unwissenheit. Sie darf nicht liegen oder hängen, sie muss aufrecht stehen." (http://www.rnw.nl/suriname/article/wayana-en-lokono-indianen-geven-kennis-door)

Die Frankfurter Rassel zählt zu den frühesten und schönsten maracá der Lokono Guayanas und ist einmaliges Weltkulturerbe.

Ein sehr gutes Foto ist in dem hervoragenden Buch: "Being Object, Being Art – Meisterwerke des Museums für Weltkulturen Frankfurt am Main", Achim Siebeth (Hrsgb.), 2009, S.72, http://www.amazon.de/dp/3803033365

Fundsache Redaktion AA:

Audio von http://www.rnw.nl/suriname/article/wayana-en-lokono-indianen-geven-kennis-door

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
https://www.about-africa.de/images/aabilder/kontakt/Andreas-Schlothauer_2011.png
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Eine Rassel der Lokono (Arawak) Guayanas; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-01-2011/243-eine-rassel-der-lokono-arawak-guayanas

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