Ausstellung und interdisziplinäres Symposium in den Reiss-Engelhorn-Museen Mannheim

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Die Ausstellung

REISS-ENGELHORN-MUSEEN MANNHEIM
2. Oktober 2011 bis 29. April 2012
http://www.Schaedelkult.de
Der Ausstellungskatalog erscheint im Verlag Schnell&Steiner und kostet in der Hardcoverversion an der Museumskasse 19,90 Euro.

Hinter allem steckt ein Kopf, ein Schädel mit Ideen.

EIN KOPT HINTER DEN SCHÄDELN

Wilfried Rosendahl, promovierter Paläontologe, ist Kurator, stellvertretender Direktor Archäologie und Weltkulturen sowie Leiter der Abteilung "Weltkulturen und Umwelt" der Reiss- Engelhorn-Museen in Mannheim und kuratierte bereits die Mumien-Ausstellung.

REM - REISS-ENGELHORN-MUSEEN

Eine Verbindung von vier Ausstellungshäusern mit 12.600 qm Ausstellungsfl äche etwa 1,2 Millionen Objekten und 101 Mitarbeitern, die sich selbst als "Nahtstelle von Natur- und Geisteswissenschaften, Technik und Vermittlung" beschreiben. Ein bedeutender Ausstellungsstandort und wichtiges Forschungszentrum in Deutschland und Europa in den Bereichen Archäologie, Weltkulturen und Fotografi e. Mit international beachteten Projekten haben sich die REM unter der Leitung von Alfried Wieczorek als Kooperationspartner bewiesen und eine wertvolle Zusammenarbeit mit anderen weltweit agierenden Museen und Universitäten aufgebaut.

Die Museums-, Ausstellungs- und Forschungsarbeit der REM wird von von drei Stiftungen unterstützt: der Curt-Engelhorn- Stiftung, der Bassermann-Kulturstiftung Mannheim sowie der Förderstiftung des Förderkreises für die REM.

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Ab 2. Oktober 2011 bis 29. April 2012 ist die Stadt Mannheim Kopf der Welt. Nach den erfolgreichen Ausstellungen der letzten Jahre " Mumien - Der Traum vom ewigen Leben" (2007/08) mit 200.000, "Alexander der Große" (2009/10) mit etwa 180.000 und "Die Staufer und Italien" (2010/11) mit knapp 240.000 Besuchern, wird auch die Ausstellung "Schädelkult" ihr breites Publikum fi nden. Denn weltweit erstmalig wird Kopf und Schädel eine eigene Ausstellung dieser Breite und Tiefe gewidmet.

Dank der fähigen Ausstellungsmacher zählen die Reiss-Engelhorn- Museen (REM) derzeit zu den wichtigsten Häusern in Europa. Die Ausleihe von Exponaten aus 44 Museen und sechs Privatsammlungen ist nicht nur eine logistische Leistung, sondern auch Beleg für die starke Vernetzung der Mannheimer.

Archäologen, Ägyptologen, Anthropologen, Biologen, Historiker, Mediziner, Philosphen, Kunstgeschichtler und Ethnologen haben Beiträge für den etwa 400-seitigen Ausstellungskatalog geschrieben. Ein Fachsymposium mit mehr als dreißig wissenschaftlichen Präsentationen fi ndet vom 27. bis 30. Oktober 2011 statt, eine Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur e.V. Alle Beiträge sollen 2012 zeitnah in einem Symposiumsband veröffentlicht werden. Nachdem eine kulturübergreifende Betrachtung von Kopf und Schädel bisher kaum in der wissenschaftlichen Literatur stattgefunden hat, werden Ausstellungskatalog und Symposiumsband wohl für Jahrzehnte weltweite Standardwerke sein.

Gabriel von Max - ein Sammler des 19. Jahrhunderts

Der Beschlus zur Realisierung der Ausstellung datiert auf den Anfang des Jahres 2010. Wichtigster Anlass war die Wiederentdeckung der Max'schen Schädelsammlung im Jahr 2008. Gabriel von Max (1840-1915), Darwinist und einer der bedeutendsten Künstler des letzten Quartals des 19. Jahrhunderts, hatte seit den 1870iger Jahren natur- und kulturwissenschaftliche Sammlungen angelegt. In seinem Münchner Privatmuseum waren z.B. prähistorische Funde aus Europa und Ethnografi ka aus allen Kontinenten ausgestellt, darunter heute sehr wertvolle eiszeitliche Kunstwerke, sowie Figuren und Masken aus Afrika und Ozeanien. Im Jahr 1917 erwarb die Stadt Mannheim den geschätzten Bestand von 60.000 bis 80.000 Objekten. Während die Ethnografi ca Eigentum der heutigen Reis- Engelhorn-Museen blieben, galt ein großer Teil der Schädelsammlung nach dem Krieg als verschollen; etwa 500 Schädel waren 1935 im Tausch an die Universität Freiburg im Breisgau gegeben worden.

Eine Phase intensiver Beschäftigung mit der Sammlung Max folgte, auch veranlasst durch die Zusammenarbeit mit dem Lenbachhaus München für eine Ausstellung über den Künstler im Jahr 2010/11. Die Afrika-Vitrine des Privatmuseums Max wurde nach alten Fotos rekonstruiert und zeigt, was ein Sammler im letzten Quartal des 19. Jahrhundert erwerben konnte. Ein wissenschaftlich einmaliges Zeugnis, kein ethnologisches Museum in Deutschland zeigt derartiges. Die Vitrine ist im Eingangsbereich der Schädelkult-Ausstellung aufgebaut.

"Die Urfaszination für das Antlitz des Anderen"
Wilfried Rosendahl

Das Konzept der Ausstellung

Wissenschaftliche Versuche sich Kopf und Schädel kulturübergreifend zu nähern gab es selten. Eine Zusammenfassung von Rudolf Martin (1920), ein Aufsatz des Ethnologen Martin Gusinde, ein schmales Buch des schwedischen Arztes Folke Henschen (1966) und mehrere Artikel des Paläontologen G.H.R. von Koenigswald (1975-78). Auch Ausstellungen zum Thema gab es kaum. Die Wichtigste war 1972 in Marseille "Le Crane, objet de culte, objet d'art" mit über 200 Stücken aus der Privatsammlung des Neurologen Henry Gastaut; seit vielen Jahren auch als Dauerausstellung im Musée d'Arts Africaines, Océaniens, Amérindiens (MAAOA) in Marseille zu sehen. Und im Jahr 1999/2000 im Pariser Musée des Arts d'Afrique et d'Oceanie die Ausstellung "la mort n'en saura rien" mit Reliquien und Schädeln. (Nebenbei zusammengefasst: im deutschsprachigen Raum wurde zum Thema geschrieben, im französischsprachigen ausgestellt.)

Die Scheu der Ausstellungsmacher des 20. Jahrhunderts vor dem Schädel entspricht nicht der besonderen Wertschätzung in fast allen Zeiten in und außerhalb Europas. Wilfried Rosendahl bemerkt: "Schädel sind ein Menschheitsthema durch alle Kulturen". Die interdisziplinäre Annäherung an das Thema, natur-, geistes- und kulturwissenschaftlich, ist Kern des Ausstellungskonzeptes. Anatomisch mit Fragen nach dem Aufbau, kunst- und kulturphilosophisch nach dem Geist in der Schale, archäologisch mit Ausgrabungsfunden. Gerade der Blick zurück zeigt die Allgegenwart des Schädels in Europa. Wer andere Kulturen in der Welt als exotisch, fremd oder monströs empfi nden mag, kann auch vor der eigenen, europäischen Geschichte erblassen. Wie der Ausstellungsmacher es formuliert: "Von außen betrachtet hatten wir in Europa auch einen exotischen Schädelkult: Beinhäuser, Schädelsammlungen, Reliquien, Phrenologie und selbst die zeitgenössische Mode zeigt einen vielfältigen Schädelkult."

Kommunizierende Schädel - gemeinsam denken.

Zusammenarbeit mit Museen, Sammlern, Universitäten, Dienstleistern

Die Ausstellung ist Ergebnis einer fast zweijährigen Zusammenarbeit bei der Auswahl und Präsentation der Stücke, sowie dem Schreiben von Ausstellungs- und Katalogtexten. Eingebunden war nicht nur der interdisziplinäre REM-Hausstamm aus acht Wissenschaftlern, Restauratoren und Mitarbeitern, sondern auch sieben Wissenschaftler des wissenschaftlichen Beirats aus Basel, Berlin, Freiburg, Konstanz und Mainz, sowie Fachfi rmen für Ausstellungsdesign, Beleuchtung, Transport/Logistik und Kataloggestaltung. Etwa fünfzig Autoren, darunter international bekannte Fachleute, schrieben für den Ausstellungskatalog - ca. 400 Seiten und 500 Abbildungen.

Leihgeber der Exponante sind grosse und kleine Museen: die Stücke kommen aus der Schweiz, Belgien, Frankreich, Griechenland, Österreich, Schweden, Deutschland und Israel. Sechs private Leihgeber sind einbezogen, so sind z.B. fast alle gezeigten Schädel afrikanischer Länder aus einer europäischen Privatsammlung. Die Koordination setzt Kontaktnetzwerke voraus, die in den letzten Jahren erarbeitet wurden (und wieder neu aus diesem Projekt entstehen).

Erforderlich ist ein hoher Kommunikationsaufwand basierend auf einem Kooperationssystem von Gegenleistungen, nachhaltig und dauerhaft effektiv für beide Seiten. Ausstellungen dieser Art erfordern auch die Zusammenarbeit mit unterschiedlichen Fachfi rmen. Die Berliner Kunstspedition Hasenkamp Internationale Transporte GmbH verpackt und transportiert die wertvollen Stücke, auch über Ländergrenzen, und wickelt die teilweise komplizierten Zollformalitäten ab (www.hasenkamp.com). Die Hannoveraner Ausstellungsgestalter "Homann Güner Blum - Visuelle Kommunikation" sind für Ausstellungsdesign und -gestaltung, Beleuchtung verantwortlich (www.homann-guener-blum.com). Layout und Druck des Kataloges übernahm der Verlag Schnell & Steiner aus Regensburg (www.schnell-und-steiner.de). Sehr interessant ist auch die Zusammenarbeit mit dem Gothic-Label ‚X-tra-X' aus Neu-Ulm, das die schwarze Szene mit Kleidern/Acessoires beliefert und im Jahr 2011 ihr 20jähriges Jubliäum feierte (www.x-tra-x.de). Im Ausstellungsbereich ist X-tra-X mit einem eigenen Stand vertreten. Der Kontakt kam zufällig über eine ehemalige Kollegin zustande. Nach einem ersten Telefonat und einem Besuch in Ulm war das X-tra-X-Team von der Austellungsidee so begeistert, dass sie spontan zusagten das Projekt vielfältig zu unterstützen.

Öffentlichkeitsarbeit, Symposium und Begleitprogramm

Projekte dieser Größenordnung erfordern eine Investition im hohen sechsstelligen Bereich. Obwohl alle Sonderausstellungen durch die Curt-Engelhorn-Stiftung fi nanziert werden, ist ein großes Besucherinteresse wichtig für die Projekte der Zukunft. Wissenschaftliche Gründlichkeit, professionelle und offene Zusammenarbeit mit Experten aus verschiedensten Bereichen bilden den Körper einer Ausstellung, jedoch ohne eine gut koordinierte Öffentlichkeitsarbeit und ein frühzeitig begonnenes Marketing bleibt derselbe ohne Kopf. Bereits im Sommer 2010 wurden Flyer produziert, im Herbst 2010 eine Informationsbroschüre veröffentlicht und Aufkleber gedruckt. Eine eigene Homepage (www.schaedelkult.de) informiert zum Projekt. Dort sind unter "Kooperationen" genannt: Dorint, DBBahn, Scyteq, Spiegel TV, Stern, SWR2, RNF (Rhein-Neckar Fernsehen), Morgenweb. Die Zusammenarbeit mit wichtigen Medien (z.B. arte, GEO, Stern, Spiegel, Zeit) ist bereits Monate vor der Ausstellungseröffnung strategisch geplant. Ein Team von SPIEGEL TV hat mit mehreren Drehterminen das Ausstellungsprojekt begleitet und wird einen Tag nach Ausstellungsbeginn den Beitrag senden. Ein besonderes Stück sei hier nur angekündigt. Die "Überraschung" wird mit ausführlichen Hintergrundinformationen erstmals von SPIEGEL TV vorgestellt.

Für den 29. September ist eine Pressekonferenz geplant und am Freitag 30.9 wird der SPIEGEL einen Beitrag veröffentlichen. Für Kinder werden eigene Formate der Vermittlung z.B. für Zeitschriften wie GEO-lino entworfen. Die Koordination der Öffentlichkeitsarbeit ist eine gemeinsame Leistung der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit/ Marketing (Leiter Alexander Schubert) und des Ausstellungskurators Wilfried Rosendahl.

Um das Thema durch Diskussionen zu vertiefen, ist, in Zusammenarbeit mit der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur e.V., vom 27. bis 30. Oktober ein interdisziplinäres Symposium mit etwas dreissig wissenschaftlichen Beiträgen geplant. Alle Vorträge sind öffentlich und kostenfrei. Das Thema Schädel ist besonders hinsichtlich außereuropäischer Kulturen und Rückgabeforderungen sehr kontrovers. Auch diese Diskussion wird während der Tagung geführt.

Geplant ist weiterhin ein Begleitprogramm mit sechs Vorträgen während der Laufzeit der Ausstellung. Für Kinder sind eigene Beschriftungen und Texte vorgesehen, die Kooperation mit Schulen ist vorbereitet. Das Projekt "Schüler führen Schüler" wird u.a. von einer eigenen museumspädagogischen Mitarbeiterin betreut.

Ein Rundgang durch die Ausstellung

Auf 1.500 qm Ausstellungsfl äche sind in vier großen räumlichen Einheiten mit verschiedenen Unterabteilungen insgesamt 320 Exponate zu sehen: ca. 25% archäologisch-anatomische, ca. 25% kunst- und kulturwissenschaftliche sowie etwa 50% ethnografische.

Der erste Raum widmet sich der Anatomie des Schädels und philosophischen Fragen, z.B. der Herz-Hirn-Debatte in Antike und Mittelalter. Ein besonderes und zentrales Stück ist hier der Schädel des berühmten Philosophen Rene Descartes. Außerdem wird der Frage nachgegangen, ob Operationen am Schädel (Trepanation) medizinisch oder rituell begründet waren.

Es folgt ein Gang durch die europäische Vor- und Frühgeschichte. Schädelreste kannibalistischer Mahlzeiten des Neanderthalers, einen über 8.000 Jahre alten, übermodellierten Schädel aus Jericho, Schädelhorte der Bandkeramiker und Kinderopfer der Bronzezeit. Zu sehen sind Kunstwerke mit Schädeldeformierungen aus der Zeit Tutanchamuns und deformierte Schädel der Völkerwanderungszeit, Abbildungen auf griechischen Vasen und römischen Mosaiken, sowie ein nageldurchbohrter Keltenschädel.

Mit Beispielen des Kontinents Afrika betritt der Besucher den nichteuropäischen Teil.

Aufsatzmasken der Ejagham aus dem Cross-River-Gebiet Nigerias; mit Muscheln, Spiegeln und Glasperlen verzierte Schädel der Vili und Yombe aus dem Kongo; verschiedene Stücke aus Benin, die bei Voodoo-Zeremonien verwendet wurden; eine Schädelschale mit Requisiten eines Wahrsagers der Tschokwe (Angola); ein, mit roten Abrusbohnen verzierter Schädel der Tiv aus Nigeria und eine, mit Unterkiefern behängte Kalebasse der Bamum des Kameruner Graslandes, aus der die, siegreich mit Köpfen heimkehrenden, Krieger durch den Fon (König) mit Palmwein belohnt wurden.

Asien ist mit einer tibetanischen Schädeltrommel, einer Trinkschale und einem silberbeschlagenen Kopf vertreten; mit einem hörnerbewehrten Trofäenkopf der Naga (Indien) samt künstlerischen Kopfdarstellungen in Holz und Metall; mit beschnitzten Trofäenschädeln der Dayak (Borneo, Indonesien) und mit rot-weiss bemalten, mit Muscheln behängten, Schädel- und Unterkiefer-Anhängern der Andamanen (Indien).

Aus Ozeanien sind übermodellierte Schädel der Iatmul (Papua-Neuguinea); Zeremonialschädel aus Neuirland; mit Federn geschmückte, lebensgroße Figuren aus Vanuatu; mit Ton übermodellierte und bunt bemalte Schädelmasken der Tolai (Neubritannien); verzierte Ahnenschädel der Asmat (Irian Jaya), tätowierte und mumifi zierte Köpfe der Maori (Neuseeland), eine große beeindruckende Figur aus dem Sepik-Gebiet (Yuat-River, Papua-Neuguinea), sowie eine hölzerne Fischskulptur, ein Kanu und ein kleines Häuschen, jeweils mit Schädel, von den Salomonen zu sehen.

Mit wenigen Schritten erreicht man den nächsten Raumabschnitt mit Stücken aus Nord- und Mesoamerika. Darunter befi nden sich Skalps nordamerikanischer Indianer, ein mit Türkismosaiken besetzter Schädel der Mixteken sowie Neuigkeiten zum Thema Kristallschädel.

Das Tiefl and Südamerika (Amazonas-Gebeit) ist mit wenigen, dafür weltweit einmaligen Beispielen vertreten. Fast jeder kennt die Schrumpfköpfe (tsantsa) der Jivaro-Völker, die Kopf- und Gesichtshaut wurde durch ein spezielles Verfahren auf Faustgrösse geschrumpft. Auch Fälschungen sind zu sehen; zahlungskräftige Europäer und Amerikanier erzeugten ab etwa 1920 einen eigenen Markt. Sehr selten ist der mumifi zierte, mit Federn geschmückten Trofäenkopf der Mundurucu. Ausgestellt mit dem Federschmuck, der bei Festen getragen wurde, um so einen Teil der komplizierten und langdauernden Rituale zu vermitteln, die im Zusammenhang mit der Kopfjagd einzuhalten waren. Außerdem übermodellierte Schädel aus Kolumbien und aus dem westlichen Südamerika ein Apparat der Conibo-Shipibo, der zur gewünschten Deformierung des Schädels den Babies angelegt wurde.

Die meisten ethnografi schen Schädel sind Kunstwerke, bemalt, verziert, geschmückt und integriert in einen ästethischen Kontext, der bei archäologischen Ausgrabungen meist nur noch erahnt werden kann, wohl aber auch damals häufi g vorhanden war.

Der letzte Teil der Ausstellung führt wieder zurück in das Europa der Neuzeit: "Cranium humanum" als Heilmittel in Apotheken verkauft, bemalte Totenschädel aus süddeutschen und westösterreichischen Beinhäusern, Menschenschädel als christliche Reliquien, Einsichten in historische Schädelsammlungen Deutschland und Schädeldarstellungen auf Gemälden.

Den Abschluss bildet der Schwerpunkt "Schädelfaszination heute". Zuckerschädel aus Mexiko zum Tag der Toten, Totenkopfsymbole im Alltag als Kennzeichnung von Lebensgefahr, aber auch Schädel als kultige Symbole der ‚schwarzen Szene'. Abbildungen in allen Größen und mit unzähligen Variationen auf Kleidern, Gürteln, Schmuckanhängern, Ringen, Haarspangen, Aufnähern und sogar als Klobürste. Das Gothic-Label X-tra-X ist mit einer, als Tresen gestalteten, großen Vitrine aktuellster Abschluß der Ausstellung. Das gemeinsame Interesse für den Schädel verbindet eine Szene der Gegenwart mit einer, ihr selbst bisher unbekannten europäischen Geschichte und vielen Kulturen der Welt.

"So mancher Weise
Besieht ein leeres Denkgehäuse
Mit Angst und Bangen
Der Rabe ist ganz unbefangen."
Wilhelm Busch

Fazit

Wilfried Rosendahl hat mit der Ausstellung ein zentrales Thema der europäischen Geschichte und der außereuropäisches Kulturen gefunden. Dass etwa 50% der Exponate Ethnografi ka sind, trifft möglicherweise einen empfindlichen Nerv der ethnologischen Museen. Vor Tod, Vergänglichkeit, Schädel und menschlichen Überresten hat die heutige Ethnologie eine ideologische Hürde errichtet. Archäologen, Mediziner und Paläontologen, naturwissenschaftlich geprägt, haben offensichtlich weniger Berührungsängste, ohne Grabfunde wäre die Zunft um einiges ärmer.

Ich war bisher kein Freund thematischer Ausstellungen und der Meinung, daß europäische, kulturvergleichende Themenstellungen viel über uns aussagen, aber wenig über die gezeigten Kulturen. Wenn man es jedoch schafft in thematischen Ausstellungen die vielen Universen vergangenen Denkens und Lebens inselhaft nebeneinander zu stellen, statt darüberwischend zu vereinheitlichen, d.h. das Erfassen und Erklären von Detaills wichtiger ist, als das Theoretisieren, dann ist diese Form der Darstellung geeignet eine vielfach grössere Anzahl von Menschen zu interessieren, als z.B. eine Ausstellung einer einzelnen Ethnie oder Region.

Ausstellung, Katalog, Symposium, all dies soll auch der Beginn weiterer Forschung sein. Entsprechende Erfahrungen aus dem Mumienprojekt liegen bereits vor.

Am Ende ist der Schädel leer und der Autor kann nicht mehr
Ist nun Ruhe in der Schädeltruhe?
Nein!
Die Haare sind noch nicht verloren und ungeschoren
Hat keiner Kopf und Hals verloren.

Verfasser: Andreas Schlothauer

BILDNACHWEIS:

ABB. 01 KOPFTROPHÄE DER MUNDURUCU AUS DEM BRASILIANISCHEN AMAZONAS-GEBIET UM 1850 (INV. NR. IVC 4593) © MUSEUM DER WELTKULTUREN BASEL, FOTO: MARKUS GRUBER

ABB. 02 SCHRUMPFKOPF EINES NICHT-JIVARO. HISTORISCHES UND VÖLKERKUNDEMUSEUM ST. GALLEN (INV. NR. HVMSG 2010.252) © HISTORISCHES UND VÖLKERKUNDEMUSEUM ST. GALLEN

ABB. 03 SCHÄDEL AUS MEXIKO, MIT EINEM MOSAIK VON TÜRKISSTÜCKCHEN BEDECKT UND MIT KÜNSTLICHEN AUGEN, ANTHROPOLOGISCHES INSTITUT, ATHEN © MUSEUM OF ANTHROPOLOGY ATHEN, FOTO: THEODOROS PITSIOS

ABB. 04 KOTA GABUN, RELIQUIARFIGUR © REISS-ENGELHORN-MUSEEN, FOTO: MARION JOURDAN

ABB. 05 MUMIFIZIERTER UND TÄTOWIERTER KOPF, TOI MOKO, NEUSEELAND, MAORI VOR 1770, PRIVATSAMMLUNG © FOTO: HUGO MAERTENS, BRÜGGE

ABB. 06 SCHÄDELHAUS. SALOMONEN, MAROVO LAGUNE. PRIVATSAMMLUNG © FOTO: HUGO MAERTENS, BRÜGGE

ABB. 07 KALEBASSE MIT MENSCHLICHEN UNTERKIEFERN DER BAMUM KAMERUNER GRASLAND. REISS-ENGELHORN-MUSEEN MANNHEIM, EHEMALS SAMMLUNG WERNER FISCHER © REISS-ENGELHORN-MUSEEN, FOTO: WILFRIED ROSENDAHL

ABB. 08 KOPFAUFSATZ DER BOKI CROSS-RIVER GEBIET, NIGERIA, PRIVATSAMMLUNG © FOTO: HUGO MAERTENS, BRÜGGE

ABB. 09 SCHÄDEL IN KÜRBISSCHALE, FON BENIN, PRIVATSAMMLUNG © FOTO: HUGO MAERTENS, BRÜGGE

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

SCHÄDELKULT - KOPF UND SCHÄDEL IN DER KULTURGESCHICHTE DES MENSCHEN; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/280-schaedelkult-kopf-und-schaedel-in-der-kulturgeschichte-des-menschen

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Autor
Dr. Andreas Schlothauer

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