ONE HISTORY - TWO PERSPECTIVES:

Exhibiting the North West Coast in the Future Humboldt-Forum Berlin 16. und 17. Juni 2011

„Unbearbeitete Sammlungsbestände sind ungenutztes Kapital, erst die Bearbeitung erbringt Zinsen und ist ein Gewinn.“

Wichtige Projekte arbeiten häufig still und leise, um später um so größere Wirkung entfalten zu können. Über zwei Jahre, ab Februar 2009 bis 2011, wurden etwa 2.500 Stücke der amerikanischen Nordwestküste im Ethnologischen Museum fotografiert und die Sammlungsunterlagen digitalisiert. Größtenteils im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts gesammelt, zählen sie zu den ältesten und bekanntesten Beständen des Museums.

Das Projekt, eine Zusammenarbeit des Ethnologischen Museums Berlin und des Kennedy-Institutes der Freien Universität Berlin, wird vom Bundesministerium für Bildung und Forschung gefördert und ist Teil des Gesamtbestrebens im Museum, ausgehend von den Sammlungen neue Ausstellungskonzepte für das Humboldt-Forum zu erarbeiten. Für die Kuratoren eine große Herausforderung, aber auch die Möglichkeit die Sammlungen neu zu entdecken und zu präsentieren.

Nach zweijähriger Grundlagenarbeit folgte die Kommunikation mit internationalen Experten und Vertretern indigener Gemeinschaften während eines Symposiums im Juni 2011 mit 60 Teilnehmern. (Die interessierte deutsche universitäre Ethnologie war durch Späher vertreten, die so inkognito waren, daß sie niemand bemerkte.)

Ziel war es, "durch Aufmerksamkeit auf neue Aspekte in Sammlungen, eine innovative Art der Übersetzung des ‚kulturell Fremden' im musealen Kontext zu erarbeiten."

Die Fragestellungen könnte man auch wie folgt formulieren:

  • Wie können oder sollten die Stücke im Humboldt-Forum gezeigt werden?
  • Welche alternativen Deutungs- und Ausstellungsmöglichkeiten gibt es?
  • Welchen Blick haben die Nachfahren der Hersteller auf die Sammlungen und welche Ansprüche stellen sie an Ausstellungen?

NORTHWESTCOAST - VÖLKER UND SAMMLER
Welche Region? USA (Alaska) Kanada (Britisch Columbia)
Welche Völker? Haida, Bella Coola, Tsimshian, Tlingit, Kwakiutl, Salish
Wieviele Stücke? etwa 2.500 Objekte.
Was für Stücke? Masken, Totempfähle, Textilien, Alltagsgegenstände usw.
Welche Sammler? Etwa 70 Namen, darunter einige bekannte, z.B. Johann Adrian Jacobsen, Franz Boas, die meisten jedoch unbekannt.
Wann wurden die Stücke gesammelt? Im letzten Quartal des 19. Jahrhunderts
Wo wurden die Stücke erworben? Meist auf Handelsposten während Sammlungsreisen.

ECKDATEN ZUM PROJEKT
Ethnologisches Museum:
Viola König, Peter Bolz, Rainer Hatoum
Freie Universität:
Andreas Etges, Tina Brüderlin
Projektdauer: drei Jahre, Februar 2009 bis Ende Februar 2012
Förderung durch das BMBF: ca. 450.000 Euro

Für Rainer Hatoum ist ein Projektschwerpunkt die Digitalisierung aller Stücke der amerikanischen Nordwestküste im Ethnologischen Museum Berlin; eine systematische Arbeit. Zentrale Frage ist für ihn: wie kann diese virtuelle Sammlung für die heute lebenden Indianer und für interessierte Wissenschaftler zugänglich und nutzbar gemacht werden? Bereits in einem vorangehenden Projekt, das von der VW-Stiftung fi nanziert wurde, konnte er von April 2006 bis Sommer 2009 Erfahrungen sammeln und wesentliche Fragestellungen erarbeiten. Im Phonogrammarchiv des Ethnologischen Museums Berlin befi nden sich 1.300 Walzen mit Zeremonialliedern der Navajo, die zum "Memory of the World" der UNESCO zählen. Die Aufnahmen wurden digitalisiert. Während mehrerer Aufenthalte in den USA wurde das Material Navajo-Vertretern übergeben und mit Medizinmännern darüber gesprochen, welche Aufnahmen öffentlich zugänglich sein dürfen. Auch mit Museumsmitarbeitern und Wissenschaftlern wurden Gespräche geführt.

Viola König und Peter Bolz begleiteten bereits dieses Projekt mit Interesse, ihren Ideen und Anregungen.

Das Nordwestküsten-Projekt geht deutlich darüber hinaus, da diesmal eine ganze Region bearbeitet wird. Ein Auslöser war der Besuch einer Gruppe Kwakiutl, ein Ethnologe, ein Kwakiutl, eine Fotografi n, im Jahr 2007. Schlüsselerlebnis war für Rainer Hatoum, daß eine Maske der Kwakiutl in der Ausstellung, von Franz Boas gesammelt, einer heute lebenden Familie zugeordnet werden konnte, die traditionell bestehende Rechte auf diesen Maskentyp in Zeremenien hat.

Für Viola König ist diese Region seit Jahrzehnten ein Forschungsschwerpunkt. Als sich dann 2008 die Möglichkeit ergab mit Hilfe der Stiftung Preussischer Kulturbesitz einen Antrag für ein grösseres Projekt beim BMBF einzureichen, wurde diese Möglichkeit schnell und effektiv genutzt.

Das Symposium - Zusammenarbeit Museen, Universitäten und Indigene Gemeinschaften

Die vortragenden Wissenschaftler, Künstler und Kuratoren aus den USA, Kanada, Russland und Deutschland arbeiten zu Geschichte, Kultur und Kunst der amerikanischen Nordwestküste. Der erste Tag hatte die beiden Schwerpunkte "Frühe Sammlungen" und "Zeitgenössische Traditionen". Die ältesten Stücke, um 1800 gesammelt, befi nden sich heute in der Kunstkamera - Museum of Anthropology and Ethnography im russischen St. Petersburg. Die Sammlung wurde von dem langjährigen Kurator Yuri E. Berezkin vorgestellt. Der Vortrag von Robert C. Banghart, seit 2009 Kurator am Alaska State Museum, thematisierte seine Erfahrungen der Zusammenarbeit mit Eskimo und Aleuten in Ausstellungsprojekten.

Im zweiten Vortragsblock "Contemporary Traditions?" gab es drei ReferentInnen, zwei Museumsmitarbeiterinnen und ein indigener Künstler aus Alaska. Aldona Jonaitis war bis 2009 Museumsdirektorin in Alaska und ging der Frage nach, ob und wie sich Museen mit nicht-traditioneller, zeitgenössischer Kunst der Nordwestküste beschäftigen sollten. Die Kuratorin Karen Duffek des Vancouver Museum of Anthropology behandelte das Verhätlnis Zeitgenössische Kunst, traditionelles Wissen und Ethnologie. Der, traditionell in seiner Familie, wie zeitgenössisch in London ausgebildete, Künstler Nicholas Galanin, der sich selbst als "Contemporay Indigenous Artist" bezeichnet, stellte seine spannenden, kulturverbindenden Projekte vor. (www.nicholasgalanin.com).

Der zweite Tag thematisierte neue Ansätze in Museen ("New Museum Approaches"), alle fünf Vortragenden arbeiten dort. Peter Macnair war Kurator im Royal Britisch Columbia Museum in Victoria, Stephen R. Inglis ist seit 2010 Direktor des Aanischaaukamikw Cree Cultural Institute in Ontario (Kanada), Jason Alsop arbeitet im Haida Gwaii Heritage Center, Jennifer Kramer ist Kuratorin des Museum of Anthropology in Vancouver und Martha Black war von 1970- 1990 Galeristin in Toronto mit dem Schwerpunkt Zeitgenössische Indianische Kunst und ist seit 1997 Kuratorin am Royal Britisch Columbia Museum in Victoria.

Einige erste Eindrücke von Viola König nach dem Symposium seien hier angesprochen, ohne diese auszuführen:

  • Rückgabeforderungen waren von Seiten der Indigenen Gemeinschaften kein zentrales Thema des Symposiums. Sollten in diese Richtung Anfragen kommen, so würde das Museum "nachfragen und zusammenarbeiten."
  • Die Kommunikation über die Ländergrenze zwischen Britisch Columbia (Kanada) und den beiden Bundesstaaaten Alaska (USA) scheint nicht sehr stark ausgeprägt zu sein.
  • Ein Regionalkonzept bietet bei der Strukturierung von Dauerausstellungen den Vorteil, daß die wichtigste Frage bei Begegnungen "woher kommst du?" beantwortet wird.

Sehr wichtig scheinen mir auch zwei Fragen, welche die Direktorin am Schluß des Gespräches äusserte:

"Wie weit ist das Europäische Konzept des Museums auch ein Konzept der Indigenen Gemeinschaften der Nordwestküste? Welche Diskussion fi ndet bei ihnen statt?"

Wie können die zeitgenössischen Werke von Indigenen einbezogen werden?"

Fazit

Mit dem Projekt und dem Symposium zeigt das Ethnologische Museum Berlin, wie ernst es den Verantwortlichen mit der Umsetzung neuer Konzepte und Ideen im Rahmen des Humboldt-Forums ist. Es ist ein museumstypischer Ansatz von Wissenschaft, der heute fast nur in Museen geleistet werden kann, da an den Universitäten die Arbeit mit materieller Kultur kaum noch gelehrt wird. Von den Sammlungen ausgehend, erhält der Austausch zwischen Museum, Universität und Indigenen Gemeinschaften einen wichtigen Impuls. Das Projekt zeigt auch, was in Völkerkundemuseen möglich ist, wenn wieder Geld in die wissenschaftliche Forschung im Museum investiert wird.

BUCHREIHE

HISTORIA SCIENTIARIUM.

In der Reihe "Ethnologie - Deutsche im Nordpazifik" werden seit 2011 Bücher wiederaufgelegt, die seit Jahrzehnten bestenfalls antiquarisch erwerbbar waren. Unterstützt durch das "Editionsprogramm der Fritz Thyssen Siftung zur Geschichte der Wissenschaften in Deutschland" und herausgegeben von Viola König, sind im Jahr 2011 erschienen bzw. in Vorbereitung:

  • Israel Joseph Benjamin Jr. "Drei Jahre in Amerika (1859-62)"
  • Johann Adrian Jacobsen "Capitain Jacobsen's Reise an der Nordwestküste Amerikas 1881-1883"
  • Friedrich Heinrich von Kittlitz "Denkwürdigkeiten einer Reise nach dem russischen Amerika, nach Mikronesien und durch Kamtschatka"
  • Aurel Krause "Die Tlinkit-Indianer"
  • Martin Sauer "Reise nach den nördlichen Gegenden vom russischen Asien und America unter dem Commodor Joseph Billings"
  • Georg Adolf Ermann "Ausgewählte Aufsätze"

Im Jahr 2012 wird der Band "Weltumsegelungen und Expeditionen im Nordpazifi k. Der Beitrag deutscher Forscher 1733-1867" mit Artikeln, z.B. von Georg Wilhelm Steller, Georg Heinrich von Langsdorff, Adelbert von Chamisso, erscheinen, ausgewählt von Viola König.

Verlag Georg Olms, Hildesheim. www.olms.de

Vielen Dank an Kunst&Kontext.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Humboldt Forum - ONE HISTORY - TWO PERSPECTIVES; Kunst&Kontext; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/284-humboldt-forum-one-history-two-perspectives

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Autor
Kunst&Kontext

Kunst&Kontext - Zeitschrift der Vereinigung der Freunde afrikanischer Kultur e.V.

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