Erschienen in Kunst&Kontext, Ausgabe 2/2011,

Rekonstruierte Afrika-Vitrine des Museums Gabriel von Max, um 1890 (REM 2011)

1. Streitstand

Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts gab es öffentliche Auseinandersetzungen darüber, ob ethnologische Artefakte Kunst im Sinne des abendländischen Kunstbegriffes sein können.

a. Als Kunst wurden ethnologische Artefakte zunächst nicht gesehen. In Sammlungen und Museen wurde ausschließlich dem Gebrauch dienende Gegenstände des täglichen Lebens zusammen mit für den Kult oder das soziale Gefüge bedeutenden Objekten ausgestellt.

Anfang des 20. Jahrhunderts war dieses Sammelsurium einer der Hauptstreitpunkte in der öffentlichen Auseinandersetzung um die Rolle der Kunst in der Völkerkunde. Guillaume Apollinaire[1] forderte am 10. September 1912 im Leitartikel des Paris-Journal die Schaffung eines Museums der exotischen Künste in welches ausschließlich Statuen und Fetische, nicht aber Gebrauchsgegenstände aufgenommen werden sollten. In dieses Museum sollten aus dem Louvre und aus dem Völkerkundemuseum im Pariser Trocadéro alle als Kunstwerke zu betrachtenden außereuropäischen Objekte eingebracht werden, so dass dieses neue Museum der exotischen Künste für die außereuropäische Kunst das werden sollte, was der Louvre für die europäische Kunst war und ist. Aber nicht nur Apollinaire bemängelte, dass in den Völkerkundemuseen damaliger Prägung Kunstgegenstände sowie Arbeitsgerät und Kleidung ohne jeglichen künstlerischen Wert übereinandergestapelt waren. Karl Scheffler[2] sprach in seinem Buch "Berliner Museumskrieg" vom Berliner Völkerkundemuseum als dem "größten Spielzeugwarenlager" dem "buntesten Antiquitätengewölbe, das man fast zu hassen beginnt"; die Sammlung mache die Besucher mit ihren vollgestopften Vitrinen "krank". Umgekehrt hat Emil Stephan bereits 1907 sicher zu Recht darauf hingewiesen, dass "uns zu einem wirklichen Verständnis der Kunst der untersuchten Stämme grade das Beste noch fehlt, nämlich die Einsicht in den geistigen Zusammenhang der Darstellung".[3]

b. Einen weiteren, weltanschaulich geprägten Höhepunkt erreichte dieser Streit anlässlich der Gründung des Pariser Musée du Quai Branly. Thomas Nutz kommentierte dessen Eröffnung wie folgt:

"Unter beträchtlichem Mediengetöse wurde 2006 in Paris ein neues Museum mit dem Namen Musée du Quai Branly eröffnet, das sich als eine zukunftsweisende Neukonzeption des Umgangs mit ethnographischen Objekten versteht. Mit einem Handstreich versuchte man der ererbten Masse von ethnographischen Objekten eine neue Bedeutung zu verleihen, indem man sie zu Kunstwerken umdefinierte, in einem Museum der arts premier (im Anklang an das surrealistische Vokabular aus den ersten Jahrzehnten des letzten Jahrhunderts) vereinigte und in der gleichen Weise wie westliche Kunst präsentierte. Unter dem Mantel eines ästhetischen Universalismus erhob man Artefakte nichtwestlicher Gesellschaften auf den Sockel der künstlerischen Meisterwerke des Abendlands. Das neue Musée du Quai Branly ist Teil eines sich in der westlichen Welt seit Beginn des 21. Jahrhunderts abzeichnenden Trends, den überkommenen Park der Völkerkundemuseen neu zu konfigurieren und auf die neuen Rahmenbedingungen von Postkolonialismus und Globalisierung zu reagieren."[4]

Übersichts-Plan Sammlung Gabriel von Max

Mit dem Vorwurf, Artefakte nichtwestlicher Gesellschaften als Kunst zu verstehen sei die Reaktion auf Postkolonialismus und Globalisierung, hat der Streit um die Rolle der Kunst in der Völkerkunde auch eine politische Dimension angenommen. Zur Beantwortung der Frage, ob und welche außereuropäischen Objekte Kunst sind, kann dies nichts beitragen. Politische und soziale Strömungen können in Kunstwerken Ausdruck finden, nicht aber in Form von Kulturimperialismus darüber entscheiden, was Kunst ist. Letztlich kann dies in unserem Kulturkreis nur aus einem zum ästhetischen Universalismus weiterentwickelten abendländischen Kunstverständnis heraus entschieden werden. Eine Erkenntnis, die Stephan bereits im Jahre 1907 zu Zeiten des Kolonialismus politisch wertfrei formulierte: "Wollen wir in den Geist jener fernen, fremden Kunst eindringen, so bleibt nichts übrig, als unsre eigene Kunst zum Vergleich heranzuziehen, obwohl sie gar nichts mit der Südseekunst gemein zu haben scheint."

2. Verständnis der autochthonen Völker Kunst um der Kunst Willen war den indigenen Völkern unbekannt. Die Künstler waren in erster Linie Handwerker, die für sich selbst oder einen unmittelbaren Auftraggeber Dinge herstellten, die für das Leben der Gemeinschaft notwendig waren. Dinge, die für die Nahrungsmittelproduktion, Jagd, Kriegsführung, aber auch für den Kult benötigt wurden. Das Geschaffene ist nicht Ausdruck des Unbewussten. Es ist vielmehr Ergebnis bewussten Festhaltens an der Tradition das Volkes. Der Künstler ist durch das Leben in der Gemeinschaft geprägt. Religiöse und soziale Vorstellungen werden mittels der ihm vertrauten Formensprache zum Ausdruck gebracht. Es ging ihm nicht darum Neues zu schaffen, sein Ziel war es, die Funktion des Objektes durch Verwendung der traditionellen Materialien, Formen und von ihm verstandenen Symbole sicherzustellen. [5]

3. Universeller Bedeutungswandel – universeller Kunstbegriff Auch wenn die Ikonographie unterschiedlich ist, ist der autochthone Künstler deshalb einem abendländischen Künstler, der im Formenkanon der christlichen Kunst Skulpturen geschaffen hat, vergleichbar. Gemeinsam ist den autochthonen Völkern und den Sakralkünstlern des Abendlandes auch, dass ihre Werke im Kult gebraucht wurden und diese ihre ursprüngliche Bedeutung als Kultgegenstand in dem Moment verloren haben, als sie in Sammlungen oder Museen gebracht wurden. Die ursprüngliche Bedeutung findet sich nach der Profanierung lediglich noch in der Beschreibung des Zwecks, dient nur noch dem Verständnis eines nicht mehr gegebenen Kontexts. Nicht verloren gegangen ist der im Kultgegenstand verkörperte Ausdruck und die Lebendigkeit des vom Künstler bei der Verwendung der traditionellen Symbole und Formen Gefühlten.

Allein dass wir die rituelle Bedeutung eines außereuropäischen Kultgegenstandes nicht kennen, rechtfertigt es nicht, diesen als "Artefakt nicht westlicher Gesellschaften" abzuqualifizieren und in eine Reihe mit rein technischen Gebrauchsgegenständen zu stellen. Er und die Kirchenskulptur sind in gleicher Weise Kunst und deshalb gleichwertig zu behandeln, nach gleichen künstlerischen Maßstäben zu bewerten und auch gleichwertig zu präsentieren. Keine Kunst und bloßer Artefakt ist ein Objekt nur dann, wenn der Handwerker die kultische Bedeutung der von ihm verwandten Formen und Symbole nicht kennt und damit durch deren Verwendung nichts zum Ausdruck bringt. Ergebnis ist ein nicht authentischer, auf das Dekorative beschränkter Artefakt, zu erkennen unter anderem an der Verwendung flacher vereinfachter Formen, wenig sorgfältiger Ausführung, geringer oder keiner Ausdruckskraft.

Bildende Kunst ist nicht der mit einem Werk transportierte Inhalt, sondern das Medium, Inhalte zu transportieren. Maßgebend ist allein, in welcher Intensität und Qualität Körperliches dargestellt und Emotionales ausgedrückt wird. Es ist damit nicht nur gerechtfertigt, sondern geboten alle Kunst der Welt unter einem universellen Kunstbegriff zu fassen und zu bewerten.

4. Ergebnis

Außereuropaische Kunst wurde nicht erst neuerdings auf die Ebene der künstlerischen Meisterwerke des Abendlands gehoben, sie stand schon immer auf einer Ebene mit der europäischen Kunst.

Literatur

1 Apollinaire, Guillaume, Les arts exotiques et l'ethnographié, Paris Journal, 10. September 1912, S. 1

2 Scheffler, Karl, Berliner Museumskrieg, Verlag Bruno Cassierer, Berlin 1921, S.295 f

3 Stephan, Emil, Südseekunst, Verlag Dietrich Reimer (Ernst Vohsen), Berlin 1907, S. 130

4 Nutz Thomas, Artefakt oder Kunstwerk ? Ethnographische Objekte zwischen Wissenschaft und Kunst. (Rezension über: Cordula Grewe [Hrsg.]: Die Schau des Fremden. Ausstellungskonzepte zwischen Kunst, Kommerz und Wissenschaft. Stuttgart: Franz Steiner 2006.) in: IASLonline [10.06.2007] /URL: http://www.iaslonline.de/index. php?vorgang_id=2518; Datum des Zugriffs: 28.04.2010

5 Stephan, Emil, a.a.O., S. 49

Verfasser: Dr. Bernhard Kühn / www.expoca.de

Vielen Dank an Bernhard Kühn.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Kultgegenstand, Studienobjekt, Kuriosum oder Kunst ? - Bedeutungsebenen ethnologischer Artefakte; Bernhard Kühn; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/295-kultgegenstand-studienobjekt-kuriosum-kunst-bedeutungsebenen-ethnologischer-artefakte

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Autor
Bernhard Kühn

1960 geborener, umgeben von afrikanischer Kunst aufgewachsener Sammler, Jurist und Galerist.

http://www.expoca.de