Erschienen in Kunst&Kontext, Ausgabe 2/2011,

Dieser Artikel ist in leicht abgewandelter Form ein Auszug aus: Hecht, Dorina: Veröffentlichte Sammlungen in Deutschland. In: Hecht, Dorina/Kawik, Günter (Hg.): Afrika und die Kunst. Einblicke in deutsche Privatsammlungen, Bottrop im Dezember 2010.

Chéri Samba, 18 ans de souffrance er de bonheur

Zeitgenössische afrikanische Kunst wird bisher nur selten in den aktuellen Kunstmagazinen diskutiert. Als Gegenstand wissenschaftlicher Forschung befindet sie sich momentan noch zwischen den Disziplinen und den entsprechenden Kompetenzfeldern. Sie wird bislang entweder in kunstwissenschaftlich oder ethnologisch geprägten Medien besprochen.

Eine ähnliche Teilung findet sich bei ihren Käufern. Die Präsenz zeitgenössischer, afrikanischer Kunst in deutschen Privatsammlungen – und somit deren Sammler – sind, anders als vergleichsweise Sammler von europäischer Kunst, fast ausschließlich einem internen Sammlerkreis bekannt. Hinzu kommen noch einige Kunst- und Kulturwissenschaftler und die wenigen Galeristen, bei denen die Sammelnden ihre Kunstwerke erwerben. Erst langsam etabliert sich zeitgenössische afrikanische Kunst als eigenständiges Sammlerfeld, deren Käufer nicht mehr nur aus der "Afrika-Szene" kommen, sondern die sich auch sonst für zeitgenössische Kunst interessieren.

Viele Sammler traditioneller, afrikanischer Kunst blicken noch befremdet auf die junge bunte afrikanisch-stämmige Kunstszene, die häufig nicht nur mit den tradierten künstlerischen Medien wie Malerei und Skulptur arbeitet, sondern gern multimedial mit Rauminstallation, Fotografie, Video oder Performance. Selbst wenn die Sammler noch nicht zahlreich zeitgenössische afrikanische Kunst erwerben, so interessieren sie sich zunehmend für dieses Feld. Leider erfährt man über die Sammlungen wenig. Dementsprechend sind auch Publikationen zu diesem Thema selten und nur einer kleinen Gruppe von Spezialisten bekannt.

Um Interessierten den Einstieg zu erleichtern und einen Überblick zu ermöglichen, will ich nachfolgend einige Sammler und deren Publikationen bzw. Bücher vorstellen, die in den letzten Jahren zu diesem Thema erschienen sind.

Einige der heute wichtigsten Künstler afrikanischer Herkunft wurden schon vor über 20 Jahren von Sammlern in Deutschland wahrgenommen und angekauft. Hans Bogatzke, ein westfälischer Schuhfabrikant, baute innerhalb von zwei Jahrzehnten die umfangreichste deutsche Sammlung mit zeitgenössischer afrikanischer Kunst auf. Sie umfasste Arbeiten von fast allen namhaften Künstlern mit afrikanischen Wurzeln, wie Ghada Amer, Loulou Cherinet, Marlene Dumas, Kendell Geers, Ingrid Mwangi, Yinka Shonibare, Romuald Hazoumé oder Chéri Samba. Die von Bogatzke gesammelten Exponate wurden jedoch nie als eigene Sammlung veröffentlicht und erschienen nur teilweise in der Anthologie Ondambo. African Art Forum/Afrika Kunst Forum von 2000. Außerdem befindet sich die Sammlung heute nicht mehr in Deutschland. Nach Bogatzkes Tod 2006 verkaufte der mit ihm befreundete angolanische Künstler Fernando Alvim die über tausend Gemälde, Videos und Skulpturen an den Kongolesen Sindika Dokolo. Einige dieser Werke wurden 2007 im afrikanischen Pavillon der Biennale in Venedig gezeigt.

2002 publizierten das Sammlerehepaar Artur und Heidrun Elmer einen Teil ihrer Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst in Afrika – Begegnung, Künstler, Kunst, Kultur und erneut 2005 in Retour au future, Collection Elmer. Zur Sammlung Elmer gehören unter anderem der kamerunische Installationskünstler Pascale Marthine Tayou, die für ihre geschweißten Metallskulpturen bekannte englisch- nigerianische Künstlerin Sokari Douglas Camp, der Maler und Bildhauer George Lilanga Di Nyama aus Tansania und der Fotograf Malick Sidibé aus Mali und weiterhin die Maler Chéri Cherin (DR Kongo), Kwesi Owusu-Ankomah (Ghana/Deutschland), Chéri Samba (DR Kongo) sowie die Fotokünstler Aimé Ntakiyika (Burundi) und Seydou Keita (Mali).

Neben Veröffentlichungen der Sammlung Elmer könnten in dem Zusammenhang auch die Publikationen der Sammlungen Péus, Kleine-Gunk, Bender oder Greiffenberger genannt werden. In ihren Sammlungskatalogen finden sich Künstler wie Sane Wadu (Kenia), Twins Seven Seven (Nigeria) oder John Takawira (Simbabwe). Zu diesen Künstlern ist anzumerken, dass viele ihrer Exponate in den 1970er bis 1990er Jahren entstanden und sich stilistisch von aktuellen zeitgenössischen Positionen unterscheiden. In der von mir und dem Sammler Günter Kawik kürzlich erschienenen Publikation Afrika und die Kunst – Einblicke in deutsche Privatsammlungen ordne ich diese Künstler daher einer anderen Kategorie zu, die ich Lokale Kunstszenen nenne. Sie könnten jedoch ebenso einer Art afrikanischen Moderne zugeordnet werden, die zeitlich vor der Zeitgenössischen Kunst zu verorten ist. Der Begriff der Moderne wird jedoch wegen des Vorwurfs einer eurozentrischen Sicht kontrovers diskutiert, weshalb wir uns in unserem Buch gegen ihn entschieden haben.

Links: Toyin Loye, Selfportrait. Rechts: Ransome Stanley, For Henning Mankell

Eines der jüngeren Beispiele für die Veröffentlichung einer Sammlung zeitgenössischer afrikanischer Kunst in Deutschland ist das 445-Seiten starke Buch der Walther Collection. Im September 2010 publizierte der deutsch-amerikanische Sammler Artur Walther einen Teil seiner Sammlung mit Arbeiten von zahlreichen afrikanischen Fotografen unter dem Titel Events of the Self: Portraiture and Social Identity: Contemporary African Photography from the Walther Collection. Unter der künstlerischen Leitung des nigerianischen Kurators Okwui Enwezor hat Artur Walther eine Ausstellung mit Katalog initiiert, die drei Generationen afrikanischer Künstler und Fotografen vorstellt: darunter Seydou Keïta (Mali), Malick Sidibé (Mali), J.D. 'Okhai Ojeikere (Nigeria), Rotimi Fani- Kayode (Nigeria), Santu Mofokeng und Nontsikelelo Veleko (beide Südafrika).

Den wenigen Kennern der zeitgenössischen afrikanischen Kunst sind alle oben genannten Künstler bereits wohl bekannt. Besonders die jüngere südafrikanische Künstlergeneration, zu denen beispielsweise die Fotokünstlerin Nontsikelelo Veleko gehört, wurde 2010 während der Fußballweltmeisterschaft in Südafrika in zahlreichen Kunstmagazinen, wie z.B. ART und Monopol vorgestellt. Aber auch der in Berlin lebende Südafrikaner Robin Rhode ist durch seinen bei Hatje Cantz erschienenen Katalog Walk Off, in dem einige seiner Fotoreihen vorgestellt werden, einem größeren Kreis vertraut geworden und wird daher nicht mehr unter dem "Afrika-Label" gesammelt.

Die Walther Collection mit den etablierten Künstlern Ai Weiwei, Günter Förg, Candida Höfer oder Louise Lawler; die Unternehmenssammlung Daimler Art Collection mit ihrem Fokus auf südafrikanische Kunst oder Sammlungen wie die Julia Stoschek Collection mit Arbeiten von Robin Rhode und Nandipha Mntambo zeigen auf, dass sich das simultane Sammeln von Künstlern afrikanischer Herkunft mit europäischen, amerikanischen oder asiatischen Künstlern durchzusetzen beginnt. Diese Entwicklung führt zu einem erfreulichen Fazit: Es interessieren sich immer mehr Sammler außerhalb der Afrika-Szene für die junge Kunst Afrikas und unter den Sammlern etabliert sich zunehmend ein selbstverständlicher Umgang mit Exponaten zeitgenössischer Künstler afrikanischer Herkunft, deren Arbeit nicht in erster Linie als "afrikanisch" begriffen wird.

Amouzou Glikpa, Widder

BILDLEGENDEN:

CHÉRI SAMBA, ACRYL AUF LEINWAND, 89 X 117 CM, 1993, COURTESY GALERIE PETER HERRMANN, BERLIN.

TOYIN LOYE, MISCHTECHNIK AUF PAPPE, 60 X 60 CM, 2004, COURTESY OF THE ARTIST.

RANSOME STANLEY, ÖL AUF LEINWAND, 70 X 70 CM, 2009, COURTESY OF THE ARTIST.

AMOUZOU GLIKPA, TON, JESMONITE UND DRAHT, HÖHE 27 CM, 2009, COURTESY OF THE ARTIST.

ALLE BILDER SAMMLUNG KAWIK

Vielen Dank an Dorina Hecht.

Autor
Dorina Hecht
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http://www.dorinahecht.de/profil.html

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Publikationen über zeitgenössische afrikanische Kunst in deutschen Privatsammlungen; Dorina Hecht; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/296-publikationen-zeitgenoessische-afrikanische-kunst

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