Als der Portugiese Diego Cao 1482 die Kongomündung erreichte, fand er ein etabliertes Reich vor, das ca. hundert Jahre alt war. Bis zu seiner Entdeckung hatte das Königreich Kongo eine Fläche von 300 000 Quadratkilometern und schloss damit den westlichen Teil der heutigen Demokratischen Republik Kongo, sowie der Republik Kongo und den nördlichen Teil des heutigen Staats Angola ein. Die Hauptstadt des Königreichs Kongo war Mbanza Kongo. Sie wurde später in São Salvador umbenannt. Sie liegt heute in Angola. Diego Cao und seine Leute waren die ersten Weißen, die die Kongolesen sahen. Für die Kongolesen waren die Weißen wahrscheinlich ihre Ahnen, die ins Leben zurückkehren sollten und auf die sie gewartet hatten.

Vor der Christianisierung hatten die Völker des Kongo einen starken Hang zur Naturreligion. Im Mittelpunkt dieser Religion stehen Gott, Ahnen und Geister, denen Opfer dargebracht werden. Die Kunst hatte hier eine große Rolle und wurde nur für die Religion bestimmt. Es gab keine Kunst um der Kunst willen. Das unerklärliche Phänomen der Religion sollte durch die verschiedenen Darstellungen erklärt werden. Aus diesem Grund wurde diese Kunst zur Sakralkunst erhoben, und als solche stellt sie vor allem Figuren und Masken dar, die als Wohnsitz der Geister, Ahnen oder übernatürlicher Kräfte gedacht sind. Figuren und Masken besitzen eine magische Kraft, genannt "Nkisi". Im Königreich Kongo standen Kunst und Religion in einer perfekten Harmonie. Die Religion hätte ohne Kunst nicht leben können und die Kunst wäre nicht ohne Religion zustande gekommen. Kunst und Religion gehören also zusammen.

Die religiösen Rituale wurden häufig von den Auserwählten durchgeführt. Dazu gehören Älteste, Priester und Häuptlinge. Die Geister gaben dem Priester beim Tanz schützende Kraft, übertrugen ihm magische Gewalt bei den Zeremonien. Die Figuren stellen nicht nur das männliche Geschlecht, sondern auch das weibliche dar. Man ging davon aus, dass Mann und Frau sich gegenseitig ergänzen. Diese Ergänzung wird durch die Zahl Sieben deutlich gemacht. Die 3 steht für den Mann und die 4 für die Frau. Die Zahl 7 ist die Fülle. 3 (Mann) und 4 (Frau) stehen für eine Dualität. Das heißt: Der Mann ist kühl und die Frau ist warm. Die Zahl 3 steht in Analogie zur Heiligkeit des Mannes (Reinigung, Heiligung, Macht, Würde und Weisheit) und kann die Wärme ertragen und kühlen. Dieses Bild wurde später in das Christentum übertragen.

Die Geisterfiguren sind würdig und ruhig dargestellt. Dementsprechend sollte nicht eine Geistfigur dem lebenden Wesen ähnlich sein. Aber die Geistfigur sollte in allen Fällen noch als Person erkennbar sein.

Der Kopf ist der Sitz des Geistes. Er wird rund und deutlich dargestellt und schön herausgearbeitet. Die Brüste galten als Sitz des Herzens, des Blutes, des Lebens und der Gefühle. Die Beine sind nicht wichtig, manchmal können sie auch fehlen. Die Geschlechtsteile sind Zeichen der Fruchtbarkeit. Aus diesem Grund werden sie deutlich angezeigt, hauptsächlich bei Ahnenfiguren.

Portugiesen und die Christianisierung des Kongo

Mit der zweiten Reise von Diego Cao in den Kongo im Jahr 1485 begann die Kongomission. Bereits 1491 ließen sich der Mani-Kongo (Nzinga Kuvu) und sein Sohn taufen. Der König wählte Joao I. als Taufname. Als dann die Portugiesen den Kongo verließen, blieben nur vier Missionare im Lande. Einige Jahre später kehrte der König ins Heidentum zurück.

Nach dem Tod von Joao I. im Jahr 1506 wurde sein Sohn Alfons als Nachfolger inthronisiert. Er galt als mächtiger als sein Vater, rettete das Christentum und machte es im Jahr 1512 zur Staatsreligion. Mit ihm begann die Geschichte des Reiches, die als "Tandu kia Kanga" (Zeit der Erlösung) bezeichnet wurde. Fleißig lernte Alfonso Lesen und Schreiben und zeigte großes Interesse für das Studium der christlichen Wahrheiten. Er organisierte sein Reich politisch und militärisch und machte Sao Salvador zur Hauptstadt des Reiches. Er schloss Freundschaft mit dem König von Portugal. Am 15. Oktober 1514 schrieb er dem König von Portugal folgendes: " Meine Brüder, ihr wisst, dass unser bisheriger Glaube nichts als Illusion und Wind war, denn der wahre Glaube ist an unseren Herrn und Gott, Schöpfer des Himmels und der Erde" (Joseph Thiel, S. 83).

Alfonso war ein überzeugender Christ. Sein Sohn Henrique, der in Portugal zum Studium geschickt wurde, wurde später katholischer Priester und im Jahr 1518 wurde er in Rom zum ersten schwarzafrikanischen Bischof konsekriert. Drei Jahre später kehrte in den Kongo zurück, starb aber im Jahr 1534.

Nach dem Tod Alfonsos wurde sein Sohn Alvaro I. zum Manikongo inthronisiert. Unter seiner Regierung kamen im Jahr 1548 die Missionare (Jesuiten) zurück. Aber im Jahr 1555 kam es zu einem Streit zwischen ihm und den Missionaren. Infolgedessen wies er im selben Jahr die Jesuiten und alle Europäer aus, weil sie seine Polygamie kritisiert hatten. Im Kongo aber war eine Pflicht jedes neuen Königs, eine Schwester oder nahe Verwandte zu heiraten. Die Missionare aber hatten wenig Verständnis für solche Sitten gezeigt. Für sie war es nichts anderes als Inzest.

Der König sollte nun ohne Missionare das Christentum in seinem Reich verantworten. Er kehrte zur traditionellen Religion zurück und setzte sie mit dem Christentum gleich. Diese Vermischung zwischen traditioneller Religion und dem Christentum wird heute auch als Synkretismus bezeichnet. Aber das Christentum blieb die gelebte Religion, nur einige Riten und Lieder der traditionellen Religion wurden in das Christentum übertragen.

Die sakralen Kunstobjekte: die Kongokruzifixe

Nach der Rückkehr der Missionare war die Sorge um die Zukunft des Christentums groß. Wie geht es weiter? Wie kann Gott spürbar sein? Das Volk konnte weder lesen noch schreiben, wie kommen dann der christliche Gott und die christliche Lehre zum Ausdruck? Hier trat die Kunst ein, als Sprache der Religion. Nicht die traditionelle Kunst, sondern die christliche Kunst mit traditionellen Merkmalen. Diese Kunst entstand in der frühen Missionszeit zwischen Ende des 15. und Anfang des 16. Jahrhunderts.

Das Urkruzifix

Barockkruzifix aus Holz und Messing. Urkruzifix.

Das Barockkruzifix aus Holz und Messing scheint die Urform der Kongokruzifixe zu sein. Die Metallteile dieses Kruzifixes haben sehr wahrscheinlich Missionare von Portugal importiert und sie wurden dann im Königreich Kongo auf das Holz geschlagen.

Ganz oben und unter den Füßen des Gekreuzigten sind Engelköpfe (Schutzengel) dargestellt. Über dem Kopf Jesu steht eine barocke Inschrifttafel. Die Gottes Mutter Maria steht unter dem Kreuz. Zwischen Gottes Mutter Maria und dem Schutzengel ist der Schädel Adams dargestellt.

 

Abwandlung dieses Urkruzifixes:

Kongolesische Abwandlung des barocken Urkruzifixes.

Der Gekreuzigte wird hier bartlos und dünn dargestellt. Der dünne Gekreuzigte entspricht der Last der Arbeit der ehemaligen Menschen.

Der Schutzengel oben wird durch ein Zahn eines Kulttieres ersetzt, sehr wahrscheinlich ein Leopardenzahn. Dieser Tierzahn steht in Analogie zu Macht, Schutz und auch Rache. Wenn der Engel die Macht hat Menschen zu schützen, sollte auch der König sein Volk schützen und gegen Feinde verteidigen. Die Inschriftafel über dem Gekreuzigten wurde zur Sonne abwandelt. Die Sonne steht für die Erscheinung Gottes in der Natur. Der Schutzengel unter dem Kreuz wird durch eine Muschel ersetzt. Muschel repräsentiert die Währung des Königreiches Kongo. Der Schädel Adams kommt nicht mehr vor; was hier zu sehen ist ein Ahnenschädel. Adam ist der Urvater aller Glaubenden. Wir aber haben nicht erst Adam, sondern unseren Urahn, den Gründer des Stammes.

 

Doppelgeschlechtliche Kruzifixe: Ndona Nkento

Doppelgeschlechtliches Kruzifix. Ndona Nkento.

Es ist schwer das Geschlecht der, auf das Kruzifix geschlagenen, Person zu erkennen. "Missionare, die dieses Kruzifix vor einigen Jahrzenten gesammelt haben, erfuhren von den früheren Besitzern, dass man es Ndona Nkento nannte (Ndona Nkento ist der Ehrentitel für Frau, von donna: Nkento heißt Frau in Kikongo)." (Joseph Thiel, S.90)

Missionare fanden in dieser Figur viele Ähnlichkeiten mit der legendären heiligen Jungfrau Wilgefortis. Gott wollte die Jungfräulichkeit der heiligen Wilgefortis bewahren. Aus diesem Grund ließ er ihr einen Bart wachsen. Die heilige Wilgefortis wurde gekreuzigt. Sie wurde zur Zeit von Karl dem Großen in Portugal, Belgien und Spanien verehrt. Schon in der Frühgeschichte des Königreichs Kongo prägte sich dieser Gedanken ein, dass alle, Mann und Frau, sich gegenseitig ergänzen und der Perfektion entsprechen. Mann und Frau bilden das Ganze. Gott, der in Jesus Mensch geworden ist nicht Halb, sondern Ganz. Damit er in seiner Ganzheit verstanden wird, soll er auch doppelgeschlechtlich dargestellt werden. Auf diesem Kruzifixe trägt der Gekreuzigte eine Damenfrisur.

Die Brüsttätowierung, die Halskette und die vier Armringe am linken Arm weisen auf die weibliche Seite des Gekreuzigten hin. Das enge Becken, drei Armringe am rechten Arm zeigen die männliche Seite des Gekreuzigten.

Fazit

Die altkongolesische Kultur war eine dynamische Kultur. Sie hat es geschafft fremde Elemente zu afrikanisieren. Mir war die Beschreibung der Bilder ganz wichtig, weil ich den kulturellen Hintergrund dieser Bilder erklären wollte, damit auch die christliche Kunst in ihrem ursprünglichen Sinn verstanden werden kann.

Literatur

  • Mbiti, John: Afrikanische Religion und Weltanschauung. Berlin 1974
  • Thiel, Josef Franz: Christliche Kunst in Afrika. Berlin 1984
  • L´artisan et les Arts Liturgiques. In Art Chrétien au Congo. N°4, 1949

Vielen Dank an Egide Manziazia.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Kruzifixe aus dem Königreich Kongo (1555-1935); Egide Manziazia; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/297-kruzifixe-koenigreich-kongo-1555-1935

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Autor
Egide Manziazia

Egide Manziazia

Geboren in Tumikia/ Kongo am 12.10.1981. 2002 Studium der Philosophie an der philosophischen Universität Sankt Augustin/Kinshasa. Oktober 2007 bis Oktober 2010 Studium der Theologie an der Universität München und an der Hochschule Sankt Augustin. Egide Muziazia ist Mitglied des Steyler Ordens und arbeitet zurzeit als Pastoralreferent in Sankt Bonifaz München. Neben seinem Studium hat er drei Jahre mit Bruder Gebhard Rahe im Haus Völker und Kulturen gearbeitet. Die afrikanische Kunst war sein Schwerpunkt.