TATORT SANKT GALLEN 2010 - Von schreibenden Schweizer Schrumpfköpfen und sauren Gurken

SCHRUMPFKOPF TSANTSA
Hergestellt von den Jivaro-Völkern Aguaruna, Ashuar, Huambiza, Shuar in Peru und Ecuador.
Ältester nachgewiesener tsantsa in Europa: um 1861 Fälschungen: Mindestens seit den 1920iger bis in die 1950iger Jahre wurden, zur Befriedigung des Bedarfs europäischer Kopfjäger, tsantsas in grösserer Zahl in Peru, Ecuador und - mindestens - Panama hergestellt, jedoch nur noch teilweise von den Jivaro selbst. Ende der 1950iger Jahre wurde der Import in die USA untersagt, die Exportzahlen stürzten ab, und in den 1960iger Jahren wurde die Herstellung in Ecuador und Peru verboten.

Daniel Studer, Direktor des Historischen und Völkerkundemuseums St. Gallen, erwarb für die Amazonas-Dauerausstellung im Frühjahr 2010 von einer Erbengemeinschaft, vermittelt durch den Tierpräparator Hanspeter Greb, eine Sammlung von sechs Schrumpfköpfen (tsantsa) für 50.000 CHF. Die Stücke wurden in einer Vitrine gezeigt und ein, für Völkerkundemuseen beachtlicher, Medienrummel begann. Mindestens sechs Tageszeitungen, zwei Radio und ein Fernsehsender berichteten von April bis Juli 2010.

Zwei der tsantsa sind 2011/12 in der Ausstellung "Schädelkult" der Reiss-Engelhorn-Museen (REM) Mannheim zu sehen, im Katalog zur Ausstellung sind Herstellung und Verwendung beschrieben. Alle St. Galler Schrumpfköpfe werden im September 2011 im REMLabor untersucht. Mit elf tsantsas hat das St. Galler Museum einen Bestand, der mengenmässig den völkerkundlichen Museen in Paris, London und Berlin ebenbürtig ist. Es ist eine Spezialsammlung, welche die ganze Breite, vom Original aus den 1880iger Jahren über verschiedene Typen von Exportware bis hin zu Fälschung aus Ziegenfell dokumentiert. Lediglich ein Faultier-tsantsa fehlt noch in der Sammlung. Auch sonst ist die materielle Kultur der Jivaro-Völker durch die Sammlungen Max Müller, Franz Angert und Engler in St. Gallen gut vertreten.

Die Diskussion in den Medien belegt den geringen Informationsstand und die Vorurteile der Schreibenden. Geschildert werden zentraleuropäische Hochlandempfindungen (Grusel, Schaudern, Ekel), unterstellt wird unrechtmässiger Erwerb (geklaut) und gefordert wird Rückgabe. Risikolos für die Autoren, da die noch schlechter informierte Redaktionsleitung diese Argumentation wenigstens verstehen und für verkaufsfördernd halten kann.

Schlechte journalistische Arbeit verdient "saure Gurken", die jeweils den einzelnen Zusammenfassungen folgen.

TAGBLATT 30. APRIL 2010

Das St. Galler "Tagblatt" eröffnete den Reigen mit dem Titel "Schrumpfköpfe im Museum" und dem einleitenden Satz "Schrumpfköpfe - allein die Vorstellung lässt erschaudern."

Zitiert wird anschliessend der Tierpräparator Hanspeter Greb, der hier erstmals die falsche Information verbreitet, daß die Stücke "150-250 Jahre alt" seien. Die folgenden Zitate zeigen, daß sich der Verkäufer nicht sehr intensiv mit der Literatur zum Thema beschäftigt haben kann:

  • "Die feinen Gesichtszüge verraten, dass diese Frau einst besonders hübsch war"
  • "An einem weiteren Kopf ist eine Schnur angebracht. Vermutlich war er einst an einem Hausdach zur Abschreckung der Feinde aufgehängt worden."

Heftig in Frage gestellt wird von Greb auch, daß "die Köpfe samt Haaren gekocht wurden". Gerade hier sind sich die meisten Ethnologen und Reiseberichte einig: in Wasser gekocht wurde. Allerdings, und dies wird nur von wenigen Autoren (z.B. Raffael Karsten) erwähnt, musste die Wassertemperatur immer unterhalb des Siedepunktes bleiben. Ist die Temperatur zu hoch, so fallen alle Haare aus. Dies durfte nicht geschehen, denn die schönen, langen Haaren der Jivaro-Männer mussten erhalten bleiben. Wenn Haut gekocht wird, verliert jede, auch eine hübsche Frau ihre Züge; wer schon einmal Schweineschwarte gekocht hat, weiß dies. Der Prozeß des weiteren Schrumpfens wurde dann mit stark erhitztem Sand erreicht, eine tagelange Arbeit, während der das Gesicht neu geformt wurde. In der Literatur findet sich nirgends ein Hinweis, daß ein Schrumpfkopf der "Abschreckung der Feinde" gedient hätte, vielmehr war der tsantsa Teil eines etwa dreijährigen Ritualzyklus mit schwierigen Vorschriften und Zeremonien, deren Kompliziertheit den Ablauf katholischer Messen bei weitem übertraf. Am Ende, wenn alle Energie positiv genutzt und keine feindliche Kraft des Gemordeten mehr zu fürchten war, war auch der tsantsa nutzlos, wurde weggeworfen, verkauft oder vermoderte unbeachtet.

für unrecherchiertes Nacherzählen

WOZ DIE WOCHENZEITUNG 6. MAI 2010

Die linke Schweizer Wochenzeitung WOZ titelte dann mit "Menschenwürde" und empfahl die Rückgabe: "Das Pitt-Rivers-Museum im britischen Oxford denkt derzeit darüber nach, ob es seine Schrumpfkopfsammlung ins Amazonasgebiet zur Bestattung zurückschicken soll - aus Achtung vor der Menschwürde."

Die Meldung stimmt nicht. Oxford denkt zwar über Restitution bei Maori-Köpfen nach, die leben jedoch in Neuseeland. Beerdigungsanforderungen von Jivaro-Vertretern liegen nicht vor. Mit "Menschenwürde" ist das kollektive Mit- und Schuldgefühl berufener Mitteleuropäer berührt, die sich heute für damalige Kolonialisierung und Kulturzerstörung verantwortlich fühlen, obwohl weder sie, noch ihre direkten Vorfahren beteiligt gewesen sein dürften. Eine wichtige Anfangsfrage wird nicht gestellt:

Wie unterscheide ich die Fälschungen von den Originalen? Und gilt die Forderung menschenwürdiger Rückgabe auch für Fälschungen, die nicht von Jivaro hergestellt wurden?

Wohl die meisten tsantsas in Sammlungen wurden zum Verkauf an weisse Schrumpfkopf-Jäger hergestellt, angeblich sogar häufig Friedhöfe geplündert, um die Nachfrage zu befriedigen. Die Seuche breitete sich, weil gut bezahlt, schnell aus dem Jivaro-Gebiet in angrenzende Regionen und Länder aus, hergestellt wurde nachweislich sogar in Panama.

Empfehlenswert und effektiv wäre daher eine Luftbestattung, d.h. erst alle tsantsas einäschern und dann die Asche aus dem Flugzeug über diesem Teil Südamerikas ausstreuen.

Sind die Originale festgestellt, bleibt immer noch das praktische Problem:

Wem gehörte der Kopf?

Da die Kopfjagd ein Ergebnis von generationenalten Feindschaften innerhalb der Jivaro-Völker war, also das, was wir als Blutrache bezeichnen, wäre der verstorbene Eigentümer der geschrumpften Gesichtshaut möglicherweise nicht einverstanden, wenn er bei der falschen Familie landen würde. Berechtigt ist auch die banale Frage, wie sinnvoll eine Rückgabediskussion sein kann, wenn ein tsantsa nach Vollendung der Rituale und Verkauf, ohnehin wertlos war. Eine Beerdigung scheint mir als Lösung etwas zu christlich gedacht; da doch vielen Völkern bei der Vorstellung gruselt von wildfremden Maden und Würmern verspeist zu werden. Sollten die Nachfahren der Schrumpfkopfhersteller heute christianisiert sein, stellt sich sogar die komplizierte theologische Frage, ob der ehemalige Träger des Schrumpfkopfes mit diesem religiösen Wandel einverstanden ist.

Möglicherweise bringt eine Volksabstimmung bei allen heute lebenden Jivaro weiter, wobei wirklich jeder befragt werden müsste. Häufig bezeichnen sich heute Einzelne, als Vertreter ‚ihres Volkes', sind ihrem eigenen Volk jedoch gar nicht oder kaum bekannt. Was viel ich damit sagen? Unsere Herangehensweise und Denkart ist etwas theoretisch kompliziert, solange wir sie mit uns selbst führen, ohne in einen Dialog mit den eigentlich Betroffen zu treten. Warum nicht ganz praktisch mit Vertreter von Jivaro-Völkern in einem mehrjährigen Projekt zusammenarbeiten, um gemeinsam über die Sammlungen inclusive der tsantsas zu sprechen?

für menschenwürdige Vorurteile

TAGBLATT LESERBRIEF 7. MAI 2010

Ein Leserbrief von Hannelore Hartmann erreichte das St. Galler Tagblatt mit folgendem Inhalt. "Aber Schrumpfköpfe sind nur eines: abscheulich! es ist deshalb nur schwer vorstellbar, dass die Bevölkerung einverstanden ist, dafür 50.000 Franken auszugeben."

Als persönliches Urteil akzeptiert. Mit dem gleichen Argument "abscheulich" wurden übrigens vor Jahrhunderten auch die nackten Ureinwohner der Tropen von Missionaren in Kleider gezwängt, Figuren und Masken auf Scheiterhaufen verbrannt.

Bedenklich ist an der Äusserung:

  • Die Dame empfindet sich als Wortführerin einer großen Mehrheit ("die Bevölkerung"), die selbstverständlich auch ihrer Meinung ist.
  • Und sie zeigt keinerlei Zweifel daran, daß ihre eigene Kultur die Richtige ist. Was aber wenn die Jivaro ihre tsantsa keineswegs abscheulich fanden?

für Selbstüberhöhung

TAGESANZEIGER 11. MAI 2010

Der Schweizer "Tages Anzeiger" führte ein ausführliches Interview mit dem Direktor Daniel Studer. Nach einem neutralen Start ("Das VKM St. Gallen hat sechs Kopftrofäen aus dem Amazonas erworben") - und der Erklärung des Direktors ("Als eines der wenigen Museen in Europa haben wir eine Amazonas-Ausstellung. Die Kopftrofäen sind in der Ausstellung nur ein Aspekt unter vielen.") - folgt die nüchterne Feststellung:

"TZ: Trotzdem geben die Köpfe am meisten zu reden."

Stimmt, aber das liegt wohl eher an der Sensationslust der Schweizer Hochland-Journalisten. Wieviel Medien hätten wohl berichtet, wenn einer der Köpfe, als Halbbüste geschrumpft, einst einer Blondine gehört hätte?

Merke: Nicht die Besucher sind lüstern, sonder die Medien sind sensationsgeil!

"TZ: Die Köpfe wurden aber ursprünglich den Amazonas-Völkern geklaut?"

Das einzig erfreuliche an dieser Frage ist die Direktheit. Fälschungen und Auftragsarbeiten, die ausschliesslich für den Export hergestellt wurden, sind doch wohl eher verkauft worden. Ansonsten waren die Jivaro wehrhaft genug, die Siedlungen sehr schwer erreichbar, sodaß in diesem Gebiet fast kein Kopf geklaut sein dürfte. Der Dieb hätte den Rückzug nicht überlebt. Schon um 1900 wird hingegen erwähnt, daß tsantsas im Gegenwert für ein gutes Gewehr getauscht wurden.

"TZ: Frankreich hat bekannt gegeben, 16 mumifizierte Köpfe von Maori an Neuseeland zurückzugeben, auch bei Schrumpfköpfen kommt vermehrt die Forderung nach einer Repatriierung auf."

Jedes Volk ein eigenes Universum. Wer diesen Satz ernst nimmt, fragt den Journalisten: warum sollte, was für ein Volk gilt, automatisch für alle anderen gelten? Anders als die Köpfe der Maori (Ahnen) waren die tsantsas Köpfe von Feinden. Der kritische Schweizer Journalist als Fürsprecher aller Völker? Selbst wenn gut gemeint, hat diese Weltsicht oft das Gegenteil bewirkt. Kulturübergreifende Vergleiche waren und sind eine beliebte Spielwiese auch von Ethnologen, sagen jedoch meist mehr über die Probleme ihrer Verfasser und den Zeitgeist, als über die Völker, die vertheoretisiert werden.

Über Schrumpfkopf-Repatriierungs-Forderungen habe ich bisher nichts gefunden, selbst im Internet nicht.

"TZ: Aus der Sicht der Täter ist dies sicher richtig, die Opfer, bzw. deren Nachkommen, könnten dies anders sehen."

Na dann viel Spaß bei der Suche. Wie oben geschrieben dürfte dies schwierig werden, aber die Gründlichkeit Schweizer journalistischer Recherche führt sicher zu einem Ergebnis.

für moralinsaure Fragen

TAGBLATT 17.MAI 2010

Der Beitrag "Ein Schrumpfkopf zum Andenken" bringt nichts Neues.

für den nichtssagendensten Kommentar

APPENZELLER ZEITUNG 22.MAI 2010

Eine Kolumnistin stellt sich die Frage "Wieso kauft ein Völkerkundemuseum heute sechs Schrumpfköpfe?" und beantwortet sie gleich selbst: "Grusel lockt Volk ins Völkerkundemuseum. Denn die Leute wollen sich gruseln!"

Auch hier nichts, was nicht schon besprochen wurde.

für gähnende Leere

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG NZZ 9. JUNI 2010

Mit dem Titel "Direkt vom Markt - Schrumpfköpfe in St. Gallen" schreibt sich Urs Hafner auf einen der Spitzenplätze und um Kopf und Kragen. "Steht man in einer katholischen Kirche vor dem Schädel eines Heiligen, beschleicht einen ein leises Grauen. .. Der heilige Knochen spendete dem Heilsuchenden Trost, ... Dieses Wissen ermöglicht es auch dem Nichtgläubigen, das Befremden zu bewältigen. Vor einem indigenen Schrumpfkopf ist so etwas wohl für alle schwieriger zu bewerktstelligen. Der Betrachter dürfte auf das entstellte Antlitz am ehesten mit Schrecken, Grusel oder Zynismus reagieren."

Das ist erstaunlich: europäische Schädel nur gruselig, indigene Köpfe jedoch schrecklich? Deutlicher kann Eurozentrismus nicht sein. Die eigenen Maßstäbe werden als, für alle gültig vorausgesetzt, ohne daß die andere, fremde Welt bekannt ist oder erkannt werden will. Ahnt der Autor, der so um Menschenwürde bemüht ist, wie herabwürdigend diese Äusserung ist?

"Das Vorgehen des Museums kontrastiert mit der in den letzten Jahren dank der ethnologischen Forschung gewachsenen Sensibilität für die Menschenwürde sogenannter Ureinwohner. .So steht in der 2007 unterzeichneten .. UNO-Deklaration über die Rechte der indigenen Völker, dass diese ein Recht auf die Restitution menschlicher Überreste hätten."

Das ist ein richtiger Grundsatz, enthebt jedoch nicht der intensiven Prüfung jedes einzelnen Falles. Die Probleme sind mit dieser Deklaration nicht gelöst, sie entstehen erst, wie oben dargestellt.

Als Vorbilder werden aufgeführt, daß die "Universität Zürich chilenischen Indigenen Gebeine ... ausgehändigt" und das französische Parlament beschlossen hat "fünfzehn Maori-Schrumpfköpfen zurückzugeben".

Auweia, auch noch falsch abgeschrieben. Im "Tages Anzeiger" waren es noch 16 Köpfe, jetzt sind es 15. Ach ja, und die Gedenkköpfe der Maori wurden nicht geschrumpft, sondern nur mumifiziert.

Damit steht der Gewinner dieser kleinen Bewertung fest.

für fehlerhaftes Abschreiben und Helvetiantrismus

NEUE ZÜRCHER ZEITUNG NZZ LESERBRIEF 15. JUNI 2010

Hans-Jörg Schwabl, NZZ-Leser aus Dresden und guter Freund des ehemaligen Völkerkunde-Kurators in St. Gallen, fragt: "Wie stand es mit der Ausfuhrgenehmigung aus dem Ursprungsland ... und wer hat die Einfuhr in die Schweiz bewilligt?"

Die Fragen sind einfach zu beantworten: die Stücke wurden von dem Voreigentümer zwischen 1964-73 erworben, waren also schon seit Jahrzehnten in der Schweiz und vorher wiederum, seit etlichen Jahren, in dänischen und deutschen Sammlungen; Ausfuhrgenehmigungen waren damals nicht erforderlich. Ob die Einfuhr in die Schweiz durch den Voreigentümer Ingenieur J.H. rechtens war, kann ein Schweizer Jurist sicher beurteilen.

"Welcher dubiose Händler steckt hinter diesem Geschäft und welchen Inhalt haben die Gutachten des Ethnologen ... und des Naturwissenschaftlers ...?"

Ein Blick ins TV hätte gereicht. Der Tierpräparator Hanspeter Greb konnte in dem Beitrag 3SAT vom 29. April 2010 seine, teilweise falschen, Ansichten widergeben. Weitere Gutachten gab es nicht.

"Wer bewilligte den Betrag von 50.000 CHF für den moralisch fragwürdigen Ankauf?"

Ist der Ankauf katholischer Reliquien, ägyptischer Mumien, nordamerikanischer Skalps, etc. eine moralische Frage? Ist der Tod als solches moralisch zu verurteilen? Da würde mich schon sehr die Argumentation interessieren.

für Moral

SR DRS 25. AUGUST 2010 - RADIO

Das Schweizer Radio DRS meldete, daß ein "nationaler Aufschrei durch die Museumszene gegangen" sei. Richtig laut war der Aufschrei nicht, eher ein leichtes Krächzen. Zu Wort meldet sich im Beitrag dann die "freischaffende Ethnologin Sabine August", die einige Jahre Kuratorin unter Daniel Studer im St. Galler Museum war. Sie fand es problematisch, daß "so viele Schrumpfköpfe gezeigt werden und im Zentrum der Ausstellung stehen". Das Klischee des "primitiven Wilden", "brutalen kaltblütigen Killers" und "Kannibalen" würde so genährt, man "sollte keine Vorurteile erzeugen" Interessantes Argument, denn dies hatte bisher noch keine Zeitung geschrieben oder ein Besucher behauptet. Sind gar die EthnologInnen für die Verbreitung dieser Vorurteile verantwortlich?

Vielleicht könnte die aufkrächzende Museumsszene zur Kenntnis nehmen, daß für die tsantsa-herstellenden Völker die Kopfjagd ein rituelles Zentrum ihres Lebens war. Wer dann nur Flechtwerk und Federschmuck der Jivaro-Völker zeigen will, verschweigt etwas, er handelt ideologisch. Kern der Ethnologie als Wissenschaft ist es, über andere Völker neutral zu informieren und nicht von eigenen Vorlieben und Abneigungen ausgehend, zu argumentieren. Wenn der Europäer Gegenstände als "primitiv" und "brutal" erlebt, kann die Ethnologie mit etwas Geschichtskenntnis auf die beispiellose Brutalität mitteleuropäischer sinnloser Schlachterei in Welt- und Glaubenskriegen sowie Pogromen hinweisen.

Weiterhin beruft sich Sabine August "auf die Besucher, sie gruseln sich, es erzeugt Abscheu in ihnen". Wahrscheinlich liegen dieser fundierten Analyse tagelange Befragungen von dutzenden oder hunderten Ausstellungsbesuchern vor dem Museumsgebäude zugrunde?

Den Radiobeitrag zeichnet vor allen anderen Berichten aus, daß hier erstmals die Besucher selbst zu Wort kommen. Alle sieben Personen, die gefragt wurden, hatten nichts auszusetzen. Die Kommentare reichten von: "es gehört dazu", "interessant", "sollte man zeigen, denn es existiert auch", "macht mir gar keine Angst" bis "es hat ja auch Mumien hier in der Stiftsbibliothek".

Keine Gurken: ausgewogener Journalismus. Der Beweis, daß man auch ohne tiefgehende Kenntnisse zum Thema gut berichten kann.

DEUTSCHLANDRADIO KULTUR 20. APRIL 2011

Der Betrag bringt nichts neues.

Keine Gurken: neutraler Bericht

 

Zur Ehrenrettung des journalistischen Handwerks kann gesagt werden, daß dann die (deutsche) "Zeit-Online" vom 9. Juli 2010 einen sehr viel besseren Beitrag veröffentlichte. Zwar stimmten auch hier wieder zahlreiche Details nicht, aber schon der Titel zeigt die Grundhaltung: "Tote Ägypter darf man ausstellen. Tote Amazonas-Indianer aber nicht. Warum? Eine Aufregung um Schrumpfköpfe." Keineswegs sind alle Medien gleich. Die an der Diskussion beteiligten Schweizer Printmedien haben jedoch alle miserabel abgeschlossen. Wer als Journalist moralisch argumentiert, hat sein Handwerk falsch gewählt. Mit neutraler Berichterstattung, Vermittlung von Fakten bei deutlicher Kennzeichnung eigener Meinung hat das nichts zu tun. Der ZEIT-Journalist schreibt zu Recht: "Moral war schon immer Gift für journalistische Neugier."

Fazit

Abschliessend ist festzustellen, daß Themen wie Tod, Schrumpfkopf und menschliche Überreste in Ausstellungen ein Problem Schweizer Medien zu sein scheinen. Argumentiert wird nicht inhaltlich, sondern moralisch. Verzeihlich ist, daß die teilweise ungenauen und manchmal falschen Fakten, die vom Museum vorgeben wurden, nicht inhaltlich durch Rückfrage bei Experten geprüft wurden. (Wie war das noch, immer ein zweite und dritte Meinung einholen?) Eine Berichterstattung, die sich so wenig für die, inzwischen der Vergangenheit angehörende Kultur der Jivaro-Völker interessiert, die Kopfjagd und ihre Rituale gibt es seit Jahrzehnten nicht mehr, ist ideologisch. Der Journalist als Gut-Mensch und Verbreiter von Vorurteilen. Sind die Leser, dann toleranter, informierter und offener als das Medium selbst, hat die vierte Kraft im Staat ihre Aufgabe verloren und ist überflüssig geworden.

Verfasser: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

TATORT ST.GALLEN 2010-Von schreibenden Schweizer Schrumpfköpfen und sauren Gurken; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/302-tatort-st-gallen-2010-schreibende-schweizer-schrumpfkoepfe-saure-gurken

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Autor
Dr. Andreas Schlothauer

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