In der Rubrik "Porträt" werden Wissenschaftlerinnen, Museumsmitarbeiter, Auktionatoren, Galeristen, Händler und Sammler vorgestellt. Bei meiner Arbeit mit Museumssammlungen bin ich auf hunderte Sammlernamen gestossen und musste mir meist mühsamst Informationen zu diesen beschaffen. Der Anspruch dieser Porträts ist daher Informationen zu sammeln und weiterzugeben, nicht aber zu kritisieren. Einfühlen, dem Porträtierten Raum geben zur eigenen Darstellung. Neutralität zum Befragten, nicht Beurteilung durch den Interviewer. Nur die Fakten werden von mir geprüft, soweit dies möglich ist.

Bernd Schulz

Bernd Schulz Jahrgang 1944, ist Afrikareisender, Galerist und Reptilienexperte. Geboren in einer bewegten Zeit in Berlin mit, auch für ihn, schicksalhaften Veränderungen, verbrachte er die Nachkriegszeit bis 1958 in Krefeld. Nach der Rückkehr seines Vaters aus russischer Kriegsgefangenschaft folgte der Rückzug nach Berlin. Mit 18 Jahren Abitur, anschliessend Bundeswehr und Offizierslaufbahn. Bei seinen vielen Dienstreisen in Afrika, ab 1964, seiner Berufung für Reptilien und seiner Leidenschaft für afrikanische Skulpturen, ist es folgerichtig, daß er geschätzte 40 % seines Lebens nicht in Deutschland verbracht hat. Afrika und später auch Asien (51 tropische Länder) bereiste er, insgesamt 36 afrikanische Staaten hat Bernd Schulz besucht, viele davon mehrmals; vor allem die Länder der westafrikanischen Küste kennt er seit Jahrzehnten. Seit 1998 ist er Honorarkonsul des Staates Mali in Nordrheinwestfalen, eine Aufgabe, die er sehr ernst nimmt und gern ausführt. Seit Januar 2005 ist er Gutachter der IHK für "schwarzfrikanische Kunst": berufen, geprüft und öffentlich vereidigt. Sein Fachwissen und sein gründliches Urteil wird vom Zoll, von Versicherungen und Privatpersonen, sowie bei Gericht nachgefragt.

Die Anfänge in Afrika

Schon als zehnjähriger Gymnasiast in Krefeld erwarb er sein erstes Reptil, ein Nil-Krokodil, etwas später kamen Schlangen und Echsen dazu. Seine erste afrikanische Maske erwarb er als 17jähriger in Berlin. Als Tierfänger nach Afrika, das war ein Jugendtraum, der sich für den Zwanzigjährigen erfüllte. Am 19. Februar 1964 betrat er erstmals afrikanischen Boden in Kamerun. Zufällige Kontakte führten nach Kribi und von dort ins Inland zur Zenker-Farm, gegründet Ende des 19. Jahrhunderts von dem deuschen Georg Zenker, bekannt für seine ethnografischen Sammlungen, die sich heute im Ethnologischen Museum Berlin befinden. Von dieser ersten Reise kehrte er nicht nur mit vielen seltenen Reptilien zurück, sondern auch mit Masken und Figuren der Ntumu, Bulu, Mvai; Fang-sprachigen Völkern in Kamerun.

Wenige Monate später, noch im Jahr 1964, folgte eine, beruflich bedingte, Reise nach Zaire. Nebenbei wurde eingekauft, diesmal gab es keine Reptilien, aber Stücke der Kuba, Luba, Hemba und etwa 200 Elfenbeinobjekte der Lega. Schon im März 1965 folgte eine weitere Reise nach Mali, in das Land der Dogon und Bamana. Auch diesmal wurden vor Ort viele Stücke erworben. Nach der Geburt seines Sohnes im August 1965 und einem lebensgefährlichen Unfall war erst einmal Afrikapause bis Herbst 1967. Bei Ausbruch des Biafra-Krieges folgte eine Reise mit einem Hilfsgütertransport nach Nigeria. Gegen privat mitgebrachte Tauschwaren, z.B. Salz, Zigaretten, Trockenfisch, Streichhölzer, konnten Masken und Figuren der Eket, Ibo, Urhobo und Ibibio erworben werden. Viele weitere Reisen in die verschiedensten afrikanischen Länder folgten.

Damals waren Reptilien die größere Leidenschaft und in Moers entstand einer der artenreichsten Reptilienzoos Europas (Herpetarium Moers), der eng mit staatlichen Zoos und zoologischen Instituten zusammenarbeitete. In den 1970iger Jahren, während der Ölkrise, wurde der energieintensive Zoo nach Sri Lanka verlegt, eine Investition, die dann durch den, dort ausbrechenden, Krieg als hoher Verlust zu verbuchen war.

Handel mit Afrikanischer Kunst in Deutschland

Durch seine Kontakte in Deutschland ab 1965, z.B. zu den Ethnografica-Händlern Ludwig Brettschneider (München), Walter Kaiser (Stuttgart), Boris Kegel-Konietzko (Hamburg), wurde er bald zu einem wichtigen Zwischenhändler, der vor Ort die Stücke erwarb, die Sammler in den genannten Galerien, ohne Angabe dieser Provenienz, kauften. Ende der 1960iger Jahre wurde die Galerie "ASAF" gegründet, ein Verkaufsraum in Moers, neben dem Reptilienzoo eingerichtet und von seiner Frau Roswitha Schulz betreut. In den 1970iger Zeit begann auch die freundschafliche Zusammenarbeit mit Peter Loebarth, einem reisenden Händler, der nie eine eigene Galerie betrieb, aber ebenfalls tausende von Stücken aus Afrika nach Deutschland brachte. Auch die nachwachsende Generation deutscher Africana-Händler der 1990iger Jahre, z.B. Adrian Schlag, Hermann Sommerhage und Andre Kirbach machte Geschäfte mit der Galerie. Mancher erhielt Komissionsware und konnte so, trotz kleinem eigenen Warenstock seine Existenz aufbauen.

Paris, Brüssel, New York und Kamp-Lintfort

Mit Händlern in Frankreich, Belgien, Schweiz und USA entstanden ab den 1960iger Jahren weitere Geschäftskontakte, es wurde getauscht, verkauft und gekauft; die Namen sind zahlreich: Merton Simpson, Harvey Menist, Keprie van Rijn, Jacques Kerchache, Paolo Morigi, Jan Visser, Mom Steyaert, Jean-Pierre Houtelé, Jean-Pierre Lepage, Bernhard Kuenzi. etc. Den späteren Brüsseler Galeristen Philippe Guimiot lernte Bernd Schulz in den 1970iger Jahren in Duala (Kamerun) in dessen Galerie kennen, dort arbeitete auch Marc Leo Felix. Den gebürtigen Korsen Ferdinand de la Salle, der heute in Marseille lebt, traf er in dessen Galerie in Abidjan (Elfenbeinküste).

Die 1960iger und 1970iger Jahre beschreibt Bernd Schulz als ruhiger und harmonischer, damals gab es sehr viel weniger, auf Afrika spezialisierte Händler in Deutschland. Der Neid aufeinander war geringer.

Nachdem in den 1980iger der Handel von zu Hause betrieben worden war, wurde im Jahr 1992 eine 500 qm große Halle in Kamp-Lintfort angemietet und dort eine neue Galerie eröffnet. Wenn man bedenkt, daß die Handelszentren in Paris, Brüssel oder New York lagen und liegen, könnte dieser Standort skeptisch beurteilt werden. Daß die Galerie in Kamp-Lintfort seit fast 20 Jahren erfolgreich arbeitet, beweist nicht nur den Mut, sondern auch daß der Kundenkreis das Angebot schätzt. Mindestens zwei Mal im Jahr, im Frühjahr und Herbst, sind dort Verkaufsausstellungen zu wechselnden Themen zu sehen, seit 1996 mit, inzwischen 36, Katalogen. Seit zwei Jahrzehnten arbeitet Bernd Schulz intensiv mit den beiden Experten Raoul Lehuard (Frankreich) und Francois Neyt (Belgien) zusammen, die für die Kataloge der Galerie Beiträge verfassen.

In Kamerun Mambilaberge

Auch Museen erwarben Stücke in der Galerie, allerdings in einer Zeit als die Kuratoren noch über einen Einkaufsetat verfügen durften. Kunden waren z.B. Albert Maes (Museum Tervuren Brüssel), Pater Croonenburg und Pater Keunen (Afrika-Museum Berg en Dal), Antonio F. Rovolo (Metropolitian Museum New York), Horst Nachtigall (Völkerkundliche Sammlung der Universität Marburg), Klaus Born (Reiss-Engelhorn Museen Mannheim).

Anlässlich einer Ausstellungsführung während der VFAK-Frühjahrstagung 2011 im Münchner Völkerkundemuseum wurde festgestellt, daß eine Ibo-Figur in der Ausstellung, die das Museum vom Münchner Galeristen Brettschneider erhalten hatte, ursprünglich von Bernd Schulz kommt. Eine Mutter-Kind-Figur der Urhobo, die er selbst 1967 in Nigeria erworben hatte, verkaufte Bernd Schulz Anfang der 1970iger an Karel van der Veer (Neuss), der diese an Jaques Kerchache veräusserte.

Der belgische Künstler Willy Mestach besitzt ebenso wie Fritz König und Richard Serra Objekte aus seiner Galerie. Viele der, im Museum "Situation Kunst" in Bochum ausgestellten, Nok-und Benin-Figuren hat der Kunstsammler und Galerist Alexander von Berswordt in Kamp-Lintfort erworben.

Sogar einige deutsche Politiker, die sich aus ästetischen Gründen für afrikanische Skulpturen begeisterten, wie Jürgen Möllemann, Jürgen Rüttgers, Christa Thoben, Fritz Schaumann haben Stücke in der Galerie erworben. Daß auch ein so ernsthafter Sammler wie Reinhard Klimmt etliche Objekte hier gekauft hat, ist bereits bekannt.

Eine Zusammenarbeit mit Auktionshäusern, wie sie heute bei vielen Händlern üblich ist, hat Bernd Schulz übrigens nie gesucht. Im Umgang mit seinen Kunden ist Bernd Schulz das langjährige Vertrauen sehr wichtig.

"Jeder, der mich kennt, weiß, daß ich zu meinen Sachen stehe und jeder das Recht hat, selbst nach 20 oder 30 Jahren die Stücke umzutauschen." Auch aus Sammlernachlässen erwirbt der Galerist immer mal wieder Objekte, die er vor Jahrzehnten veräussert hat, um diese seinen Kunden anzubieten.

Tausende von Skulpturen sind seit fast 50 Jahren auf dem Weg von Afrika nach Europa durch die Hände von Bernd Schulz gewandert. In sehr vielen Sammlungen, Galerien und Auktionshäusern dürften Stücke sein, die ehemals in seinem Besitz waren, häufig ohne daß dies den Eigentümern bewusst ist.

Gutachter der IHK

Seit 2005 ist Bernd Schulz der einzige, von der IHK bestellte, öffentlich vereidigte Gutachter für "schwarzafrikanische Kunst" in Deutschland und laut EU-Richtlinien des Jahres 2008 auch für Europa. Die IHK Nordrhein-Westfalen hatte ihn wegen dieser verantwortungsvollen Aufgabe angesprochen, da er alle Voraussetzungen erfüllte, die allgemein an jeden IHK-Gutachter gestellt werden: verantwortlicher Lebenswandel, ökonomische Unversehrtheit, Nachweis von Publikationen, über 45 Jahre alt. Nach Einreichen aller Unterlagen wurde er zu einer Prüfung eingeladen. Vor einem Gremium von fünf Fachleuten des öffentlichen Lebens u.a. aus Museen, musste zunächst ein mündliche Prüfung abgelegt werden. Es wurden mehrere Fotos von Stücken gezeigt und um eine erste Beurteilung gebeten. Anschliessend konnte das Urteil an den, ebenfalls vorhandenen, Originalen verbessert werden. Weiterhin waren in einer schriftlichen Prüfung Wissensfragen zu beantworten.

Ein IHK-Gutachter darf die Stücke nicht nach Fotos beurteilen, wie es leider mancher Händler und Sammler im In- und Ausland immer noch vorzieht, d.h. Gutachten sind ausschliesslich am Original möglich. Dies bedingt zahlreiche Reisen. Auftraggeber sind Gerichte, Zoll, Versicherungen und Privatpersonen. Im Jahr 2010 waren es z. B. 122 Gutachten, davon etwa 30 Gerichtsverfahren. Wie bei allen öffentlich vereidigten Tätigkeiten sind die Honorare durch eine Gebührenordnung geregelt. Der Gutachter muß eine Versicherung abschliessen und sein Urteil nachvollziehbar begründen, denn bei Falschurteilen haftet er, ist gleichsam immer "mit einem Fuß im Gefängnis". Einmal im Jahr sind alle, in diesem Zeitraum erstellten Gutachten bei der IHK Duisburg einzureichen. Mehrmals im Jahr werden vom BVK (Bundesverband öffentlich bestellter und vereidigter Kunstsachverständiger, www.bv-kunstsachverstaendiger.de) allgemein gehaltene Weiterbildungsseminare für Kunstgutachter angeboten.

Wer lange ein Geschäft betreibt, hat nicht nicht nur Freunde. Dieser allgemeine Satz gilt auch für den Bereich Afrikanische Kunst, in dem es wenige wissenschaftlich beweisbare Wahrheiten gibt und die Herstellung der Stücke fast immer im Dunkeln bleibt. Was für ein Gutachten vor Gericht gilt, daß vor Ort am Stück und nicht aus der Ferne zu urteilen ist, gilt auch für den Menschen hinter den Stücken. Erst die persönliche Begegnung zeigt seine Erfahrungen, sein Wissen und seinen Charakter. Vorurteilslose Offenheit und "in dubio pro res" sind Grundsätze, deren konsequente Anwendung auch für mich ein Lernprozeß war. Noch vor einem Jahr war meine Meinung zu Person und Galerie Bernd Schulz eine andere, ein Urteil, das auf Nicht-Kenntnis beruhte.

Nok-Figur und Einkauf in Afrika

Verfasser: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Porträt BERND SCHULZ; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/303-portraet-bernd-schulz

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Autor
Dr. Andreas Schlothauer

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