Front, Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen

"Die Präsentation der kostbaren Sammlungsgegenstände in dem, während der 1930er Jahre gebauten, Institutsgebäude am Göttinger Theaterplatz entspricht in keiner Weise heutigen Ansprüchen und dem immensen Wert der Sammlungen." Gabriele Andretta

Die Sammlung, ihre Geschichte und ihr Wert

"Die Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen ist eine der bedeutendsten Lehr- und Forschungssammlungen im deutschsprachigen Raum." Es waren die weitreichenden Kontakte des Göttinger Zoologen und Anthropologen J.F. Blumenbach (1752-1840), die bereits in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zwei wichtige Sammlungen nach Göttingen brachten, die zu den ältesten völkerkundlichen Sammlungen in deutschen Museen zählen.

Vater Johann Reinhold und Sohn Georg Forster, begleiteten Tomas Cook auf seiner zweiten Reise in die Südsee (1772-75) und vermachten nach ihrer Rückkehr ihre Sammlung der Göttinger Universität. "500 Gegenstände aus diesem atemberaubenden Kulturschatz sind im Besitz der Universität Göttingen." Der Bestand ist dokumentiert in dem Buch: "James Cook - Gaben und Schätze aus der Südsee." Der Arzt Georg Thomas von Asch sammelte zur Zeit von Katharina II. u.a. von den Völkern der damaligen russischen Polarregionen einzigartige Kulturdokumente in Asien und dem heutigen Alaska. In mehreren Sendungen erreichten zwischen 1771-1807 etwa 200 Ethnografica die Stadt Göttingen, dokumentiert in dem Buch "Sibirien und Russisch-Amerika. Kultur und Kunst des 18. Jahrhunderts."

Im 19. und 20. Jahrhundert vergrösserte sich die Sammlung erheblich, derzeit sind es etwa 17.000 Objektnummern.

Einmaliges Weltkulturerbe und wissenschaftlicher Wert sind nicht in Euro bewertbar, wer trotzdem eine Bewertung in Euro für wichtig hält, kann von einem vorsichtigen Schätzwert von 80 bis 100 Millionen Euro ausgehen.

Was erwartet man nach dieser kurzen Schilderung des Bestandes?

Natürlich ein Museum mit täglichen Öffnungszeiten, großen Ausstellungsräumen, Führungen und internationalen Besucherströmen, die nach Ausstellungsbesichtigung in die Göttinger Restaurants strömen, um dort weitere Einnahmen im Gewerbe und der Stadt Steuereinnahmen zu bescheren. So eine Art Rothenburg ob der Tauber oder Heidelberg, Busladungen von Besuchern aus aller Welt.

Und was vollbringt die Stadt- und Landespolitik?

Seit etwa 15 Jahren wird erfolgreich an Planungen für einen Neuoder An- oder Umbau herumgeschnipselt. Herausgekommen ist Kein Bau!

Das Haus und seine Geschichte

Der Museumsbau trägt zu Unrecht den Makel Nazi-Architektur zu sein. Klar: Baubeginn war im Dezember 1933, Richtfest im Juli 1934 und der Einzug datiert auf die Jahreswende 1935/36. Dokumentiert in einem Fotoalbum zur Institutsgeschichte. Die Adresse war damals Adolf-Hitler-Platz 1. Geplant wurde der Bau jedoch in der Zeit vor 1933. Zwischen Baugenehmigung und Baubeginn liegen in der Regel mehrere Monate, die Planung eines öffentlichen Bauwerkes wird auch damals eher Jahre gedauert haben. Die Architektur ist also aus den Jahren 1931/32, oder früher, mit Elementen des Bauhauses in Fassaden- und Innengestaltung.

Als 1935 das Ethnologische Institut gegründet wurde, hatte die Einrichtung den Ruf die modernste Ausbildungsstätte in Deutschland zu sein, mit Institut und Sammlung unter einem Dach.

Neubaupläne - Anbau

Der Architekt Diez Brandi (1901-85) hatte damals schon die Idee eines Anbaus an der Nordseite, gegenüber des Theaters. Ein angelegter Versprung im abfallenden Gelände lässt ahnen, wie die Nutzung gedacht war. Doch es kam nicht dazu.

Im Jahr 1995 wurde die Idee von Diez Brandis Sohn, dem Architekten Jochen Brandi (1933-2005) bei einem gemeinsamen Glas Wein mit Gundolf Krüger aufgegriffen. Der Architekt hatte 1981-84 den Anbau am Deutschen Theater in Göttingen reailisert und das Projekt "Lokhalle" wesentlich vorangetrieben. Brandi war mit dem SPD-Politiker Thomas Oppermann, 1998 bis 2003 Wissenschaftsminister Niedersachsens und heutigen Bundestagsabgeordneten, befreundet. Gemeinsam mit Horst Kern, Präsident der Georg-August- Universität Göttingen von 1998 bis 2004 wurde um das Jahr 2000 die Idee vertieft. Deutsches Theater und Ethnlogisches Museum sollten Ausgangspunkt einer Kulturmeile werden, die über den Wall entlang am Botanischen Garten zum Weender Tor, zur Kunstsammlung der Universität, führen sollte. Die Planungen wurden beauftragt. Die Ausführungsplanung datiert auf das Jahr 2003 und belief sich mindestens auf einen unteren sechsstelligen Betrag, ganz zu schweigen von den vielen Stunden, die Institutsmitarbeiter und städtische Angestellte als Arbeitzeit einbrachten. Die Kosten für Um- und Erweiterungsbauten waren mit sechs Millionen Euro veranschlagt, davon sollte der Bund drei Millionen übernehmen. Ein überschaubares Projekt mit wenig Risiken.

Politische Wechsel - Ergebnis KeinBau

Von 1991 bis 2000 stellte die SPD den Göttinger Bürgermeister und regierte im Land Niedersachsen. Ab 8. Februar 2000 bis 31. Oktober 2006 folgte in Göttingen ein Bürgermeister der CDU und mit den Landtagswahlen im Jahr 2003 endeten lange Jahre der SPD-Herrschaft, neuer Ministerpräsident wurde Christian Wulff mit seiner Koalitionsregierung aus CDU und FDP. Im Herbst 2006 wurde dann in Göttingen wieder ein Bürgermeister der SPD gewählt und bei den Landtagswahlen 2008 die Regierung von Christian Wulff im Amt bestätigt.

Eindeutige Unterstützer, die eine Realisierung der Anbauplanung anstrebten, waren Gabriele Andretta (MdL SPD) und Thomas Oppermann (MdB SPD), leider jedoch ab 2003 nicht mehr in der richtigen, d.h. regierenden Partei.

  • Was genau geschah im entscheidenden Moment in den Jahren 2003 und 2004, als die Planung nur noch umzusetzen war?
  • Warum scheiterte das Projekt in der Amtszeit des CDU-Wissenschaftsminister Lutz Stratmann?

Auf den 21. Juli 2006 datierte ein kleine Anfrage von Gabriele Andretta im Niedersächsischen Landtag, die das Ergebnis feststellte: "Mit dem Regierungswechsel wurde das bereits baureife Vorhaben von Minister Stratmann auf Eis gelegt und der dringend notwendige Umbau bis heute nicht in Angriff genommen."

Eine Begründung für den stillen Tod des Projektes wurde nicht geliefert, aber ein neues Konzept.

Quai Branly an der Leine

Von der Seine an die Leine, die Eröffnung des Pariser Musée du quai Branly am 20. Juni 2006 brachte eine neue Idee: die CDU wollte ein ethnologisches Landesmuseum. Die Göttinger CDU-Landtagsabgeordneten Harald Noack und Fritz Güntzler waren Vorreiter und "Wissenschaftsminister Lutz Stratmann zeigt sich sehr aufgeschlossen", berichtete das Göttinger Tageblatt vom 30. Juni 2006. Im Gespräch war nicht mehr der Traditionsstandort Theaterplatz, sondern das Alte Auditorium an der Weender Strasse. Die drei ethnografischen Sammlungen in Oldenburg, Göttingen und Hannover sollten an diesem Standort zusammengefasst werden, betroffen waren die Göttinger Universität als Eigentümer der Sammlung, das ethnologische Institut, das Niedersächsiche Landesmuseum in Hannover und das Landesmuseum für Natur und Mensch in Oldenburg. "Als Vorbild dient den beiden Politikern das gerade in Paris eröffnete Musee du Quai Branly, das rund 235 Millionen Euro kostete. finanziert werden solle mit Fördergeldern des Europäischen Strukturfonds."

Die Zusammenlegung hätte einen Bestand von 40.000 bis 50.000 Objekten ergeben. Ein ambitioniertes Projekt, mit dem wesentlichen Mangel, daß die Betroffenen und Beteiligten nicht mitgestaltend einbezogen waren, teilweise nicht einmal informiert. So war z.B.der Freundeskreis des Hannoveraner Museums massiv gegen das Projekt. Verständlich, denn Museumsstandorte dieser Grösse sind gewachsener Teil der Stadtgeschichte, es gibt Personen und Familien, die Stücke gestiftet haben, damit diese in der Stadt bleiben und ausgestellt werden.

In den nächsten Jahren stellte ein, vom Göttinger Institut und der Universität beauftragter, Architekt fest, daß die Umbaukosten bei 50 bis 60 Millionen Euro liegen könnten und der geplante Standort ungünstig sei. Die Umzugskosten von drei Sammlungen waren bei den Berechnungen noch nicht einmal einbezogen. Das Projekt "quai Branly-Niedersachsen" entwickelte ein Kostenvolumen, daß die Initiatoren schwindeln ließ und so verschwand es still und leise in den Wirren des Jahres 2008.

Heutiger Stand

MiPrä Wulff erklärte im Juni 2009 in Göttingen anlässlich eines Besuches, daß der Museumsbau "in die Kategorie dessen gehörten, was verwirklicht werden muss" (Göttinger Tageblatt, 27. Juni 2009). Sprachs, wurde BuPrä und entschwebte höheren Ortes.

2010 versicherte der niedersächsische Kulturminister Bernd Althusmann während der Haushaltsberatungen, daß an den Plänen für ein ethnologisches Landesmuseum in Göttingen festgehalten werde, in einem Gebäude der Zoologie am Bahnhof. Nanu, was denn? Wo das denn? Schon wieder ein anderer Bau?

Aber auch diese Planung ist schon wieder von gestern.

Möglicherweise steht jetzt die Anbaulösung der 00er Jahre wieder zur Diskussion. Das Baumanagement der Stadt Göttingen beschäftigt sich mit dem Projekt und ein jüngerer Mitarbeiter hatte die kreative Idee einer entscheidenden Abwandlung der ursprünglichen Planung. Statt Ausstellung und Lehrbetrieb in beiden Gebäuden zu vermischen, könnte der Altbau nur durch das Institut genutzt werden und im neuen Anbau die Ausstellungsflächen (1.000 qm) entstehen.

Fünfzehn Jahre des Planens sind eine lange Zeit. Aber es sind, wie bereits schon einmal geschrieben, keine Picassos, Cranachs, Dürers, Michelangelos, sondern nur ausser-europäisches Weltkulturerbe. Von der Empörung der Göttinger, der Niedersachsen, der Deutschen, der Welt, über das jahrzehntelange Versagen der verantwortlichen Landespolitiker ist bisher nichts bekannt.

Seit 1. November 2006 heisst der Göttinger Bürgermeister Wolfgang Meyer (SPD) und im Land Niedersachsen ist seit 2010 David McAllister Ministerpräsident (CDU). Die Konstellation klingt nicht allzu vielversprechend.

TRADITION

In der Stadt meiner Ur-, Groß- und Eltern hat mich dieses Museum einige wenige Male in meiner Kindheit, vorwiegend an regnerischen Tagen, beherbergt. Es war kein gewöhnliches Museum, das einfach so besucht werden konnte, sondern ein besonderes Ereignis: nur an einem Sonntag von 10.00 bis 13.00 geöffnet. In meiner Familie gehörte zur mündlichen Überlieferung, daß dies schon immer so gewesen sei. Statt Kirche ins Museum. Bereits Opa und Oma seien dort Sonntags ab und zu gewesen, um sich Ausflüge in die weite Welt zu ermöglichen. Bis heute hat sich nichts geändert. Die Öffnungszeiten sind gleich geblieben, wie meine 86jährige Tante bei einem gemeinsamen Besuch im Juli 2011 befriedigt feststellte. Hier lebt Tradition! Nur der Ausstellungsbereich sei kleiner geworden, stellte sie missbilligend fest. Wenn das so weitergehe, sei hier schon in 100 Jahren gar nichts mehr zu sehen.

Verfasser: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

NEUBAU, ANBAU, UMBAU, KEINBAU-Ethnologische Sammlung der Universität Göttingen; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/304-neubau-anbau-umbau-keinbau-ethnologische-sammlung-der-universitaet-goettingen

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Dr. Andreas Schlothauer

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