In meiner bescheidenen Sammlung afrikanischer Kunstgegenstände fühlt sich seit vielen Jahren eine unscheinbare, kleine, aus Holz geschnitzte Statue aus dem tiefen Süden des westafrikanischen Landes Burkina Faso, unter zahlreichen Brüdern und Schwestern ähnlicher Art, sichtlich wohl. Sie stammt vom Mythen umwobenen Volk der Lobi, das auch für ihre Schnitzkunst weltweites Ansehen genießt.

Das Figürchen steht gemütlich an die Wand gelehnt. Ich habe es nicht auf einen hölzernen Sockel geschraubt, es hätte mir weh getan, es zu beschädigen und frei stehend würde es bei jedem Luftzug ein bisschen unruhig herumwackeln, das wollte ich ihm ersparen. Es hätte ihren Platz lieber auf weichem Sandboden, das spüre ich, aber ich kann doch nicht mein Wohnzimmer deswegen mit Sand auffüllen, aus Afrika womöglich noch, das ginge dann doch etwas zu weit. Da muss es schon ein Zugeständnis ertragen und sich mit dem glatten Regalbrett begnügen. Aber dafür darf es ja bei mir sein und sich schließlich zu seiner eigenen Bequemlichkeit lässig an die Wand lehnen und wird von mir mit Respekt gehegt und gepflegt.

Es beansprucht seinen ganz eigenen Standplatz und jedes Mal, wenn ich es in die Hand nehme, sagt es mir, dass es dorthin irgendwann wieder zurück möchte, genau an die vorgesehene Stelle, um schützend auf mich weiterhin hernieder schauen zu können. Denn es begleitet mich des öfteren, darf mit mir ausgehen, dabei sein, wenn ich selbst irgendwo in Sachen « Afrika » unterwegs bin. Ich spüre, wie es verlangt mitzukommen und teilzunehmen an den Themen, die sich so oft bei mir um seine ursprüngliche Heimat drehen.

Als beschützende Reisebegleitung ist die kleine Statue mir einst bestimmt worden. Es wurde ihr zur Aufgabe und mir zur Freude gemacht, während all meiner Reisen behütend für mich da zu sein, mich immer wohlbehalten an Ort und Stelle zu bringen und vor allem, mich möglichst bald wieder nach Afrika in ihre ursprüngliche und meine zweite Heimat zu begleiten – so lautete ihr Auftrag, den sie in ihrem Heimatdorf im Lobi-Land erhalten hatte, als sie zu mir kam – doch dazu später. Und natürlich achte ich diesen Auftrag und bin überzeugt, er erfüllt sich ständig. An meinem Wunsch öfter nach Afrika zu reisen, hat sie noch zu arbeiten, denn das ermöglicht sich mir leider trotz jährlicher Fahrten immer noch zu selten, ich kann da kaum genug kriegen; aber sie kann an der Erfüllung meiner Träume fleißig mithelfen, ich gebe der kleinen Lobi-Figur geduldig ihre Chancen.

Sie wurde aus sehr hartem Holz geschnitzt, sollte sie doch in ihrem künftigen Leben etwas aushalten, im täglichen Gebrauch und wenn sie mich auf meinen Reisen begleitet. Die Darstellung entspricht der charakteristischen der Lobi-Schnitzer, weist alle «klassischen» Erkennungsmerkmale auf, die eine Statue des Volkes der Lobi typisieren und hat eine Höhe von nur 21 Zentimetern. Man kann nicht exakt zuschreiben, ob sie weiblich oder ein Junge ist. Zwar trägt sie kleine spitze Brüste frech, wie ein sich gerade zur Frau entwickelndes Mädchen, aber wie so oft in der Darstellung der Lobi-Schnitzer hat man ihr die Hände beschämt vor das den Unterschied deutlich machende Geschlechtsteil gelegt, das sie schamvoll verdeckt und uns im Zweifel lässt über ihr Figuren-Geschlecht.

Charakteristisch für die Kunst der Lobi-Schnitzer ist ein fein ausgearbeiteter Kopf mit dem klassischen, alle Gelassenheit der Lobi- Welt dokumentierenden Schmollmund und einem, Perücken ähnlichen, Haaransatz in Bubikopf-Form. Die Ohren sind ein bisschen tief herabgerutscht, sie bilden die Verlängerung des Unterkiefers und man könnte sich Sorgen machen, dass die in jedem Augenblick vom Kopf abfallen.

Meinem kleinen Beschützer fehlt fast jegliche Patina. Die selbsternannten Kenner der Afrikanischen Kunst werden ihr absprechen, dass sie jemals im Ritus gebraucht wurde, wie die es nennen, wenn sie ein Kriterium brauchen, um einen selbstbestimmten Echtheitswert festzulegen. Es ist nicht erforderlich, beim Betrachten weiße Handschuhe zu tragen, wie dies der ein oder andere selbsternannte Kunstexperte so häufig besserwisserisch demonstriert. Keinerlei Opferspuren sind zu erkennen, nicht einmal neben einem Termitenbau ist sie gelegen, wo man doch durch Anfraß durch die gierigen Tierchen wenigstens ein höheres Alter vortäuschen hätte können und damit einen gesteigerten Marktwert. Auch in Eselsmist scheint sie niemals vergraben gewesen zu sein, oder ein bisschen mit Urin oder Motorenöl oder Batteriesäure ist sie nicht gealtert worden. Nein, all dies hat dieser kleine Reisebegleiter nicht.

Ein Aufschrei wird deshalb unter den «ich nehme nur masterpieces – alles andere ist Schrott und gehört nicht einmal auf den Flohmarkt»-Sammlern zu hören sein, wenn sie die kleine Figur betrachten müssen, nach dem Motto, "schmeiß weg, das Trumm; es ist eine Beleidigung für mein Expertenwissen, so was zeigt man doch nicht her!" Dabei zahlen diese «Sammler ihrer Eitelkeit» oft für ihre eigenen Stücke nur deshalb unerhört hohe Kaufpreise, nachdem sie die Stücke vorher untereinander hin und her verkauft haben, aus dem einzigen Grund, dass damit eine ausreichende, pseudo-namhafte Provenienz künstlich geschaffen wird, um sich vor anderen hervorzutun. Mit dem so künstlich und unlauter erschaffenen und gesteigerten Wert des zur wahren Kunst hoch-stilisierten Schnitzwerks, gaukeln sie sich dann ein meist nicht vorhandenes Hintergrundwissen vor, glänzen vor anderen mit Hinweisen wie etwa, dass ihr Stück "wahrscheinlich" das einzig bisher bekannte dieser Art sei. Da wird dann kühn behauptet, dass bei dem anderen Schrott, die Nase oder der Mund falsch wären, als ob bei einer afrikanische Volksgruppe jemals nach Schablone Masken oder Figuren für den zeremoniellen Gebrauch geschnitzt worden wären. Selbst in Auktionskatalogen sind solch verdummende Hinweise häufig zu finden. Während diese Ignoranten afrikanischen Schnitzerkönnens sonst verbissen auf die Einzigartigkeit ihrer besonderen Stücke achten, zählt das Kriterium nicht mehr, wenn es darum geht, seine eigene Überlegenheit zur Schau zu stellen. Da knallt man dann seinem Sammlerkollegen schon mal hochnäsig vor den Kopf, dass es sich bei dessen Stück doch nur um ein «fake» handeln kann und ist bereit, aggressiv darum zu streiten, und dies alles nur, um das eigene übersteigerte Ego zu befriedigen.

Was reg ich mich unnötig auf? Ich liebe meine kleine Figur, sie ist mein persönliches «master-piece» und in meinem persönlich Ritus täglich angewandt, hochgeschätzt und in Ehren gehalten.

Und jetzt kommt´s, sie hat einen ganz besonderen, einzigartigen Lebenslauf hinter sich, den sie mit keinem anderen Stück auf dieser Erde gemeinsam hat, der wohl nur höchst selten einer der Statuen in hochqualifizierten Sammlungen zu eigen ist, und ich hoffe, es haut die oben abgekanzelten Sammlertypen jetzt nicht von ihren teuer erkauften und künstlich aufgeständerten Yoruba-Fragment-Hockern:

Meine kleine unscheinbare Figur hat nämlich ihre ursprüngliche Heimat Afrika mit mir zusammen nach fünfzehn Jahren in der Diaspora bei mir, ein zweites Mal besuchen dürfen; und von welcher Sammlungsfigur kann man das schon nachweisen.

Bereits während unserer ersten gemeinsamen Reise, bei der sie mich begleitete, durfte sie gegen Ende sogar Timbuktu besuchen, die magische Stadt am Rande der großen Wüste. Meiner kleinen Lobi-Statue scheint die Reise gut bekommen zu sein, sie hatte die leicht rötliche Farbe Afrikas angenommen, Rouge aufgelegt quasi und mich, wie ich noch berichten werde, auftragsgemäß gut beschützt und ich meine, sie schaut seitdem noch zufriedener drein. Bei ihrer Heimkehr nach langer Abwesenheit, wurde sie noch ein Stück weit afrikanischer, durch das Sonnenlicht stärker getönt, und auch den Auftrag erfüllte sie mir sehr gut, leider half sie meinem Freund Albert, der schwer erkrankte; nicht, aber sie war ja für mich bestimmt.

Jetzt aber zur Geschichte der Heimkehr:

Im Dezember 1993 war ich kreuz und quer in Burkina Faso unterwegs, dem kleinen Land im Herzen Westafrikas, das ich seit vielen Jahren regelmäßig bereiste. Bei den freundlichen Bewohnern in dem armen Land fühle ich mich äußerst wohl und hatte übers Land verteilt zahlreiche Freundschaften geschlossen, die mich besonders mit Albert Kabouré verbanden, mit dem ich bei jeder Reise unterwegs war. Er gehört zum Volk der Mossi, war christlich getauft, mit Madame Hedwig glücklich verheiratet, die ein strenges Regiment führte, was auch nötig war, um den lustigen Hansdampf in allen Gassen unter Kontrolle zu halten. Alberi, wie ich ihn nannte, hatte niemals Lesen und Schreiben lernen dürfen, sprach aber zwölf landesübliche Sprachen, konnte sich an jede Wegkreuzung erinnern, die wir beide jemals befahren hatten, zerlegte einen Automotor mit ein paar Handgriffen, wusste es, aus dem Wenigen, das wir als Verpflegung unterwegs einkaufen konnten, Köstliches zu kochen. Es ist mir fast peinlich, zu berichten, dass er mich heute noch immer siezt und ich ihm das einfach nicht austreiben kann, « Das ist mein Respekt vor dir, Monsieur Walter( !) » sagt er dann in so einem Augenblick schelmisch grinsend – und siezt mich weiter. Er fürchtet sich fürchterlich vor Hunden und Schmetterlingen und vor Uniformierten natürlich. Als einmal unmittelbar vor uns eine Herde Elefanten aus dem dichten Tropenwald brach, kurbelte er schnellstmöglich das Fenster des Autos in die Höhe und meinte, als ich fragte, warum das denn jetzt in der größten Tageshitze nötig sei, « ja, Monsieur Walter, die Elefanten könnten doch gefährlich sein ».

Mitte Januar waren in Ouagadougou Freunde zugestiegen, mit denen ich zu den Lobi im Süden von Burkina Faso reisen wollte. Wir waren schon zwei Wochen unterwegs, weit abseits der Hauptpisten, die halbwegs gut zu befahren gewesen wären, wir wollten jedoch so tief wie möglich ins Lobi-Land vordringen. Mit Mühe hatten wir den Mahoun durchquert, einen der drei Volta-Flüsse, die dem Land einst – Obervolta – ihren Namen gegeben hatten, bis man es dann in den sechziger Jahren in Burkina Faso, «Das Land der Gerechten» umbenannt hatte. Wir fuhren einen LandRover, rechtsgesteuert, Baujahr 1949, eine Automobil-Rarität, die ob der schwachen PSZahlen oft erhebliche Mühe hatte, das Steilufer eines Trockentals zu erklimmen, dessen Batterie immer mal wieder den Geist aufgab, und ab und zu verlor das Fahrzeug auch schon mal die ein oder andere Schraube. Dass der Anlasser meist nicht funktionierte, nahmen wir gelassen als Unabänderlichkeit mit afrikanischer Geduld hin.

Wir schlugen Meter hohes Elefantengras ab, als wir gewundenen Fußpfaden folgten, hieben Büsche und Bäume um und mussten mit Brückenbau die ein oder andere Bodensenke überwinden. Wir fragten uns von Gehöft zu Gehöft durch, wobei man da ganz geschickt sein musste, denn es wäre für die Einheimischen eine nicht zu entschuldigende Unhöflichkeit gewesen, eine Frage mit "nein" zu beantworten; es lag also am Geschick des Fragenden, auch eine passende Antwort zu erhalten.

Wir hatten uns mehrfach in Sackgassen verfahren und waren unverhofft mitten in eine Forschungsarbeit über die Ausbreitung der Tsetse-Fliege geplatzt, was bei den Herren Forschenden keine große Freude aufkommen ließ und wir uns schleunigst wieder aus dem Waldstück entfernten.

Ich wechselte mich mit Alberi als Fahrer ab. Heute war er an der Reihe, als wir die Polizeikontrolle in Gaoua, der größten Stadt im Süden des Landes erreichten. In jenen Tagen konnte man Burkina Faso nur dann mit Genuss bereisen, wenn man damit klar kam, dass fast unter jedem Baum des Landes ein Uniformierter herumlungerte. Es konnten dies Tagediebe von der Police, der Gendarmerie, der Douane, vom Militär, von irgendwelchen Dorfchefs, von zivil gekleideten Polizisten oder anderen, nicht näher zu identifizierende Wegelagerer sein. Und wehe, man fuhr auch nur einen Meter an dem meist dahindösenden Ordnungshüter vorbei, dann gellten schrille Pfiffe durch den Busch, dass man freiwillig zurücksetzte, und wenn nicht, schwangen sie sich auf blaue Gilera-Motoräder, die seinerzeit gerade der Entwicklungshilfe-Hit aus Italien waren, und dann wurde es teuer.

Wir hielten also auf einer Sandpiste, die auf einem hohen Damm durch ein Schwemmgebiet führte korrekt neben einer drei Meter hohen Eisenstange an, auf dem ein verrostetes Verkehrsschild kaum leserlich zum Stop aufforderte.

Albert nahm die Fahrzeugpapiere und marschierte los, die Sorge vor den üblichen Schikanen war ihm ins Gesicht geschrieben. « Mit denen hatte ich schon mal Probleme, » gab er sein ungutes Gefühl kund. Aber es gab keinen Grund zur Sorge, denn die Fahrzeuge und ihre Papiere waren bei mir, für afrikanische Verhältnisse sensationell, immer perfekt. Zwei Polizisten lungerten vor der Wachstation in zerfletterten Eisengestellen, die mit bunten Plastikleinen bespannt waren. Alberi näherte sich demütigst, wurde nach kurzem Palaver mit Handschlag ins Polizeibüro befohlen. Es war 11.45 Uhr und wir warteten geduldig nach dem Motto: Zeige einem afrikanischen Polizisten niemals, dass du in Eile bist, sonst lässt er dich bis zum Sankt Nimmerleinstag stehen, um damit seine Bedeutung und deine Abhängigkeit von seinem Wohlwollen zu demonstrieren. Wir saßen im Auto, man sollte bei derartigen Schikanen immer parat sein, denn wenn man sich nur einen Schritt entfernte, kommt immer einer daher, der etwas von einem will.

Trotzdem dauerte die Sache schon eine halbe Stunde. Anfangs hörte ich nichts, später Gemurmel aus der Hütte, dann wurde es immer lauter, vor allem Alberi schien außer sich zu sein und tobte immer heftiger. Plötzlich kehrte er wutschnaubend zum Auto zurück. « Die Banditen haben nichts zum Bestrafen gefunden, jetzt wollen sie den Verbandskasten und den Feuerlöscher sehen. Die brauchen Geld fürs Mittagessen, » schrie Alberi so laut, dass sie es auch in der Wache hören mussten. « Geh´nur, kein Problem, » ermunterte ich meinen Freund, « die werden auch da nichts finden, und wenn´s kritisch wird, helf´ ich dir schon. » Wie soll ich Ihnen erklären, wie absurd es in Afrika zu jener Zeit war, einen Autofahrer nach Feuerlöscher und Verbandkasten zu fragen, das hätte dort vor Lachen jeden Kraftfahrer an den nächsten Baum krachen lassen, so ungewöhnlich war diese Kontrolle. Es langte im allgemeinen, wenn ein Auto nicht im Kontrollbereich einer Polizeistation vor deren Augen zusammenbrach, um die Bescheinigung eines einwandfreien technischen Zustandes zu erhalten. Die brauchten wirklich Geld, die armen Staatsdiener in Uniform.

Albert trottete erregt davon und wir warteten wieder eine zeitlang. Die Diskussionen arteten in wütendes Geschrei aus und ich machte mir Sorgen um Alberi.

Jetzt hielt ich es für erforderlich, meinem Freund zu Hilfe zu eilen, was immer da drinnen bei den Kontrolleuren auch los sei. Mit überzogener Lässigkeit schlenderte ich ins Büro, begrüßte jede der Uniformen freundlich mit Handschlag und fragte Alberi was denn los sei. Der war außer sich, « Ich soll Strafe zahlen, weil keine Aspirin- Tabletten im Verbandskasten sind, das ist die reinste Schikane » tobte Albert vor Wut und hilflos den Perversitäten der Macht ausgeliefert.

Ich hatte mir während meiner zahlreichen Reisen durch die Länder Afrikas (z.B. 127 Kontrollen während einer Reise durch Kamerun- Nigeria-Niger-Benin-Togo) eine der afrikanischen Stärken zu Eigen gemacht: « Bleibe ruhig, reg dich nicht auf, versuche nichts zu ändern, das nicht zu ändern ist, es wird sich alles regeln lassen. Der Herr hat uns die Zeit geschenkt, von Eile hat er nichts gesagt. »

Alberi war in seinen traumatischen Angstzuständen vor Uniformen gefangen; ich musste ihn aus der Schusslinie nehmen, damit ihm nicht noch eine unüberlegte Dummheit widerfahren würde und schickte ihn los, Aspirin-Tabletten zu holen, die ich immer parat habe, weil nach denen in Afrika praktisch Jedermann und Jedefrau bei jedem Halt fragen.

Die Uniformen ruhten in sich, ließen sich von Alberi nicht anstecken, was erstaunlich, aber nichts desto weniger angenehm war. Die Voraussetzungen für erfolgreiche Verhandlungen schienen günstig.

Ich erklärte, dass ich sehr wohl wisse, dass in keinem afrikanischen Verbandskasten, wie auch in sämtlichen Verbandskästen auf der ganzen Welt, das Mitführen von Kopfschmerz-Tabletten Pflicht wäre, dass wir ihnen aber gerne von unserem Vorrat aus dem privaten Medizinkästchen welche abgebe würden, wenn diese denn tatsächlich gebraucht würden, « was mich allerdings bei eurem schwierigen Job nicht wundert, » fügte ich noch lächelnd hinzu. Einer der Polizisten, er hatte im Gegensatz zu seinem Kollegen, gelbe Rangabzeichen auf der schäbigen Uniformjacke, an der dafür zwei Knöpfe fehlten, schmunzelte auch und klatschte mit mir ab, wie mit einem alten Kameraden. « Aber Strafe muss dennoch sein, » bestand er auf seiner Machtdemonstration. Ich fand das jetzt schon ein bisschen dreist, und entgegnete: « Sag´ doch einfach, dass es jetzt Mittagszeit ist und ihr was Anständiges zu essen braucht, dann spendier ich euch das und ihr könnt damit angeben, dass ihr uns eine Strafe abgenommen habt, ich hab da kein Problem damit. » - Und so geschah es dann auch. Ich zahlte 1500 CFA-Francs, seinerzeit etwa 4.50 DM und wir gingen als Freunde auseinander, bis auf Alberi, der konnte sich immer noch nicht beruhigen und wollte die Polizisten bei nächster Gelegenheit alle umbringen, diese Verbrecher.

Die Angelegenheit war aber noch nicht ganz zu Ende: Alberi ließ sich ins Auto fallen, knallte die Tür ins Schloss. «Schnell weg jetzt,» ereiferte er sich nochmals, « sonst lassen sich diese Banditen noch eine Unverschämtheit einfallen. » In diesem ungesunden Erregungszustand sollte man eigentlich kein Auto steuern, aber Alberi wollte nur weg, ab in den Busch, damit er keinen von den Wegelagerern jemals mehr zu Gesicht bekäme. Er startete den Motor, riss versehentlich den Rückwärtsgang ein, dass das sowieso schon geschundene Getriebe verzweifelt aufheulte, und mit einem Raketenstart preschte er nach Hinten los – und fuhr mit fürchterlichem Krachen das wichtigste Verkehrsschild der Region, das Halte-Schild für die Polizeikontrolle, dermaßen platt, dass nur mehr die Oberkante des Schildes unter der hinteren Stoßstange hervorragte.

« Um Himmels Willen, Albert, » konnte ich vor Lachen kaum mehr herausbringen, « was hast du denn jetzt angestellt, jetzt sperren sie dich endgültig ein! » Albert war bedient. Natürlich kamen auch die Polizisten aus ihrer Räuberhöhle und Alberi versank schier im Autositz. Aber die schauten nur kurz zu uns her, waren offensichtlich ob des gesicherten Mittagessens so zufrieden, dass sie uns überraschender Weise zuwinkten und uns gute Weiterfahrt wünschten. Es geschehen Dinge in Afrika, da kannst du dich nur wundern.

Zwei Jahre später traf ich einen der beiden Wegelagerer zufällig bei den Ruinen von Loropéni wieder, natürlich bei einer Kontrolle. Ich erkannte ihn nicht sofort, aber er mich, und mit breitem Grinsen nahm er mich in die ausgebreiteten Arme und bedankte sich lachend für meine damalige Rettung vor seinem Hungertod; eine Kontrolle des Fahrzeugs oder gar des Verbandkastens fand dieses Mal nicht statt. Auch Aspirin-Tabletten, die ich ihm anbot, lehnte er, sich kugelnd vor Lachen, ab. «Ich bin inzwischen befördert worden, » gluckste es aus ihm heraus, «ich kann sie mir jetzt selber leisten.»

Das ist ein Stück aus Afrika, wie ich es so sehr liebe.

Die Verzögerung bei der Polizei, die doch mehr als eine Stunde in Anspruch genommen hatte, führte dazu, dass ich unpünktlich zu meiner Verabredung mit meiner langjährigen, immer freundlichen Bekannten Claire kam, der Prinzessin und Tochter des amtierenden Naaba der Gan von Obiré, die das kleine aber liebevoll gestaltete und engagiert betreute Musée du Poni leitet, in dem Kultur- und Gebrauchsgegenstände der Region Süd-West ausgestellt sind. Aber auch das ist in Afrika keine Affäre, denn pünktliches Erscheinen gilt als unhöflich, könnte doch der Gastgeber sich selbst mit den Vorbereitungen immer ein bisschen verspätet haben.

FORTSETZUNG FOLGT (Teil 2)

BILDLEGENDE

DIE FOTOS VOM JANUAR 2009 ZEIGEN DAS GEHÖFT EINES LOBI-WEISEN IN KAQUÈRÉ BEI KAMPTI, INZWISCHEN NATIONALES KULTURDENKMAL, DEN DER AUTOR SCHON SEIT VIELEN JAHREN IMMER WIEDER BESUCHT.

Verfasser: Walter Egeter

Vielen Dank an Walter Egeter.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

EIN LOBI KEHRT HEIM - Teil 1; Walter Egeter; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/306-ein-lobi-kehrt-heim-teil-1

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Autor
Walter Egeter

Walter Egeter

Stand 2012: Geb. 1947 in Weiden(Oberpfalz). Seit 1970 München. Im Ruhestand. Seit 1982 leidenschaftlicher Afrikareisender.

"In bisher 35 Reisen habe ich die Hälfte der Länder Afrikas besucht und dabei ca. 130 000 Kilometer mit Fahrzeugen aller Art und etwa 3000 Kilometer zu Fuß in der Sahara mit Kamel- und Eselkarawanen zurückgelegt ... Ich fördere privat Projekte in Afrika, insbesondere die Grundschule von Koussiri/Nouna  in Burkina Faso sowie die Optische Station der Augenklinik in Nouna..."

Referenten-Tätigkeit an Projekttagen an Schulen, Thema „Kinder in Afrika“:

"Herr Egeter bietet an, an bayerischen Schulen mittels persönlicher Berichte zum Thema zu referieren und dabei auch entsprechende Gegenstände (Spielzeug aus Abfall, Gebrauchsgegenstände aus dem Lebensbereich afrikanischer Kinder) zu präsentieren. Daneben werden von ihm auch Großfotos und Info-Tafeln sowie Reisegeschichten, Expeditionsberichte und Dia-Geschichten angeboten." (Kontaktbrief Geographie 2008 - Langfassung, Seite 11; ISB - Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung München; http://www.isb.bayern.de/isb/download.aspx?DownloadFileID=59014fbf41d7155bc688f583654d4783)

Mehr: ANGEBOT_Schulen_Projekttage_Kinder-in-Afrika_Walter-Egeter_2015.pdf