Henning Christoph, Jahrgang 1944,und geboren in Grimma bei Leipzig, ist Ethnologe, Fotograf, Filmemacher, Buchautor, Museumsgründer und lebt in Essen.1950 zog die Familie nach Amerika. Fasziniert von den Tarzan-Filmen (Johnny Weissmüller) und Reiseberichten, interessierte er sich schon als Jugendlicher für Afrika. Dem Studium der Ethnologie und Journalistik an der University of Maryland (USA), von 1962 bis 1967, folgte das Studium der Fotografie an der Essener Folkwang-Schule von 1967 bis 1969. Ab 1969 war er freischaffender Fotojournalist und reiste u.a. für verschiedene Hilfswerke nach Afrika. Ab 1978 bis 1993 Jahre arbeitete er 15 Jahre als Vertragsfotograf für die Zeitschrift GEO, aber auch für Life National Geographic, Newsweek, New York Times, Figaro und Stern; sechs seiner Reportagen wurden mit World-Press-Preisen ausgezeichnet.

Seine erste Afrika-Reise führte ihn 1968 nach Ghana, weitere Reisen folgten z.B. nach Benin, Äthiopien, Togo, Burkina Faso, Niger, Kamerun und Nigeria, Viele diese Reisen hat er selbst finanziert, häufig war er nach den Reisen finanziell unterhalb des Nullpunktes.

Chronist des Voodoo

Einer der GEO-Aufträge führte ihn 1985 nach Benin, dort lernte er erstmals den Voodoo-Glauben kennen. Als er abends bei einem französischen Missionar in Lac Nokuoue saß, hörte er Trommeln in der Ferne. Auf seine Nachfrage bekreuzigte sich der Missionar und sagte etwas von "Teufel". Als Henning Christoph sich trotzdem neugierig dem Versammlungslatz der Trommelnden näherte, konnte er zwar aus der Ferne die schemenhaft tanzenden Gestalten sehen, wurde aber abgewiesen. Sein Interesse war geweckt und das Thema der folgenen Jahrzehnte entdeckt: Voodoo. Da es ihn schon lange gestört hatte, daß er "immer nur am Rande Kulturen sehen konnte" und "einmal ein Thema richtig in der Tiefe behandeln" wollte, nutzte er eine Anfrage der UNESCO, die damals Benin als Land beEiner der GEO-Aufträge führte ihn 1985 nach Benin, dort lernte er erstmals den Voodoo-Glauben kennen. Als er abends bei einem französischen Missionar in Lac Nokuoue saß, hörte er Trommeln in der Ferne. Auf seine Nachfrage bekreuzigte sich der Missionar und sagte etwas von "Teufel". Als Henning Christoph sich trotzdem neugierig dem Versammlungslatz der Trommelnden näherte, konnte er zwar aus der Ferne die schemenhaft tanzenden Gestalten sehen, wurde aber abgewiesen. Sein Interesse war geweckt und das Thema der folgenen Jahrzehnte entdeckt: Voodoo. Da es ihn schon lange gestört hatte, daß er "immer nur am Rande Kulturen sehen konnte" und "einmal ein Thema richtig in der Tiefe behandeln" wollte, nutzte er eine Anfrage der UNESCO, die damals Benin als Land bekannter machen wollte, um sich Benin und dem Voodoo zu nähern.

Ein Ergebnis dieser intensiven Arbeit ist das Buch "Voodoo die Geheime Macht in Afrika" und"Soul of Africa"; die Fotos sind von Henning Christoph, die Texte überwiegend von den Ethnologen Klaus Müller und Ute Ritz-Müller. Im Jahr 1995 und 1999 erschienen, ist es inzwischen weltweit etwa 220.000 Mal verkauft und in viele Sprachen übersetzt worden, z.B. englisch, spanisch, französisch, schwedisch, italienisch, niederländisch, tschechisch. Ein neues Buch "Voodoo - die Kraft des Heilens" wird im September 2011 im Verlag Zweitausendeins erscheinen. Es ist das Buch zum gleichnamigen Dokumentarfilm (2010), der 2007 gedreht wurde und Voodoo in Benin thematisierte.

Sein zweiter Film "Magie and McDonalds" (2011) wird erstmals dieses Jahr beim Sundance-Festival in den USA gezeigt und kommt 2012 in deutsche Kinos. Dieser Film wurde in den USA, gemeinsam mit einem dortigen Voodoo-Priester gedreht, der auch den Film kommentiert. Der Name des Films ist ungewöhnlich und ist dem folgenden Erlebnis während der Dreharbeiten geschuldet. Der Priester hatte ein Sitzung mit einer Klientin, etwa zwei Kopf grösser als Henning und etwa doppelt so breit. Behandelt wurde in einem fahl erleuchteten Arbeitsraum mit schwarzen Wänden, eine davon mit einem roten Kreuz bemalt; im Raum stehend ein Regal voller Menschenschädel. Als der Priester einen schwarzen Hahn ergriff, diesen köpfte und den bluttropfenden Körper über der Patientin schwenkte, schwanden dieser die Sinne. Als Henning Christoph die massige Frau auf sich zufallen sah, war sein erster Reflex sie aufzufangen. Er stolperte rückwärts und hielt sich verzweifelt an dem Regal, das ebenfalls nachgab. In einem fallenden Regen von Schädeln, knallte er rückwärts auf den Boden, vollständig bedeckt von der bewußtlosen Klientin des Priesters. Ein gekeuchtes "Help!" war unhörbar, aber auch nicht nötig, seine Misere war offensichtlich. Die zwei, kräftigen, Leibwächter hatten zwar Mühe die beleibte Dame über ihm zu entfernen, aber Henning Christoph wurde unbeschadet geborgen. Zur Bewältigung des Schockes schickte der Priester einen seiner Leibwächter zu McDonalds; Hamburger und "Iced Cola" für ein gemeinsames Mahl am Küchentisch. Der Filmtitel war geboren.

Henning Christoph ist zu einem Chronisten des Voodoo geworden, er dokumentiert mit einem tiefen Verständnis, das nur über lange Jahre erwerbbar ist, weil ihm die Voodoo-Priester großes Vertrauen entgegenbrachten und entgegenbringen. Voodoo interpretiert er als uralten afrikanischen Glauben, der möglicherweise mehrere tausend Jahre alt ist.

Voodoo-Museum

Schon bei seinen ersten Reisen in Afrika hatte Henning Christoph Interesse für Skulpturen und sammelte; alle seine Stücke hat er in Afrika erworben. Hauptsächlich sind es Kraftfiguren und Gegenstände, die mit Heilung oder Orakel zu tun haben. Vieles ist von Priesterfamilien erworben oder wurde gekauft, wenn wieder einmal ein Dorf von einer christlichen oder islamischen Sekte missioniert wurde. Er hat in Benin viele Kontakte und wird in solchen Fällen häufig benachrichtigt.

Als im Essener Nachbarhaus Ende der 1990iger Jahre eine Zahnarztpraxis aufhörte, mietete er die vier Räume, um dort ein Voodoo- Museum einzurichten. Dieses könnte auch als großer Tempel betrachtet werden, zum Beispiel ist ein Mami Wata Altar im Museum aufgebaut. Ein aktiver Altar, der eigens angefertigt wurde. 41, die heilige Zahl des Voodoo, Figuren aus heiligem Holz über einen Zeitraum von sechs Jahren geschnitzt. Form und Figur wurden dem Priester in Träumen angekündigt. In den sechs Jahren musste Henning Christoph etliche Male nach Benin reisen, eine erhebliche physische und psychische Belastung, zwei Autos hat er in dieser Zeit in Afrika zu Schrott gefahren.

Im Jahr 1999 wurde der Altar durch den Voodoo-Priester in Essen eingeweiht. Natürlich kam dieser nicht allein. Mit ihm reisten 22 Frauen, drei Helfer und drei Trommler zunächst zu sechs verschiedenen Flüssen. An Rhein, Elbe, Donau, Isar, Weser und Neckar wurden während sechs Wochen Zeremonien abgehalten. Da der Unterhalt in den Großstädten zu teuer gewesen wäre, fanden die Besuche in der deutschen Provinz statt. Voodoo-Zeremonien mit Trance und Trommeln, skurille Begegnungen und für die örtliche Bevölkerung sicher ein Jahrhundertereignis. Als die Gruppe endlich in Essen ankam, war jeden Tag eine Prozession vom Altar zu fliessendem Wasser notwendig. Ein Springbrunnen in der Stadtmitte wurde erwählt und jeden Tag zog eine Prozession, teilweise in Trance, durch die Fussgängerstrasse der Großstadt. Die Menschen waren fasziniert und tolerierten das fremde, religiöse Ereignis.

Angefangen vom komplizierten bürokratischen Hindernislauf, um die notwendigen Aufenthaltsgenehmigungen vom Ausländeramt zu erhalten, der langwierigen und teuren Herstellung der Figuren, den immensen Reise- und Aufenthaltskosten der afrikanischen Besucher, ist es nicht verwunderlich, daß am Ende das Geld weg war und Henning Christoph sein Haus verkaufen musste.

Im Jahr 2001 wurde der Mami Wata Altar im Kunstpalast während der Ausstellung "Altäre der Welt" gezeigt. Auch dies war schwierig, denn immer ist es ein Priester, der den Altar abbauen, transportieren und aufbauen muß. Heute ist der Mami Wata Altar ein Kernstück des "Soul of Africa" Museums in Essen-Rüttenscheid, direkt neben dem Raum mit Figuren und Gegenständen zum Thema "Magie, Heilung und Schutz".

In den anderen Räumen sind die thematischen Schwerpunkte: Zwillinge, Egungun (Ahnenmasken der Yoruba), Gelede-Masken der Yoruba, Asen (Ahnenaltäre), Sklaverei und Voodoo auf Haiti. Sehr spannend in einem Nebenraum die Gorillamasken von Geheimgesellschaften der Fong, eines Ewondo(Yaunde)-sprachigen Volkes im südlichen Kamerun. Vor sechs Jahren konnte Henning Christoph bei einem Besuch eine der, bisher unbekannten, Zeremonien fotografieren.

Die Öffnungszeiten sind Donnerstag bis Sonntag. Viele Gruppen, z.B. Schulklassen, Rentner, Ärzte, kommen auf Voranmeldung, die meisten mit Vorurteilen über Voodoo. Sie haben von Zombies gehört oder Puppen, die mit Nadeln gestochen werden. Wenn sie gehen, haben sie ein anderes Bild dieser Religion und von Afrika. Henning Christoph interessiert an dieser Arbeit, die er nie angestrebt hat, daß er auf diese Weise sehr direkt wirken kann. Zu fast allen Stücken kann er eine Geschichte erzählen. In den zehn Jahren des Bestehens ist das Museum ein wichtiger Teil der Essener Museumslandschaft geworden. Der neue Kulturdezernent Andreas Bohmheuer der Stadt Essen besuchte im Juli 2011 in Begleitung eines Düsseldorfer Landespolitikers das Museum. Vielleicht sind in der näheren Zukunft grössere Museumsräume möglich?

Kamerun

In den letzten Jahren war Henning Christoph viel in Kamerun, einerseits im Grasland in der Stadt Oku, wo er im Dezember 2010 mit der Initiation als Medizinmann begonnen hat, andererseits im südöstlichen Waldland bei den Baka-Pygmäen, die erheblichem Druck durch Abholzung ausgesetzt sind. Die abgebildete Bronze im Benin- Stil wurde in Foumban von dem Kameruner Bronzegiesser Ismail Putuenchi nach einem Foto hergestellt, der einer alten Bronzegiesserfamilie entstammt. Auch die Gorilla-Plastik, der Baum mit dem gekreuzigten Gorilla, ist vom gleichen Künstler. Die Herstellung dauerte acht Monate und ist eine neue Kreation des Bildhauers. Er hatte gemeinsam mit Henning Christoph eine Waisenstation von Gorillas besucht und sich anschliessend dem Thema künstlerisch genähert.

Den Namen Henning Christoph hörte ich erstmals von einem Freund (Eric Makin) im Jahr 2006. Etwas später habe ich das Buch "Soul of Africa" gelesen, mit vielen, beeindruckenden Fotos, auf denen mir die Nähe des Fotografen zu den Fotografierten besonders aufgefallen ist. Diese Intensität setzt Nähe und Vertrauen voraus. Für dieses Porträt habe ich in Essen das Soul of Africa-Museum besichtigt und kann einen Besuch nur empfehlen. Die selbst erlebten Geschichten beleuchten die Gegenstände aus einer Perspektive, wie sie in wenigen Ausstellungen vermittelt wird. Henning ist ein begeisterter Erzähler, allerdings auch ein interessierter Zuhörer. Ein unaufgeregter Mensch und wacher Geist mit der nötigen Zähigkeit sich in ein Thema hineinzuarbeiten. Der Kommentar eines afrikanischen Besuchers mag richtig sein: "Wer mit diesen (teils schützenden, teils gefährlichen) Gegenständen leben kann, so viele Götter um sich hat, muß selbst kräftig sein."

Museum Soul of Africa, Rüttenscheider Strasse 36, 45128 Essen

www.soul-of-africa.com

Verfasser: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

HENNING CHRISTOPH - Porträt; Dr. Andreas Schlothauer; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/307-henning-christoph-portraet

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Dr. Andreas Schlothauer

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