GEDANKEN UND ERINNERUNGEN EINES SAMMLERS lautet der Untertitel eines Buches über afrikanische Miniaturen, das Hans D. Rielau demnächst veröffentlichen will. Der Verfasser ist Sammler afrikanischer Kunst seit 1972 und gehört der "Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur e.V." seit 2002 an. Entsprechend dem Haupttitel "Afrikanische Miniaturen" werden ausschließlich Fotos von kleinen Masken und Figuren abgebildet. daneben enthält das Buch auch Texte in Form von gut fünfzig alphabetisch sortierten Stichworten zu Themen aus dem Bereich des Sammelns im Allgemeinen und der afrikanischen Kultur im Besonderen.

Diese Ausführungen sind teilweise sehr persönlich gehalten und vielfach das Ergebnis von zahlreichen Gesprächen, die der Autor im Rahmen unserer Tagungen mit anderen Mitgliedern geführt hat. Wir veröffentlichen nachstehend drei dieser Texte zu den Themen "Authentizität", "Fälschungen" und "Verfälschungen".

Authentizität

Von diesem Begriff gibt es verschiedene Definitionen. Ich benutze eine einfache, einleuchtende: ein Objekt ist dann authentisch, wenn es in Afrika stammestypisch für den Kult oder den Alltagsgebrauch hergestellt und danach in Kult oder Alltag gebraucht worden ist. Folgerichtig spricht man von einer Fälschung, wenn die Herstellung für Kult und Alltag und insbesondere auch der Gebrauch durch künstliche Gebrauchsspuren und Alterspatina vorgetäuscht sind.

Fälschungen

Es gibt bis heute keine absolut sichere Methode, um bei hölzernen Africana Fälschungen aufzudecken. Entsprechend hat sich den Feststellungskategorien "eindeutig echt" und "eindeutig falsch" eine dritte zugesellt: "bleibt unsicher und zweifelhaft". Diese Kategorie gibt es seit etwa 1960, als die Fälscher in Afrika begannen, perfekt zu arbeiten.

Perfekte Arbeit bedeutet im wesentlichen, die stilistischen Merkmale zu beachten und die Benutzungsspuren richtig und vollständig zu plazieren. Bei, aus weichem Holz geschnitzten, Masken bedeutet dies zum Beispiel, die Bohrlöcher nicht glatt stehen zu lassen, sondern sie schnur- und fadengerecht auszuschleifen. Eine besonders raffinierte Methode der Senufo-Fälscher schildert Ulrich Klever in seinem "Handbuch der afrikanischen Kunst". Danach werden mehrere neu geschnitzte Figuren zusammen mit ölgetränkten Lappen in einen Sack eingenäht und dieser wird sodann in einem Ziegenstall aufgehängt. Der wird dort von den Tieren bei ihren natürlichen Bewegungen hinund hergestoßen. Die Figuren werden dabei schön rund und blank gerieben. Und die Benutzungsspuren sitzen an den richtigen Stellen. Im übrigen verweist Klever auf Himmelheber, der im Rahmen seiner Feldforschungen bei den Senufo und den nördlichen Dan Spezialisten in der Behandlung von Maskenrückseiten bei ihrer Arbeit beobachtet hat.

Selbstverständlich sind Fälschungen schärfstens zu mißbilligen. Sie fügen Sammlern, insbesondere in deren Anfangsjahren des Sammelns, erheblichen finanziellen Schaden zu. Nicht wenige junge Sammler geben entnervt auf, nachdem sie die Problematik begriffen und die erworbenen Falsifikate entlarvt haben.

Bei einer Gesamtschau sollten jedoch zwei positive Aspekte dieser Erscheinung nicht übersehen werden. Fälschungen erhöhen den Reiz des Sammelns, indem sie dieses anspruchsvoller machen durch das Erfordernis kriminalistischen Gespürs. Sie stellen insoweit eine Herausforderung dar. Der andere Aspekt ist globaler Natur. Im überwiegend armen Afrika ernähren Fälschungen zahlreiche Handwerker und Händler mitsamt ihren Familien. Es wird somit – ungewollt – Entwicklungshilfe gewährt.

Die Raffinesse mancher Fälscher und die Perfektion ihrer Arbeiten muß auf seiten der Sammler keinesfalls Hoffnungslosigkeit zur Folge haben. Nicht alle Fälscher arbeiten perfekt. Außerdem gibt es eine Reihe von Strategien und Methoden, mit denen sich das Risiko zwar nicht völlig ausschließen aber doch deutlich minimieren läßt.

Ich wage eine Aufzählung:

  1. Sehschulung durch häufige Museums- und Ausstellungsbesuche.
  2. Sehschulung durch Teilnahme an Vorbesichtigungen zu Auktionen und durch Besuche bei anderen Sammlern. Dort ist intensives Studium von Gebrauchsspuren und Patina möglich.
  3. Erwerb bei zuverlässigen Galerien, Händlern und Sammlern und bei namhaften Auktionshäusern.
  4. Bevorzugung von Stücken mit Provenienz.
  5. Spezialisierung auf seltenere Stammesstile.
  6. Bewußte Vermeidung von Objekten der Dan, Senufo, Dogon, Baule und aus dem Kameruner Grasland, weil diese besonders gern und gut gefälscht werden. Oder hier zumindest das Waltenlassen besonderer Vorsicht.
  7. Vermeidung von Standardtypen aus den bekanntesten Kunstbildbänden.
  8. Vorsicht bei Objekten mit gleichmäßiger Patina.
  9. Beim Sammeln sich auf bestimmte Masken- und Figurentypen spezialisieren. Beim Danebenhalten des eventuell zu erwerbenden Stücks zu den bereits vorhandenen Exemplaren fallen Fälschungen schneller auf.
  10. Spezialisierung auf Miniaturen. Diese werden deutlich seltener gefälscht als Mittel- und Großformate.

Verfälschungen

Verfälschungen sind im Bereich der afrikanischen Kunst ein ähnlich heikles und schwieriges Thema wie Fälschungen. Hier spielt allerdings nicht nur die Erkennbarkeit eine Rolle, sondern auch die unterschiedliche Einstellung der Marktteilnehmer.

Von Verfälschung spricht man, wenn bei einem authentischen Stück Reparaturen unauffällig und verdeckt vorgenommen sind oder die originale Patina verbessert oder vergleichmäßigt worden ist. Eine gleichmäßige Patina ist bei afrikanischen Kunstobjekten in situ eher selten auszumachen. Häufiger anzutreffen ist sie bei Galerien und Auktionshäusern. Es ist unglaublich aber wahr: eine solcherart verbesserte oder geschönte Patina kann den Marktwert eines Objekts vervielfachen.

Bei Reparaturen gibt es mittlerweile einen Konsens, wonach diese erkennbar vorgenommen sein sollten. Bei unauffälligen Reparaturen ist es üblich geworden, am Erwerb Interessierte darauf hinzuweisen. Nichts von alledem bei geschönter Patina. Hier muß der Sammler nach vergleichenden Objektstudien für sich selbst entscheiden, ob er afrikanischer Wirklichkeit oder abendländischer Ästhetik den Vorzug geben soll.

In diesem Zusammenhang ist das Thema Reinigung anzusprechen. Die Befreiung eines Objekts von Schmutz ist keine Verfälschung. Wird hierbei jedoch die Patina nicht geschont sondern in Mitleidenschaft gezogen oder gar entfernt, liegt wiederum eine Verfälschung vor, die diesmal allerdings mit starkem Wertverlust verbunden ist. Solche Prozeduren sind, seit hierüber aufgeklärt wurde, selten geworden.

Fälschung aus dem Jahr 1881

Kopf der Yoruba-Figur, C.A.Pöhl 1881
Kopf der Yoruba-Figur, C.A.Pöhl 1881

Port-Art im Kongo-Stil um 1885

Vielen Dank an Hans Rielau.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

GEDANKEN UND ERINNERUNGEN EINES SAMMLERS - Buchvorstellung; Hans Rielau; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/308-gedanken-und-erinnerungen-eines-sammlers-buchvorstellung

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Autor
Hans Rielau

Sammler, Mitglied der Vereinigung der Freunde Afrikanischer Kultur, Hösbach.

Autor des Buches "Afrikanische Miniaturen - GEDANKEN UND ERINNERUNGEN EINES SAMMLERS"