DAS BESONDERE STÜCK: Alle vier Stücke sind im Soul-of-Africa Museum in Essen ausgestellt und wurden von Henning Christoph im Grenzgebiet von Benin zu Nigeria gesammelt.

Drei Schädel sind aus der Region um den Ort Ketu von den Nago, einer Yoruba-sprachigen Gruppe, und ein Schädelpaar kommt von den Adja, einem Ewe-sprachigen Volk.

Von den Nago sind auch Figuren (Bochios) mit Schädeln bekannt. In der "Schädelkult"-Ausstellung sind zwei zu sehen.

Der Erwerb datiert in die Zeit nach dem Jahr 2000. Christliche Sekten, meist aus Nigeria kommend, haben vor allem im letzten Jahrzehnt ihren Einfluss in der Gegend verstärkt und verdrängen die traditionellen Religionen. Henning Christoph ist seit 1984 regelmässig im Land unterweigs und hat in dieser Zeit derartige Stücke nicht zu Gesicht bekommen.

Für alle Schädel liegen offizielle Aus- und Einfuhrpapiere vor.

links: Kalebasse mit Schädel. rechts: Juju-Mann

Kalebassse mit Schädel

Woher: Nago Benin, erworben in einem Dorf in der Gegend von Ketu

Erwerbsumstände: Gekauft im Jahr 2003 vor Ort. Der Erbe des Stückes wollte den Beruf seines Vaters nicht fortführen und veräusserte es. Der Vater war angeblich über 80 Jahre alt als er starb und hatte die Kalebasse von seinem Vater geerbt.

Alter: zwischen 1900 bis 1950

Material+Aufbau: Was in diie Schale hineinkommt, ist das persönliche Geheimnis des herstellenden Nutzers. Eine individuelle Mischung magischer Substanzen, z.B. Haare vom Bart einer neugeborenen Albinoziege. Die Figuren hinten könnten Zwillinge darstellen, vorn möglicherweise Legba. Das Metallteil repräsentiert Sakpata den Pocken-Gott. Diese Schalen sind sehr wertvoll. In einem Fall konnte die Herstellung beobachtet werden, es dauerte Monate bis alle Bestandteile vorhanden waren. Der Schädel in der Schale soll von einem bokonon, einem Orakel, gewesen sein. Verwendung: Die Schale ist wichtiges Werkzeug eines Priesters und steht in Verbindung mit Osanyin, dem Gott der Heilkräuter. Sie findet immer die Wahrheit heraus und es ist nicht möglich in ihrer Gegenwart zu lügen.

Stuhl mit zwei Orakelschädeln

Woher: Adja Benin

Erwerbsumstände: Um das Jahr 2000 von einem islamischen Händler erworben.

Alter: vor 1972, wahrscheinlich erste Hälfte des 20. Jahrhunderts. Als der marxistisch-leninistische Militär Mathieu Kérékou 1972 durch einen Militärputsch an die Macht kam, wurde von ihm der Gebrauch dieser Schädel verboten und Priester ins Gefängnis gesteckt. Nur sehr wenige Stücke, die versteckt wurden, sind erhalten. Nach mündlicher Auskunft von einem noch lebenden Priester wurden viele vergraben.

Material+Aufbau: In Höhe der Augenöffnung sind Kauri-Schnecken eingelassen, ebenso am vorderen Rand der Kalebasse. Der männliche Schädel, ohne Unterkiefer, ist kreuzweise mit Schnur umwickelt, der rot-weisse weibliche Kopf, mit Unterkiefer, quer, sodaß der Unterkiefer am Schädel fixiert ist. Über die Stirn des letzteren läuft ein rotes Band, das den rot gefärbten Augenbereich vom weiß gefärbten Stirnbereich trennt. Mundbereich und Kiefer erscheint schwarz. Beim männlichen Schädel ist die Wicklung derart, daß zwei Augenpaare entstehen, einmal die natürlichen Augenhöhlen, die offen bleiben und die oberhalb angebrachten Kauri-Schnecken. Vor dem männlichen Schädel sind in der Schale zwei Spiegel angebracht.

Verwendung: Die beiden Orakelschädel wurden durch acht verschiedene Pflanzen aktiviert. Unter die Schale gelegt und mit dem Blut eines geopferten Hahnes über die Pflanzen begossen, erschienen Bilder der Zukunft in den Spiegeln. Das Orakel sass hinter den beiden Köpfen, sodaß die Sicht in die Spiegel gegeben war. Der Orakelsuchende durfte niemals in die Spiegel sehen, sonst drohte Wahnsinn. Der weibliche Schädel liegt auf Blättern und achtet darauf, daß der Mann richtig liest.

links: Hölzerner Schrein. rechts: Orakelschädel der Adja.

Hölzerner Schrein mit Schädel

Woher: Nago Benin, aus einem Dorf in der Gegend von Ketu

Erwerbsumstände: Erworben im Jahr 2009 vor Ort

Alter: Der Schädel soll von der Amazonen-Anführerin Kuna des Dahomey-Herrschers Ghezo oder Gbezo sein, die in der Mitte des 19. Jahrhunderts regelmässig das Nago-Gebiet überfielen. Nach jahrelanger erfolgloser Gegenwehr gelang es den Dorfbewohnern der Amazone eine Falle zu stellen. Sie wurde getötet und geköpft. Sollte die Geschichte stimmen, dann ist das Objekt aus der Zeit um 1850, Gbzeo ist 1858 verstorben.

Material+Aufbau: Hölzerne Kiste mit Rafiavorhang. Auf der Kiste ist eine kleine Figur fixiert. In der Kiste steht eine hölzerne Männerfigur, mit Schädel auf dem Kopf, die rechts eine, an den Füssen hängende, Figur hält und links ein Schwert. Flankiert wird sie links und rechts von zwei Dienerfiguren. Die Rechte, eine Frau, hält einen Schale, die Linke, ein Mann, in beiden Händen zwei Medizinhörner. Vor allen drei Figuren stehen kleine metallische, Asen (Ahnenaltäre). An den Aussenseiten des Schreins sind Ifa- Orakelzeichen aufgemalt, die mit Schutz verbunden sind.

Verwendung: Das Stück diente dem Dorf als Schutz gegen die Amazonen. Es stellt eine Warnung dar: kommt und ich hau euch den Kopf ab. Die kleine Figur auf der Kiste war der Späher. Wenn diese die Angreifer nahen sah, erschienen unten an der Kiste drei Blutflecken. Die Priester gingen dann an den Dorfrand mit dem Schrein und wenn die Amazonen kamen, drehten sie ab. Das Dorf soll seitdem über 160 Jahre geschützt gewesen sein.

Interessant ist, daß der weibliche Amazonenschädel auf einem männlichen Körper installiert ist. Eine Geschlechtszuordnung des Schädels wäre interessant.

Juju-Mann

Woher: Nago Benin, aus einem Dorf in der Gegend von Ketu

Erwerbsumstände: Erworben im 2008 vor Ort

Alter: keine nähere Bestimmung möglich

Material+Aufbau: Auf einem länglichen Stück Tuch ist im oberen Teil ein Schädel mittig befestigt. Kauri-Schnecken sind umlaufend am Tuchrand, im Schädelbereich und quer über das Tuch aufgenäht, Links und rechts des Schädels stehen kleine hölzerne Figuren (Zwillinge) und vor dem Schädel ist eine Kalebasse, die mit kleinen Gegenständen (Kerne, Kauris) gefüllt ist. In einem aufgenähten länglichen Dreieck aus rötlichem Stoff, dessen Spitze zum Schädel weist, steht eine weitere, etwas grössere Figur in einem Feld aus weissem Stoff, direkt vor der Kalebasse. Vor der Figur am Rande des Tuches sind zwei runde Spiegel befestigt.

Verwendung: Auch dies ist ein Orakelschädel, der von Priestern des Egungun verwendet wird. Als "Juju-Mann" tritt die Maske, die hinter dem Schädeltuch liegt, bei besonderen Zeremonien auf. Ein Scharfrichter, wenn er auftritt ist es meistens sehr ernst.

Alle Inhalte von Henning Christoph,
Struktur und geschrieben von Andreas Schlothauer.
Gemeinsame Korrektur.

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer und Henning Christoph.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Das besondere Stück - vier Objekte im Soul-of-Africa Museum Essen; Dr. Andreas Schlothauer, Henning Christoph; 2011; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-02-2011/309-das-besondere-stueck-vier-objekte-im-soul-of-africa-museum-essen

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Dr. Andreas Schlothauer

Dr. Andreas Schlothauer

Infos zum Autor

Henning Christoph

Henning Christoph

Henning Christoph wurde 1944 in Grimma bei Leipzig geboren, wanderte aber bereits 1950 mit seiner Familie in die USA aus.

An der University of Maryland studierte er Etnologie und Journalistik. Seit 1969 ist er als freischaffender Fotojournalist, Filmemacher, Buchautor und Museumskurator tätig.

Seit fast 40 Jahren bereist Chistoph Afrika und dokumentiert Kult, Spirituelles Leben, Magie und Heilzeremonien in Westund Zentralafrika.

Christoph arbeitete für namhafte Zeitschriften wie Life, National Geographic, Geo Time, Newsweek, New York Times, Figaro und Stern. Er drehte drei Dokumentarfi lme über Voodoo in Benin. In 2009 kommt der grosse Voodoo Kino-Film „Vodou Spirits“ heraus. Christoph ist Autor von zwei Bildbänden über Afrika: „Voodoo-Geheime Macht in Afrika“, Taschen Verlag und „Soul of Africa-Magie eines Kontinents“, Könemann Verlag.

Inzwischen betreibt Henning Christoph, der zeitweilig auch in Afrika lebt, ein Privatmuseum zu „Vodun und Heilung“ das Soul of Africa Museum in Essen, und bereitet zu diesem Thema internationale Ausstellungen vor.

Für seine Reportagen erhielt er als Mitglied der Deutschen Gesellschaft für Photographie zahlreiche Preise, darunter sechs mal den „World Press Award“.

http://www.soul-of-africa.com