Indianische Malerei

Malerei hat bei einigen nordamerikanischen Völkern eine lange Tradition, z.B. auf Tierhäuten, auf Keramik-Gefäßen oder als Wandmalerei. Da der Bison, der wichtigste Hautlieferant, Ende des 19. Jahrhunderts weitgehend ausgerottet war, begannen einzelne Indianer der Plains, die Geschichten ihrer Taten auf Textilien zu malen. Außerdem sammelten einige Ethnologen in dieser Zeit Zeichnungen auf Papier von indigenen Informanten - auch dies eine eigene künstlerische Ausdrucksform. Eine frühe, wichtige Professionalisierung der Indianerkunst begann um 1918, als Susie Peters, eine Betreuerin auf einer Kiowa-Agentur in Oklahoma, eine Gruppe von fünf autodidaktisch malenden Kiowa vorfand, die traditionelle Themen auf Papier malten. Die Einladung in die School of Art der Universität von Oklahoma und die Förderung durch den Leiter Oscar Jacobsen führte zur Entwicklung eines eigenen Stiles, die Gruppe wurde als Kiowa Five bekannt. Im Jahr 1932 gründete die Kunsterzieherin Dorothy Dunn die Santa Fe Indian School, die sich zum Zentrum einer traditionalistisch genannten Malerei im Südwesten entwickelte. Bereits 1959 gab es eine erste Konferenz an der Universität von Arizona in Tucson zu Fragen des Status und der Zukunft indianischer Kunst und 1962 kam es zur Gründung des Institute of American Indian Arts in Santa Fe. Allan Houser, Oscar Howe, Harrison Begay, Quincy Tahoma, Fritz Scholder sind Künstler dieser frühen Phase. Seit den 1970iger Jahren studierten indianische Künstler verstärkt an öffentlichen Kunstinstituten, wo ihre ethnische Herkunft keine Rolle spielte, fanden sich dort in Künstlergruppen mit ähnlichem Selbstverständnis zusammen und organisierten ab Ende der 1970iger Jahre erste Ausstellungen in den USA. Das 1989 gegründete National Museum of the American Indian ist sicher das Museum, das in besonderem Maße die Indianische Moderne in den Mittelpunkt ihrer Aktivitäten stellt und dies im neuen Jahrtausend durch mehrere Ausstellungen deutlich machte. Im US-Kunst-Mainstream sind die Indianer noch nicht angekommen, möglicherweise auch, weil reiche Sammler meist als Bleichgesichter geboren werden.

Wer ist ein "Indianischer Künstler"?
Eine verbindlich akzeptierte Definition, wer Indianischer Künstler und somit, was die Indianische Moderne ist, gibt es nicht. Gemäß dem Indian Arts and Crafts Act von 1990 darf sich nur derjenige als Indianischer Künstler bezeichnen, der eingetragenes Mitglied eines von der US-Regierung anerkannten Stammes ist. Die Kriterien der Mitgliedschaft regeln die Stämme selbst nach Abstammung oder ‚Blutanteil. Wer sich als "Indianischer Künstler" sieht, " ... ist sich bewusst, dass er einer ethnischen Minderheit angehört, die seit 500 Jahren von den europäischen Kolonisten vertrieben, nahezu ausgerottet und schließlich zwangszivilisiert wurde." (Bolz/König 2012, S. 11)

Entstehung der Sammlung

Die meisten Ethnologen der Vorkriegsgeneration hatten noch eine eindeutige Meinung: das Sammeln materieller Kultur endete mit dem Kontakt zur Zivilisation, dokumentiert wurde die Prä-Kontaktphase, Kulturwandel interessierte nicht. Es waren also erst eine längere Diskussion und ein Generationenwechsel in den 1980iger Jahren nötig, um einen Meinungswandel herbeizuführen. Der damalige Berliner Nordamerika-Kurator Horst Hartmann (1923- 2010) erwarb erstmals im Jahr 1975 Bilder der Indianischen Moderne für das Ethnologische Museum. Das Fotografieren religiöser Rituale war bei den Hopi nicht erlaubt, so waren die käuflich erwerbbaren Bilder dieser Zeremonien die einzige aktuelle Möglichkeit der Illustration in Ausstellungen; die Sammlungstätigkeit begann als Interesse an der ethnologischen Dokumentation. Der heutige Berliner Nordamerika-Kurator Peter Bolz, schreibt rückblickend: "Es war mein Ziel, die Sammlung der modernen indianischen Kunst so zu erweitern, dass Künstler aus ganz Nordamerika darin repräsentiert sind." (Bolz/König 2012, S.115)

Peter Bolz
Jahrgang 1947, studierte 1969-73 in Mainz Grafik & Design und anschliessend Ethnologie in an der Universität Frankfurt am Main bis Ende der 1970iger Jahre. Zwischen 1980 und 1984 hielt er als wissenschaftlicher Mitarbeiter Seminare zum Thema Indianische Moderne. Seit 1986 war Peter Bolz als Volontär im Ethnologischen Museum Berlin, ab 1989 mit einer festen Stelle als Nordamerika-Kurator. Ende 2012 geht der Kurator in Ruhestand. Der Aufbau der Sammlung Indianische Moderne war ihm ein wichtiges Anliegen und die Ausstellung ist nicht nur Abschluss eines Vierteljahrhunderts beruflicher Tätigkeit im Berliner Museum, sondern auch öffentliche Anerkennung dieses Teiles seiner Arbeit.

Der erste Ankauf gelang dem Nordamerika-Kurator im Jahr 1989, als "zum Ankauf moderner ethnischer Kunst" durch die Generaldirektion "Sondermittel zur Verfügung" gestellt wurden. Bei einer Frankfurter Galeristin konnte er sechs Bilder und aus einer Züricher Ausstellung drei Bilder aussuchen. Diese neun Werke wurden nach einer ausführlichen Diskussion in der Direktorenkonferenz für insgesamt 50.000 DM erworben. Mit diesem Erwerb war eine Art "Absolution" für weitere Ankäufe erteilt, die allerdings unter einem bestimmten Preislimit bleiben mussten, um die Direktorenkonferenz nicht zu aktivieren. Immer wenn gegen Ende des Jahres noch Restmittel verfügbar waren, konnten einzelne Stücke von spezialisierten Galerien erworben werden. Peter Bolz: "Für den verantwortlichen Museumsmitarbeiter stellte jeder Ankauf eine Gratwanderung zwischen Kunst und Ethnologie dar." (Bolz/König 2012, S.10) Zur regelmäßigen Vergrößerung der Sammlung trugen seit 1998 die Sammler Renate und Walter Larink bei, die dem Museum etwa 90 Siebdrucke von Nordwestküstenkünstlern schenkten. Die Ankaufspolitik veränderte sich im Jahr 2001 mit dem Amtsantritt der neuen Direktorin Viola König. Da diese einen wesentlichen Arbeits- und Interessenschwerpunkt auf Nordamerika (Nordwestküste) hatte und hat, konnte ab jetzt gemeinsam der Erwerb wichtiger Werke vorangetrieben werden. So wurden von der Galeristin Dorothee Peiper-Riegraf 2008 und 2009 zwei Gemälde und zwei Skulpturen erworben, zwei weitere Gemälde schenkte sie dem Museum. Aus der ehemaligen Privatsammlung von Gerhard Hoffmann gelangten durch Ankauf von der Familie Seybold 2010 und 2011 wichtige Werke in die Sammlung. Denn das Ziel der beiden Kuratoren Viola König und Peter Bolz war es den Gesamtbestand des Museums in der Ausstellung zu präsentieren.

Katalog und Aufbau der Ausstellung
Die Ausstellung und der Katalog sind als regionaler Rundgang aufgebaut; vom Südwesten und Kalifornien über die Plains und Oklahoma bis zum Nordosten und der Nordwestküste. Wichtiger Bestandteil sind auch die Werke von Künstlern ohne regionalen Bezug. Nicht alle Künstler und nicht alle Regionen sind repräsentiert. Sehr hilfreich ist im Katalog die Übersicht zu den Biographien der einzelnen Künstler. Außerdem hat Viola König in dem Kapitel "Ansichten aus Nordamerika - Stimmen, Standpunkte und Statements von Kunsthistorikern, Kritikern, Kuratoren und Künstlern" den Stand der Diskussion in den USA sehr übersichtlich zusammengefasst.

Ausstellungsort: Neue Nationalgalerie oder Ethnologisches Museum?

"Indianische Kunst im 20. Jahrhundert" hieß im Jahr 1985 die erste große Ausstellung in Deutschland mit 250 Werken indianischer Künstler, sie wurde durch den Würzburger Amerikanistik-Professor Gerhard Hoffmann organisiert und wanderte über Berlin, Würzburg, Frankfurt, Wuppertal, Mannheim, Hamburg nach Zürich. Der Katalog gilt heute als gesuchtes Standardwerk.

Als im Jahr 1992 im Rahmen der Ausstellung Amerika 1492-1992 Neue Welten Neue Wirklichkeiten Peter Bolz drei Werke des indianischen Künstlers Lawrence Paul zeigen wollte, die 1989 angeschafft worden waren, war der damalige Direktor Klaus Helfrich nicht einverstanden. Sicher auch eine Folge der Diskussion in der Direktoren- Konferenz während der Ankaufsphase. Da die Generaldirektion der Stiftung Preußischer Kulturbesitz den Betrag von 50.000 DM für den Ankauf stellte, diskutierten alle Direktoren der Staatlichen Museen zu Berlin während einer Sondersitzung in Berlin-Dahlem. Diese waren überwiegend Kunsthistoriker mit einer sehr speziellen Sicht auf die Welt, die sie allerdings für höchst modern hielten. Peter Bolz schreibt rückblickend: "Das Fazit, wenn man überhaupt ein solches ziehen kann, war, dass man sich darüber einigte, dass diese Kunst in einem ethnologischen Museum gut aufgehoben sei. Sie hätte aber niemals die Chance, in der Neuen Nationalgalerie gezeigt zu werden, wo sie ja mit den Werken europäischer Künstler auf einer Stufe stünde, was undenkbar erschien." (Bolz/König 2012, S.116)

Im Jahr 1999 anlässlich der Neugestaltung der Nordamerika-Dauerausstellung war es wiederum Direktor Helfrich, der, nach eingehender Rücksprache mit dem damaligen Generaldirektor der Stiftung Preußischer Kulturbesitz Peter-Klaus Schuster und nach dessen Genehmigung einverstanden war, daß die Indianische Moderne ausgestellt werden durfte. Das Presseecho war gering und der Kommentar des Berliner Journalisten Harald Jähner, milde gesagt, nicht ganz frei von Vorurteilen: "Der letzte Raum zeigt moderne indianische Kunst, ein schauerliches Kitschkabinett mit Indianermotiven im Stil des Kaufhaus-Expressionismus." (Berliner Zeitung, 3. Dezember 1999)

Die Haltung der Leitung des Ethnologischen Museum hat sich seit 2001 wesentlich geändert. Behutsam und beharrlich hat es Viola König geschafft auch gegenüber den anderen Häusern das eigene Profil durchzusetzen. Dass im Jahr 2012 die Ausstellung Indianische Moderne stattfindet, ist eine klare Positionierung der Direktorin des Ethnologischen Museums. Dass die Ausstellung zwei Kuratoren hat, "führt in Richtung Humboldt-Forum und ist innovativ", schreibt Viola König. Und weiter:

"In unseren zukünftigen Ausstellungen sehen wir als Kuratoren der Sammlungen unsere Aufgabe auch darin, die Auswahl und Präsentation gemeinsam mit externen Kuratoren, z.B. indianischen Künstlern zu organisieren." (Bolz/König 2012, S.125) Eine interessante Idee, vielleicht sogar die Zusammenarbeit von Ethnologen, indianischen Künstlern und Traditionalisten und europäischen Künstlern? Warum nicht bei der Gelegenheit gleich neue Werke produzieren lassen, die anschließend Teil der Museumssammlung werden?

Im Katalog zur Ausstellung lässt Viola König die Künstler mit ihren unterschiedlichen, durchaus selbstkritischen Positionen zu Wort kommen. So schreibt die indianische Künstlerin Emmy Whitehorse 1996 über die Ablehnung indianischer Künstler sich von weissen Kunstkritikern beurteilen zu lassen: "Der Künstler wird sagen: ‚ Es ist leicht für (den Kritiker) sowas zu behaupten, denn er ist ein Weisser, und der hat mir überhaupt nicht zu sagen wie ich malen soll.' Die Tatsache, dass er ein Indianer ist, liefert ihm die Entschuldigung dafür schlechte Kunst zu schaffen und damit davonzukommen." (nach Dubin 1999, S.157)

Dem setzt der heute in Europa lebende, international anerkannte Künstler Jimmie Durham entgegen: "Wenn Du erst einmal die ‚Kunstwelt' ansprichst, sieh zu, es auf möglichst ‚universale' Weise zu machen (…) Dein (indianischer) Hintergrund ist gegeben und es gibt nun mal Ausschlussregeln. Dennoch sollte man sich nicht damit trösten, ein Opfer zu sein. Vielmehr sollte man so viel Dialog als möglich mit möglichst großen Teilen der Gesellschaft pflegen." (nach MacMaster, Gerald 1999, S.86)

Für die Ausstellung erwarb die Direktorin für das Museum das erste zeitgenössische Video-Kunstwerk (Tsu Heidei Shugaxtutaan part 1 und 2, 1999) des Tlingit-Künstlers Nicholas Galanin. Dieser sagt: "Mit der Zeit bin ich ungeduldig geworden ob all der institutionellen Vorschriften und monolithischen Versuchen Kultur zu beschreiben, die sich doch noch entfaltet. Indianische Kunst lässt sich nicht einfach definieren, sie bewegt sich frei durch die Zeit. Die Definition der Betrachter, Sammler oder Kuratoren sagt mehr über sie selbst aus als den indianischen Künstler."

"Ich habe die Ausstellung gesehen und bin froh, dass die Kollegen in Dahlem diese Werke endlich ausbreiten konnten." (Britta Schmitz, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Berlin, April 2012)

Feststellbar ist im neuen Jahrtausend auch das wachsende Interesse des Kunstbetriebes an außereuropäischen Künstlern. Das führt unweigerlich zu einer intensiveren Beschäftigung mit deren Wurzeln und Einflüssen auf diesen Teil der Moderne. So antwortete die Kustodin Britta Schmitz der Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof auf meine Frage, dass vermehrt außereuropäische Künstler ausgestellt werden. "Wir haben hier u.a. Ausstellungen mit indischen, australischen Künstlern gezeigt. Es gab eine große Afrika- Ausstellung, außerdem Künstler aus dem Libanon, aus Iran usw. Gerade wird eine Ausstellung mit Qui Shihua aus China eröffnet. Also unser Interesse an außereuropäischer Kunst ist vorhanden, und wir stellen sie vor." (Britta Schmitz, Nationalgalerie im Hamburger Bahnhof Berlin, April 2012)

Text: Andreas Schlothauer

LITERATUR:

• BOLZ, PETER UND KÖNIG, VIOLA: INDIANISCHE MODERNE. KUNST AUS NORDAMERIKA. BERLIN, 2012

• HOFFMANN, GERHARD (HRSG.): INDIANISCHE KUNST IM 20. JAHRHUNDERT. MÜNCHEN, 1985

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

INDIANISCHE MODERNE - KUNST AUS NORDAMERIKA - Die Sammlung des Ethnologischen Museums Berlin; Dr. Andreas Schlothauer; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/335-indianische-moderne-kunst-nordamerika-ethnologisches-museum-berlin

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