Grundsätzlich ist das Sammeln Teil des Leistungsauftrags des Rietberg-Museums. Beim Ausbau der Sammlung achtet man hier in erster Linie darauf, bestehende Sammlungsgebiete durch kunsthistorisch und ästhetisch qualitätsvolle Objekte zu erweitern oder zu ergänzen. Andererseits können im Zusammenhang mit neu hinzukommenden Schenkungen in Absprache mit dem Kuratorium neue Schwerpunkte gesetzt werden. Dabei ist die Schwergewichtsbildung innerhalb spezifischer Sammlungsbereiche wichtiger als beispielsweise eine vollständige, enzyklopädische Sammlung aller Stilregionen. Die über tausend Objekte umfassende Afrika- Sammlung des Museum Rietberg hat ihre Stärken in West- und Zentralafrika, während Ost- und Südafrika in der Sammlung nur in kleinem Umfang vorhanden sind. In Westafrika wiederum sind die Bestände der Côte d'Ivoire um ein Vielfaches bedeutender als jene von Nigeria, wo etwa der östliche Teil (Benue-Flussgebiet) bis heute praktisch nicht vertreten ist.

Weiter ist bei neuen Erwerbungen unabdingbar, dass die Provenienzen der betreffenden Werke einwandfrei abgeklärt werden. Vor einem Erwerb muss alles unternommen werden, um sicherzustellen, dass die angebotenen Objekte aus legaler Quelle stammen. Die Kuratoren klären die Provenienz der betreffenden Objekte möglichst lückenlos ab und überprüfen zusätzlich die gängigen Datenbanken (Art Loss Register, Interpol, rote Liste von ICOM). In Fällen, in denen ein Zweifel an der rechtmäßigen Herkunft der Objekte besteht, wird vom Erwerb abgesehen.

Sind diese Voraussetzungen erfüllt, so kann der Kurator das gewünschte Werk der Anschaffungskommission vorstellen. Diese beschließt in letzter Instanz über den Erwerb, wobei es durchaus hilfreich ist, wenn man auch noch finanzielle Überlegungen beifügt, d.h. Vergleiche mit Marktpreisen vergleichbarer Objekt aus jüngerer Zeit mit in die Vorstellung einbringt.

Das Kuratorium ist für sämtliche Erwerbungen verantwortlich. Bei Erwerbungen über CHF 75'000 wird zusätzlich die Meinung externer Spezialisten (Anschaffungskommission) eingeholt.

2011 konnte das Museum Rietberg nicht auf öffentliche Mittel zurückgreifen, da die Stadt Zürich als Trägerin des Museums im Rahmen eines Sparpakets die ohnehin bescheidenen Gelder für Neuanschaffungen gestrichen hatte. Dafür konnten mit Mitteln des Freundeskreises und dank namhafter Beiträge von Privatpersonen und Sponsoren Werke erworben werden, die als "Schenkungen" bezeichnet, in Tat und Wahrheit aber in den meisten Fällen durch die Kuratoren vorgeschlagen und dank Geldmitteln der Schenker erworben wurden.

Die Sammlungspolitik des Museums umfasst noch verschiedene weitere Bereiche, die im Internet abrufbar sind (http://www.rietberg.ch).

Gürtelmaske, Benin (Abb. 01)

In den Männergesellschaften, die ihren Sitz im Palast des oba (Königs) haben, ist der Rang eines Mitglieds an einer Reihe von Insignien erkennbar. Nur wenige Würdenträger sind berechtigt, den als «Maske» bezeichneten Hüftschmuck aus Metall oder Elfenbein über dem langen purpurfarbenen Gewand zu tragen. Obwohl diese Schmuckmasken noch heute hergestellt werden, ist man sich nicht darüber einig, wessen Gesicht sie wiedergeben. Während viele der Ansicht sind, dass sie verstorbene Vertreter der Königsfamilie darstellen, so behaupten andere, dass es sich um besiegte aufständische Heerführer handelt. Die kleinen Masken sind jedenfalls häufig auf Bronzeplatten als Schmuck von adligen Mitgliedern des Königshofes zu finden.

Der untere Teil des Kopfes wird mit einer Krause fächerartig gerahmt. Die Nase ist in der ganzen Länge mit einer Narbenverzierung geschmückt. Nasenflügel und Lippen sind elegant geschwungen. Die großen mandelförmigen Augen blicken intensiv nach vorn. Die große Krone aus Korallen und Glasperlen verleiht dieser Hüftmaske einen würdevollen Ausdruck.

Dieses Werk stammt aus den Beständen des Engländers William D. Webster, des ersten und wichtigsten Händlers von Benin-Kunst nach der Strafexpedition. Webster erwähnte bis Ende 1901 in seinen Katalogen über 562 Objekte aus der oben beschriebenen Kriegsbeute und vermittelte diese an Museen und an einige private Sammler.

Figuren, Lobi (Abb. 03, Abb. 04)

Das kleine Volk der Lobi siedelt im Dreiländereck der nordwestlichen Côte d'Ivoire, des südwestlichen Burkina Faso und des nordöstlichen Ghana. Als Hackbauern pflanzen sie zur Hauptsache Hirse und Mais und betreiben auch etwas Viehzucht. Sie bewohnen eingeschossige Lehmhäuser, welche mit dem erhöhten Dachrand und den turmartigen Terrassen wie Burgen wirken. Die als bateba bezeichneten Figuren können auf diesen weitläufigen Dächern und auch innerhalb des Hauses oder vor dem Hauseingang in schreinartigen Aufbauten stehen. Die Lobi betrachten diese Figuren aus Holz, Lehm oder Metallguss als Wesen, die zwischen den thila (Buschgeister) und den Menschen im Dorf vermitteln. Wenn die Opfer reichlich fließen, schützen sie vor Krankheit und Schadzauber und geben durch die Stimme des Orakels ihren Rat.

Die Lobi-Bildhauer hatten bei ihren Arbeiten große Freiheiten, da sie ihre Figuren nicht in erster Linie für einen Auftraggeber, sondern für unsichtbare, übermenschliche Wesen herstellten. Die künstlerische Bedeutung ihrer Arbeit liegt in einer bestechenden Einfachheit, im feinen, lyrischen Ausdruck des Mundes, der in harmonischem Einklang mit den großen plastischen Kaffeebohnenaugen steht. Die Frisur ist bei der einen Figur unter einer Kolonialmütze, wie sie die französischen Militärs trugen, versteckt, bei der anderen gleicht sie einer Haarkappe. Überlange Arme hängen beiden Skulpturen seitlich bis zu den Knien. Beide zeigen sich mit ausgeprägter Brustmuskulatur, doch der Gesichtsausdruck und die Patina unterscheiden die Werke ebenso wie der formale Aufbau des Körpers, der fast kubistisch wirkt. Damit unterstreichen sie die stilistische und ikonografische Vielfalt, welche Lobi-Skulpturen heute zu höchst begehrten Sammlerobjekten werden lassen.

Masken, Senufo (Abb. 05, Abb. 06)

Die Senufo sind wie die Lobi Ackerbauern im Savannenland Westafrikas und siedeln entlang der nördlichen Elfenbeinküste und im südlichen Mali. Sie sind eine egalitäre Gesellschaft ohne politisches Oberhaupt. Doch gerade dieses Fehlen ermöglicht andere Formen der gesellschaftlichen Organisation: Der poro, ein als Geheimbund bezeichneter, durch Altersklassen zusammengesetzter Verband von Männern, regelt den wirtschaftlichen Ausgleich und das soziale Zusammenspiel im Dorf. Der poro-Bund besitzt zahlreiche große, tiergesichtige Helmmasken. Die kleinen kodal-Masken erscheinen am letzten Tag der Beerdigungsfeierlichkeiten, die mit unterhaltenden Tänzen das Ende der rituellen Pflichten einer Totenfeier anzeigen. Der Begriff kodal steht bei den Senufo für alle Maskengestalten, die nicht direkt mit rituellen Aufgaben betraut sind und die daher von Frauen und Nichtinitiierten gesehen werden dürfen.

Das streng symmetrisch gehaltene, herzförmige Maskengesicht ist anthropomorph und in seinen spitzovalen Grundzügen realistisch. Es zeigt auf den Wangen eine Reihe von Tätowierungen, eine gerundete Stirn, in deren Mitte die für die Senufo typische Schmucknarbe erkennbar ist, halbkreisförmige Brauen, darunter schmale Augenschlitze, eine feine, geschwungene Nase, ein Quersteg als Nasenflügel und ein kleiner vorstehender, ovaler Mund. Typisch ist schließlich die Umrahmung der Maske durch geometrische Ansätze und nach unten ragende Zapfen, die allerdings, ebenso wie die Hörner, abgebrochen sind. Zwischen den Hornansätzen auf dem Maskengesicht befindet sich ein kleines Rechteck, die Darstellung der Frucht des Kapok-Baumes. Die Bedeutung dieses häufig anzutreffenden Symbols ist unbekannt. Dagegen werden die Hörner und die seitlichen Ansätze übereinstimmend als Opfertiere gedeutet: Rind, Widder und Huhn. Die Maske ist ungewöhnlich in ihrer Tiefe. Sie wurde mit Hilfe seitlich angebrachter Löcher vor dem Gesicht des Tänzers mit Baumwollstoffen festgebunden.

Figur, Vili (Abb. 02)

Seit den ersten Kontakten zwischen portugiesischen Seefahrern und Bewohnern der Kongo-Küste im ausgehenden 15. Jahrhundert fanden künstlerische Erzeugnisse aus dem Mündungsgebiet des Kongo-Flusses ihren Weg in fürstliche Kunstkammern und Kuriositätenkabinette Europas. Umgekehrt wurden auch verschiedene christliche Motive in die Bildhauertraditionen dieser zentralafrikanischen Region aufgenommen.

Die nkisi genannten Figürchen dienen hauptsächlich den Heilkundigen, nganga, als Vermittler von Hinweisen aus der anderen Welt. Ein am Rücken oder am Bauch der Figur angebrachter Spiegel versinnbildlicht die Fähigkeit des nganga zur Hellseherei. Unter diesem Spiegel sind zauberkräftige Substanzen – Haare, Knochen und Blut – mit harz- und gummihaltigen Säften am Holzkörper festgeklebt.

Bei vielen Figuren dieser Region sind das Gesicht und der Oberkörper feiner ausgearbeitet als der untere Körperteil, der wohl ursprünglich mit einem Stofftuch bekleidet war. Auffallend ist auch die Häufigkeit weiblicher Darstellungen in der unteren Kongo-Region, was wohl die Bedeutung der Frau in der matrilinearen Gesellschaft unterstreicht. An dieser kleinen, rundlich gehaltenen Figur fallen besonders die hervortretenden Rundungen der Pobacken und das fein modellierte Gesicht des übergroßen Kopfes mit vollen Lippen und eingelegten Glasaugen auf. Detailgetreu sind auch die Ohren und Zehen gestaltet, während rhomboide Schmucknarben Akzente an Bauch und Rücken setzen.

Immer wieder muss man sich beim Betrachten dieser Skulpturen in Erinnerung rufen, dass sie aus einem einzigen Werkblock gehauen und geschnitzt sind. Auf geniale Weise hat hier ein Künstler in einem kleinen Objekt ein Höchstmaß an skulpturaler Wirkung erzielt.

Text: Lorenz Homberger, Afrika-Kurator des Rietberg-Museums

Vielen Dank an Lorenz Homberger.

Autor
Lorenz Homberger
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Museum Rietberg Zürich - NEUERWERBUNGEN FÜR DIE AFRIKA-SAMMLUNG 2011; Lorenz Homberger; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/339-museum-rietberg-zuerich-2011-neuerwerbungen-afrika-sammlung

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