Karl-Heinz tauchte schnell ein in diese für ihn so neue und faszinierende Welt und verliess die Mission 1962 nach Erfüllung seines Vertrags. Die nächsten beiden Jahre reiste er durch Ghana, Obervolta (heute Burkina Faso) und die Elfenbeinküste. Wieder zurück in Deutschland, bot er dem Linden-Museum Stuttgart einige der wenigen gesammelten Objekte zum Kauf an. Dort traf er den Kurator der Afrika-Abteilung Jürgen Zwernemann, der später Direktor des Museums für Völkerkunde Hamburg werden sollte. Zwernemann kaufte Karl-Heinz einige Objekte für das Museum ab und führte ihn ein in die traditionelle Kunst Afrikas. In seinem Auftrag machte er eine Sammler- und Dokumentationsreise zu den Dogon und den Senufo in Mali und der Elfenbeinküste. Zwernemann brachte ihm auch die genaue Dokumentation der Objekte bei. Das zeichnete die folgende Arbeit von Karl-Heinz aus: Jedes einzelne Objekt, das er erwarb, wurde umfassend dokumentiert und hinterfragt. War er nicht sicher über die Qualität oder Dokumentation eines Objektes, nahm er es wieder zurück nach Afrika, um Sicherheit zu erlangen. Auf Fotos, das wusste er, konnte er sich nicht verlassen. Diese wissenschaftliche Genauigkeit führte auch dazu, dass von ihm erworbene Objekte in den Sammlungen aller deutschen und vieler anderer Völkerkundemuseen zu finden sind.

Ab 1966 machte Karl-Heinz sich als Kunsthändler selbstständig. Sein Basislager verlegte er 1971 von Süddeutschland nach Neuenkirchen in der Lüneburger Heide, in ein idyllisches Fachwerkhaus mit Scheune und einem recht großen Garten – im Zentrum des Ortes und dennoch verborgen. Der Ort liegt ca. eine Stunde von Hamburg und dem Völkerkundemuseum entfernt. Er machte zwei Reisen pro Jahr und beschränkte sich hauptsächlich auf die Völker und Gebiete, die er zu Anfang kennengelernt hatte. So verfügte er bald über Netzwerke, die ihm Einsichten und Zugänge erlaubten, die von Vertrauen und gegenseitigem Respekt geprägt waren. Karl-Heinz konnte immer an Orte und zu Personen zurückkommen. So wurde er auch Mitglied des in Westafrika weit verbreiteten Geheimbundes der Poro. Darüber sprach er nicht, im Gegensatz zu Ethnologen, die dies gern als Qualifikationsmerkmal herausstellten. Karl-Heinz erzählte erst, wenn er gefragt wurde. Er genoss die Gespräche mit Fachkollegen, die sich über Tage hinstrecken konnten. Oft dokumentierte er sie auf Kassetten.

Karl-Heinz wurde schnell bekannt unter Kollegen, die in Westafrika ethnologische Studien durchführten. Viele haben von ihm profitiert, aber seinen Namen nicht immer in ihren Publikationen angeführt. Bald fing er auch an, eigene Ausstellungen zu machen und nicht nur Ausstellungen zu bestücken. Einige seien hier angeführt: Die erste umfassende Ausstellung über die traditionelle Kunst Ghanas ‚The Arts of Ghana' (Museum of Cultural History, Los Angeles 1977) war möglich durch seine Mitarbeit und durch seine Sammlungen.

Seine Ausstellungen ‚Kunst und Kunsthandwerk in Westafrika' (Volkshochschule Leverkusen 1980) und ‚Weaver and Carver: The Arts of Africa' (University of Manitoba, Canada 1982) wurden 1987 im Museum für Völkerkunde der Stadt Freiburg im Breisgau gezeigt. Hatten die ersten Ausstellungen noch einen mehr allgemeinen Charakter, so änderte sich das mit der Ausstellung ‚Kunst und Religion bei den Gbato-Senufo, Elfenbeinküste' im Hamburgischen Museum für Völkerkunde 1981, die er zusammen mit dem Kurator der Afrika- Abteilung Wulf Lohse machte.

Die Ausstellung ‚Kunst der Akan: Kanon und Freiheit' im Kunstverein Aalen 1995 wurde wesentlich mit von ihm erworbenen Objekten bestückt.

Auf einer langen Reise fuhr Karl-Heinz 1987 von Lomé in Togo nach Kindia in Guinea Conakry, wo er sich eigentlich mit der Batik beschäftigen wollte, weil er in vielen Orten Westafrikas Batikkünstler getroffen hatte, die ihr Handwerk in Kindia gelernt hatten. Erst seit Kurzem waren die Grenzen wieder offen für westliche Besucher. Es musste in einem Dorf übernachtet werden, in dem Karl-Heinz beobachtete, wie ein Mädchen bemalt wurde – er war in die Initiationsfeierlichkeiten geraten. Gleiche abstrakte Motive sah er auf den Häusern. Schnell erkannte er die Schönheit und den Wert dieser Malereien. Es war Zufall, dass Karl-Heinz genau zu dem Zeitpunkt in das Dorf kam. Es war kein Zufall, dass er den Wert dieser Malereien erkannte. Eine erste Bestandsaufnahme erfolgte nach drei Reisen 1995 im hamburgischen Museum für Völkerkunde.

Von 1987 an machte er insgesamt fünf Reisen und erstellte eine umfassende Dokumentation von über 3.600 Malereien, einen ausführlichen Kanon der verwendeten Muster und führte viele Interviews mit den Künstlerinnen. Jean Hubert Martin, die absolute Koryphäe zeitgenössischer außereuropäischer Kunst seit seiner Ausstellung ‚Les Magiciens de la Terre' 1989 in Paris, weilte mehrere Tage im Hause Krieg (welch wundervolle Tage!), stellte dann großformatige Bilder der Loma Künstlerin Kolouma Sovogi auf der Biennale in Lyon (2000) aus und kuratierte dann die Ausstellung 2003/4 in Düsseldorf ‚Podai – Malerei aus Westafrika'. Von der Sammlung ist – trotz vieler Nachfragen – kein Werk verkauft worden. Eine einzigartige Dokumentation!

Die Sammlung des modernen ghanaischen Künstlers des verlorenen Gusses ‚Yaw Amankwaa' wurde 1995 im Grassi Museum in Leipzig vorgestellt und anschließend im Völkerkunde Museum Freiburg im Breisgau gezeigt.

2007 stellte das Völkerkundemuseum Lübeck Arbeiten des togolesischen Metallkünstlers Didier A. Ahadsi aus der Sammlung Krieg aus.

Genannte Ausstellungen geben nur einen Teilaspekt der Arbeit von Karl-Heinz wieder: Unzählige Leihgaben für Ausstellungen, Artikel und Photos, die kaum aufzuzählen sind, müssten genannt werden, denn hinter jeder Angabe steckt Arbeit und Wissen.

Karl-Heinz war auch Händler und Galerist. Viele Sammler afrikanischer Kunst wussten sehr genau, wann er von einer Afrika Reise zurückkehrte und machten sich auf den Weg nach Neuenkirchen. Seine Ausstellungen in Essen (Museum Folkwang), Krefeld (Galerien) und auf Märkten (Völkerkundemuseen in Hamburg und Köln) waren zugleich Verkaufsausstellungen und zogen viele Interessenten an. Afrika fing bei Karl-Heinz nicht bei mehreren tausend Euro an, sondern gab es auch für den geringer gefüllten Geldbeutel, und vor allem für die Kinder hatte er stets Angebote. An ihnen verdiente er zwar nichts und hatte er viel Aufwand, aber ein Interesse für Afrika wollte er wecken. Seine Ausstellungen waren auch immer ein Treffpunkt für Afrika-Interessierte.

Zu seinem Nachlass gehören u.a. die angesprochene Podai Sammlung; Dokumentationen der Arbeiten von Yaw Amankwaa und Didier A. Ahadsi; eine Goldgewichtssammlung aus den 60er- und 70er-Jahren; eine ausführliche Dokumentation von Adinkra Textilstempeln; eine umfangreiche Flafani Tuch Sammlung; eine seltene Sammlung von Lederschablonen der Senufo Geisterbilder; eine große Sammlung von Baule Textilstempeln und eine immense Sammlung von Schnitzerarbeiten der Senufo, die nach Schnitzer- Regionen (Stil, Schnitzerfamilien und einzelnen Schnitzern) gegliedert ist.

Die Sammlungen sind akribisch dokumentiert. Für einige dieser Sammlungen ist eine weitere Zusammenarbeit mit Prof. Klaus Schneider, dem Direktor des Rautenstrauch Joest Museums in Köln, angedacht. Umfang und Qualität seiner Feldforschung werden wohl erst in Zukunft eine entsprechende Würdigung bekommen.

Karl-Heinz hat sich gern ausgetauscht, und viele Menschen haben ihn beeinflusst, so wie er viele beeinflusst hat. Nicht immer war der Umgang mit ihm leicht, aber immer konnte man sich wieder mit ihm zusammenraufen. Gemeinsame Tage in Neuenkirchen waren immer mit viel Spaß und ausführlichen fachlichen Diskussionen verbunden, oft bis in den späten Abend hinein. Stolz war er auf seine vier Töchter – drei aus erster Ehe und eine mit seiner langjährigen togolesischen Partnerin in Lomé. Karl-Heinz war Familienmensch und hatte besonders zu seiner Schwester ein sehr gutes Verhältnis.

Ein Ehepartner, Vater, Großvater, Bruder, Schwager, Onkel, Schwiegervater, für viele ein guter Freund und ein wahrer Freund Afrikas ist gegangen. Bei der Trauerfeier hatten viele das Gefühl, dass er an irgendeinem der Tische sitzt und die Gespräche genießt. Bis zuletzt warst Du noch voller neuer Pläne und mit dem Aufarbeiten Deiner Senufo-Sammlung beschäftigt. Ein wahrlich erfülltes Leben! – würde man in Afrika sagen.

Dies Dir KH zum Gedenken! – mit Dank an Helen, Karo, Nora, Hermann, Brunhilde, Klaus, Kathrin, Wulf, Eric, Claus, Karl und viele andere!

Text: Heinz Jockers

Weiteführend

KARL-HEINZ KRIEG - DAS SENUFO-ARCHIV

Vielen Dank an Heinz Jockers.

Autor
Heinz Jockers
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

KARL-HEINZ KRIEG - geboren am 5. September 1934 - gestorben am 17. März 2012; Heinz Jockers; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/342-karl-heinz-krieg-gestorben-17-maerz-2012

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