Wer schon einmal von München aus Richtung Salzburg oder Innsbruck gefahren ist, kennt den Irschenberg. Hier versammeln sich die Autofahrer Europas zu spontanen Demonstrationen, im Volksmund gern als "Stau" bezeichnet. Keiner weiß wie sie diese koordinieren und was die Fahrer veranlasst, genau hier ihren Stau zu suchen. Möglicherweise ist es die immense Kraft eines wichtigen Fetisches der oberbayrischen Stämme, der in der Wallfahrtskirche Wilparting St. Marinus aufbewahrt wird. Es muss eine sehr positive Kraft sein, denn sie fördert spontanes kreatives Denken.

In einem typischen "Irschenberg-Stau" saß im Sommer 2002 der damals frisch ernannte Afrika-Kurator des Museums für Völkerkunde München, Stefan Eisenhofer, und hörte im Bayrischen Rundfunk (BR2) einen Beitrag über die "Weiße Göttin der Wangora". Im Jahr 1913 war die 22-jährige Hamburger Schauspielerin Meg Gehrts mit dem Filmemacher und Afrikaforscher Hans Schomburgk in der damaligen deutschen Kolonie Togo, um einen Film zu drehen. (Ob möglicherweise alle Stau-Teilnehmer sich am Irschenberg trafen, um die "Weiße Göttin" gemeinsam anzubeten, ist nicht bekannt.) Stefan Eisenhofer war fasziniert, und als der Name der Autorin, Karin Sommer, genannt wurde, die wie er Ethnologie in München studiert hatte, rief er sie bei seiner Rückkehr nach München an und vereinbarte einen Termin.

Format

Das anschließende Gespräch war die Initialzündung für das derzeit erfolgreichste Veranstaltungsformat des Völkerkundemuseums München, den "Ehnologischen Salon" oder kurz "Ethno-Salon". Da eine Einladung zu einem Vortrag im Museum Karin zu akademisch und langweilig war, schlug sie eine Art szenische Lesung vor, die durch die Einladung eines Filmexperten und einen Schomburgk- Film ergänzt werden sollte. Außerdem brachte sie gleich weitere Themen-Vorschläge für die nächsten zehn Veranstaltungen mit - und so wurde die Idee einer Reihe geboren. Beiden erschien der Vortragssaal des Museums mit seinen festgefügten Stuhlreihen für dieses Konzept zu steril. Das Foyer hingegen schien als Ort der Kombination von Café mit Lesung und Diskussion ideal sowie kommunikations- und geselligkeitsfördernd.

Schon die erste Veranstaltung über die "Weiße Göttin der Wangora" war mit rund 150 Besuchern überraschend gut besucht und motivierte zur weiteren Umsetzung der Idee. Gesucht waren jeweils Akteure mit performativen Fähigkeiten, sie sollten unterhaltsam reden können und die Zuhörer mitreißen. Gern wurden auch verschiedene Vortragende für einen Abend zusammengespannt, die Themenabende je nach Bedarf durch Filme, Tanz-, Musik- oder Kabaretteinlagen ergänzt.

Karin Sommer
Jahrgang 1951, aufgewachsen im Schwäbischen. Dort Sprachendiplom und Wirtschafts-Abitur. Studium der Volkskunde, Völkerkunde und Philosophie in München mit Abschluss Magister 1982 über das Thema "Die Juden in Altenstadt. Zum Alltag in einem Judendorf von ca. 1900-1942". Dann freiberufliche und journalistische Tätigkeit. Ab 1996 im Münchner Kulturreferat. Seit 2004 Leiterin der Villa Waldberta, das internationale Künstlerhaus der Stadt München.

Stefan Eisenhofer
Jahrgang 1960; geboren in München; Studium der Völkerkunde, Volkskunde und Alten Geschichte an der Universität München mit Magisterabschluss. 1988 über "Liebeszauber im antiken Mittelmeerraum". Promotion 1993 über die höfische Kunst im Reich Benin (Nigeria). Seit 2001 Leiter der Afrika- Abteilung im Staatlichen Museum für Völkerkunde München und Dozent am Institut für Religionswissenschaft der Universität München

Themenwahl

Die Themenwahl ist der freien Assoziation der beiden Initiatoren überlassen, darunter so überraschende wie "Das Hawaii-Hemd", "Die Kulturgeschichte des Tango", "Heimatdesign" oder "Das globale Jodeln". Ein gelesenes Buch oder ein Aufsatz, ein Kinobesuch oder ein Fernsehabend, Gespräche und Begegnungen sind Inspiration und Ausgangspunkt.

Karin Sommer und Stefan Eisenhofer einte von Anfang an die Liebe zu schrägen Ideen. Die beiden sind Ausgräber des Ungewöhnlichen und des (weithin) Unbekannten. Einige Male kam es zwar vor, dass ihre Themen – die sie ein Jahr im Voraus planen – plötzlich besonders aktuell und populär wurden, der Zeitgeschmack ihrer Vorahnung folgte. Etwa, als der Roman "Der Weltensammler" von Ilija Trojanow unerwarteterweise die Bestsellerlisten stürmte und der Autor Trojanow zu einer intellektuellen Berühmtheit geworden war. Doch das Schielen nach Quoten ist nicht das Anliegen von Karin und Stefan. Vielmehr wollen sie zeigen, was ihnen wichtig und spannend erscheint, wie vielfältig Ethnologie sein kann und wie Themen unter ethnologischer Betrachtung besondere Brisanz entfalten können. Auch steigende Besucherzahlen sind keineswegs angestrebt, denn die Räumlichkeiten sind für rund 200 Besucher wie geschaffen, auch wenn dann nicht mehr jeder freie Sicht hat und einige während des "Salons" auf eine wohlgestaltete Säule blicken. Dies animiert zu Blicken nach rechts und links. Partnerschaften, ja sogar Ehen, sollen hier begonnen haben - so die Mythenbildung rund um den Ethno-Salon.

Eine Auswahl der Themen
• Der Gesang des Waldes und der Berge - Vom urbanen und globalen Jodeln
• "Und dann kam Boas" - Geschichten von den Anfängen der Kulturanthropologie
• Heimatdesign. Von der Identitätsfindung in globalen Zeiten.
• Daisy Bates bei den Aborigines. Die "weiße Mutter" der schwarzen Ureinwohner von Australien
• Der abgedankte Befreier. Simon Bolivar und die "Vereinigten Staaten von Südamerika".
• Die Wilden kommen. Von Völkerschauen und anderen Kuriositäten.
• Adam und Eva auf Galapagos. Eine Robinsonade mit tödlichem Ausgang im Jahre 1932.
* "Ethnologie goes Hollywood": "Avatar" und die neuen und alten Ökoreligionen
* Tod in Neapel - Madonnen, Heilige und Arme Seelen in der Stadt des Chaos
* Dandys im Slum - Die Sapeurs im Kongo

Organisation

Immer im November werden für das folgende Jahr gemeinsam die Themen festgelegt, da dann jeweils der Flyer mit allen Veranstaltungsterminen für das kommende Jahr gedruckt wird. Doch auch, wenn die Titel frühzeitig ausgewählt werden, sind Gestaltung und konkreter Inhalt der Abende in der Regel kurzfristig, d.h. etwa zwei bis vier Wochen vorher und gemeinsam mit den jeweiligen Mitwirkenden. Bisweilen sind der Spontaneität lange Zügel gelassen, und es wird erst wenige Tage vor dem Termin mit den Detailabsprachen begonnen.

Neben dem Verteilen des gedruckten Flyers durch das Museum wurde über Jahre hinweg ein E-Mail-Verteiler aufgebaut. Von Anfang an unterstützte die "Süddeutsche Zeitung" (SZ) den Ethno-Salon durch ausführliche Ankündigungen im Veranstaltungskalender, in den letzten Jahren engagierte sich auch die Münchner "Abendzeitung" mit Beiträgen.

Am Nachmittag vor dem Ethno-Salon begann dann jeweils für Stefan Eisenhofer das große Stühlerücken und Aufbauen. Da machten sich das Bücherstapelschleppen und die Ferienjobs (Altenpfleger) der Studienzeit und die zugunsten der Ethnologie abgebrochene Karriere als Fußballer bezahlt. Der Ethno-Salon forderte vom Münchner Afrika-Kurator mehr als geistige Arbeit; ohne körperlichen Einsatz ging es nicht.

Gerade in den Anfangszeiten gab es während der Veranstaltungen auch immer wieder mal technische Pannen, etwa nicht funktionierende Vorführgeräte, schweigende Lautsprecher, schlecht eingestellte Mikrophone oder kurzfristig ausgefallenes Technikpersonal. Aber das nicht geschleckt-Perfekte gehört für die Besucher zum Charme des Ethno-Salons, denn entscheidend ist die Ruhe der Akteure bei der Beseitigung der Hindernisse und der Austausch der Besucher mit den Tischnachbarn über spannende Themen.

DIE ETHNO-SALON THEMEN DES HERBSTES 2012 SIND:

FREITAG, 28.9.2012, 19 UHR
Nina Gockerell / Andreas Koll
Strietzis, Goaßlschnalzer und die "rohen Kinder der Natur"
Das exotische Bayern in Fremd- und Selbstbildern

FREITAG, 26.10.2012, 19 UHR
Jürgen Wasim Frembgen / Angela Parvanta
Deutsches Afghanistan - Afghanisches Deutschland:
Lebenswege zwischen Kabul und München

FREITAG, 30.11.2012, 19 UHR
Karin Sommer / Stefan Eisenhofer
Wie alles anfing: Die weiße Göttin der Wangora
10 Jahre Ethnologischer Salon

Besucher

Stets am letzten Freitag der Monate Januar bis April und September bis November, d.h. sieben Mal im Jahr, kamen pro Veranstaltung durchschnittlich etwa 200 Besucher, davon geschätzt ein Drittel Stammpublikum. Offensichtlich ist es die besondere und lockere Atmosphäre, welche die Besucher schätzen. In den ersten neun Jahren (2003 bis 2011) waren es 61 Abende, bis zum Mai 2012 werden es 65 Ethno-Salons gewesen sein.

Fazit

Nachahmer in anderen Museen gab es hin und wieder, doch das Original wurde nicht erreicht oder gar übertroffen. Ein Erfolgsrezept des Ethno-Salons ist, dass er kein Begleitprogramm zu den Ausstellungen oder anderen Veranstaltungen im Museum ist, sondern daß er von seiner geistreichen Spontaneität und seinem Überraschungspotential lebt. Ein weiterer Vorteil ist sicher die sehr zentrale Lage des Museums und das gemütliche Café im Foyer. Dazu kommt die inspirierende Auswahl der Themen, die auch ein breiteres Publikum neugierig machen soll. Die bisweilen durchaus anarchische Urkraft der individuellen Selbstverwirklichung im geregelten bürokratischen Museumsbetrieb zieht einen treuen Besucherkreis in das Museum. Auch wenn viele sich manchmal gar nichts unter dem Thema des Abends vorstellen können, vertrauen sie auf den Geschmack und die Inszenierung der beiden Initiatoren. Was diese treibt? Eine geradezu missionarische Begeisterung für das Unbekannte, bisher Unentdeckte und Unterschätzte.

HERZLICHEN GLÜCKWUNSCH ZUM 10JÄHRIGEN ETHNO-SALON IM NOVEMBER 2012 UND WEITERE 100 JAHRE FÜR KARIN SOMMER UND STEFAN EISENHOFER!

Die "Weiße Göttin der Wangora" ist Jubiläumsthema und wird voraussichtlich anwesend sein. (Ob anschließend eine gemeinsame Prozession zum Irschenberg inklusive Stau geplant ist, war vor Redaktionsschluss nicht zu erfahren.)

Text: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

2003 bis 2012 - 10 JAHRE ETHNOLOGISCHER SALON - Im Zeichen der Weißen Göttin; Dr. Andreas Schlothauer; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/343-2003-bis-2012-10-jahre-ethnologischer-salon-im-zeichen-der-weissen-goettin

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