Eine solche Region ist Nord-Ghana / Nord-Togo. Von dort gelangte beispielsweise in den 1980er Jahren die abstrahierte Kunst der Moba nach Europa und fand vor allem bei deutschen Sammlern eine begeisterte Rezeption (Abb. 01). 2008 konnte der Händler Pierre Amrouche mit der Kunst der Lamba, Losso und Tchamba auf der großen Pariser Messe Parcours des Mondes für Aufsehen sorgen. (Abb. 02)

Eine neue spannende (Wieder-) Entdeckung ist die Kunst der Mamprusi. Die mehr als 200.000 Mamprusi leben im Nordosten von Ghana und im Norden von Togo. Sie haben als Nachbarn u.a. die Kusasi (Abb. 03), Bulsa, Konkomba und die Moba.


Der Glaube vieler Sammler, in Afrika gäbe es heutzutage nichts mehr zu entdecken, ist sicherlich ein Irrtum. So taucht immer wieder afrikanische Kunst aus Gebieten auf, die vorher als ‚kunstlos' gegolten haben. Ein gutes Beispiel sind die expressiven Figuren und Masken aus Tansania, die erstmals durch Jens Jahn eine breite Öffentlichkeit erhielten. Zum anderen gibt es Regionen, die scheinbar von Händlern bereits abgegrast worden sind, in denen dann aber doch eine faszinierende Schnitzkunst (wieder-) entdeckt wird, deren ältere Werke bis dato höchstens in einigen Museumarchiven verstauben.

Eine solche Region ist Nord-Ghana / Nord-Togo. Von dort gelangte beispielsweise in den 1980er Jahren die abstrahierte Kunst der Moba nach Europa und fand vor allem bei deutschen Sammlern eine begeisterte Rezeption (Abb. 01). 2008 konnte der Händler Pierre Amrouche mit der Kunst der Lamba, Losso und Tchamba auf der großen Pariser Messe Parcours des Mondes für Aufsehen sorgen. (Abb. 02)

Eine neue spannende (Wieder-) Entdeckung ist die Kunst der Mamprusi. Die mehr als 200.000 Mamprusi leben im Nordosten von Ghana und im Norden von Togo. Sie haben als Nachbarn u.a. die Kusasi (Abb. 03), Bulsa, Konkomba und die Moba.

Bei ihnen zeigt sich deutlich die Durchdringung alter Traditionen mit der Moderne (Stichwort transition). Viele sind islamischen Glaubens (Abb. 04 Zayaa Moschee in Wulugu, erbaut im 20 Jhd.), andererseits sind traditionelle Glaubensvorstellungen immer noch weit verbreitet. So werden häufig Wahrsager konsultiert. Des Weiteren existiert nicht nur die institutionelle staatliche Macht, sondern es herrscht auch ein für ein Eroberungsvolk - das im 15./16. Jahrhundert aus der Sahelzone nach Nord-Ghana kam - recht typisches einflussreiches Häuptlingstum.

Während das Herrschafts- und Religionssystem der Mamprusi durch Ethnologen wie Michael Schlottner durchaus erforscht wurde, sind Skulpturen dieses Volkes in deutschen Museumssammlungen so gut wie nicht vertreten (Mündliche Mitteilung Andreas Schlothauer 2.2.2012) und in der Literatur kaum erwähnt. Immerhin konnte aber Udo Horstmann in dem Buch "Togo Erinnerungen" von Richard Küas aus dem Jahr 1939 ein Bild mit einem Soldaten neben "Fetischgerät in Kpatua-Mamprusi" finden. Deutlich zu sehen ist eine große Figur, die an eine Moba erinnert, allerdings unüblicherweise mit Gesicht und Busen. (Abb. 05)

Dem deutschen Händler Volker Schneider gelang es 2011, nachdem ihm schon länger Mitarbeiter in Ghana von solchen Objekten berichtet hatten, einige wenige große Figuren der Mamprusi zu erhalten - neben schlanken Figuren, ähnlich der aus dem Buch von Küas (Abb. 06), auch eine 90 Zentimeter große und nahezu 40 Kilogramm schwere massive Skulptur, eine Frau darstellend. Sie zeigt leichte Anklänge an die Moba, unterscheidet sich aber deutlich durch ihre etwas realistischere Anmutung. (Abb. 07)

Doch stammen diese Figuren wirklich von den Mamprusi? Das Bild aus dem Buch und die Herkunftsangabe des Händlers sprechen dafür. Dagegen aber die Tatsache, dass die Mamprusi eben bisher kaum als Schnitzer solcher Stücke in Erscheinung traten bzw. es kaum Zeugnisse dafür gibt. So schrieb mir der Ehnologe Michael Schlottner zu der Figur aus dem Küas Buch:

"Sorry, ich habe solche Figuren dort nicht gesehen. Möglicherweise handelt es sich aber tatsächlich um Figuren der Bimoba (in Ghana werden die Moba "Bimoba" genannt = Zusammenziehung der Ethnonyme Bim & Moba), die im Osten von Mampurugu siedeln. Die selbst betreiben kaum Handwerke, sie sind eine Herrscherlinie bzw. Nachkommen von Herrschern, die den Anspruch auf Herrschaft verloren haben. Mampurugu könnte man als "Vielvölkergebiet" bezeichnen, sie finden dort neben Haussa und Mossi sowie Wangara (ehemals Mande-Sprecher) Vertreter von nahezu allen Ethnien in Nordghana und angrenzenden Gebieten. Die Bimoba leben im Osten von Mampurugu, wo in dem Ort Bindi nur ein einziger Vertreter der Herrscherlinien sitzt, ansonsten überwiegend Bimoba und im Süden einige Konkomba. Daher glaube ich, dass die Figuren keineswegs "Mamprusi"-Ursprung sind, sondern von Bimoba-Schnitzern hergestellt wurden." (Mail vom 19.1 2012)

Es bleiben also Fragen:
• Sind diese Figuren wirklich so selten oder gibt es sie öfters in Museen oder Sammlungen oder in der Literatur? Wer hat sie schon gesehen?
• Sind diese Figuren von den Mamprusi hergestellt oder eventuell ‚nur' aus dem Gebiet, in dem sie leben?
• Und wie wurden oder werden sie verwendet?

Ich hoffe auf Feedback und detektivisches Gespür der Leser!

To be continued...

Text und Fotos: Ingo Barlovic

LITERATURLISTE:

• RICHARD KÜAS - TOGO ERINNERUNGEN, 1939
• MICHAEL SCHLOTTNER - HERRSCHAFT UND RELIGION BEI DEN MAMPRUSI UND KUSASI IM NORDOSTEN VON GHANA, IN PAIDEUMA, 37, 1991
• STEVE TONAH - DIVINERS, GOD, AND THE CONTEST FOR PARAMOUNT CHIEFSHIP IN MAMPRUGU (NORTHERN GHANA), IN ANTHROPOS, 101, 2006
• JÜRGEN ZWERNEMANN - STUDIEN ZUR KULTUR DER MOBA (NORD-TOGO), 1998

Vielen Dank an Ingo Barlovic.

Autor
Ingo Barlovic
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

EINE FIGUR DER MAMPRUSI?; Ingo Barlovic; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/345-eine-figur-der-mamprusi

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