Der "Sammler Afrikanischer Kunst" steht bei Kennern im Ruf nur dann wirklich authentisch zu sein, wenn er auch gern über Dritte (bzw. deren Sammlung) klatscht, bevorzugt in deren Abwesenheit. Die Hohe Schule wird erreicht, wenn der "Be-Klatschte" sich im gleichen Raum befindet, aber gerade so außer Hörweite ist. Die Geschichten beginnen typischerweise mit einem "hast-du-schongehört" und der ritualisierten Erwiderung: "Von der fragwürdigen Sammlung bzw. dem fragwürdigen Stück von Herrn X?". Eben gehört, wird das Unglaubliche schnell weitererzählt, macht einmal die Runde und kehrt zum Erzeuger zurück, der seine eigene Kreation meist nicht mehr wiedererkennt, aber gerne mitlästert. So überziehen sich diese Geschichten mit einer gewachsenen Patina von Halbwahrheiten und werden zu authentischen, echten Gerüchten. Daß das geschriebene Wort und die Zeitung einmal erfunden wurde, um dieselben zu ersetzen, stört den "Sammler Afrikanischer Kunst" wenig. Tradition und der Erhalt von Ritualen sind ihm wichtig, ja heilig. IHM? Richtig? Sammlerinnen gibt es auch, aber diese Art Klatsch ist eine typisch männliche Eigenschaft und setzt eine gewisse Reife voraus, etwa 60 Jahre sollte Mann schon sein.

Natürlich gibt es weder "den Sammler", noch die Gerüchte, trotzdem möchte ich einige Geschichten erzählen, die so passiert sein könnten, sich aber nie ereignet haben.

Ein Königssohn aus Gabun

Der Betrug war "plump und einfach". In einer, nicht auf afrikanische Kunst spezialisierten, Galerie im deutschsprachigen Raum erschien an einem Herbsttag der smarte, in edles Tuch gehüllte und mit gut geputzten Schuhen ausgestattete "Mohammed Mama Ndoukoue Königssohn aus Gabun" (Name erfunden) mit einer "sehr wichtigen Holzfigur, einer Königsmutter aus einer weltberühmten Sammlung". Umständehalber abzugeben. Wegen aktueller Geldnot sehr kurzfristig und preiswert: nur 20.000 Euro. Da der Galerist nicht bereit war dieses Risiko einzugehen, einigten sie sich auf ein Kommissionsgeschäft und das Stück wurde in der Galerie angeboten. Wenige Tage später erschien Max Murphy, ein reicher New Yorker Sammler (noch smarter, noch edler gewandet und stark glänzenden Schuhen), der die "berühmte Figur" sofort erkannte und unbedingt für den Verkaufspreis von 30.000 Euro erwerben wollte. Leider, leider hatte er nicht die volle Summe dabei, aber er hinterlegte eine Anzahlung von 750 Euro und versprach am nächsten Nachmittag den Rest zu bringen.

Am Vormittag des folgenden Tages betrat wieder unser "Königssohn" die Galerie und erklärte, daß er nun selbst einen Kunden für die Figur gefunden habe. Der Galerist geriet ins Schwitzen, sah ein gutes Geschäft entschwinden und erklärte, daß er die Figur bereits verkauft bzw. einem Kunden versprochen und selbiger eine Anzahlung gemacht habe. Der "Königssohn" drängte und verlangte entweder das Stück oder die 20.000 Euro. Es kam wie es kommen musste: der Galerist zahlte die 20.000 und musste am selben Nachmittag feststellen, daß Max Murphy den Weg zu Galerie offensichtlich nicht noch einmal gefunden hatte. Kein Käufer, kein Geschäft, aber 19.250 Euro bezahlt.

Wenige Tage später präsentierte der Galerist einem, auf Afrika spezialisierten Experten das Stück und bat um dessen Urteil. Schnell war klar, daß es eine einfache, plumpe Fälschung war. Was blieb war der Weg zu Polizei und das Protokoll einer Anzeige wegen Betruges. Es stellte sich heraus, daß beide Betrüger weltweit von der Polizei gesucht werden. Aber "das Beste kommt erst noch". Nach einiger Zeit ist der Galerist bei einer Afrika-Auktion in einem Auktionshaus und wen sieht er da: den "Königssohn". Schleunigst eilt der Galerist zum Haupteingang und bittet dort um Benachrichtigung der Poiizei, "um das Früchtchen zu verhaften". Doch als die Polizei eintrifft, hat sich der "Königssohn" in Luft aufgelöst, auf weiterhin gut geputzten Schuhen.

Vermeidungsstrategien:
Kaufe niemals unter Zeitdruck, bei schlechtem Licht oder in unangenehmen Situationen. Verabrede immer einen zweiten Termin und überdenke deine Entscheidung. Wer das Risiko liebt, sollte diese Regel wenigstens anwenden, wenn der Kaufpreis den vierstelligen Bereich erreicht. Und: nicht nur auf afrikanischen Stücken sollte eine bestimmte Glanzstärke mißtrauisch machen.

Hotel- und Hinterhof-Käufe

Rückkehr aus dem Urlaub. Mehrmaliger Anruf eines französischsprachigen Mannes auf dem Anrufbeantworter. Er sei für einige Tage in Deutschland, habe sehr Ausgefallenes aus Afrika mit dabei. Die Telefonnummer habe er von einem Kunden, dem "allseits bekannten Herrn X". Der Angerufene hat zwar keinerlei Erfahrung mit dieser Art von Kauf, kennt aber natürlich den "allseits bekannten Herrn X", fühlt sich geehrt und ruft zurück. Man verabredet sich im Hotel einer deutschen Großstadt. Ein paar Tage später trifft der Kaufinteressent in der Hotel-Lobby einen elegant gekleideten, sympathisch auftretenden Mann, der sich als Akademiker, Geschäftsmann und Prinz aus einem afrikanischen Land vorstellt. Seine Familie sei schon sehr lange im Besitz der Stücke, die nun dringend verkauft werden müssten, "wegen des Studienaufenthaltes einiger Familienmitglieder in den USA".

Während des Gespräches klingelt immer wieder mal das Telefon und der junge Mann parliert in Englisch, Französisch, Deutsch, Niederländisch und einer afrikanischen Sprache. Der Sammler entnimmt den Gesprächen, daß wohl auch Termine mit anderen Interessenten in Paris, Brüssel, Amsterdam und Berlin verabredet sind. Nach etwa einer halben Stunde begibt man sich gemeinsam in das Hotelzimmer, wo wenige Stücke einzeln präsentiert sind. Die Gardinen sind halb geschlossen, das Licht nicht besonders gut, die Stücke schlecht erkennbar. Der Sammler nimmt ein paar Stücke in die Hand, so ganz wohl ist ihm nicht. Es riecht leicht nach Rauch und Katzenpisse, die Oberfläche mal zu glatt, mal zu rauh und der Händler redet locker, aber unaufhörlich und multilingual auf ihn ein.

Die Luft im Zimmer ist verbraucht, es ist heiß, der Sammler beginnt zu schwitzen, ein gewisser Fluchtinstinkt macht sich bemerkbar. Gern würde er jetzt das Zimmer verlassen, da zieht der Verkäufer unter dem Bett "eine ganz besondere Figur" hervor, die er "noch niemand gezeigt" habe. Er wickelt sie behände aus der, mit einem Klebegand locker fixierten Noppenfolie und drückt sie dem Sammler in die Hände. "Einmalige Gelegenheit ... sehr alter Familienbesitz seit vier Generationen ... nur zwei weitere Stücke auf der Welt in den Museen X und Y ... der bekannte Pariser Händler Z war vor Jahren in Afrika und wollte das Stück erwerben ... doch leider damals nicht verkäuflich ...". Dem Sammler schwindelt und am Ende kauft er weniger aus Euphorie, sondern aus Not, um der Situation zu entkommen, das Stück für mehrere tausend Euro. Zahlt mit Bargeld und verlässt fluchtartig das Hotel. Schon im Auto mehren sich die Zweifel. Zu Hause stellt er die Figur auf seinen Schreibtisch ... und verzweifelt ob der eigenen Dummheit ... sowie der drohenden Kommentare der sammelresistenten Gattin.

Vermeidungsstrategien:
Soviel zum Bordell- und Sucht-Milieu des Sammelns. Wers braucht, solls tun. Aber auch hier gilt, Grenzen setzen! Barzahlung nur bei wenigen hundert Euro und immer gegen Rechnung. Generell sollten derartige "Zwangskaufsituationen" gemieden werden. Und bereits der Anruf eines weltweit agierenden Handlungsreisenden in Sachen Afrika in der deutschen Provinz bei einem "Klein-Sammler" sollte den Umworbenen zumindest stutzen lassen. Vielleicht doch besser in Zukunft die Gattin mitnehmen?

Die Spur des Klagenden

Seit ein paar Jahren überzieht ein Sammler so manchen Händler mit Klagen wegen Betruges. Hier nur zwei Beispiele: In einem Fall ging es um drei Bilder einer zeitgenössischen afrikanischen Malschule. Gekauft a 400 €, Gesamtpreis 1.200 €. Der Sammler stellte nach wochenlanger Recherche fest, daß dieser Maler gar nicht allein malte, sondern ein ganzer Familienbetrieb hinter der Bildproduktion steckte. Unverschämtheit, das muß der Händler gewusst haben. Da ist das Bild ja höchstens noch die Hälfte wert! 600 € zu viel bezahlt! Skandal! Der Prozeß endete in einem Vergleich, in welchem das Gericht dem Klagenden drei Viertel der Prozeßkosten zuerkannte, eine recht eindeutige Aussage.

Eine weitere Klage richtete sich gegen den Händler X. Sagen wir mal es ging um 15 Objekte, Masken und Figuren, für die der Klagende etwa 14.800 € gezahlt hatte, im Schnitt pro Stück also 1.000 €. Die Stücke sollen alle falsch gewesen sein. Den Nachweis erachtete das Gericht als fast hoffnungslos, schon die Suche nach einem Gutachter war sehr schwierig.

Was mag in diesem Menschen vorgehen? Auf Umwegen wurde uns ein Auszug aus dem Tagebuch des Klagenden zugespielt: "Heute mitten in der Nacht hochgeschreckt, schweißnaß, fiebernd, heisskalte Ernüchterung. Zweifel, tiefe Unruhe: sind die von Händler X erworbenen Masken ECHT? Oder FALSCH? Wie konnte ich nur? Gestern abend beim Abstauben mit der Rosshaarbürste löste sich bei einer Maske die Patina an einer Stelle. Das darf nicht sein! Dabei war mein erster Blick voll Euphorie und Liebe. Ein Schatz entdeckt, ein wunderbares Stück. Diese Schönheit, Gleichmäßigkeit, so muß eine Maske der Baule aussehen. Ebenmässig, was für ein Künstler, was für eine Energie. Wie stark im Ausdruck.

Eben noch ruhig meiner Arbeit zugewandt, durchzuckte es mich in der nächsten Sekunde blitzartig. Zwanghaft getrieben musste ich wieder zu meinen Neuerwerbungen hasten, sie in die Hand nehmen, darübergleitend fragte ich immer wieder leise: Wurdest du im religiösen Kult verwendet? Du musst authentisch sein. Bist du das? Sprich zu mir!

Damals in der Stadt X hatten sich unsere Wege gekreuzt: ER Händler, ICH Sammler. Zwei Männer, Vertrauen, Leidenschaft und Fazination für die afrikanische Kunst. Eine bizarre Geschichte, zwischen Afrika und Europa. Fremdartige Masken und Figuren, Elfenbein, religiöse Geheimkulte. Am Ende Enttäuschung und eine zerbrochene (Geschäfts)Beziehung, die fast eine Freundschaft war. Ein Scherbenhaufen. Ich habe ihm geglaubt, denn ohne persönliches Vertrauensverhältnis ist das Sammeln afrikanischer Kunst unmöglich. Wer kann schon nachweisen oder überprüfen, ob ein historisches Objekt im religiösen Kult verwendet wurde? Ich konnte nur glauben und wurde getäuscht, was bin ich enttäuscht.

Gestern bei meinem Freund und Experten Y. Ich nahm die Masken mit. Meine Frage an das Orakel: Ist das Stück ECHT? Nach meiner zwanzigsten Nachfrage in zehn Minuten kamen auch ihm endlich Zweifel. Er sagte: "Ich weiß es auch nicht, aber möglich ist alles" Aha, da haben wirs. Das Stück ist FALSCH! Eindeutige Expertenmeinung. Nun rasch noch den Experten Z angerufen und eine Foto gefaxt. Wenn mir jetzt auch dieser Experte zustimmt ...
Jetzt ist alles klar, Anzeige bei der Polizei, Hausdurchsuchung, Fahndung, Haftbefehle, standrechtliche Erschiessung ... dieser Schurke ... wir haben ihn.

Den Händler mehrmals angerufen. Er weigert sich mir mein Geld zurückzugeben, obwohl ich großzügigerweise bereit bin die plumpen Fälschungen zu behalten!!

Keine Vermeidungsstrategie, aber eine FRAGE:
Kann ein Käufer bei einem Kaufpreis von wenigen hundert Euro bis ca. ein bis zweitausend Euro sicher erwarten, daß das erworbene Stück von Experten und anderen Sammlern als "echt, alt, authentisch" beurteilt wird, wenn vergleichbare Stücke mit zugesicherter Provenienz im Handel fünf- bis sechsstellige Summen kosten? Muss ein Käufer, der in dieser Preisklasse Stücke erwirbt, sich des Risikos bewußt sein und ist er selbst verantwortlich für mögliche Fehlkäufe?

(Ich danke zwei ungenannten Freunden, die den Text Korrektur gelesen und wesentlich verbessert haben.)

Text: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

GERÜCHTE - AUS DER AFRIKANISCHEN KÜCHE?; Dr. Andreas Schlothauer; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/346-geruechte-aus-der-afrikanischen-kueche

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