In der Ethnologischen Sammlung der Universität Göttingen befindet sich mit der Nummer Am3453 eine federverzierte Kopftrophäe. Die zugehörige Karteikarte nennt "Munduruku, Brasilien, Kopftrophäe" und als Herkunft "a. S." (alte Sammlung) sowie die "alte Nr. 1322b". Darunter steht eine Notiz von (Dieter) Wolff (bis ca. 1998 technischer Sammlungsverantwortlicher): "Der Federschmuck besteht aus Papageien - Arara - Tukan - u. Nimmersattfedern. ..." Außerdem eine, nur noch schwer leserliche, Fußnote: "Aus Sep.Am. 218. Diese Angaben müssen im Vergleich zu Objekt Am3453 mit Vorbehalt angesehen werden, da Vergleiche zwischen Abbildungen in Sep.Am. 218 und dem Göttinger Objekt klare Abweichungen aufzeigen. 19(?).8.74"

Im Jahr 1999 wurde das Stück durch den Göttinger Anthropologie- Professor Bernd Herrmann in dem Buch "Der gute Kopf leuchtet überall hervor. Goethe, Göttingen und die Wissenschaft" beschrieben; "Die Kopftrophäe der Mundurucu vom Rio Tapajos, Brasilien". Herrmann bezieht sich auf einen Aufsatz von Klara von Moeller des Jahres 1942 mit dem Titel "Indianischer Federschmuck in Goethes Sammlungen." Auf der Suche nach der Herkunft eines Bildes, "farbiges Abbild eines brasilianischen Mumienkopfes", hatte Moeller die Herkunft von Am3453 aus der Sammlung des berühmten Göttinger Anatomieprofessors Johann Friedrich Blumenbach (1752-1840) erwähnt und vermutet, dass das Stück auf dem genannten Farbbild zu sehen sei (GHz/AK Nr. 2206, alte Nr. AK2206, bei Schuchardt III S.288 Nr, 80)

Dieses Bild in Goethes Sammlung mit der Aufschrift "Brasilianischer Mumienkopf" ist nicht das Einzige. Ein zweites, fast identisches, befindet sich im Nachlass von Wied in der Brasilien-Bibliothek der Robert Bosch GmbH, diesmal mit dem Titel "Brasilianer Mumienkopf". (Katalog Brasilien-Biblliothek II, Nr. 225, S.198).

Mehr Veröffentlichungen gibt es zu dem Stück nicht. Allerdings war Gundolf Krüger (Sammlungskustos Göttingen) bekannt, dass der Kopf bei Blumenbach abgebildet ist. (Mündliche Mitteilung am 20.12.2011)

Die genauere regionale Zuordnung als "Mundurucu" verdanken wir den bayrischen Brasilienforschern Johann Baptist Spix und Carl Friedrich Martius, die von 1817 bis 1820 das Innere Brasiliens bereisten: "Wir erhielten hier einige solcher Schädel, dergleichen auch S.D. der Prinz von Wied nach einem dem Herrn Blumenbach gehörigen Exemplare abgebildet hat. (S.T. 17, F.5 von dessen Atlas)" (Martius/Spix 1980, Band III, S.1314) Auch Max Wied erwähnt den "merkwürdigen mumienartigen Kopf eines Brasilianers, welcher sich in der seltenen anthropologischen Sammlung des Herrn Ritters Blumenbach in Göttingen befindet. Er ist auf der 47ten Tafel der Decades Craniorum, aber ohne seinen Federschmuck, abgebildet, und die 17te Platte Figur 1 dieser Reisebeschreibung, zeigt ihn in seiner ganzen Schönheit." (Wied 1821 Reprint 2001, Band II, S.14)

Herrmann bezweifelt nicht die Zuordnung "Mundurucu", auch nicht die Herkunft aus der Blumenbachschen Sammlung, er verneint aber den behaupteten Zusammenhang zwischen Goethes Farbbild und dem Göttinger Kopf Am3453.

"Klara von Moeller, die die Herkunft und den Weg des Bildes verfolgt hat, ist mit einer lapidaren Anmerkung offenbar Urheberin der Auffassung, wonach die von Dawe porträtierte Kopftrophäe identisch mit Am3453 sei. Diese Auffassung ist irrig. Die auf Goethes Aquarell abgebildete Kopftrophäe ist sicher von derjenigen verschieden, die als Am3453 in der heutigen Göttinger Sammlung aufbewahrt wird. Diese Feststellung gilt sowohl für den (Feder-) Schmuck der Trophäe als auch den Kopf selbst, an dem Haartracht, Augenlid-Attrappen und Oberlippenregion die Identität ausschliessen." (Herrmann 1999, S.213)

Stil und Logik der Herrmannschen Argumentation sind unbefriedigend, außerdem enthält sein Beitrag einige Fehler und Ungenauigkeiten. Da die Dame (Klara Moeller) bereits verstorben ist und sich nicht mehr gegen die, wenig charmanten, Anwürfe des Gentleman ("lapidar") verwehren kann, erhebe ich an dieser Stelle mein Streitbeil, auch im Zeichen der Wahrheitssuche, dem höchsten Ziel der Wissenschaft.

Seit wann ist eine Kopftrophäe der Mundurucu in Blumenbachs Besitz nachweisbar?

Herrman schreibt: "... vermutlich wurde es noch in Blumenbachs Lebzeiten erworben." (Herrmann 1999, S.213) Da Blumenbach 1840 verstorben ist, geht er von einem Alter "vor 1840" aus. Moeller gibt einen viel genaueren Hinweis, da sie den oben zitierten Text von Wied kannte: "Blumenbach selbst hat den Mumienkopf, seines Schmuckes entkleidet, in sein berühmtes lateinisches Schädelwerk aufgenommen und Herkunft, Art und Schmuck genau beschrieben." (Moeller 1942, S.202). Leider gibt sie weder Seitenzahl, Abbildungsnummer noch den Band an, auch erwähnt sie keine Jahreszahl. Da Möller sich mit dem erwähnten farbigen Abbild in Goethes Sammlung auseinandersetzt, wird von ihr nur dessen Eingangsjahr bei Goethe genannt, also "vor 1819".

Eine frühere Abbildung des Blumenbachschen Mundurucu-Kopfes findet sich in dem Werk von Francesco Tantini im Jahr 1812, der die Schädelsammlung Blumenbachs beschreibt:

"4. Schädel eines Brasilaners. Geschenk des Dr. Mello Franco, Arzt am portugiesischen Hof. Dieser Kopf ist von großem Interesse, weil außer dem Knochen auch alle seine Weichteile erhalten sind, auch die Haut außerordentlich gut und naturalistisch präpariert ist, im dunklen Bronzeton der Bewohner Brasiliens.
Es fehlen, bzw. gibt nur wenige, Haare im zentralen Kopfbereich, etwas länger sind sie bei den Ohren; sie sind schwarz und fest. Einige Spuren von Bartwuchs im Oberlippenbereich und am Kinn. Die Augenhöhlen und der Mund sind mit einer bitumenartigen Substanz gefüllt, in welcher zwei Zähne des Savia capybara fixiert sind, die dünne, parallele Knochenstückchen imitieren und die Augenlider darstellen.
Einige andere Ornamente, welche hier, da überflüssig, nicht dargestellt werden, sind im Bereich der Ohren und der Stirn. ... V. fig. IV."
(Tantini 1812, S.61, Übersetzung Autor)

"4. Cranio - Di un Brasiliano. Dono del Dott. de Mello Franco, Medico alla Corte di Portogallo. Questa testa offre molto maggior interesse, giacche oltre le sue forme ossee nazionali conserva tuttora le sue parti giá molli, e la cute eccellentemente preparata, e del naturale suo colore di bronzo scuro proprio agli abitanti del Brasilie.
Mancano quasi intieramente i capelli verso il vertice della testa, al vertice precisamente se ne osservano alcuni pochi, piu lunghi verso gli orecchi, generalmente nerissimi, e alquanto rigidi.
Qualche traccia di barba al labro superiore, ed el mento. Ripiene le orbite e la bocca di una sostanza bituminosa, che serve pure a tenere fermamente collegate insieme le palpebre; queste sono imitate da due sottili porzioni d'osso, parallele fra loro, e formate dai denti di Savia capybara. Vari altri ornamenti, che qui é superfluo esporre, si osservano agli orecchi, ed alla fronte. ... V. fig. IV."

Erstmals abgebildet und beschrieben ist der Kopf im Jahr 1808 im fünften Band des Blumenbachschen Schädelwerkes (Blumenbach 1808, S.15f.). Der lateinische Text entspricht dem von Tantini, doch ist neben "Mello Franco medici apud Vlyssiponenses" eine weitere Person genannt, die an der Vermittlung beteiligt war: "Arauio Lusitaniae status minister".

Im Blumenbach-Archiv der SUB Göttingen befindet sich ein Brief von Mello Franco aus Lissabon an Blumenbach vom 8. April 1806: "Ich habe die Ehre Ihnen ankündigen zu können, dass die Schädel bereits auf dem Weg nach Hamburg zu Händen Mr. Johan-Ludolph Anderson abgegangen sind. .. In einem Karton befindet sich, zusätzlich zu zwei Schädeln, ein ganzer Kopf mit Haaren, sehr gut erhalten, geschmückt mit Federn und anderen Ornamenten, wie die Indianer sie tragen." (Blumenbach-Archiv V, 8, Transkription und Übersetzung Autor)

"Fai l'honneur de vous annoncer que les cranes sont deja partis pour Hamburg adresser a Mr Johan-Ludolph Anderson. ... Il y va dans la caisse outre deux cranes une tete entierre avec ses cheveux bien conserves, ayant des plumes et autres ornements, dont se-parent ces Indiens la."

Weiterhin befindet sich dort ein loses Blatt ohne Datum ("Brasilianer") mit folgender Beschreibung Blumenbachs:

"Nie hab ich noch eine so vollkommene conservation der Form mit Haut & Haar & Mumifizierung gesehen. Der Kopf ist nicht etwa von einer ganzen Mumie genommen, sondern muß ganz v.d. fertigen? (unklar, Autor) Leiche abgelößt und so sondersam zubereitet seyn, wie man an der schon zu begreifenden (unklar, Autor) Weise mit der unten die Haut am Halse (ohne Falte) stark angespannt ist.
Sogar die Nationalfarbe derselben, das ächt coppercolour hat sich rein erhalten.
Die Bedeutung des mit festem Harz im Munde an ihren beiden Enden befestigte Stricks ist mir noch ganz rätselhaft. Die Zähne? (unklar, Autor) auf dem Harz in den orbitis (Augenhöhlen, Autor) stellen wohl ohne Zweifel die geschlossenen Augenlider der Todten vor." (Blumenbach V, 8, Transkription Autor)

Die Beschreibung von Tantini, Mello und Blumenbach sind detailliert genug, um diesen mumifizierten Kopf eindeutig den Mundurucu zuordnen zu können. Dass Blumenbach entweder diesen Schädel schon länger kannte oder ihm der Typus bekannt war und er einen Kopf ‚bestellt' hatte, erschließt ein Brief vom 26.November 1805: "...voll Freude eile ich Ihnen zu sagen ... dass der schon länger gewünschte und erwartete Schädel aus Brasilien sich endlich bey dem Herrn v. Araujo befindet." Und "... dass dieser Schädel noch mit der Haut und überdies mit dem dortigen gebräuchlichen Leichenschmuck gekommen say." Absender des Briefes aus Kopenhagen war ein J. Lobo, "ihrem Freund und Schüler". (Blumenbach- Archiv V, 8) In Blumenbachs handgeschriebenen "Catalogus meiner Schädelsammlung und den übrigen dazu gehörigen anthropologischen Apparat" aus dem Jahr 1817 findet sich auf Seite 2 ein weiterer Vermerk:

"7. der mit eigener Kunst mummifizierte Kopf eines Brasilianischen Indianers in einem Glaskasten Geschenk des portugiesischen Staatsministers Araujo Decas V tab 47" (Blumenbach-Archiv I, 4)

Die Angaben zu den beteiligten Personen reichen, um Staatsminister "Araujo" als António de Araújo e Azevedo (1754-1817) zu identifizieren, ein portugiesischer Politiker, der um 1788/89 in Deutschland reiste. (Francisco de) Mello Franco (1757-1823) war ein Arzt in Lissabon, mit einer deutschen Frau verheiratet, der im Jahr 1817 mit Joao VI. und Leopoldina nach Brasilien ging; gemeinsam mit den österreichischen Forschern Johann Emmanuel Pohl, Johann Natterer etc. J. Lobo war Joaquim Jose Lobo da Silveira (1772-1846), Gouverneur von Brasilien, Gesandter am schwedischen Hof und in Berlin, Ehrenbürger Göttingens seit 1816, der als Joachim von Oriola in den preußischen Adel aufgenommen wurde.

SUB Göttingen Blumenbach-Archiv
Eine Abbildung der Briefe ist nicht möglich, da Fotografieren alter Bestände im Universitäts-Archiv Göttingen nicht erlaubt ist. Einen Grund konnte mir niemand nennen, es ist "untersagt". Kopien müssen beauftragt werden, sind überteuert und dauern. Darauf hatte ich keine Lust. Wissenschaftliche Arbeit wird dadurch unnötig erschwert. Eine Digitalisierung der Handschriften des Blumenbach-Archivs ist - laut mündlicher Auskunft - derzeit nicht geplant. Viele Bücher vom Blumenbach und das o.g. Werk von Tantini sind bereits digitalisiert, dies hat die Arbeit sehr erleichtert.

http://www.blumenbach-online.de / http://www.sub.uni-goettingen.de

FAZIT:

Die Abbildung bei Blumenbach des Jahres 1808 ist das älteste, bisher bekannte Bild einer Mundurucu-Kopftrophäe. Vorausgesetzt, dass die obigen Abbildungen auch Am3453 zeigen, wäre das Göttinger Stück mit dem Eingangsjahr 1806 und der bestätigten Existenz 1805, weltweit die älteste erhaltene und dokumentierte Mundurucu-Kopftrophäe in einer Museumssammlung.

Die Übersicht zeigt, dass Herrmann deutlich am schlechtesten gearbeitet hat und nicht einmal dem Hinweis von Moeller bzw. Wied auf das Blumenbachsche Schädelwerk nachging. Alle genannten Bücher waren im Blumenbach-Archiv der Universtitätsbibliothek Göttingen vorhanden, keine 15 Minuten vom Herrmann'schen Schreibtisch entfernt.

Wer hat das "farbige Abbild" gemalt?

Wenden wir uns nun dem farbigen Abbild des brasilianischen Mumienkopfes in der Goetheschen Sammlung zu. Moeller hat den Text des Briefes von Blumenbach an Goethe vom 3. Juli 1819 erstmals 1942 veröffentlicht. "Der treffliche Künstler, Herr Dawe, hat die Gefälligkeit gehabt, uns seine köstlichen Gemälde zu zeigen. Ein wahrer Genuß. Und von Ihrem Porträt auf die übrigen zu schließen, so müssen sie sprechend sein. - Von mir hat er sich eine Gipsmaske nachschicken lassen. In meiner Sammlung fielen ihm vor allem ein Paar Schädel auf, wovon ich kleine Zeichnungen beilege, ein alter Hellene ... und ein Botokuden-Kannibale. Zu letzterem auch ein Bildnis nach einer Skizze von Prinzen von Neuwied." (Moeller 1942, S.202)

Ausgehend von diesem Brief behauptet Herrmann: "Blumenbach sandte Goethe am 3. Juli 1819 das Bild, von dem er in seinem Begleitschreiben sagt, dass es nach einer Skizze des Prinzen von Neuwied aus der Hand des Künstler Dawe stamme." (Herrmann 1999, S.213)

Der Maler George Dawe (1781-1829) erreichte im Frühling 1819 St. Petersburg und blieb dort bis zu seinem Tode. Er hat Goethe (1749-1832) in seinem 70. Lebensjahr, also 1819, gemalt.

Moeller stellt diesen Zusammenhang nicht her, vielmehr geht sie davon aus, dass Max Wied das Bild gemalt hat. "Blumenbach selbst hat den Mumienkopf, ... genau beschrieben. Bei ihm sah ihn Prinz Max von Wied und zeichnete ihn in vollem Schmuck für sein Reisewerk. Zum Dank scheint er dieses kleine farbige Originalbild in Blumenbachs Hand gegeben zu haben, nachdem es für den Atlas zu seinem Reisewerk (Tafel 17, Abb. 5) durch Anton Krüger (Florenz) in Kupfer gestochen war." (Moeller 1942, S.202 f.) Kein Wort davon, dass Dawe der Maler des Werkes sei. Auch Blumenbach stellt diesen Zusammenhang nicht her. Ich bin kein Kunsthistoriker, aber mir scheinen die Werke von Dawe um 1819 weitaus professioneller als das arg amateurhaft wirkende Bild des Mumienkopfes. Dass Blumenbach es als "Bildnis nach einer Skizze von ... Wied" bezeichnet, lässt zwar die Möglichkeit einer späteren Bearbeitung durch eine dritte Person zu, ob dies ausgerechnet Dawe war, kann ein spezialisierter Kunsthistoriker besser beurteilen.

Letzte Sicherheit, ob Blumenbach tatsächlich das "farbige Abbild" meinte, haben wir aus der Textpassage nicht, denn unter der Nummer "LVIII Botocudi" ist auch der Schädel eines Botokuden abgebildet und ausführlich beschrieben (Blumenbach 1820, S.15). Moeller hatte diese Bedenken allerdings nicht: "Dass Blumenbach an Goethe von Zeichnung und Bildnis eines ‚Botokuden-Kannibalen' schreibt, geht offenbar auf die Abbildung im Wiedschen Reisewerk zurück. Auf der zitierten Tafel 17, über deren Anordnung Blumenbach im Jahr 1819 vermutlich schon orientiert war, obgleich das Reisewerk vollständig erst 1821 erschienen ist, findet sich nämlich der bewußte Mumienkopf inmitten eines Kreises von vier Botokudenköpfen." (Moeller 1942, S.203) Siehe die zweite Abbildung dieses Beitrages. Eine Überprüfung des Originalbriefes vom 3. Juli 1819 im Weimarer Archiv der Klassik-Stiftung war am 7. März 2012 aus technischen Gründen leider nicht möglich (GSH 28/83 Blatt 229).

FAZIT:

Herrmann bezweifelt nicht, dass Wied eine Skizze des Mumienkopfes angefertigt hat. Er behauptet jedoch, dass die farbige Abbildung von Maler Dawe sei und beruft sich auf eine, von ihm fehlinterpretierte, Textstelle bei Blumenbach. Eine vergleichende Stilanalyse oder eine Materialuntersuchung des Bildes hat Herrmann nicht durchgeführt. Da der Schwarz-weiß Stich bei Wied und die "farbige Abbildung" weitgehend übereinstimmen, war sicher eine Wiedsche Zeichnung die Vorlage. Insgesamt ist die Farbgestaltung der Darstellung recht genau, sodass entweder vor Ort gezeichnet und koloriert wurde, oder auf der Skizze die spätere Kolorierung angelegt war.

Zeigt das "farbige Abbild" die Kopftrophäe Am3453?

Denken wir an die anfangs zitierte, Behauptung von Herrmann: "Die auf Goethes Aquarell abgebildete Kopftrophäe ist sicher von derjenigen verschieden, die als Am3453 in der heutigen Göttinger Sammlung aufbewahrt wird. Diese Feststellung gilt sowohl für den (Feder-)Schmuck der Trophäe als auch den Kopf selbst, an dem Haartracht, Augenlid-Attrappen und Oberlippenregion die Identität ausschliessen." Da er nur Stichpunkte für sein Negativurteil nennt, ohne Kriterien auszuführen, ist seine Argumentation nicht nachvollziehbar.

Zur Prüfung stehen außer den beiden farbigen Abbildern, die Wiedschen und die Blumenbachschen Grafiken zur Verfügung, sowie die lateinische Beschreibung des 5. Bandes von 1808, die oben zitierten Aufzeichnungen im Blumenbach-Archiv und der Text bei Tantini. Wird keine fotografische Genauigkeit erwartet und berücksichtigt, dass der Federschmuck auf den Blumenbachschen Abbildungen nicht zu sehen ist, dann spricht zunächst kein Detail der drei Abbildungen gegen diese Identität. Auch ist weder in Blumenbachs Sammlung ein weiterer Mundurucu-Kopf erwähnt, noch in der Göttinger "alten Sammlung". Ein starkes Argument ergibt sich jedoch aus dem Vergleich mit den anderen Mundurucu-Köpfen in Museumssammlungen. Bisher habe ich 36 Stück erfasst, d.h. entweder selbst fotografiert oder Fotos aus Büchern oder Internet einbezogen. (Hierzu in der nächsten Kunst&Kontext mehr.)

Die meisten Köpfe haben einen typischen Ohrschmuck, eine Art Baumwollrosette mit Federn, die jeweils im oberen Ohrknorpel befestigt ist; wie auch beim Göttinger Kopf. Dieser Schmuck ist symmetrisch, d.h. an beiden Ohren gleich, während der Göttinger Kopf auf der rechten Seite nur die Baumwollstruktur der Rosette aufweist und auf der linken Seite diese mit gelben Federn geschmückt ist. Da weder auf dem farbigen Abbild noch auf dem Wiedschen Stich die anhängenden Federschnüre abgebildet sind, scheinen sie bereits damals gefehlt zu haben. Bei einer Untersuchung des Stückes am 29. Februar 2012 zeigte sich, dass um die Baumwollrosette des linken Ohres eine Oberarm-Binde geschlungen war. 200 Jahre war am Kopf der falsche Federschmuck appliziert.
(Da bin ich jetzt schon ein bisschen stolz. Weder Blumenbach, noch Goethe, noch Martius oder Wied ist dieses Detail aufgefallen. )

Außerdem ist Am3453 der einzige Schädel, der mit einer Stirnbinde, von den Mundurucu akerikaha genannt (Nomenklatur Johann Natterer), geschmückt ist. Nur ein weiterer Kopf mit Stirnbinde ist mir (bisher) bekannt. Erworben in den 1970iger Jahren in Brasilien, befindet sich das Stück (LI-MNA8432) heute im Museo Nacional de Etnologia in Lissabon. Am 8. November 2011 konnte ich es genauer ansehen. Der Kopfschmuck besteht aus zwei Teilen, die nicht von den Mundurucu sind und offensichtlich später dem Stück angelegt wurden. Zuletzt war das Stück 2005 in der Pariser "Galeries nationales du Grand Palais" in der Ausstellung "Art des peuples d'Amazonie" zu sehen. Aufgefallen ist dies jedoch selbst in der Welthauptstadt der Kultur und des guten Geschmackes niemandem.

Im Übrigen enthält das "farbige Abbild" einen gravierenden Fehler. Die langen Federn sind so skizziert, dass jeweils ein Strang hinter den Ohren angeordnet ist. Tatsächlich sind die Schwanzfedern jedoch so miteinander verbunden, dass sie beim Tragen fächerartig den Nackenbereich bedecken. Bei der Göttinger Stirn-Binde ist das hierfür notwendige, Verbindungsband gerissen, dadurch ist die Struktur verloren gegangen.

FAZIT:

Im Vergleich mit anderen Kopftrophäen der Mundurucu belegen drei Merkmale, die Stirnbinde, der einseitig fehlende Federanhänger der Ohrrosette und die fälschlich angebundene Oberarm- Binde, dass der Göttinger Kopf Am3453 das Modell des "farbigen Abbildes" war.

Welche Federn wurden verwendet?

Bei Moeller heißt es hinsichtlich der Federlieferanten: "Der Federschmuck besteht aus Papageien-, Arara-, Tukan- und Nimmersattfedern." (Moeller 1942, S.203) Sie hat das Stück nie gesehen und kannte nur das farbige Abbild. Woher ihre Informationen kommen, erwähnt sie leider nicht. Herrmann nennt die gleichen Vögel, allerdings mit einer Herkunftsangabe: "Nach der Katalogeintragung der Ethnologischen Sammlung stammte der Federschmuck von Papageien, Arara, Tukan und Nimmersatt." (Herrmann 1999, S.213) Schade, dass an dem Stück weder Papageien-, noch Tukan-, noch Nimmersattfedern vorkommen, immerhin aber Schwanzfedern von mindestens drei Aras, rote und rot-blaue von Ara macao, blau-gelbe von Ara ararauna, (eventuell auch noch rot-blaue von Ara chloroptera) und blau-schwarze vom Hyacinth-Ara (Anadorhynchus hyacinthinus) und vom Mutum oder Hokkohuhn (Crax alector, fasciolata?). Dass Herrmann als Naturwissenschaftler (Biologe!) den Nimmersatt erwähnt, ist eigenartig, denn als Nimmersatt wird ein in Afrika und Madagaskar vorkommender Storchenvertreter bezeichnet (Mycteria ibis, Ciconiidae). Dieser Vogel ist wahrlich weit geflogen, um von einem Mundurucu verarbeitet zu werden.

Beschreibung der Feder-Binde und der Ohr-Rossette Stirn-Binde: Auf einem ca. 5-6 cm breiten Baumwollgewebe sind kurze rote Ara-Federn (Ara macao, Flügel) und jeweils an den Enden kurze schwarze (Crax alector) und etwas längere gelb-orange Federn befestigt. Letztere sind künstlich am lebenden Vogel verfärbt, Tapirage genannt, und von Ara ararauna bzw. Ara macao. Lange rot-blaue (Ara macao, eventuell auch chloroptera), blau-gelbe (Ara ararauna) und blau-schwarze (Anadorhynchus hyacinthinus) Schwanzfedern sind so an das Gewebe gebunden, dass sie beim Tragen fächerartig den Nackenbereich bedecken. An den Federenden sind kurze rote Ara- (macao) und schwarze (Crax alector?) und braune (Crax fasciolata?) Mutumfedern aufgebunden.
Ohr-Rosette bzw. Oberarm-Binde: Gelb-orange Tapirage-Federn von Ara macao und/oder ararauna sowie gelbe Federn von Ara ararauna.

Ara macao = scharlachroter Ara
Ara ararauna = blau-gelber Ara
Ara chloroptera = rot-grüner Ara
Anadorhynchus hyacinthinus = Hyacinth-Ara
Crax alector = Glattschnabel-Hokko, Hahn
Crax fasciolata = Sclater-Hokko, Huhn

Interessant ist, dass Blumenbach nur die Vögel, Tantali (Eudocimus ruber, Autor), Ramphastos (Tukan) und zwei Psittacus (Ara macao und ararauna) erwähnt. "Ipse denique ornatus frontalis ex pulecerrimis pennis auium indigenarum, Tantali rubri, Ramphasti tucani, et Psittacorum praefertim macaoris et araraunae compositur et funiculis gossypinis artificiole contextur est." (Blumenbach 1808, S.16) Offensichtlich haben Moeller und Herrmann diese Stelle entweder nicht gekannt oder nicht verstanden, denn von Papagei und Nimmersatt ist hier nicht die Rede. Auch die Angaben der Karteikarte sind falsch, d.h. auch dem zweihundertjährigen Sammlungseigentümer (Universität Göttingen) ist diese Textstelle entgangen.

FAZIT:

Hinsichtlich der Federlieferanten berufen sich beide Autoren auf die gleiche falsche Quelle. Tukan, Nimmersatt und Papagei sind am Göttinger Kopf nicht nachweisbar und kommen auch nicht an anderen (mir bekannten) Mundurucu-Stücken vor. Verwendet werden die Federn von Ara sp., sowie von Crax sp.

Ergebnis in Kurzform:

Der Göttinger Kopf Am3453 ist in der Blumenbachschen Sammlung seit 1806 nachweisbar ("Brasiliani"), wird 1805 erstmals erwähnt, kommt aus Lissabon von dem Politiker António de Araújo e Azevedo, wurde von dem Arzt Francisco de Mello Franco geschickt und ist erstmals - ohne Federschmuck - abgebildet im 5. Band des lateinischen Schädelwerk im Jahr 1808; somit (bisher) weltweit der älteste belegte Trofäenkopf der Mundurucu in einer Museumssammlung.

Wied skizziert in Göttingen bei einem Besuch Blumenbachs den Kopf und veröffentlicht einen Schwarz-Weiß Stich im Jahr 1821 mit Federschmuck. Das "farbige Abbild" zeigt Am3453, d.h. der Wiedsche Stich und die beiden Farbbilder (Goethesche Sammlung Nr. 2206 und Brasilien-Bibliothek der Bosch GmbH Nr. 225) basieren auf der gleichen zeichnerischen und (an)kolorierten Vorlage.

Ob Blumenbach sich auf diesen Kopf in seinem Schreiben an Goethe vom 3. Juli 1819 bezieht, ist nicht eindeutig, auch wenn Clara Moeller davon ausgeht, d.h. ob das "farbige Abbild" gemeinsam mit diesem Brief an Goethe ging, konnte ich nicht prüfen.

Spix und Martius erwähnen den Kopf der Blumenbachschen Sammlung erstmals und verweisen auf ähnliche Kopftrophäen, die sie selbst bei den Mundurucu erwarben.

Am Göttinger Kopf Am3453 ist fälschlicherweise seit über 200 Jahren am linken Ohr eine Oberarm-Binde befestigt, außerdem ist es die einzige Kopftrophäe der Mundurucu, die eine Kopf-Binde (akerikaha) trägt.

URGENT ACTION:
Der geschichtlich einmalige und kulturell bedeutende Mumienkopf ist in keinem guten Zustand. Bei der letzten Ausstellung (Paulinerkirche) ist vor einigen Jahren das rechte Ohr abgefallen. Die Lagerung im Keller des Instituts ist derzeit nicht zu beanstanden, jedoch kann in einem Gebäude dieses Alters jederzeit Sickerwasser eindringen oder ein Abwasserrohr platzen. Dem Wert der Stückes (und der Sammlung) ist der Ort der Lagerung auf keinen Fall angemessen! Eine fachgerechte Begutachtung und Bearbeitung durch Restauratoren ist dringend notwendig!
Wir werden den Eigentümer, die Universität, um Stellungnahme bitten.

??? FRAGEZEICHEN ??? ZU HERRMANN

Locker hingestreut, finden sich im Herrmannschen Beitrag noch zwei weitere Bemerkungen, die besser nicht kopiert werden sollten. Einmal zu den lebenden Trägern der späteren Mumienköpfe: "Kopftrophäen stammen vorzugsweise von Männern. Frauen sind jedoch auch gelegentliche Opfer." (Herrmann 1999, S.214) Die zeitgenössischen Quellen um 1875 sind nicht eindeutig (Tocantins, Barbosa Rodrigues), ob die Ehre des Köpfens und Mumifizierens auch Frauen zuteil wurde. Leider nennt Herrmann nicht seine Quelle, es wird aber Murphy sein, der dies in einem Nebensatz bemerkte. Für den Göttinger Kopf gilt nach Herrmann: "Die molekularbiologische Analyse ergibt einwandfrei männliches Geschlecht." (Herrmann 1999, S.214) Ich hoffe, dass wenigstens dieses Ergebnis stimmt.

Zum Zweiten erwähnt Herrmann, dass Spix und Martius "...das Bild aus Goethes Sammlung als Vorlage für eine Tafel ihrer Veröffentlichung verwenden." (Herrmann 1999, S.213) Hier gibt er weder Band noch Seite an. Da die bayrischen Reisenden während ihres Aufenthaltes im Mundurucu-Gebiet selbst zwei Kopftrophäen erwerben konnten, sind diese abgebildet.

Auch die Zusammenfassung des Zeremonialzyklus von Murphy sollte man nicht unkritisch übernehmen, ohne die Veröffentlichungen von Barbosa Rodrigues (1875, 1882) und Tocantins (1877) zu kennen.

??? FRAGEZEICHEN ??? ZU MOELLER

"Und diese Überraschung liegt in den mit Tinte unter die farbige Tuschzeichnung gesetzten Worten: ‚Brasilianischer Mumienkopf'. Diese rühren nämlich ganz offenbar von Martius her, wie sich an Hand von Schriftproben ... beweisen lässt." (Moeller 1942, S.204) Ob diese Vermutung stimmt, kann ein Schrift-Experte besser beurteilen. Allerdings frage ich mich, warum Martius, der nach 1820 wusste, dass es Kopftrophäen der Mundurucu sind, dies nicht vermerkt haben würde.

Interessant wäre auch das Urteil hinsichtlich der Schrift auf dem zweiten Bild. Beide Texte unterscheiden sich, einmal heißt es "Brasilianer Mumienkopf" (Brasilien-Bibliothek) und einmal "Brasilianischer Mumienkopf" (Klassik-Stiftung Weimar). Im ersten Fall ist das Wort "Brasilianer" deutlich dunkler als das zweite Wort, auch unterscheiden sich die Schriften. Ich bin kein Experte, vermute jedoch, dass hier zwei verschiedene Personen tätig waren. Moeller kannte das Exemplar der Brasilien-Bibliothek nicht.

Herzlichen Dank an:

  • Christian Feest, dessen Mail vom 5. Mai Anfang 2011 der Anlaß war, dass diese Arbeit entstanden ist
  • Gundolf Krüger für die Kopie des Moeller-Aufsatzes und verschiedene Gespräche
  • die Mitarbeiter des SUB Göttingen, Universitätsarchiv für die Unterstützung
  • Peter Duschl, der mir viele Kenntnisse hinsichtlich Federschmuck vermittelte
  • Hanna Schlothauer, die (offensichtlich erfolgreich) ihre Begeisterung für die Gefiederten an mich weiterreichte

Text: Andreas Schlothauer

LITERATUR

  • BLUMENBACH-ARCHIV DER NIEDERSÄCHSISCHEN STAATS- UND UNIVERSITÄTSBIBLIOTHEK GÖTTINGEN, ABTEILUNG FÜR HANDSCHRIFTEN UND SELTENE DRUCKE
    BLUMENBACH V, 8: BRIEFE VON MELLO, LOBO
    BLUMENBACH I, 4: CATALOGUS MEINER SCHÄDELSAMMLUNG UND DEN ÜBRIGEN DAZU GEHÖRIGEN ANTHROPOLOGISCHEN APPARAT 1817
  • BLUMENBACH, JOHANN, FRIEDRICH: DECAS QUINTA COLLECTIONIS SUAE CRANIORUM DIVERSARUM GENTIUM ILLUSTRATA., BAND 5, GOTTINGAE, MDCCCVIII (1808)
  • HERRMANN, BERND: DIE KOPFTROPHÄE DER MUNDURUCU VOM RIO TAPAJOS, BRASILIEN. IN:MITTLER, ELMAR; PURPUS, ELKE; SCHWEDI, GEORG (HRSGB.) "DER GUTE KOPF LEUCHTET ÜBERALL HERVOR. GOETHE, GÖTTINGEN UND DIE WISSENSCHAFT". GÖTTINGEN, 1999
  • BRASILIEN-BIBLIOTHEK DER BOSCH GMBH
    BAND II: NACHLASS DES PRINZEN MAXIMILIAN ZU WIED-NEUWIED. TEIL 1: ILLUSTRATIONEN ZUR REISE 1815 BIS 1817 IN BRASILIEN. BEARBEITET VON RENATE LÖSCHNER UND BIRGIT KIRSCHSTEIN-GAMBER. STUTTGART, 1988.
    BAND II: NACHLASS DES PRINZEN MAXIMILIAN ZU WIED-NEUWIED. TEIL 2: BRIEFWECHSEL UND ZEICHNUNGEN ZU DEN NATURHISTORISCHEN WERKEN. BEARBEITET VON BIRGIT KIRSCHSTEIN-GAMBER, SUSANNE KOPPEL UND RENATE LÖSCHNER. STUTTGART, 1991.
  • MOELLER, KLARA: INDIANISCHER FEDERSCHMUCK IN GOETHES SAMMLUNGEN. IN: VERLAG DER GOETHE-GESELLSCHAFT 7, BAND 2 HEFT. WEIMAR, 1942, S.199-205
  • SCHLOTHAUER, ANDREAS: DIE MUNDURUCU BRASILIENS. IN: "SCHÄDELKULT". WIECZOREK, ALFRIED UND ROSENDAHL, WILFRIED (HRSGB.), MANNHEIM, 2011
  • SPIX JOHANN UND MARTIUS, CARL: REISE IN BRASILIEN IN DEN JAHREN 1817-1820. REPRINT STUTTGART, 1980
  • TANTINI, FRANCESCO: DESCRIZIONE DEL GABINETTO ANTROPOLOGICO DEL CELEBRE BLUMENBACH DIRETTA ALL'INSEGNE PROFESSORE ANDREA VACCA BERLINGHIERI. IN "OPUSCOLI SCIENTIFICI DEL DOTTORE FRANCESCO TANTINI, VOL I, PISA: PRESSO SEBASTIANO NISTRI, 1812, S.43-64
  • WIED, MAX: REISE NACH BRASILIEN IN DEN JAHREN 1815 BIS 1817. FRANKFURT AM MAIN, 1820-21, REPRINT ST.AUGUSTIN, 2001

Nachtrag:
Der sehr schlechte Zustand des bedeutenden Stückes war in dem Artikel beschrieben worden, und nebst Begleitbrief ging dieser an Ulrike Beisiegel, die Präsidentin der Georgia-Augusta Universität - mit den folgenden Fragen.

Nach zwei Anrufen beim Sekretariat im August kam es nach einer zusätzlichen Mail zu einem Telefonat mit der Pressestelle (Thomas Richter) und der Mitteilung, dass Ende September mit einer Antwort zu rechnen sei. Am 4. Oktober wurden die gestellten Fragen wie folgt beantwortet, eine anspruchsvolle Selbstverpflichtung in der Zukunft.

Welchen Stellenwert hat die ethnologische Sammlung im Universitätsbetrieb?
Welche finanziellen Mittel sind kurz- und mittelfristig für die Sammlungsarbeit eingeplant?

Die Museen und Sammlungen der Universität nehmen einen zentralen Platz im Zukunftskonzept der Universität ein. Geplant sind für die 30 Museen und Sammlungen Verbesserungen ihrer eigenen Ausstattung, die verstärkte Integration in Lehre und Forschung, die Einrichtung einer zentralen Kustodie und einer Professur sowie der Aufbau eines HAUS DES WISSENS als zentraler Ausstellungsfläche für die Sammlungen der Universität. Die Sammlungen sollen allerdings weiterhin an ihren Orten verbleiben und ihre Anbindung an die Institute nicht verlieren. Für die ethnologische Sammlung gibt es ein Erweiterungskonzept, welches wir zurzeit mit dem Land diskutieren.
Da die Universität Göttingen mit ihrem Zukunftskonzept in der Exzellenzinitiative keine Finanzierung erhielt, suchen wir derzeit nach andern Finanzierungsquellen für unser Sammlungskonzept: für das HAUS DES WISSENS möchten wir über Fundraising finanzieren, die anderen Aspekte über Anträge beim niedersächsischen Ministerium für Wissenschaft und Kultur sowie Stiftungen.

Was ist mittel- und langfristig hinsichtlich der Sammlungspräsentation geplant?
Im Jubiläumsjahr konnten die Öffnungszeiten der Museen und Sammlungen leicht erweitert werden (im Rahmen der Sonntagsspaziergänge" nun von 10-16 Uhr). Wir möchten die Ausstellungsfläche der Sammlung vergrößern und prüfen derzeit die Möglichkeiten einer Erweiterung oder der Erschließung eines anderen Hauses. Wir sind uns bewusst, dass es hierzu schon mehrjährige Planungen gibt, die die Universität aufgrund ihrer knappen Mittel nicht umsetzen konnte.

Halten Sie den Erhalt der Sammlungen ohne ausgebildetes Personal (Restaurator) für möglich?
Mit den Kuratoren und Kuratorinnen verfügen die meisten Sammlungen über geschultes Personal zur Pfelge der Sammlungen. Teil der zentralen Kustodie wird die Einrichtung eines Restaurationsfonds sein, auf den die Sammlungen dann zurückgreifen können. Die Vielfalt der Sammlungen und der Objekte in den Sammlungen spricht eher für die Beauftragung unterschiedlicher Spezialisten als für die Einstellung eines Restaurators oder einer Restauratorin.

Aus welchem Grund ist die universitäre Sammlung nicht Mitglied bei ICOM?
Das liegt im Ermessen jeder einzelnen Sammlung. Nach Einrichtung der zentralen Kustodie wird die Universität entscheiden, ob sie als institutionelles oder förderndes Mitglied der ICOM beitreten wird.

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DAS BESONDERE STÜCK - Am3453 - die älteste Kopftrophäe der Mundurucu in Göttingen; Dr. Andreas Schlothauer; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/347-das-besondere-stueck-am3453-die-aelteste-kopftrophaee-der-mundurucu-in-goettingen

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