Gemeint sind afrikanische Fetische. Eine kurze einführende Zusammenfassung zu diesem Thema wird man bei Ethnologen kaum finden. Die beste ausführliche Darstellung stammt von J.F. Thiel in "Was sind Fetische?", Begleitbroschüre zu einer Ausstellung im Frankfurter Museum für Völkerkunde im Jahr 1986.

  1. Wer sich über den Begriff Fetisch orientieren möchte, wird bald feststellen, dass die meisten Definitionen falsch, unvollständig, unscharf und unbefriedigend sind. Selbst der sonst so zuverlässige Brockhaus ist hier nicht zu gebrauchen. Die meisten Ethnologen bringen belanglose Wissenschaftshistorie, begriffsbreiiges Geschwätz oder ungeordnete Feldforschungsdetails. Mitschuldig an dieser Konfusion sind die Missdeutung dieses Begriffs und sein Fehlgebrauch durch Karl Marx und seine Nachbeter.
  2. Bezogen auf afrikanische Kultobjekte lässt sich folgende idealtypische Definition geben: Fetische sind körperliche Gegenstände, in denen eine besondere Kraft angesiedelt ist, die neben einer allgemeinen Schutzfunktion von Fall zu Fall zur Erreichung bestimmter Zwecke eingesetzt werden kann und die auf indirekte, kausal nicht nachvollziehbare Weise die gewünschten Wirkungen hervorruft. Für Freunde von Kurzfassungen: Fetische sind Fluch-Wunsch-Verstärker.
  3. Die körperlichen Gegenstände können aus der Natur stammen oder von Menschenhand hergestellt sein. Nur letztere kann man dem Bereich afrikanischer Kunst zurechnen, sofern sie den Mindestanforderungen abendländischer Ästhetik und Hygiene genügen.
  4. Die Kraftkomponente kann nur vor dem Hintergrund einer dynamischen Weltsicht verständlich gemacht werden. Danach ist jede Materie mit Kraft ausgestattet. Manchen Objekten wird jedoch besonders viel Kraft zugeschrieben, z.B. Blut, Leopardenzähnen, Antilopenhörnern.
  5. Jeder Fetisch enthält eine Kraftkonzentration, bewirkt durch einen Ladevorgang, den nur ein Fachmann (Fetischpriester) in Gang setzen und steuern kann. Die hier verwendeten Rituale und Rezepturen sind weitgehend unbekannt. Es handelt sich um Geheimwissen. Bekannt ist, dass die verwendeten Materialien sehr unterschiedlich sind. Man könnte von einem Kraftcocktail sprechen.
  6. Auch für die Benutzung eines Fetischs ist das Wissen eines Fachmanns erforderlich. Entweder handelt der Fetischpriester selbst oder aber ein Laie aufgrund von Instruktionen, die er vom Fetischpriester erhalten hat. Die Handlungsziele können privater Natur sein oder einer Gemeinschaft dienen. Es können ethisch gesehen gute oder böse Ziele sein. Man spricht dann von weißer oder schwarzer Magie.
  7. Die bei der Manipulation des Fetischs verwendeten Rituale münden nicht in Bitten oder bloßen Anrufungen, sondern sind eindeutige Anordnungen. Anders als bei katholischen Gnadenbildern und Reliquien wird Hilfe nicht erbeten. Sie wird befohlen.
  8. Anders als bei katholischen Gnadenbildern und Reliquien treten die gewünschten Erfolge zwangsläufig ein. Deswegen sind Fetische als magische Werkzeuge anzusehen.
  9. Das weitere magische Element bei Fetischgebrauch liegt darin, dass die eingetretene Wirkung kausal nicht nachvollziehbar ist.
  10. Tritt die befohlene Wirkung nicht ein, sind hierfür zwei Ursachen denkbar: Entweder wurden bei der Kraftkonzentration oder bei der Kraftmanipulation Fehler gemacht, oder aber die Kraft des Fetischs hat nachgelassen. In letzterem Fall muss Kraft "nachgeladen" werden. Hierfür ist wiederum der Experte zuständig.
  11. Versagt ein Fetisch dauerhaft, so wird er weggeworfen oder anderweitig entsorgt.
  12. Wie Fetische sind auch Amulette und Talismane körperliche Gegenstände, die eine Kraftkonzentration enthalten. Sie werden regelmäßig am Körper getragen. Es gibt hier jedoch keine Manipulation von Fall zu Fall und kein Nachladen, sondern die anfängliche Kraftladung soll ausreichen. Aufgabe des Amuletts ist dabei der Schutz seines Trägers vor allem Unheil. Aufgabe des Talismans ist allgemeine Wunscherfüllung, d.h. er fungiert für den Träger als Glücksbringer.
  13. Die Kraftladung eines Amuletts erfolgt wie beim Fetisch durch einen Fachmann. Die Ladung eines Talismans erfolgt durch Wunschformulierung eines Laien: möge dieser Gegenstand Glück bringen.
  14. Im Gegensatz zu katholischen Gnadenbildern und Reliquien dienen Fetische, Amulette und Talismane nicht der Verehrung. Sie sind als nützliche Werkzeuge jedoch Gegenstände des Respekts. Hiervon hatten die christlichen Missionare, die allerorten von der Anbetung heidnischer Götzen berichteten, gar nichts begriffen. Zu den Treppenwitzen der Religionsgeschichte gehört, dass die katholische Kirche selbst dem Anschein des Götzendienstes bei Gnadenbildern mit der feinsinnigen theologischen Unterscheidung zwischen adorare und venerari begegnen musste.
  15. Fetische werden darüber hinaus gefürchtet. In Gegenden und Zeiten, in denen auffällig viel Unheil geschieht, wird dies häufig auf außer Kontrolle geratene Fetische zurückgeführt. Es werden dann regelrechte Fetischrazzien veranstaltet. Die eingesammelten Unheilbringer werden verbrannt. Bemerkenswert ist, daß bei diesen Fetischrazzien die großen Gemeinschaftsfetische und die Fetische der Mächtigen (Häuptlinge, Medizinmänner) zumeist ausgespart werden. Betroffen sind eher die Fetische im Besitz der kleinen Leute.
  16. Fetische galten den Abendländern früher als primitiv, hässlich und schmutzig. Erst die Parallelempfindungen auslösenden Erscheinungen aus dem Bereich der modernen Kunst führten zu ihrer Akzeptanz als Kunstwerke.

Text: Hans Rielau

GEDANKEN UND ERINNERUNGEN EINES SAMMLERS

Das Buch mit diesem Untertitel und mit dem Haupttitel "Afrikanische Miniaturen", aus dem wir bereits im letzten Heft einige Texte veröffentlicht haben, ist Anfang diesen Jahres bei Books on Demand (BoD) veröffentlicht worden und kann zum Preis von EUR 72 beim örtlichen Buchhandel bezogen werden.

In dem Bildband stellt der Verfasser Hans D. Rielau 90 Exemplare seiner Miniaturensammlung vor. In den nach Stichworten sortierten Texten befaßt er sich mit seinen Erfahrungen als Sammler und der Erläuterung von Begriffen und Theorien, denen ein Liebhaber afrikanischer Kunst zwangsläufig begegnet.

Wir veröffentlichen diesmal seinen Text über Fetische und darüber hinaus auch einige Abbildungen aus dem Buch, die bei der Veröffentlichung unseres letzten Heftes leider alle noch nicht druckfertig vorlagen.

Während unserer Tagung in Hannover wird der Autor einige Exemplare seines Bildbandes zur Einsichtnahme auslegen.

Vielen Dank an Hans Rielau.

Autor
Hans Rielau
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

FETISCHE; Hans Rielau; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/349-fetische

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