Peter Duschl, Jahrgang 1947 (geboren in München), verließ Bayern im Jahr 1965, um zur See zu fahren. 1966 war er erstmals auf Landgang in Südamerika und arbeitete noch bis 1969 auf verschiedenen Schiffen. Ab 1969 folgten die Arbeit als Plantagenaufseher in Papua- Neuguinea und anschließend bis 1973 diverse Jobs in Australien. Ab 1975 war er auf einem Ölversorgerschiff und Ölbohrinseln und bezog im November eine Wohnung in Belem do Para (Brasilien). In dem Gebäude "Assembleia Paraense" im Zentrum der Stadt befand sich damals ein Laden der Funai (Indianerbehörde), in welchem die Erzeugnisse der materiellen Kultur verschiedener Völker angeboten wurden. Dort freundete er sich bald mit den Angestellten und dem Geschäftsführer Milton Enrico do Rego an. Letzterer war in den 1970iger bis 1990iger JahrenLieferant vieler Stücke, die über den Ethnologen Lajos Boglar in europäische Museumssammlungen gelangten, auch viele Stücke in der Sammlung des Künstlers Horst Antes dürften aus dieser Quelle stammen.

Im Laden der Funai kam es zu ersten direkten Kontakten mit Indianern. Um 1976 lernte Peter einen Apalai namens Anakare kennen, der regelmäßig nach Belem kam, um Erzeugnisse aus seiner Region zu verkaufen. Nachdem dieser bei einem Besuch vollständig beraubt worden war, kaufte Peter mit ihm zusammen ein, damit er wenigstens etwas nach Hause mitbringen konnte. Dadurch entstand ein enger Kontakt und immer wenn Anakare nach Belem kam, besuchte er Peter und machte ihn mit seinen indianischen Freunden bekannt.

Eine weitere intensive Beziehung entstand damals zu Kukukaprekre, einem Parakateje-Indianer (Gaviao), der ebenfalls öfter nach Belem kam. Die Gegenstände, welche er damals verkaufte, waren schon dem Geschmack der brasilianischen Käufer angepasst. Peter hingegen interessierte sich für die Kulturgegenstände, die in der Zeit vor dem Kontakt verwendet und hergestellt worden waren. Nachdem er diesen Wunsch deutlich gemacht hatte, brachte Kukukaprekre etwa ein halbes Jahr später die ersten Stücke, die "so hergestellt waren wie früher". Aus diesen regelmäßigen Besuchen entwickelte sich ein sehr enges Verhältnis, das zu Peters Adoption in die Familie und der Erstellung einer vollständigen Sammlung von Gegenständen führte, von denen Kukukaprekre wünschte, dass sie einmal in ein Museum gelangen möge.

Ein erster Besuch bei den Kayapo der Untergruppe Kuben-krankenh datiert aus dem Jahre 1983, später war Peter Duschl noch zweimal in den 1990igerJahren dort, insgesamt etwa drei Monate in verschiedenen Aldeias (Dörfern) der vier Kayapo-Häuptlinge Ngapre, Pangra, Boimg-Tuk und Kworidjanhiti (Missionsname Joel Guellish Kayapo).

Aufgrund eines Arbeitsunfalles mit Blutvergiftung und Thrombose im linken Arm im Jahr 1990 veränderte sich Peters Leben wesentlich. Er ging als Folge in Frührente und hatte dadurch wesentlich mehr Zeit seinen Interessen nachzugehen und die Beziehungen zu den verschiedenen Indianern zu intensivieren. Jetzt konnte er die Einladungen wahrnehmen und besuchte 1993 für etwa sechs Wochen die Apalai am Rio Paru do l'Este. Außerdem war er zweimal (vier und sechs Wochen) bei den Kaapor am Rio Gurupi und am Rio Pindare in der Aldeia Agua Preta. Sehr häufig war er zu Kurzbesuchen bei den Parakateje. Obwohl er mehrfach eingeladen worden war, schaffte er es jedoch nicht zu den Waiwai. Wenn er in den Dörfern war, nahm er am täglichen Leben teil. Es wurde geschwommen, gefischt, gejagt, durch den Wald gewandert und viel gelacht. Peter wollte nicht von Außen dokumentieren, sondern ihm gefiel dieses Leben und er wollte sich bei seinen Besuchen weit möglichst intergrieren. So gibt es aus dieser Zeit kaum Fotos, und er lernte über die materielle Kultur vor Ort weniger als in Belem, wie er meint: "Am meisten habe ich im Hotelzimmer gelernt". Wenn die Indianer zu Besuch waren, wurden Stücke hergestellt oder restauriert und Fragen beantwortet. Konzentriertes, manchmal tagelanges Arbeiten war hier viel einfacher als in der Aldeia, es gab weniger Ablenkung. So entstand über die Jahre ein regelmäßiger Kontakt zu den Apalai, Kaapor, Kayapo, Waiwai und Parakateje. Dies ermöglichte ihm die Vervollständigung seiner Sammlungen, nicht nur durch die Stücke selbst, sondern auch durch die zugehörigen Informationen. Aber: "Manchmal brauchte ich 20 Jahre, um ein bestimmtes Stück zu erhalten."

Um das Jahr 2005 endete diese intensive Phase, da Peter infolge der zunehmend bedrohlich empfundenen Kriminalität in Belem wieder nach Deutschland zurückging. Der Kontakt zu Deutschland war nie ganz abgerissen, nach zwei kurzen Aufenthalten in den Jahren 1985 und 1990 war er seit 1994 fast jedes Jahr drei bis vier Monate in München gewesen, da die Mutter und der Bruder dort lebten.

Welche Völker sind oder waren in der Sammlung vertreten?

Die Stücke erwarb Peter Duschl von ehemaligen Funai-Angestellten, aus alten brasilianischen Sammlungen, direkt von den Indianern sowie Funai-Laden in Altamira, Belem und Brasilia. Aber auch in Deutschland durch Tausch mit Josef Fittkau, dem ehemaligen Leiter der Zoologischen Staatssammlung in München, der in den 1960iger bis 1980iger Jahren in Südamerika unterwegs gewesen war und selbst eine große Sammlung zusammengetragen hatte. Diese befindet sich seit 2010 im Staatlichen Museum für Völkerkunde München. Übrigens sind auch einige interessante Stücke der Sammlung Fittkau ursprünglich aus der Sammlung von Peter Duschl. Man kann gespannt sein, ob diese Details auch in dem geplanten Katalog enthalten sein werden.

In den letzten Jahren hat das Linden-Museum Stuttgart einige Stücke der Kayapo sowie eine Sammlung der Kaapor - inklusive Fotos und der Apalai-Wayana von Peter Duschl erworben. Für die Ausstellung Weiter als der Horizont - Kunst der Welt im Museum für Völkerkunde München hat er 2007 einen oroko der Apalai (1925 von Felix Speiser gesammelt) neu aufgebaut und teilweise restauriert, außerdem den Feder-Kopfschmuck der Sammlung Orban (Haube, Reif ) und Federschmuck der Mundurucu. Weiterhin restaurierte er im Museum für Völkerkunde Wien 2011 ein paar Stücke der Sammlung Johann Natterer für eine geplante Ausstellung.

Zur besonderen Qualität der Sammlung Peter Duschl

Im Gegensatz zu vielen sammelnden Ethnologen der letzten Jahrzehnte konnte Peter Duschl wichtige Vorteile nutzen, die sich in der Qualität der gesammelten Stücke ausdrücken: die räumliche Nähe, das Vertrauen der Indianer, die ständige Anwesenheit, den Luxus, sich fast 30 Jahre sehr stark und ab 1990 fast ausschließlich auf sein Sammelgebiet konzentrieren zu können, sowie die Bereitschaft, seltene und gute Stücke auch gut zu bezahlen. Bedingt durch sein handwerkliches Interesse erlernte er die Herstellungstechniken, baute eine kleine Werkstatt jeweils mit den Materialien unterschiedlicher Völker auf (Kayapo, Kaapor, Wayana-Apalai, Parakateje, Waiwai, Rigbatsa, Arawete, Karaja, sowie des Xingu-Gebietes) und restaurierte beschädigte Stücke in den jeweiligen Techniken und mit Originalmaterial. Außerdem hat er systematisch Informationen zum verwendeten Material und den indianischen Namen der Stücke gesammelt. Weiterhin versuchte er durch ständiges Nachfragen möglichst vollständig die materielle Kultur zu dokumentieren. Nicht mehr vorhandene Stücke ließ er teilweise als Belegexemplare von den Alten herstellen. Nur ganz wenige Sammlungen sind von vergleichbarer Qualität und Vollständigkeit.

Afrika-Sammler und -KuratorInnen, deren Denken durch spekulative Interessen verdorben sind, sei an dieser Stelle gesagt, dass in diesem Sammelbereich keine Marktgesetze stören. Zwar kosten sehr gute Stücke durchschnittlich vierstellige Beträge. Wer sammelt, weiß jedoch, dass er die Stücke nicht mehr verkaufen kann, denn es gibt kaum Sammler. Letztlich werden alle diese Privatsammlungen in Museen enden, nachdem über Jahre hinweg die Sammler die Schönheit der Stücke in Stille und Frieden genießen konnten.

Ich habe Peter Duschl im Herbst 1996 kennengelernt. Die intensive Farbigkeit des Federschmuckes, damals der Rigbatsa, Wayana- Apalai und Kayapo, war für mich eine ästhetische Faszination, ein künstlerisches Erlebnis und das Öffnen eines neuen Interessengebietes. Für mich ist seit Jahren erstaunlich, dass es kein Museum (bisher) verstanden hat, eine große Sonderausstellung unter Einbeziehung des speziellen Wissens von Peter Duschl zu organisieren. Wäre er "Ethnologe", hätte diese Ausstellung über die einmalige Kunstform der Indianer des Amazonas wohl längst stattgefunden.

Text: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer und Peter Duschl.

Autoren
Dr. Andreas Schlothauer
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Peter Duschl
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

Ich war nie Ethnologe, sondern immer Abenteurer – PETER DUSCHL; Dr. Andreas Schlothauer, Peter Duschl; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/353-ich-war-nie-ethnologe-sondern-immer-abenteurer-peter-duschl

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