Korrektur-Nachtrag:

Klaus-Peter Kästner, der ehemalige Südamerika-Kurator des Museums Völkerkunde Dresden, einer der wenigen Spezialisten für die materielle Kultur dieser Region, meldete sich am 20. Juni 2012 mit folgender Richtigstellung:

"In dem Beitrag steht, dass Bögen und Pfeile der Cashinahua in der Berliner Sammlung Stegelmann mit denen der Isolados-Gruppe vom Rio Envira fast identisch sind. Die Schlussfolgerung, dass es sich bei diesen Isolados um eine Gruppe der Cashinahua handelt, halte ich für voreilig. Auf einem Foto war zu sehen, dass die Pfeile der Isolados Tangentialfiederung haben. Diesen Fiederungstyp, über dessen Verbreitung ich in einem Beitrag über die Typologisierung südamerikanischer Pfeilfiederung geschrieben habe (Münchner Beiträge zur Völkerkunde, 10. 2006), kommt nicht nur bei den Cashinahua, sondern u. a. auch bei anderen panosprachigen Nahua-Stämmen des oberen Juruá-Purús-Gebiets vor. Diese Stämme sind sprachlich und kulturell eng verwandt. Die Bögen der Isolados kenne ich nicht. Sicherlich sind sie vom Typ ‚Flachbogen'. Ob es sich bei diesen Isolados um eine isoliert lebende Gruppe der Cashinahua handelt oder um eine andere Nahua-Gruppe, kann man erst dann mit Bestimmtheit sagen, wenn es zu einer Kontaktierung kommen sollte."

UNESCO-Deklaration des Jahres 2001
"Universal Declaration on Cultural Diversity":
Artikel 1: "Als Quelle von Austausch, Innovation und Kreativität ist kulturelle Vielfalt ebenso wichtig für die Menschheit, wie Biodiversität für die Natur."

Ihr Lebensraum schrumpft weltweit, und es werden immer weniger, aber es gibt sie noch: die isoliert lebenden Völker (Isolados). In den Regenwäldern Kameruns, Gabuns und des Kongo können sie nur vermutet werden, denn in Afrika haben sie keine Lobby. Aber in Indien, Indonesien und Papua-Neuguinea, vor allem aber in Südamerika sind etliche Völker nachgewiesen. In Brasilien ca. 90, Peru ca. 20, Ecuador ca. 3, Bolivien ca. 7, Kolumbien ca. 2, Paraguay ca. 1 und Venezuela ca. 3 (UFAM 2011). Eine genaue Zahl ist nicht zu erwarten, da die Erfassung nur sehr selten auf direktem Kontakt oder Fotos beruht, vielmehr fast immer durch Indizien menschlicher Anwesenheit erfolgt. Also vor allem durch Gegenstände der materiellen Kultur, wie z.B. Hütten, Pfeile, Schmuck, aber auch Pflanzungen, angelegte Wege und Nahrungsreste. Meist sind es kleine Gruppen, aber in einigen Gebieten auch noch mehrere hundert Menschen. Wichtiger, als eine genaue Zahl nennen zu können, ist es, die Gebiete zu identifizieren und als Naturund Isolados-Schutzgebiete auszuweisen, um das Eindringen Dritter kontrollierbar zu machen. Denn SIE haben ein Recht auf Isolation. Daher: keine wirtschaftliche Nutzung dieser Gebiete, kein Eindringen, keinen Kontakt!

Begriff Isolados
Wenn das Wort Isolados verwendet wird, bedeutet es nicht, dass diese in ihrer Geschichte keinen Kontakt mit der Außenwelt hatten. Vielmehr ist davon auszugehen, dass die früheren Kontakte so traumatisch waren, dass ein bewusster Rückzug erfolgte. Mit Sicherheit wissen sie, dass es die gefährlichen Aliens da draußen gibt, nehmen jedoch eine passive, Kontakt vermeidende Haltung ein und fliehen, aber verteidigen sich auch gegen Eindringlinge, wenn es nötig ist.

Auf Initiative von Eliane Fernandes Ferreira (Hamburg) kam es zu dem Besuch von Jose Meirelles, einem Sertanista und ehemaligen Mitarbeiter der Funai (brasilianische Indianerbehörde) vom 22. November bis zum 10. Dezember 2011. Gemeinsam organisiert von Eliane, der GfbV Gesellschaft für bedrohte Völker Göttingen (Yvonne Bangert, Isabel Schneider) und Andreas Schlothauer konnte Meirelles in Deutschland über die Situation der Isolados im Grenzgebiet von Brasilien und Peru berichten.

Eliane Fernandes Ferreira
Jahrgang 1971, geboren im brasilianischen Bundesstaat Minas Gerais, studierte an der Universität Hamburg Ethnologie, Vorund Frühgeschichte und Journalistik. Promotion an der Universität Bremen über "Die Indigenen Brasiliens und das Internet". Ab 2008 Wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Philipps Universität Marburg. Seit 2011 am Institut für Ethnologie und Kulturwissenschaft der Univeristät Bremen. Eliane arbeitet seit Jahren intensiv mit den indigenen Gemeinschaften der Ashaninka (Campa) im brasilianischen Bundesstaat Acre zusammen. Durch ihre regelmäßigen Aufenthalte in Rio Branco kennt sie Jose Meirelles.

Die Situation in Brasilien heute

Besteht der Verdacht, dass Isolados in einer Region leben, dann ist zunächst festzustellen, welchen Lebensraum diese nutzen und bewohnen. Die Aufgabe sogenannter Lokalisierungsgruppen. Durch Expeditionen, Überflüge, Satellitenfotos werden Informationen gesammelt und Berichte in Büchern sowie Erzählungen von kontaktierten Indianern und Kleinbauern ausgewertet. An Hand von Spuren wird im Laufe vieler Expeditionen die Größe des Gebietes erschlossen. Dies kann einige Jahre dauern.


Jose Carlos dos Reis Meirelles
Jahrgang 1948, geboren in Sao Paulo, arbeitete seit 1971 bei der Funai. Ab 1973 war er bei den Ka'apor im Bundesstaat Maranhao, dann bei den Awa-Guaja. 1976 wechselte er in den Bundesstaat Acre, in das brasilianisch-bolivianisch-peruanische Grenzgebiet, und war zunächst zehn Jahre auf einem Posten am Rio Iaco, bis er 1986 zum Rio Envira kam. Dort blieb er bis zu seinem Ruhestand im Jahr 2010 und war für den Nachweis, die Vermessung und die Demarkierung der Schutzgebiete (Terra Indigenas) von drei isoliert lebenden Völkern verantwortlich. Im Jahr 2008 gelang es ihm, unterstützt durch die Funai und andere brasilianische Behörden, mit einem BBC-Filmteam durch Aufnahmen aus einem Flugzeug die Existenz dieser Isolados nachzuweisen. Meirelles Ziel, auch als Ruheständler, ist es, gemeinsam mit der Funai und nicht-staatlichen Unterstützern, die Rahmenbedingungen zu erhalten, damit die Isolados ihre traditionelle Lebensweise so lange wie möglich selbstbestimmt beibehalten können.

Gleichzeitig werden Überwachungsposten an strategischen Punkten aufgebaut, um das Gebiet vor äußeren Störungen zu schützen. Auf dieser Grundlage wird dann von der Funai die Demarkierung des Gebietes eingeleitet. Die deutsche GIZ (Gesellschaft für Internationale Zusammenarbeit), früher GTZ, hat, finanziert durch die Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) und die Weltbank, als Dienstleister für die Funai seit 1996 bei der Demarkierung von Terra Indigenas im Rahmen des PPTAL-Programmes mitgewirkt.

Während der Lokalisierungs- und Demarkierungsphase wurde in einigen Fällen bestätigt, dass die Isolados kurz vor dem Aussterben standen. Entweder durch direkte Einflüsse auf die Menschen (Massaker, Krankheiten) oder durch die Vernichtung des Lebensraumes durch Abholzung, illegale Straßen, illegale Diamanten- oder Goldminen, Drogenhandel und neuerdings auch durch große vom brasilianischen Staat geförderte Infrastrukturprojekte, die aber laut Verfassung (Art. 231) entweder die Zustimmung der Indigenen voraussetzen oder bei Nachweis von Isolados gar nicht möglich sind. Es ist keine einfache Aufgabe, sich mit Völkern zu beschäftigen, die über Jahrhunderte gelernt haben, sich zu verstecken. Es mangelt der Funai an speziell ausgebildetem Personal und finanziellen Mitteln, um alle Gebiete untersuchen zu können. Außerdem ist Brasilien ein Land mit einer starken Agrarindustrie- und Forst-Lobby, die einen Baum vor allem dann liebt, wenn er gefällt ist. Eine Lobby, die einen Nutzwald, eine Viehweide oder industrielles Ackerland einem Urwald vorzieht. Sind gar noch Gold, Diamanten oder Erdöl unter der Erde, steigt die Versuchung, gegen die eigene Verfassung zu verstoßen.

Meirelles in Deutschland

Der Flug war für den 24. September gebucht, als uns Ende Juli die Nachricht erreichte, dass Meirelles die Reise verschieben müsse, weil bewaffnete Drogenschmuggler illegal von Peru aus in das Gebiet der Isolados eingedrungen seien. Ende Juli flog eine Gruppe brasilianischer Polizisten (Policia Federal) und Funai-Mitarbeiter dorthin, um festzustellen, was geschehen war. Da sich Meirelles während der Expedition den Fußknöchel gebrochen hatte, war Anfang September erst einmal unklar, ob eine Deutschland-Reise im November möglich sein würde. Erst Mitte Oktober konnten wir mit der Planung beginnen. Vorträge in Hamburg, Bremen, Bern und Berlin (brasilianische Botschaft), Termine mit Organisationen (GfbV, GIZ), dem Länderreferenten Brasilien des Auswärtigen Amtes Christian Gayoso und mit den Politikern des Bundestages:

Sammlung Fritz Stegelmann im Ethnologischen Museum Berlin

Ein sehr wichtiger Termin war am 30. November 2011 im Ethnologischen Museum Berlin. Trotz meiner sehr kurzfristigen Anfrage bei der Direktorin Viola König und bei dem Südamerika-Kurator Richard Haas wurde für Jose Meirelles, betreut durch den Sammlungsleiter Lars Malareck und den Südamerikanisten Michael Kraus, ein Besuch im Depot ermöglicht. Ziel war eine Überprüfung der, vor Ort in Brasilien gesammelten Objekte der Isolados mit den 17 Vergleichsstücken einer Cashinahua-Sammlung (VB5053-67 und VB5070-72, Museumseingang 1902). Felix Stegelmann war um das Jahr 1900 mehrmals im Gebiet des oberen Rio Envira gereist und der Erste, der über seinen Kontakt mit den dort lebenden Indianern berichtete. Der Briefwechsel mit Karl von den Steinen, dem Südamerikanisten und Mitarbeiter des damaligen Völkerkundemuseums Berlin, führte zur Übersendung einer Sammlung im Jahr 1902 (Akte 637/1902) und zu einer Veröffentlichung in der Zeitschrift Globus (siehe Literatur).

Ergebnis des Meirelles-Besuches war, dass Bogen (VB5053) und Pfeile (VB5054-58) der Sammlung Stegelmann mit den Angaben "Cashinahua, Rio Embira" in Technik und Materialverwendung mit Bogen und Pfeilen einer Isolados-Gruppe am Rio Envira fast identisch sind. Es kann somit davon ausgegangen werden, dass eines der drei Völker zu den Cashinahua gehört.

Bei einem zweiten Besuch Ende Mai 2012 in Berlin möchte Meirelles gern die restlichen Stücke der Stegelmann-Sammlung fotografieren, um Bestimmungen in Brasilien zu ermöglichen. Das Ethnologische Museum Berlin wird im Gegenzug Fotos der bereits vorhandenen Isolados-Objekte erhalten.

Siehe auch: buch-publikation-internet/542-isoliert-lebende-voelker-isolados-in-brasilien-und-suedamerika

Text: Andreas Schlothauer

LITERATUR

• ACTA 637/1902 ETHNOLOGISCHES MUSEUM BERLIN, BRIEFWECHSEL FELIX STEGELMANN MIT KARL VON DEN STEINEN, 1902

• MEIRELLES, JOSE: INDIOS ISOLADOS NO ACRE. UMA PUBLICAÇAO DA BIBLIOTECA DA FLORESTA. RIO BRANCO - ACRE, MAI 2010

• STEGELMANN, FELIX UND REICH, ALFRED: BEI DEN INDIANERN DES URUBAMBA UND DES ENVIRA. IN GLOBUS BD. LXXXIII NR. 9, 5. MÄRZ 1903, S.132-137

• UFAM: LOEBENS, GUENTER FRANCISCO; NEVES, LINO JOAO DE OLIVEIRA (HRSGB.): POVOS INDIGENAS ISOLADOS NA AMAZONICA: A LUTA PELA SOBREVIVENCIA. MANAUS-EDUA, 2011

• VAZ, ANTENOR: ISOLADOS DO BRASIL, INFORME 10 IWGIA 2011

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
https://www.about-africa.de/images/aabilder/kontakt/Andreas-Schlothauer_2011.png
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DEN BOGEN ÜBER EIN JAHRHUNDERT SPANNEN - Isolados in Brasilien heute und die Sammlung Felix Stegelmann im Ethnologischen Museum Berlin; Dr. Andreas Schlothauer; 2012; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-03-2012/358-den-bogen-ueber-ein-jahrhundert-spannen-isolados-in-brasilien-heute-und-die-sammlung-felix-stegelmann-im-ethnologischen-museum-berlin

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.