Gegenwart ist das, was in der Zukunft staunend als mangelhafte Vergangenheit betrachtet wird.

"Wer die Leistungen der anderen Museen nicht kennt, kann nicht konkurrieren und im Vergleich der Besten bestehen." (A4 02/2010, S.91) Mit dem Porträt über Steven Engelsman in Kunst&Kontext 03 habe ich die Neustrukturierung in den Niederlanden zwischen 1988 und 2001 am Beispiel des Museum Volkenkunde Leiden beschrieben (S. 8-14). Außerdem den Lokschuppen Rosenheim als erfolgreiches Beispiel der Organisation von Ausstellungen. Privatrechtliche und wirtschaftliche Selbstverwaltung zur Realisierung eines öffentlich-rechtlichen Zieles: Bildung. In dieser Ausgabe wird das Musée du Quai Branly (MQB) in Paris detailliert betrachtet. Auch das Porträt über Lorenz Homberger (Rietberg-Museum Zürich) ist Teil der Analyse. In den nächsten Ausgaben soll über den Umbau der Sächsischen Ethnologischen Museen (Leipzig-Dresden-Herrnhut), den Neubau des Kölner Rautenstrauch-Joest Museums, den Depotumzug des Baseler Museum der Kulturen berichtet und ein Blick nach Genf (MEG) geworfen werden.

In dem Artikel "Humboldt-Forum - Museales Jahrhundertprojekt oder Alter Hut in Neuer Schachtel?" (A4 02/10, S. 90f ) habe ich unter anderem den Vorschlag gemacht, die Erfahrungen anderer Museen systematisch in die Planung des Humboldt-Forums einzubeziehen. Wenn das HuF ein "Jahrhundertprojekt" sein will, tritt es in Konkurrenz mit den besten ethnologischen Museen in Europa, z.B. dem Museum Volkenkunde Leiden, dem Musée du Quai Branly Paris, dem Rietberg-Museum Zürich. Dann muss zunächst einmal ein erheblicher Rückstand aufgeholt und sodann erarbeitet werden, welche Ideen in anderen Museen nicht oder unzureichend umgesetzt wurden. Nur wenig wird neu zu erfinden sein, denn das große Neue ist meist nur ein intelligentes Konglomerat vieler bereits realisierter Einzelteile.

Das Baubudget ist bis zur Fertigstellung kalkuliert und die externe Vergabe von Planungsleistungen (Architekt, Statik, Bauleiter, Haustechnik, etc.) vorgesehen. Erstaunlich: Für den Bereich Inventur, Digitalisierung und Internet-Präsentation der Sammlungen (virtuelles Museum) ist weder eine Gesamtbugdetplanung vorhanden, noch wird berücksichtigt, dass diese Arbeiten Spezialkenntnisse voraussetzen, die nicht bei den Museumsmitarbeitern vorhanden sind. ‚Irgendwie sollen das die paar Museumsmitarbeiter in den nächsten Jahren nebenher bewältigen'. Ein virtuelles Museum ist als gewünschtes Ziel noch nicht einmal formuliert! Auch gibt es keinen Beschluß, die bereits fotografierten Sammlungsteile ins Internet zu stellen. Es mangelt offensichtlich am Bewusstsein der Wichtigkeit. Welche Mammutaufgabe dem Museum bevorsteht, zeigen die Erfahrungen im MQB (siehe Beitrag in diesem Heft):

* Welche Arbeiten waren durchzuführen?
* Wie hoch waren die Kosten?
* Wie viele Personen welcher Qualifikation waren wie lange beschäftigt?
* Mit welchem Ergebnis und mit welchen Schwierigkeiten?

Erfahrungen des MQB - Kostenschätzung für das Humboldt-Forum

In Paris wurden von 2001 bis 2004 etwa 275.000 Gegenstände verpackt, transportiert, gereinigt, mit Stickstoff behandelt, etikettiert, vermessen, fotografiert, der Fehlbestand erfasst und die Sammlungsangaben in die Datenbank eingegeben (Phase I - Chantier des Collections). Es handelte sich um Arbeiten, die jeweils von ganz unterschiedlich qualifizierten Arbeitsteams durchgeführt wurden. Insgesamt 90 diplomierte Wissenschaftler (etwa 30 Vollzeitstellen) arbeiteten drei Jahre in zwei Schichten. Im Durchschnitt wurden pro Arbeitstag etwa 400 Objekte durchgeschleust, ein Zeitaufwand von etwa zehn Minuten pro Stück. Die Gesamtkosten lagen bei 15 Millionen Euro. Weiterhin arbeiteten von 2003 bis 2005 etwa vierzig Spezialisten an der Korrektur und der Vereinheitlichung der Objektdaten in der Datenbank. In den Jahren 2007 bis 2009 wurde der Zustand von etwa 280.000 Objekten erfasst, die Inventur vorbereitet, Evakuierungsprioritäten gebildet und alle Gegenstände in den neuen Depoträumen verstaut (Phase II - Chantier des Réserves). Arbeiten, die von einer externen Firma durchgeführt wurden und etwa sechs Millionen Euro kosteten. Bei etwa 1.000 Objekten (0,5 %) wurde dringendster Restaurierungsbedarf (Kategorie A) und bei etwa 29 % mittlerer Restaurierungsbedarf (Kategorie B) festgestellt. Da bis Ende 2004 nur etwa 250.000 Objekte fotografiert waren, wurden die fehlenden etwa 25.000 Stücke in 2010/11 von Museumsmitarbeitern aufgenommen, Kosten von etwa 500.000 Euro (Phase III Nachfotografieren). Außerdem waren 103.000 Sammlungsangaben zu korrigieren, 16.000 Objekte zu identifizieren etc., weitere Kosten von 1,7 Millionen Euro (Phase III - Inventur, Restarbeiten). Die Inventur soll noch im Jahre 2012 abgeschossen werden. Dann verbleiben immer noch folgende Arbeiten: die Suche nach den alten Nummern von etwa 20.000 X-Nummern, d.h. ehemals nummernlosen Objekten (ca. 7,3 %), sowie der Abgleich von etwa 24.000 Karteikarten (ca. 8,7 %), für die bisher kein Objekt auffindbar war, und verschiedenste Korrekturen (Phase IV - X-Nummern, Korrekturen). Das ergibt folgende Schätzung für das Humboldt- Forum:

Meine erste Prognose aus dem Jahre 2010: "Selbst wenn 100 Personen für fünf Jahre arbeiten, sind dies (in privatwirtschaftlichen Maßstäben) bestenfalls 25 Millionen Euro für Löhne und, ganz einfach pauschaliert, noch einmal 25 Millionen Euro für Arbeitsplätze, Technik und Material; also insgesamt 50 Millionen Euro. Verglichen mit einem Bauetat von mindestens 500 (wahrscheinlich eher 600 bis 800 Millionen) Euro eine geringe Investition." (A4 02/10)

Projekte dieser Größenordnung werden am besten mittelfristig, d.h. in drei bis fünf Jahren realisiert, um die Fluktuation der gut eingearbeiteten Mitarbeiter gering und die notwendige Arbeitsmotivation aufrechtzuerhalten. Benötigt werden große Hallen und eine geeignete technische Ausrüstung. Eine externe Ausschreibung und Projektvergabe nach Definition der gewünschten Arbeitsergebnisse und Ziele ist dringend zu empfehlen.

Restrukturierung in Leiden und Paris - Ideen für das Humboldt- Forum?

Die Details können in beiden Artikeln nachgelesen werden, hier nur eine kurze Zusammenfassung:

In Paris und in Leiden wurden

* einfache Ziele formuliert und veröffentlicht,
* deren Umsetzung durch den Erlass von Gesetzen und Verordnungen flankiert,
* ausreichende finanzielle Budgets eingeplant,
* Teilarbeiten an Spezialisten extern vergeben,
* neue Personal- und Organisationsstrukturen geschaffen.

Wichtige Ziele in Paris waren der "Erhalt der Sammlungen", die "Bestandserfassung und Inventur", die "größtmögliche Öffentlichkeit der Sammlungen", die "Gleichwertigkeit der Weltkulturen" und das "sicht- und begehbare Sammlungsdepot" (Schaumagazin). In Leiden ging es ebenfalls um den "Erhalt der Sammlungen", die "Bestandserfassung und Inventur", die "Veröffentlichung im Internet", aber auch um die "Selbstverwaltung des Museums", also den Aufbau einer neuen Organisationsstruktur.

Die Museumsleitung des MQB wurde vom französischen Präsidenten und zwei verschiedenen Regierungen unterstützt. In Leiden war es ein Konsens aller politischen Parteien über mehr als ein Jahrzehnt. In beiden Ländern wurden Gesetze und Verordnungen mit landesweiter Wirkung erlassen, um die Rahmenbedingungen der Neustrukturierung zu regeln. Finanzielle Budgets waren nicht nur für den Neubau und die Eröffnungsausstellung, sondern auch für die Sammlungsdigitalisierung, Internetpräsentation und Inventur in ausreichender Höhe eingeplant. In Paris war zusätzlich ein Ankaufsetat von etwa 30 Millionen Euro verfügbar, und es wurden im Kunsthandel Figuren und Masken, vor allem aus Afrika und Ozeanien, erworben.

Die Planung der Eröffnungsausstellung war größtenteils Aufgabe von externen Spezialisten, z.B. Architekt, Innenarchitekt, Elektriker, Beleuchter, Designer, Inneneinrichter. Erkennbarer Trend war in beiden Museen, in Leiden etwas mehr, dass die Mitsprache der Ethnologen in diesen Bereichen im Vergleich zu früher deutlich abnahm. Der Innenarchitekt entschied über die Präsentation der Objekte, Ausstellungstexte wurden von Lektoren und Layoutern nachbearbeitet.

In Paris wurde eine neue Personal- und Organisationsstruktur aufgebaut, weniger als die Hälfte der Kuratoren der beiden Ursprungsmuseen arbeiteten bei der Eröffnung im Jahre 2006 im neuen Museum. In Leiden lag besondere Priorität auf dem Aspekt der Selbstverwaltung des Museums. Dort ist der Direktor heute Geschäftsführer mit eigenem Budget und großen Entscheidungskompetenzen. Auch das Beispiel des Lokschuppen Rosenheim zeigt wie Selbstverwaltung privatrechtlich organisiert werden kann.

Ein Blick nach Zürich zum Rietberg-Museum kann Ideen hinsichtlich der Ausstellungsgestaltung, der Objektpräsentation und des Schaumagazins liefern sowie zeigen, wie effektiv dort die Arbeit mit Mäzenen und Sponsoren in den Freundeskreisen des Museums aufgebaut wurde.

Was kann in Berlin besser gemacht werden als in Paris oder Leiden?

Standardisierung der Fotos
Um die spätere wissenschaftliche Arbeit zu erleichtern, sind die Objekte standardisiert mit ähnlichem Blickwinkel vor einem gerasterten Hintergrund mit integrierter Farbkarte zu fotografieren. Größe und Farbwerte sind dadurch sichtbar. Jeweils sechs Fotos pro Gegenstand: vier Bilder bei jeweils 90 Grad Drehung, von oben und von unten,

Scannen/Veröffentlichen der Sammlungsdokumentation
Die Sammlungslisten, Briefe, Feld- und Ausstellungsfotos, Filme etc. werden gescannt, in der Datenbank mit den Objektfotos verbunden und im Internet veröffentlicht.

Vereinheitlichung/Korrektur der Sammlungsangaben
Die Schreibweise der Ethnien und der weiteren Sammlungsangaben wird vereinheitlicht, gleichzeitig bleiben die alten Schreibweisen durch die gescannten Inventarbücher, Karteikarten, etc. erhalten.

Thesaurus
Ausschließliche Verwendung des Singulars. Veröffentlichung und Diskussion des Thesaurus im Internet.

Fotosammlung
In den Dateinamen jedes Fotos werden die Objektnummer sowie einige Angaben der Karteikarten und Inventarbücher mit aufgenommen (z.B. Ethnie, Land, Objektart, Sammler, Eingangsjahr). Dies erleichtert die wissenschaftliche Arbeit mit den Fotos und die unbürokratische Zusammenarbeit mit indigenen Gemeinschaften.

Schau-Depot
Die sichtbare Präsentation der Gegenstände in den Museumsdepots erleichtert die wissenschaftliche Arbeit mit der Sammlung wesentlich. Für die Zusammenarbeit mit Indigenen Gemeinschaften ist die Sortierung nach Völkern von großem Vorteil.

Zusammenarbeitsprojekte - Post-Koloniales Sammeln
Statt des Ankaufes von Objekten auf dem Kunstmarkt könnte eine Vielzahl von Zusammenarbeitsprojekten mit verschiedenen Völkern der Herkunftsländer initiiert werden. Die Auswahl der Sammlungsgegenstände, die Dokumentation der Herstellung und die Präsentation in der Eröffnungsausstellung ist eine gemeinsame Arbeit mit den Indigenen Gemeinschaften.

Neu-Entdeckung der Sammlungen
Die systematische Suche nach dem Noch-Nicht-Erkannten, um nicht das Bisher-Immer-Ausgestellte zu wiederholen. Ziel könnte sein, dass in der Eröffnungsausstellung etwa die Hälfte aller gezeigten Gegenstände aus solchen besteht, die noch nie oder schon lange nicht mehr präsentiert wurden.

Öffentliche Diskussion der Objekt-Auswahl
Alle für die Ausstellungseröffnung ausgewählten Objekte werden mit den Objekttexten Monate (besser Jahre) zuvor im Internet präsentiert und zur Diskussion gestellt.

Lernende Ausstellung
Vor allem die Erfahrungen in Paris zeigen, dass Projekte dieser Größe und Bedeutung von Anfang an kritisiert oder - besser gesagt - endlich öffentlich diskutiert werden. Dies betrifft vor allem die Eröffnungsausstellung. Daher sind die Strukturen so zu planen, dass Kritik und Diskussion, bis hin zu den Objekttexten, in die Ausstellung integriert werden können. Die ‚lernende Ausstellung' darf und soll sich durch die Besucher und Kritiker verändern.

Es ist bedauerlich, dass es keine regelmäßigen halbjährlichen oder jährlichen Berichte zum Arbeitsfortschritt des Humboldt-Forums gibt. Nicht nur um zu dokumentieren und die eigene Arbeit zu loben, sondern auch um öffentlich kontroverse Auseinandersetzungen vor wichtigen Beschlüssen zu etablieren. Eine solche Diskussion könnte zu einer Zusammenarbeit der heute untereinander zerstrittenen, teilweise nahezu verfeindeten Ethnologen in Universitäten und Museen führen. Dies wäre vielleicht der größte Erfolg des Humboldt-Forums.

Text und Fotos: Andreas Schlothauer

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
https://www.about-africa.de/images/aabilder/kontakt/Andreas-Schlothauer_2011.png
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

DAS ETHNOLOGISCHE MUSEUM DES 21. JAHRHUNDERTS - EIN HUMBOLDT-FORUM (HUF)?; Dr. Andreas Schlothauer; 2014; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/392-ethnologische-museen-21-jahrhundert-humboldt-forum

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.