Der folgende Beitrag basiert auf den jahrelangen Erfahrungen, die der Autor Hermann Becker als Objektdesigner bei der Sockelung und Restaurierung von afrikanischer Kunst gesammelt hat. Neben seiner Tätigkeit als Industrie- und Möbeldesigner hat er über längere Forschungsreisen mit dem Völkerkundler und Kunsthändler Karl-Heinz Krieg in Westafrika eine besondere Affinität zu Afrikanischer Kunst entwickelt. Seit Jahren entwirft er im Auftrag von Sammlern und Museen individuelle Sockel für Skulpturen und führt Restaurierungen durch. Der Beitrag ist dem Buch: Afrika und die Kunst - Einblicke in deutsche Privatsammlungen (Dorina Hecht, Günter Kawik) - entnommen.

Die Redewendung "jemanden vom Sockel stoßen" beinhaltet wenigstens zwei Aussagen: Zum einen verweist sie auf den Verlust von Bedeutung und Macht und zum anderen impliziert sie, dass eine Person oder ein Objekt ohne Fundament instabil ist. Unter dem Aspekt der Macht taucht der Sockel schon bei den überlegen erscheinenden Abbildern römischer Kaiser und Feldherren auf. Auch später ließen sich die Mächtigen gern auf erhöhten Unterbauten darstellen, um weithin sichtbar ihren Einfluss und ihre Macht zu demonstrieren. So ist auch die Stange für Gesslers Hut im "Wilhelm Tell" als eine Art Objektsockelung zu verstehen.

In unserer traditionellen europäischen Präsentationsform von bildhauerischen Arbeiten übernimmt der Sockel die Funktion eines Verstärkers, der einen Gegenstand als ausstellungswürdig kennzeichnet. Das Objekt wird erhöht, hervorgehoben und isoliert dem Auge des Betrachters vorgeführt. Trotz der ausgrenzenden und betonenden Funktion erfüllt der Sockel die Aufgabe eines Bindegliedes zwischen Kunstwerk und Umgebung. Im Zusammenhang mit der Sockelung außereuropäischer Kunst, insbesondere der aus Afrika, spielt der Sockel eine etwas andere Rolle: Das Herausstellen und Betonen der Kunstobjekte ist wichtig und gewünscht, primär aber geht es um die funktionale Umsetzung von Standsicherheit, Schutz und Erhalt.

Die meisten Objekte aus der afrikanischen Kultur, die zu uns in den Kunsthandel gelangen – seien es Masken, Figuren oder Gebrauchsgegenstände – werden aus dem ursprünglichen Umfeld und Gebrauch herausgenommen, um sie hier bei uns einer neuen "Nutzung" zuzuführen. Sie füllen die Regale, Vitrinen und Sockel in Museen, Galerien und Privaträumen. Wenn eine afrikanische Holzmaske in unserem Kulturkreis ankommt, fehlt ihr meist das Kostüm, das zusammen mit dem Maskenträger Teil des rituellen Tanzes für ihren Gebrauch ist. Die in Afrika einfach an einen Baum oder an eine Lehmwand gelehnten Ahnenfiguren (vielleicht wurden sie auch mit einem Holzzapfen in den Hausaltar aus Erde gesteckt) finden auf unseren perfekten Regalböden und in den gläsernen Schauvitrinen nur schwerlich oder gar keinen festen Stand. Oft sind die Standflächen oder Füße der Figuren ganz bewusst nicht ebenmäßig gearbeitet, um auf unebenen Untergründen einen besseren Stand zu haben. Der glatte Vitrinenboden aus Glas entlarvt jede Abweichung vom "Rechten Winkel" und quittiert dies mit Schiefstand und Instabilität. Termitenfraß und Fäulnis an den Holzobjekten tragen ihren Teil dazu bei.

Zur Präsentation in Privaträumen, für Ausstellungen in Museen und Galerien und als archivarische Sammlung müssen diese ethnologischen Gegenstände für unsere Anforderungen aufbereitet werden. Um einen sicheren Stand und eine angemessene Betrachtung dieser Objekte zu gewährleisten, benötigen diese Figuren und Masken Hilfskonstruktionen. Eine Holzmaske beispielsweise, die im ursprünglichen Kult eine Einheit im Zusammenspiel von Maskenkostüm, Musik und Tanz bildete und so mit Sicherheit räumlich erlebt wurde, hängt bei uns häufig auf einem Nagel an der Wand. Sie wird dadurch eher als zweidimensionale Raumdekoration wahrgenommen. Eine freistehende Maske, die auf einem feingliedrigen Metallsockel aufliegt, wird dagegen selbst nach dem Verlust des restlichen Tanzkostüms zumindest noch räumlich erlebt. Der Sockel kann so dazu beitragen, Räumlichkeit und Qualität eines Objektes besser wahrzunehmen.

Die Standsicherheit spielt bei der Sockelung eine übergeordnete Rolle. Zum einen geht es um die Sicherheit des Objektes selbst: Es soll möglichst stabil stehen, und vorhandene Beschädigungen, Gebrauchsspuren und Patina dürfen nicht zusätzlich beansprucht werden. Zum anderen kommt bei Großobjekten noch der Aspekt der Sicherheit für das Umfeld und die Personen hinzu, die sich in unmittelbarer Nähe der Skulpturen aufhalten und durch umstürzende Großfiguren oder Hauspfosten Schaden nehmen könnten. Dieser Sicherheitsaspekt ist bei Ausstellungseröffnungen mit zahlreichen Besuchern in Museen oder Galerieräumen und auch aus versicherungstechnischen Gründen zu bedenken.

Jedes Objekt benötigt einen individuellen Sockel. Für schwere Großobjekte eignen sich beispielsweise mobile Sockelungen, die mittels verdeckter Rollen in einem Hohlsockel bewegt werden können. Material und Zustand der Arbeit geben die Art des Sockels für gewöhnlich vor, aber gelegentlich richtet sich die Umsetzung auch nach dem ganz persönlichen Wunsch des Auftraggebers, der eine bestimmte Art der Präsentation realisiert sehen will.

Um ein Objekt auf einem Metallsockel zu befestigen, hat sich bei vielen Holzfiguren das vorsichtige Anbohren und Stiften auf die Sockelplatte bewährt. Die damit verbundene geringe Beschädigung des Objektes ist vertretbar, zumal die Bohrungen in die ohnehin oft beschädigte oder abgenutzte Standfläche gesetzt werden und jederzeit mit geringem Aufwand restauriert und geschlossen werden können. Diese Methode bietet eine sichere und für den Betrachter fast unsichtbare Möglichkeit, der Figur einen festen Stand zu geben. Fehlt dem Objekt eine geeignete Standfläche oder hat Termitenfraß, Fäulnis oder Abbruch das Material stark geschwächt und zum Stiften ungeeignet gemacht, muss über eine individuell angepasste Haltevorrichtung nachgedacht werden. Diese sollte eine ausreichende Standfestigkeit gewährleisten und das Objekt möglichst unauffällig und zurückhaltend mit der Standplatte verbinden. Der Sockel hat eine rein dienende Funktion und sollte über seine Aufgabe hinaus keine Konkurrenz zum gesockelten Gegenstand darstellen. Ein gelungener Sockel ist zurückhaltend, ruhig und neutral. Als Sockelbasis werden verschiedene Materialien verwendet: Die häufigsten sind Holz, Acrylglas und Stahl, aber man findet auch Sockel aus Bronze und Stein. Material und Zeitaufwand bestimmen letztendlich auch den Preis.

Nach Zeiten opulenter Sockelbauten unter oft stilistisch stark reduzierten Kunstwerken afrikanischer Herkunft, geht der Wunsch vieler Galeristen und Sammler wieder in Richtung Zweckmäßigkeit, Neutralität und gestalteter Einfachheit. Dazu scheint sich der Stahlsockel aus verschiedenen Gründen besonders zu eignen. Zum einen kann er von der Grundplatte bis zu der individuellen Halterung aus einem Material stabil verschweißt werden, zum anderen wird durch das verdeckte Verschweißen mit der Sockelplatte die Materialstärke der Basis auf das statisch und optisch Notwendige reduziert, ohne dass die Standfestigkeit dank des Materialeigengewichtes in Frage gestellt wird.

Neben der guten Lackierbarkeit von Stahl sei noch die einfache Möglichkeit der Nachregulierung von schlanken Stäben und Haltedrähten aufgrund der Biegsamkeit erwähnt. Die Vielfalt der Materialien, aus denen ethnologische Gegenstände hergestellt sind, erfordern auch unterschiedliche Überlegungen für den Sockel und die Halterung. Eine hölzerne Ahnenfigur benötigt eine andere Verbindung zum Sockel als eine Bronze oder eine Ausgrabung aus Terrakotta. Die Entscheidung, welche Art der Verbindung oder Halterung gewählt wird, basiert immer auf der Überlegung, wie das Objekt sicher, schonend und gestalterisch ansprechend aufgestellt werden kann.

Geschichten wie die von dem Dorfschreiner, der von einem Sammler gebeten wurde, die Beine einer großen hölzernen Ahnenfigur wegen besserer Standfestigkeit abzusägen, um beide Beine auf eine Länge zu bringen, gehören der Vergangenheit an. Ein guter und sicherer Sockel trägt zum Werterhalt eines Objektes bei, denn eine ungesockelte oder schlecht gehaltene Figur, die aus einem Regal fällt und beschädigt wird, muss danach aufwendig restauriert werden und verliert an Wert.

Wird einmal eine Restaurierung oder Ergänzung notwendig, so sind einige Dinge zu beachten: Die Arbeiten sollte man Spezialisten überlassen, die über ausreichende Kenntnisse des Materials, handwerkliches Können, genügend Erfahrung und die notwendigen technischen Möglichkeiten verfügen. Außerdem bedarf es eines künstlerischen Verständnisses und eines sensiblen Einfühlungsvermögens gegenüber den Arbeiten aus dem fernen Kulturkreis. Der eigene und dann oft misslungene Klebeversuch erschwert die Arbeit des Restaurators dadurch, dass erst einmal unnötige Reinigungsarbeiten der Bruchstelle anfallen. Man sollte auch nicht versuchen, altersbedingte Abnutzungen oder Beschädigungen zu überarbeiten und damit unsichtbar zu machen, denn diese Spuren sagen auch etwas über Alter und Gebrauch aus.

Ob man einen Gegenstand reinigt, hängt oft davon ab, wie das Objekt im Kult oder Alltag benutzt wurde: Eine Opferpatina wird man bestimmt nicht entfernen, dagegen kann man schon Erd- und Schmutzreste, die Formen oder Gravuren überdecken und unkenntlich machen, vorsichtig abtragen. Das Ergänzen von Einzelteilen, zum Beispiel eines Armes, ist dann sinnvoll, wenn das formale Gesamtbild der Arbeit dadurch wiederhergestellt werden kann und so die Fehlstelle nicht Mittelpunkt der Betrachtung bleibt.

Gibt ein Galerist oder Sammler seine Schätze zum Sockeln oder Restaurieren, so geschieht dies auf der Basis von Vertrauen, Respekt gegenüber den Objekten und auch Diskretion. Hat aber eine afrikanische Figur oder eine Tanzmaske aus der Südsee letztendlich ihren passenden Sockel oder Ständer gefunden, so werden sie sehr wahrscheinlich ihren weiten Weg durch Sammlungen, Ausstellungen und Auktionen gemeinsam gehen.

Text: Hermann Becker
Fotos: Dorina Hecht (Abb. 01 - 05)
Hermann Becker (Abb. 06)

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Vielen Dank an Dorina Hecht und Hermann Becker.

Autoren
Dorina Hecht
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http://www.dorinahecht.de/profil.html

Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

FUNKTION DES SOCKELNS UND RESTAURIERUNG AFRIKANISCHER OBJEKTE; Dorina Hecht, Hermann Becker; 2014; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/393-funktion-des-sockelns-restaurierung-afrikanischer-objekte

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