Religion der Dogon

Die Religion der Dogon ist animistisch und vor allem im zentralen Dogon-Gebiet um die Falaise von Bandiagara noch fest verwurzelt, obwohl sich der Einfluss des Islams seit etwa einhundert Jahren auch in diesem Teil Westafrikas ausbreitet. Sichtbarer Ausdruck sind animistische Attribute wie z.B. Masken und Figuren.

Die Dogon glauben an eine Reinkarnation von Mensch zu Mensch. Nach dem Tod wandert die menschliche Seele einige Zeit herum und wird dann in einem Baby wiedergeboren. In dieser relativ kurzen Zeit ist es sehr wichtig, dass die Seele weiß, wo ihr "Zuhause" ist, damit aus ihr keine schweifende Seele wird. "Zuhause" heißt in diesem Fall das eigene Familienhaus, die ginna. Dort wird für den Verstorbenen in einer der Nischen im Giebel ein kleiner Tontopf aufgestellt (Abb. 02), in welchem seine Verwandten regelmäßig etwas Verpflegung anbieten, in der Form von Hirsebrei oder etwas Bier. So sorgen sie durch kleine Opfer dafür, dass die Seele beim Haus bleibt und sich nicht verirrt und ziellos umherschweift.

Kurz nach dem Ableben wird der Leichnam in eine Trauerdecke der Familie gewickelt, um dann in eine besondere Begräbnisgrotte gebracht zu werden. Für den Transport gibt es eine aus Ästen geformte Trage. Die schwierige Beisetzung des Toten in der Grotte vollbringen mehrere kletternde Männer mithilfe von Seilen. Dies geschieht ohne große Andacht. Geraume Zeit nach dem Ableben findet das sehr ausführliche Nach-Begräbnis (funérailles) statt, ein sehr wichtiges, imposantes und mehrere Tage dauerndes Ritual, bei welchem jeder anwesend ist und durch welches die Seele des Verstorbenen wieder ihren Platz auf der Erde der Lebenden erhält.

Es ist also eine Missverständnis zu denken, dass die Seele eines Dogon-Verstorbenen in einer Figur wohnen könnte, diese also Ahnen- Figuren wären. Wenn man überhaupt einen Ort für die Seele eines Ahnen sucht, dann ist dies der bereits genannte Tontopf in dem Giebel der ginna. Übrigens findet man häufig eine ganze Versammlung von solchen Opfertöpfen am Rande eines Dorfes (Abb. 02), und jeder repräsentiert jemanden aus dem Dorf, der entweder vermisst wird oder von dem man hörte, dass er "in der Fremde" verstorben sei.

Figuren der Dogon

Die meisten Dogon-Figuren stehen auf Altären, die von den Dogon 'das Bett der Fetische' genannt werden. Obwohll häufig als Ahnenfiguren bezeichnet, stellen sie keine Ahnen dar. Was sind sie dann und welche Bedeutung haben sie? Die Figuren sind Kraftfiguren, Fetische, die die Familie oder auch ein ganzes Dorf beschützen sollen. Aber sie können auch dazu dienen, Schadenskräfte auf Personen oder Geister zu richten, die einem nicht gut gesinnt sind. Um diese Fetische günstig zu stimmen, werden viele dieser Figuren mit Sorghum- oder Hirsebrei und dem Blut eines Hahnes beopfert, gelegentlich auch mit dem Blut eines Widders oder Ziegenbockes. Einige werden auch aus speziellen Gründen mit Öl versorgt.

In Europa kennen wir Opfer heute fast nicht mehr, das Opfer Abrahams ist uns aus dem Alten Testament überliefert. Im letzten Moment durfte Abraham das Menschenopfer seines Sohnes Isaak durch einen Widder ersetzen. Was wir sehr gut kennen, ist das Anzünden einer Kerze vor einem Marienbildnis oder das Niederlegen von Blumen vor einer Figur, auf einem Grab oder an einem Fleck, an dem ein Mensch starb.

Da viele Sammler afrikanischer Kunst derartige Opferrituale mit den daraus entstehenden Blut- und Breikrusten kennen, erwarten sie zu Unrecht, dass an jeder Dogon-Figur Opferreste kleben müssten.

Die Figuren und also auch der Altar verbleiben in einer besonderen Fetischkammer oder einem Fetischhäuschen, einem äußerst geheimen Platz und allein zugänglich für den ältesten Mann einer Familie, der verantwortlich ist für die Versorgung und Beopferung der Figuren. In der Regel hat er noch einen, höchstens zwei männliche Vertraute, aber außer diesen kennt niemand innerhalb oder außerhalb der Familie den Familienaltar mit seinen Figuren, niemand darf diesen sehen. Außenstehende sehen also niemals einen Dogon Familienaltar, und nur sehr selten, als hohe Auszeichnung, wird einmal einem Nicht-Dogon ein Altar mit Figuren gezeigt.

Neben dem Familien-Altar gibt es im Dorf oft noch einzelne, sehr geheime Plätze, an denen Fetische zum Schutz des Dorfes stehen. Die Altäre sind so geheim, dass es keine Fotos und keine Abbildungen in Büchern gibt mit Ausnahme eines Außen-Altares in Koundou Goumo, der heute teilweise verkitscht ist und von Touristen besucht wird, einst jedoch nur von Dogon benutzt wurde.

Aber es gibt durchaus auch Figuren, die ab und zu öffentlich gezeigt werden und dadurch eine größere Bekanntheit erlangen. Darunter die Tanz-Figuren, die während des Begräbnisses von Frauen zu sehen sind, oder Figuren auf Masken wie zum Beispiel die Frau Satimbe oder Tierfiguren, z.B. ein Vogel oder ein weißer Affe.

Nagel-Figuren der Dogon

Ein Typ Figur, der sicher nicht öffentlich gezeigt wird und auch in der ethnografischen Literatur nahezu unbekannt ist, sind die Nagelfiguren der Dogon, von denen in diesem Beitrag vier zu sehen sind. Von einer dieser vier Figuren (Abb. 01), welche mit Eisenplättchen benagelt ist, weiß ich, dass sie beopfert wurde, wenn in der Schwangerschaft, während der Geburt oder kurz danach etwas schief gegangen war und das Baby "zurück in die Welt der Geister gehen musste". Ein Dogon-Baby ist erst dann dein eigenes Kind, wenn es mindestens eine Woche alt geworden ist. Vor dieser Zeit lebt es noch zwischen der Menschenwelt und der Geisterwelt, und die Geister können es noch "zurückholen". Das ist hart, aber durch den Glauben an die Reinkarnation sicherlich leichter als Erklärung beim Verlust des Säuglings zu akzeptieren.

Sobald dann später, dank dieser Bitten, noch ein gesundes Kind geboren wird, "das bleiben möchte", wird der Figur ein eisernes Votivplättchen eingeschlagen - aus Dank und um die besondere Kraft dieser Figur zu zeigen.

In unseren katholischen Kirchen gab es etwas Ähnliches: Silberne Votivtäfelchen in der Form von Körperteilen, die an der Kapellenmauer befestigt wurden. Der Bittsteller ließ diese durch einen Silberschmied herstellen als Dank an den unterstützenden Heiligen für die Heilung der Erkrankung dieses Körperteils.

Ich kenne die Funktion der etwas größeren Frauenfigur (Abb. 04) nicht genau, aber auch hier sind solche Eisenplättchen vollständig vorhanden. Die einbeinige Figur (Abb. 05), die viel älter ist, hat, deutlich sichtbar, ebenfalls Eisenplättchen getragen, feststellbar an den Rostaureolen rund um die Nägel oder Nagellöcher. Diese sehen wir auch an der nächsten Figur (Abb. 06).

Übrigens dienen auch die Nagel-Figuren nicht nur zum Schutz oder um Dankbarkeit zu zeigen. Wie gesagt, hat ein Fetisch zwei Aufgaben: zu schützen und Gegenkräfte zu mobilisieren. Und so sehen wir zum Beispiel um den Nacken der ersten zwei Figuren eine eiserne Kette gelegt, an welcher u.a. eine eiserne Zange hängt, die als Abwehrwaffe gegen böse Flüche gilt. Denn sie hat zwei Beine, mit denen sie nachts laufen kann, um Böses schickende Dinge aufzuspüren und dann selbst Böses zurückzusenden.

Der Nutzung von Nagel-Figuren bin ich an mehreren Plätzen im Dogon-Gebiet begegnet. Manchmal genügt eine Nagel-Figur auf dem Altar, aber wie ich hörte, stehen häufig eine männliche und eine weibliche Nagel-Figur gemeinsam auf dem Altar.

Überrascht war ich, als ich dieselbe Art genagelter Eisenplättchen auch an einigen magischen Bäumen vorfand, zwischen einzelnen Mindeli-Dörfern. Mit diesen Nägeln waren Streifen aus meist ungefärbter Baumwolle an den Stamm geheftet (Abb. 07). Wenn jemand glaubt, durch einen bösen Geist beherrscht zu werden, versucht er ihn durch diesen Brauch zu bannen. Der Grund kann zum Beispiel eine chronische Krankheit sein oder lang andauernde Unfruchtbarkeit. Der Baumwollstreifen wird an der eigenen Körperlänge abgemessen und eine Weile am Leib getragen, bis der Geist hineingekrochen ist. Durch die anschließende Nagelung an einen magischen Baum nagelt man auch den Geist dort fest und ist ihn so für immer los.

Das ist doch eine sehr viel freundlichere Art des "Austreibens von Dämonen" als unser Exorzismus, der auch heute noch in den Niederlanden praktiziert wird (EO programma dd 1-3-2011: "Es sind nach einer Schätzung noch einige hundert Kirchen aktiv mit dem Austreiben von Geistern und Dämonen.")

Nach meinem Vortrag in CODA über dieses Thema wurde ich durch einen Zuhörer auf unsere eigenen Lappenbäume bei Sint Walrickskapel in Overasselt (nahe Nijmegen) aufmerksam gemacht. Die Lappen stammen von Kranken und werden an den magischen Baum gehängt, um so das Fieber zu senken. In Wikipedia las ich danach, dass dieser Volksbrauch in Europa sehr verbreitet ist. Es gibt z.B. auch Nagel-Bäume und Wunschbäume (Abb. 08).

Aktuelle Situation im Dogon-Gebiet

Derzeit ist es sehr unruhig in Mali, einem Land, in welchem die Demokratie ein bisher ziemlich fester Bestandteil des politischen Lebens war. Im Jahr 2011 hat "Al-Qaida im islamistischen Maghreb" durch Entführungen den Tourismus in Mali schlagartig beendet und dadurch die Ökonomie untergraben. Inzwischen hat diese extremistische Organisation gemeinsam mit Tuareg-Kämpfern den ganzen Norden von Mali eingenommen und damit auch das nördlichste Stück des Dogon-Gebietes. Dies gelang durch die große Menge moderner Waffen, die nach dem Fall Gaddafis in Lybien ins Land kamen. Die politische und religiöse Destabilisierung der Sahara- Region bedroht die Dogon-Kultur. Außer den islamischen Heiligtümern in Timbuktu wurden auch mehrere alte Dogon-Kultstätten bei Douentza verwüstet. Dort ist auch die Scharia, das islamische Gesetz, eingeführt worden, was die lange friedliche Koexistenz von Islam und Animismus im besetzten Gebiet beendete. Zwar ist das noch nicht das Ende eines lebendigen Dogon-Animismus und auch nicht das Ende der Fetische, denn diese können, wenn nötig, auch in den Untergrund gehen und einen Unterschlupf in unzugänglichen felsigen Bergverstecken finden, aber bedrohlich ist dies sicher.

LITERATUR:

• HOFKAMP, MARCHINUS: UNEXPECTED ASPECTS IN DOGON ART, APELDOORN, 2012
HOLLÄNDISCH: ONVERWACHTE ASPECTEN IN DE DOGONKUNST.
FRANZÖSISCH : DES ASPECTS IMPRÉVUS DANS L'ART DOGON.
DAS BUCH KANN IN DIESEN DREI SPRACHEN BESTELLT WERDEN BEI: Diese E-Mail-Adresse ist vor Spambots geschützt! Zur Anzeige muss JavaScript eingeschaltet sein!.
DER VERKAUFSERLÖS WIRD AN GEMEINNÜTZIGE PROJEKTE IM DOGON-LAND GESPENDET.

Text und Fotos: Marchinus Hofkamp
Übersetzung Niederländisch/Deutsch: Andreas Schlothauer

WERBUNG

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer und Marchinus Hofkamp.

Autoren
Dr. Andreas Schlothauer
https://www.about-africa.de/images/aabilder/kontakt/Andreas-Schlothauer_2011.png
Marchinus Hofkamp
Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

EIN KAUM BEKANNTER FIGURENTYP DER DOGON - DIE NAGEL-FIGUR; Dr. Andreas Schlothauer, Marchinus Hofkamp; 2014; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/395-kaum-bekannt-figurentyp-dogon-nagel-figur

Nutzungsrechte / Urheberrechte

Beachten Sie die Rechte des / der Urheber! Wenn Sie Artikel übernehmen wollen, fragen Sie nach! About Africa leitet Ihre Anfrage dann gerne an die/den Urheber weiter.

Bei korrekter Zitierweise ist die Übernahme von kleineren TEXT-Ausschnitten ohne Rückfrage erlaubt.

Bilder und andere multimediale Inhalte bedürfen immer der Freigabe durch den/die Urheber.

Disclaimer

Viele Autoren, viele Meinungen! about-africa.de ist nicht verantwortlich für Richtigkeit der angezeigten Inhalte. Wir entfernen natürlich Falsches oder kommentieren im Text, wenn etwas zu hinterfragen ist, jedoch nur soweit wir es beurteilen können oder uns widersprüchliche Ansichten bekannt sind. Wir sind keine Fachleute und sind nicht in der Lage, Fachwissen im Detail auf Richtigkeit zu prüfen. Wir sind jederzeit bereit, Gegenreden zu veröffentlichen.