Eine erstaunlich große Zahl von Benin-Bronzen, deren europäische Provenienz erst seit den 1920iger bzw. 1930iger Jahren sicher belegt ist, wurde und wird in Museen als "echt" ausgestellt, ohne dass auf die Unsicherheit der zeitlichen Lücke hingewiesen wird.

Denn als sicher "echt" gilt ein Stück - laut herrschender Meinung - nur dann, wenn es kurz nach 1897 in Europa nachgewiesen ist. So reichte es im Fall des Pariser Benin-Kopfes dem ankaufenden Musée du Quai Branly (1999), dass der Verkäufer Barbier-Müller hieß, Louis Carré das Stück "vor 1939 an Josef Müller verkauft" habe und es "1935 in New York ausgestellt und im Katalog abgebildet" sei.

(Letzteres ist falsch. Das Katalogfoto zeigt nicht den Benin- Kopf des MQB sondern den des Musée Picasso) Vorher soll es im Besitz von Arthur Speyer gewesen sein.

Ein sicherer Nachweis der Echtheit war dies keineswegs, wirtschaftlich gesehen ein Geschäft mit Risiko und aus wissenschaftlicher Sicht unbefriedigend. Museen, die sich im Besitz von Benin-Stücken befinden, die seit den 1910er Jahren oder später erworben wurden, müssten größtes Interesse an einer lückenlosen Rekonstruktion der Provenienz haben.

Abbildungen finden Sie am Ende des Beitrags.

Benin-Platte in St. Gallen ehemals Sammlung Han Coray

Dass der Bronze-Kopf aus Benin (GA-C3172), der in der Dauerausstellung des Historischen Museums Sankt Gallen (HMSG) zu sehen ist, ursprünglich aus dem damaligen Museum für Völkerkunde Berlin (B-IIIC8188) kommt, konnte ich nachweisen (Kunst&Kontext 03, S.77-80). In der gleichen Vitrine wird auch eine Benin-Platte (GAC3173 gezeigt, mit folgenden Angaben im Inventarbuch: "Bronce- Platte mit Ritterfigur, Benin, Han Coray".

Zur Erinnerung: Im Zuge der Auflösung der Sammlung Han Coray, die von der damaligen Afrika-Kuratorin des Rietberg-Museums Elsy Leuzinger im Auftrag einer Schweizer Bank in den Jahren 1939/40 betreut wurde, kam das Stück nach St. Gallen. Coray hatte die Sammlung zwischen 1919 und 1928 teilweise mit Darlehen aufgebaut, war verschuldet und musste nach dem Suizid seiner (vermögenden) Frau die Sammlung veräußern. Somit ist die Herkunft der Platte vor 1928 unklar. Eine Möglichkeit, die Echtheit zu beweisen, besteht darin, die zeitliche Lücke zwischen 1897 und 1928 zu rekonstruieren.

Auf der Rückseite der Platte sind mehrere Nummern erkennbar, auf deren detaillierte Beschreibung und Abbildung bewusst verzichtet wird, um nicht die Entstehung eines neuen Fälschungstypus zu fördern. In großer blauer Schrift steht hier "BP3" und unter der "3" mit etwa einem Sechstel der Größe die Nummer "32". "BP3" ist die Coraysche Sammlungsnummer und wohl die Abkürzung für Benin- Platte Nr. 3. Dann eine Marke des französischen Zolls "Douanes Francaises - Recette de Paris Chapelle", was auf den Erwerb der Platte im Pariser Handel verweist. Am Gare du Nord befand sich damals (wie heute) die Zollstation de la Chapelle.

Schließlich die klein geschriebene Nummer "16058". Dieses Nummerierungssystem wurde im Museum für Völkerkunde Dresden verwendet. Eine Anfrage bei der dortigen Afrika-Kuratorin Sylvia Dolz, die mir dankenswerterweise eine Kopie der Karteikarte über

sandte, brachte das Ergebnis, dass die Platte tatsächlich ehemals im Besitz des Museums war. Auf der Karteikarte finden sich ein Foto und folgender Text: "16058 Benin, 1 Bronzeplatte mit einem Krieger, Kauf von Blad, 1898", außerdem die Maße "46 m l(änge), 39,3 cm br(eite)" und zwei Vermerke: "Im Tausch an Speyer Berlin, Juli 1928".

In einer Veröffentlichung des Dresdener Museums aus dem Jahre 1982 ist erwähnt, dass das Museum im Jahre 1898 "aus eigenen Mitteln von dem Händler Blad einige Bronzereliefs erworben hatte." (Arnold 1982, S.66) Mehr war über den einliefernden Händler Blad leider nicht zu erfahren. Zur Person des erwerbenden Berliner Händlers Arthur Speyer II. siehe Kunst&Kontext Nr. 03 (S.77-80). Speyer hat die Platte innerhalb weniger Wochen oder Monate nach Paris gebracht, wo Coray sie noch im selben Jahr erwarb. Dies zeigt die Schnelligkeit beim Handel mit derartigen Stücken bereits in den 1920iger Jahren. Bei Philipp Dark (1982) wird die Platte auf Seite 2.1.72 lediglich kurz erwähnt: "P9/6 Plaque, 1. Fig. (Br) M d Stadt StGallen: B.P.3 (C3173)".

Provenienz

Bisheriger Stand:
Sammlung Han Coray, erworben vor 1928

Neuer Stand:
vor 1897 Benin
1898 Händler Blad, Verkauf an Museum Völkerkunde Dresden (Nr. 16058)
1928 Tausch mit Arthur Speyer II., Berlin
1928 Kauf durch Han Coray im Pariser Kunsthandel

Fehlende Benin-Platten des Ethnologischen Museums Berlin

Eine Prüfung ergab, dass insgesamt zehn "Bronzeplatten" in den Inventarbüchern ausgetragen sind. Sieben Stück hat Arthur Speyer II im Jahre 1923 erworben und dann noch eine im Jahr 1937. Zwei Platten gingen an einen "C. Hentze, Antwerpen". Meiner Meinung nach muss es sich dabei um Carl Hentze (1883-1972) handeln, einen in Antwerpen geborenen Maler, Sinologen und Ethnologen, der von 1913 bis 1924 in Berlin lebte und arbeitete. Von 1925 bis 1943 war er Dozent für ostasiatische Kunst an der Rijksuniversität in Gent und anschließend bis zur Emeritierung 1955 in Frankfurt am Main. Er verfasste zahlreiche Publikationen mit Schwerpunkt auf Mythen, Religion und Kunst der Weltkulturen. Der schriftliche Nachlass befindet sich in der Bayrischen Staatsbibliothek München. Wohin seine Sammlung entschwand, konnte ich bisher nicht feststellen. Die Platten sind im Inventarbuch genauer beschrieben, was eine zukünftige Zuordnung erleichtert. Es kann jedoch davon ausgegangen werden, dass auch Platten ohne einen Eintrag im Inventar das Museum verließen. Zumindest bei den Benin-Köpfen war dies in zwei Fällen nachweisbar (siehe Kunst&Kontext 03, S.77-80). Eine Bestandsaufnahme der vorhandenen Benin-Platten des Ethnologischen Museums Berlin ist bisher nicht veröffentlicht. Auf Anfrage hat der Afrika-Kurator Peter Junge am 5. Septemberg 2012 mitgeteilt, dass er in den nächsten Jahren "seine Ergebnisse publizieren wird". Luschan nennt 1919 einen Bestand von 209 Platten für das damalige Völkerkundemuseum Berlin (Luschan 1919, S.12). Gemeinsam mit dem Magazinverwalter könnte ich innerhalb von etwa drei Stunden eine Liste des heutigen Bestandes erstellen. Ich werde also nach Veröffentlichung dieses Beitrages erneut anfragen, ob ich meine Zeit dem Museum schenken darf.

(Meine ergänzenden Angaben in Klammern.)
NummerErwerberAusgangsjahr
IIIC08272 C(arl) Hentze, Antwerpen 1923
IIIC08279 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1937
IIIC08356 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923
IIIC08388 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923
IIIC08434 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923
IIIC08437 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923
IIIC08460 C(arl) Hentze, Antwerpen 1923
IIIC08465 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923
IIIC08479 (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923
IIIC08522a (Arthur) Speyer (II), Berlin 1923

Exkurs: Von Hürden und Hindernissen oder weitere Stücke der Sammlung Han Coray im Völkerkundemuseum der Universität Zürich

In der Sammlung des Züricher Völkerkundemuseums befinden sich weitere sieben Benin-Stücke der ehemaligen Sammlung Han Coray (Abb. 02), die im Buch von Miklós Szalay abgebildet sind: Zwei Platten (10004, 10005) , zwei Köpfe (10.001, 10.002), ein Stab-Aufsatz mit Vogel (10.010), eine Figur - Rest eines Altars (10.008) und eine Reiter-Statue ohne Kopf (10.007).

Da Coray die Stücke in den 1920iger Jahren erwarb und damals bereits Fälschungen bzw. Nachgüsse existiert haben sollen, ist die Echtheit dieser Stücke zumindest unklar. Im Beitrag von Szalay wird auf diese Provenienz-Problematik in keiner Weise eingegangen, vielmehr so getan, als wären die Bronzen mit Sicherheit vor 1897 entstanden. Das ist optimistisch, aber nicht wissenschaftlich. Zumindest im Falle der kopflosen Reiterfigur (Inv Nr. 10007) ist der Nachweis vor 1897 dann sicher, wenn stimmt, was Szalay schreibt, dass nämlich "der Originalkopf ... sich im Museum of Mankind, London, befindet." (Szalay 1995, S.94). Ob der Beweis durch Ausprobieren oder durch Vergleich mittels Fotos durchgeführt wurde, erwähnt der Autor leider nicht. Das ist unbefriedigend. Größtes Interesse an der Wahrheit der Behauptung Szalays müsste das Rietberg-Museum Zürich haben, denn die Figur ist dort derzeit in der Dauerausstellung zu sehen. Bei Luschan steht im Kapitel "E. Reiter" folgendes: "3. Das Brit. Museum besitzt einen bei R.D. im Text auf S. 61 abgebildeten, ausgezeichnet schönen Kopf, der von einer solchen Reiterfigur abgebrochen sein muß; er hat den gleichen Federhelm, die gleichen kurzen, eingepunzten ‚Schnurrhaare' an den Mundwinkeln und die erhabenen kleinen Leisten an den äußeren Augenwinkeln." (Luschan 1919, S.298)

Da die beiden Züricher Köpfe von dem Typus sind, die das damalige Berliner Völkerkundemuseum an Arthur Speyer II. abgegeben hat, erschien mir die Herkunft aus Berlin naheliegend. Nachdem es bei den beiden Stücken der Coray-Sammlung in St. Gallen möglich war, die Lücke zwischen 1897 und den 1920iger Jahren zu schließen, könnte dies auch bei den Züricher Coray-Stücken gelingen.

Am 25. Mai 2012 nahm ich deshalb per Mail Kontakt mit Andreas Isler von der Universität Zürich auf und erhielt umgehend Antwort, dass er nicht zuständig sei, aber weitergeleitet habe an den Vize- Direktor Thomas Laely, der mir sodann am 4. Juni 2012 antwortete.

Ich gebe das folgende Mail-Hin+Her deswegen (mit Kürzungen) wieder, um zu zeigen, wie schwierig Provenienzforschung bisweilen sein kann. Alle Wissenschaftler, die regelmäßig mit Museumsarchiven oder -sammlungen arbeiten, kennen dies (und Schlimmeres).

  • Ein Doktorand, der nach Terminabsprache mit dem Museum in eine skandinavische Hauptstadt flog, um bei seiner Ankunft die Auskunft zu erhalten, dass er die angefragten Stücke doch nicht sehen könne.
  • Die Afrika-Kuratorin und Textil-Spezialistin eines deutschen Museums, die nach Terminbestätigung durch die Direktorin eines nicht-deutschen Museums anreiste und die Textilien nicht zu Gesicht bekam.
  • Ein norddeutsches Museum, das seit über zehn Jahren erfolgreich die Erforschung seiner Sammlungen durch Spezialisten verhindert.

Man beachte:

  • Diese und ähnliche Beispiele sind (ärgerliche) Ausnahmen, nicht die Regel!
  • Die wissenschaftliche Sammlungbearbeitung ist kostenlos und nutzt vor allem dem jeweiligen Museum selbst.
Gesendet: Montag, 04. Juni 2012 um 18:29 Uhr
Von: "Thomas Laely"
An: "Andreas Schlothauer"
Cc: "Mareile Flitsch, Voelkerkundemuseum"

Betreff: AW: Zeitschrift Kunst&Kontext - Ihre Recherchen zu Benin-Objekten

Sehr geehrter Herr Schlothauer,

besten Dank für Ihr Schreiben vom 24. Mai sowie den Vorabdruck Ihres Beitrags zu Kunst&Kontext. Wir haben die Sie interessierenden Benin-Stücke nochmals genau angeschaut - daran sind keine Zeichen erkennbar, welche auf eine frühere Herkunft aus einem dt. Museum schliessen liessen. Weitere Informationen zu den beiden Benin-Gedenkköpfen können Sie der Publikation unseres Museums von 1995 entnehmen:

Miklós Szalay: Afrikanische Kunst. Aus der Sammlung Han Coray, Seite 92. In der Hoffnung, Ihnen mit diesen Informationen zu dienen und unseren besten Grüssen,

Thomas Laely
Völkerkundemuseum der Universität Zürich
Vize-Direktor
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Darauf antwortete ich am 9. Juni 2012

Sehr geehrter Herr Laely,

vielen Dank für Ihre Antwort. Muss ich diese so verstehen, dass eine Besichtigung der Stücke durch mich nicht möglich ist? Der Zugang eines Wissenschaftlers zur Sammlung in diesem Fall also nicht erwünscht ist? Alle veröffentlichten Informationen zu den Stücken sind mir bekannt, Danke.

Herzlicher Gruss

Andreas Schlothauer
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Am 24. Juni 2012 versuchte ich es dann noch einmal per Mail und rief am 27. Juni an, da ich nicht wollte, dass mein drängender Ton (allein meiner wissenschaftlichen Neugier geschuldet) als unfreundlich wahrgenommen werde. Nach dem Telefonat kam am 27. Juni eine Antwort-Mail, worauf ich meinen ganzen Mut zusammennahm und am 29. Juni eine weitere Mail schickte, die dann gar nicht mehr beantwortet wurde.


Von: Andreas Schlothauer
Gesendet: Sonntag, 24. Juni 2012 20:10
An:

Betreff: Benin-Bronzen der Sammlung Coray

Lieber Herr Laely,

am Mi 4. Juli habe ich vormittags einen Termin ... in Zürich ... und könnte sehr gut am frühen Nachmittag die angefragten Benin-Stücke ansehen.

Die Publikation von 1995 (Miklós Szalay: Afrikanische Kunst. Aus der Sammlung Han Coray, Seite 92) war mir, wie ich bereits am 9.6. schrieb, bekannt. Dies ist gerade der Grund meiner Anfrage. Bisher ist nur die Herkunft Ihrer Benin-Objekte ab den 1920iger Jahren belegt. Da Fälschungen bzw. Nachgüsse aus dieser Zeit existieren, ist die Echtheit der Stücke unklar. Im Beitrag von Szalay wird darauf in keiner Weise eingegangen, vielmehr so getan, als wären die Bronzen mit Sicherheit vor 1897 entstanden. Das ist offensichtlich bisher nicht bewiesen. Es wundert mich, dass das Völkerkundemuseum diese Unsicherheit vertuschen will. In meinem Beitrag in der nächsten Kunst&Kontext werde ich jedenfalls deutlich auf das Vorhandensein dieser Lücke hinweisen.

Nachdem es bei beiden Stücken der Coray-Sammlung in St. Gallen möglich war, die Lücke zwischen 1897 und den 1920iger Jahren zu schliessen, könnte dies auch bei den Züricher Coray-Stücken möglich sein.

Es freut mich, dass Sie die Merkmale/Zeichen der deutschen Museumssammlungen um 1900 so gut erkennen und würde mich sehr über Ihren Beitrag zu diesem spannenden Thema in einer der zukünftigen Kunst&Kontext-Ausgaben freuen.

Herzlicher Gruss
Andreas Schlothauer

P.S. Eine Antwort auf meine Mail vom 9. Juni 2012 habe ich leider nicht erhalten. Vielleicht war ich etwas zu direkt?
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Gesendet: Mittwoch, 27. Juni 2012 um 20:11 Uhr
Von: "Thomas Laely"
An: "'Andreas Schlothauer'"

Betreff: AW: Benin-Bronzen der Sammlung Coray

Lieber Herr Schlothauer,

gut, dass Sie heute Nachmittag kurz angerufen haben – entschuldigen Sie die späte Reaktion auf Ihre zwei zusätzlichen Mails.

Ohne auf den Rest eintreten zu wollen, für den Moment nur soviel: Ich habe eben nochmals mit unserem Restaurator gesprochen. Er bestätigte mir, dass in unseren Sammlungen etliche Stücke – nicht die von Ihnen angesprochenen – sehr wohl noch Spuren früherer Besitzer tragen, insbesondere des Berliner Museums, das damals viel abstiess.

Sobald zwischen dem nun ab nächster Woche anstehenden Büro-Umund Auszug etwas Zeit bleibt, werden wir die Benin-Stücke nochmals – und wörtlich – unter die Lupe nehmen – allerdings nicht mit Blaulicht, da Grafit nicht fluoresziert, sondern mit Infrarot. 

Danke für Ihren Hinweis und bleiben wir in Kontakt!
... Thomas Laely
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Von: Andreas Schlothauer
Gesendet: Sonntag, 29. Juni 2012
An: Thomas Laely;

Betreff: Benin-Bronzen der Sammlung Coray

Lieber Herr Laely

pardon, wenn Ihnen meine Frage zu offen sein sollte, müssen Sie diese keineswegs beantworten.

Was spricht dagegen, wenn ich die Benin-Bronze mit meinen speziellen Kenntnissen zu alten Nummernresten persönlich ansehen darf? (Gern auch weitere Stücke der Sammlung Han Coray.)

Ich habe das Gefühl, Sie wollen mich von den Stücken fernhalten.

Sollte ich mich irren, entschuldige ich mich hiermit aufrichtig.

Übrigens war der Zugang zu Ihrem Magazin Amazonas im Jahr 2004 bei Herrn Gerber ganz einfach. Damals habe ich dort den Federschmuck digital fotografiert und den Bestand wissenschaftlich bearbeitet.

Herzlicher Gruss
Andreas Schlothauer

P.S. In St. Gallen habe ich den dort befindlichen Teil der Coray-Sammlung fotografiert und bearbeitet. Ich glaube daher, dass die meisten Nummern auf den Stücken eher von Coray selbst sind.

Und trotzdem: Züricher Bronzeplatte Inv.Nr. 10.004 identifiziert - mindestens vor 1916!

Da mit dieser Mail der Dialog endete, suchte ich ohne Unterstützung der Züricher Universität in öffentlich zugänglichen Quellen und kann dadurch jetzt mindestens für die Bronzeplatte auf Seite 91 (Inv.Nr. 10.004) nachweisen, dass sich diese vor 1916 in Europa befand, denn sie ist bei Felix Luschan abgebildet (Abb. 239) und an zwei Stellen im Text erwähnt: "Würdenträger ähnlich dem Fig. 238 abgebildeten, auch mit einem Panther am Gürtel. Standort des Originals zur Zeit unbekannt." (Luschan 1919, S.142) Und: "9. Platte, mit zur Zeit unbekanntem Verwahrungsort; im allgemeinen der hier sub 5 erwähnten Platte R.D.XXII 5 ähnlich, nur ungleich besser erhalten." (Luschan 1919, S.143) Beim Vergleich der Bilder bei Szalay und Luschan ist zu beachten, dass eine der beiden Abbildungen spiegelverkehrt ist. Leider sagt Luschan nichts zur Quelle des Bildes. Da im Literaturverzeichnis nur Veröffentlichungen vor 1916 zu finden sind, ist es am wahrscheinlichsten, dass es eine Publikation zwischen 1898 und 1915 war.

Die zweite Platte in Zürich (Inv.Nr. 10005) entspricht dem Typus, der in Kapitel drei des Luschanschen Werkes behandelt wird: "A. Platten mit unter sich fast oder ganz gleichen Personen bzw. Platten mit zwei Eingeborenen". In seiner Übersicht nennt Luschan die Gesamtzahl von 55 Stück, die sich in den Museen in Berlin (12), Dresden (3), Hamburg (2), Leipzig (5), London (13), Pitt-Rivers (6), Stuttgart (3), Wien (4), Rest (8) befanden. (Luschan 1919, S.12). Eine sehr ähnliche Platte ist bei Luschan abgebildet (Abb.375, Luschan 1919, S.241) mit folgendem Text: "13. München, früher Webster 4948, hier Fig. 375 nach der Abb. bei Brinckmann, ‚Dekorative Kunst' II, Heft 8, S.84 reproduziert. Bemerkenswert vor allem durch die drei als Beizeichen verwandten Europäerköpfe." (Luschan 1919, S.240) Dadurch, dass Brinckmann den Aufsatz 1898 publizierte, lag schon früh eine geeignete Vorlage für eine Fälschung vor.

Die Figur (10010) wird bei Luschan als "Aufschlag-Idiophone in Vogelform" bezeichnet. Er nennt eine Gesamtzahl und die Museen. Allerdings stimmen Text (S.416) und Übersicht (S.12) nicht exakt überein. "Originale solcher Idiophone haben sich vielfach erhalten; ich kenne je zwei in Berlin, Hamburg und Leipzig und je eines in Cöln, Dresden, Leiden, Rushmore und Wien, sowie noch vier bei Händlern, im ganzen 15 Exemplare;" (Luschan 1919, S.416). In der Luschanschen Übersicht sind es 15 "Klangstäbe (?) mit Ibis" in den Museen: Berlin (2), Cöln (1), Dresden (1), Hamburg (1), Leiden (1), Leipzig (2), Pitt-Rivers (1), Wien (1), Rest (5). (Luschan 1919, S.12) D.h. für Hamburg sind es 1 bzw. 2 Stück.

Diese Vogeldarstellungen sind alle sehr ähnlich, wie Luschan bemerkt: "... sie unterscheiden sich voneinander nicht mehr als die hier 642 und Taf. 106 abgebildeten Formen, so daß eine nähere Beschreibung überflüssig wäre; nur daß die Gesamthöhe dieser Stücke meist gegen 30 cm beträgt, daß der Griff hohl ist und daß der Vogel fast stets - ... - eine rundliche kleine Beere im Schnabel hält, soll noch erwähnt werden; frühere Bezeichnungen, wie Aufsatz, Zeremonialgerät, Hoheits- oder Würdezeichen sind natürlich fallen zu lassen; ebenso auch die Vorstellung, als seien solche Vögel auf lange Stäbe gesteckt gewesen." (Luschan 1919, S.416)

Und was schreibt Szalay im Jahr 1995?

"41 Stabaufsatz mit Vogel." (Szalay 1995, S.94)

Na dann ...

Übrigens befindet sich in der Sammlung des Adelhauser-Museums in Freiburg im Breisgau eine Platte, die einen Benin-Bürger zeigt, welcher in der linken Hand ein Aufschlag-Idiophon und in der Rechten einen gedrehten Metallstab hält.

Text und Fotozitate: Andreas Schlothauer

Fotogalerie ein-ausblenden

Fotogalerie Gefunden in St.Gallen - Beninplatte

Kunst und Kontext 2/2012. Seiten 44-47.

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Abb. 01 a: Benin-Platte in St. Gallen (GA-C3172)
Abb. 01 b: Benin-Platte in St. Gallen (GA-C3172)
Abb. 02 a: Benin-Stücke des Völkerkundemuseums der Universität Zürich
Abb. 02 b: Benin-Stücke des Völkerkundemuseums der Universität Zürich
Abb. 02 c: Benin-Stücke des Völkerkundemuseums der Universität Zürich
Abb. 03: Bronzeplatte bei Luschan, Abb239 (heute in Zürich)

LITERATUR

ARNOLD, BERND: AFRIKA. IN: GÜNTER GUHR: ETHNOGRAPHISCHES MOSAIK. MUSEUM FÜR VÖLKERKUNDE DRESDEN. BERLIN, 1982

DARK. PHILIPP J.C.: AN ILLUSTRATED CATALOGUE OF BENIN ART, BOSTON, 1982

LUSCHAN, FELIX: ALTERTHÜMER VON BENIN. BERLIN, 1919

SZALAY, MIKLÓS: AFRIKANISCHE KUNST. AUS DER SAMMLUNG HAN CORAY 1916-1928, MÜNCHEN - NEW YORK, 1995

Vielen Dank an Dr. Andreas Schlothauer.

Autor
Dr. Andreas Schlothauer
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Verpflichtende Zitierweise zum Artikel

GEFUNDEN - ST. GALLER BENINPLATTE EHEMALS DRESDEN; Dr. Andreas Schlothauer; 2015; https://www.about-africa.de/kunst-und-kontext/ausgabe-04-2012/506-gefunden-st-galler-beninplatte-ehemals-dresden

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